Fremdenlegion Teil 4

Die Fortsetzung aus

Leben unter fremder Flagge

(Thomas Gast)

King Khalid International Airport, Riyadh, Kingdom of Saudi Arabia, Mai 2005.

Der Flug AF-512 aus Paris hatte eine Stunde Verspätung. Noch vor einem Jahr hätte ich mir spätestens jetzt eine Zigarette angesteckt und genüsslich daran gezogen, doch das Rauchen hatte ich mir abgewöhnt. Möglicherweise erklärte das meine Nervosität. Das Thermometer in der Eingangshalle zeigte fünfundvierzig Grad Celsius, die Luft war zum Schneiden dick und ich wurde von einer regen Menschenmasse schier erdrückt. Filipinos, Pakistani und Inder saßen um ihre verschnürten Bündel herum am Boden, fieberten heftig miteinander diskutierend ihrer Heimat entgegen. Ich wartete auf zwei Männer. Oliver war einer davon. Wir hatten ihn damals, vor fast zwanzig Jahren, die „Wildgans“ genannt. Meine Unrast schwand, als ich ihn und Dorjek über weißem Marmor auf mich zukommen sah. Das breite Grinsen in Olivers Gesicht konnte die Gewissheit nicht beiseitefegen, dass die Wildgans wohl nie wieder so elegant abheben würde, wie sie das früher getan hatte. Oliver hatte gut und gerne vierzig Pfund zugenommen, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Und er hinkte leicht. Sein Hund, schoss es mir durch den Kopf! Ich hatte von der Geschichte gehört.

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Einsatz in Riad. Bei der Waffe handelt es sich um eine Heckler & Koch MP5 K-PDW. Jeder der beiden trägt außerdem eine Pistole vom Typ USP Compact, Kaliber 9 mm x 19 bei sich.

»Oliver!«

Ich musste an mich halten, ihn nicht an meine Brust zu drücken. Oliver kam aus Schleswig-Holstein, war also ein echter Wikinger, und genauso sah er auch aus. Baumlang, blondes, ins Rot übergehendes, kurz geschorenes Haar und blaue, intelligente Augen, die unablässig nach möglichen Gefahren Ausschau hielten. Kurz stellte er mich Dorjek vor, einem, wie sich herausstellte, sympathischen Deutsch-Polen, der später auch für kurze Zeit unser stellvertretender Teamleiter sein sollte. Als wir ein paar Minuten darauf mit einem gepanzerten Toyota Geländewagen Richtung Riad Stadtmitte fuhren, gab ich beiden einen kurzen Abriss, was sie bei unserer Aufgabe erwarten würde.

»Wir bewachen den Botschafter der Delegation der Europäischen Kommission. Savage ist Ire. Die Botschaft liegt mitten in der Stadt, seine Residenz etwas außerhalb. Er hat eine Frau und zwei Kids. Nadja ist Marokkanerin, die Kinder, ein Mädchen und ein Junge, besuchen Privatschulen.« Ich überreichte jedem von ihnen eine Akte. »Ihr habt die Nacht, euch alles einzuverleiben. Wir fangen morgen in aller Frühe an.«

»Rentnerjob«, meinte Oliver sarkastisch. Es war eine Anspielung darauf, dass wir aufgrund unserer Zeit bei der Fremdenlegion bereits eine monatliche Pension bezogen. So gesehen stimmte seine Aussage, doch ich fühlte mich ganz und gar nicht als Oldie. Körperlich und geistig war ich noch genauso fit wie vor zehn Jahren. Natürlich entbehrte der neue Job jeglicher Dynamik und jeglicher Aktion. Der Nervenkitzel fehlte! Oliver und ich hatten jahrelang in der Armee gedient, die, allen anderen Formationen voraus, den Anspruch erhob, Dynamik, Effizienz und die Aktion der Sturmtruppen ohne Wenn und Aber zu vereinen. Um es salopp auszudrücken: Ran an den Feind, drauf und drüber! Kein Dumpfbacken- und Möchtegerngehabe, sondern an den Feind herangetragene Fähigkeiten, erworben im Einsatz und während einer langen, technisch und taktisch hervorragend geführten Ausbildung. Alles, was nach unserem Ausscheiden aus der Fremdenlegion beruflich folgte, war von daher gesehen etwas eintönig und trocken. Dieser Job konnte also nur Zwischenstation für weitere Horizonte sein. Auch Dorjek machte ein langes Gesicht.

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Riad, 2006. In verwinkelten Gassen der Stadt steht der Rolls Royce der Familie Ben Laden

Wenn er auch kein Legionär gewesen war, so doch ein Mann der Tat. Auf den Spitzen seiner Stiefel in seinem Gepäck befand sich immer noch Staub aus Bagdad, und vielleicht auch ein paar Tropfen Blut. Alle drei wussten wir, dass Riad im Augenblick immer noch ein heißes Pflaster war, doch nicht mehr ganz so gefährlich wie noch vor zwei Jahren. Damals, zwischen den Jahren 2002 und 2004, jagte eine Attentatswelle die nächste. Nur einen Katzensprung von unserer Unterkunft entfernt wurde am 22. Mai 2003 der deutsche Küchenchef Hermann Dengl ermordet, hinterhältig niedergestreckt mit sechs Schüssen in den Rücken. Angeblich nur aus dem Grund, weil er ein Ungläubiger aus dem Westen war. Nur ein paar Monate später wurde der Körper des US-Bürgers Paul Johnson (Hubschrauber-Ingenieur des Lockheed Martin Corps / Wartung von Apache Helikoptern) gefunden. Mudschaheddin der AQAP (al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel) hatten ihn entführt und vor laufender Kamera enthauptet. Seinen Kopf hatten sie im nördlichen Riad in den Kühlschrank einer Villa gelegt. Ich weise auch auf das Attentat auf das US-Konsulat in Dschidda hin. Erst im Dezember hatte al-Qaida in seinem Krieg „gegen die Kreuzritter und die Juden“ in der Hafenstadt versucht, das Konsulat zu stürmen. Dabei kamen neun Menschen ums Leben, darunter vier Kameraden aus der Sicherheitsbranche. Die Liste dieser Verbrechen gestaltete sich unendlich lang. Das vornehmliche Ziel der Banditen? Westliche Ausländer und Einrichtungen oder den USA wohlgesonnene Häupter! Wir waren gewarnt, hatten später auch alle Hände voll zu tun, als im September 2005 „dieser Däne“ doch ernsthaft meinte, mit einer Mohammed-Karikatur einen großen Coup in der westlichen Welt zu landen. Angerichtet hat er damit nur weltweite Unruhen und Unheil. Alleine für all die Toten, unter Christen, Juden und Muslimen, Opfer der Unbedachtheit eines Einzelnen, müsste man ihn schon zur Rechenschaft ziehen.

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SOVAMAG im Einsatz während der Operation Pélican, 1997 – Brazzaville – Kongo. Noch ist alles ruhig!

Dennoch sollte die Langeweile unser ärgster Feind sein. Da ich schon etwas länger im Land weilte, hatte ich mich darauf eingestellt. Um diesem unscheinbaren, jedoch heimtückischen Feind „Langeweile“ auszuweichen, hatte ich mich Hals über Kopf in diverse Zeitvertreibe gestürzt. In meiner Freizeit trieb ich Sport bis an die Grenze des Vertretbaren und war – vor allem nachts – viel unterwegs bei sogenannten „Recces“, den Erkundungsfahrten. Martin, unser britischer Teamchef (er starb im Jahr 2016 in Afghanistan), erwartete von uns, dass wir die Stadt in- und auswendig kannten. Das war kein leichtes Unterfangen, denn Riad hatte knappe drei Millionen Einwohner. Die Innenstadt war ein Labyrinth hunderter namenloser Gassen. Die Verkehrs- und Namensschilder der kleineren Straßen, der Spaliere und Gässchen, waren meist nur mit arabischer Schrift gekennzeichnet. Um etwas Überblick zu bekommen, hatte ich mir einen Arabischlehrer genommen. Ahmed, einst Lehrer an der amerikanischen Botschaft in Riad, war ein alternder Ägypter: Eine Informationsquelle mehr für mich, denn er verkörperte den Finger am Puls des Mannes auf der Straße! Es kam vor, dass ich mir einen Bart wachsen ließ, meine ältesten Klamotten anzog und mich in Al-Batha, dem alten Riad, unter Inder und Pakistani mischte. Nicht weit entfernt von Al-Batha, in Al-Dirah (gesprochen Ad-dirah), war auch der Platz zu finden, an dem die allwöchentlichen Hinrichtungen stattfanden. Den Verurteilten wurde vor neugierigem Publikum und in aller Öffentlichkeit mit einem langen Schwert der Kopf abgeschlagen. Ich überlegte lange Zeit, ob ich mir das anschauen sollte, entschied jedoch, dass diese Menschen auch ohne einen Zuschauer mehr dem Tod ins Auge schauen konnten. Von Freunden, die es mit ansahen, ließ ich mir hinterher sagen, dass dies ein schneller und gnädiger Tod sei. Nicht zu vergleichen zumindest mit dem abscheulichen Tod, hervorgerufen durch diese gräulichen Todesspritzen oder durch den elektrischen Stuhl in den USA. Einige Wochen nach Olivers Ankunft in Riad rief Martin mich in sein Büro.

»Fahr bitte zum Flughafen, wir bekommen Verstärkung!«

Er reichte mir den Personalbogen über den Tisch. »Vielleicht kennst du ihn ja. Angeblich war er in der Legion. Sein Name ist Fratelli. Ange Fratelli (Name geändert)!«

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… vor dem ersten Fahrzeug nur hundert Meter weiter warten die Cobras auf uns.

Ange. Donnerwetter! Und ob ich ihn kannte! Ange war im Milieu bekannt wie ein bunter Hund. Wir hatten zusammen in Französisch Guyana gedient. Nach seinem Ausscheiden aus der Fremdenlegion hatte er sich dazu entschlossen, einen Schritt weiter zu gehen. Er tat sich mit den ganz Großen des „internationalen Sicherheitsgewerbes“ zusammen und machte sich in diesem Milieu sehr schnell einen Namen. Mir war es ein Rätsel, was Ange hier zu suchen hatte. Jede Sicherheitsfirma im Irak hätte das Doppelte bezahlt, um ihn zu bekommen; als Teamleiter, versteht sich. Er war vom Fach. Ein absoluter Profi. Jemand „sans peur et sans reproche“! Einer also, dem Angst ein Fremdwort war und der fehlerfrei, methodisch und präzise arbeitete. Ich stand erneut in der Eingangshalle am Flughafen, doch diesmal mit einer dumpfen Vorahnung. Ange war ein Korse, wie er im Buche stand. Hochgewachsen, dunkles Haar, dunkle Augen und mit tiefen Falten auf der Stirn, kam er mir lachend entgegen.

»Schön, dich zu sehen, Thomas!«

Ohne zu zögern, ergriff ich seine Hand und schüttelte sie kräftig.

»Ange. Welcher Wind treibt dich hierher? Hat man dir etwa nicht gesagt, dass sogar Grobiane wie du hier Anzug und Krawatte tragen müssen?«

Ein schnippisches Grinsen erschien im erdbraunen Gesicht.

»Ich habe dich beobachtet!«, sagte er betont langsam. Eine Note in seiner Stimme gefiel mir gar nicht.

Etwas verwirrt sah ich auf die Uhr. »Wenn wir nicht gleich losfahren, geraten wir in die Rushhour. Dann ist auf Riads Straßen die Hölle los. Du solltest etwas schlafen, denn deine Arbeit beginnt mit der Frühschicht, das heißt genau in vier Stunden.«

Ohne auf meinen Kommentar einzugehen, sagte er: »Es war das erste Mal, dass wir auf verschiedenen Seiten kämpften, Tom! Wir lagen alle da oben, haben gewartet, bis sie euch endlich abzogen.«

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… es geht ran!

Ich konnte mich nicht mehr verstellen und so tun, als ahnte ich nicht, wovon er sprach. Die Neugier brachte mich schier um.

»Du warst in Brazzaville?«

»Und ob ich dort war. Wären nicht die Legionäre vom 2. REP gewesen, und du mittendrin, wer weiß. Vielleicht hätte ›le Vieux‹ uns früher losgelassen.«

Anm. d. Verf.: Wen er damit meinte, war in unseren Kreisen kein Geheimnis. Le Vieux nannten wir den ins Alter gekommenen Söldnerführer Gilbert Bourgeaud alias Bob Denard. Ja, er war noch aktiv, hörte erst auf, es zu sein, als er im Oktober 2007 verstarb.

Er brauchte mir auch kein Bild davon zu malen, was geschehen wäre, wenn es zu einer frühzeitigen Konfrontation gekommen wäre. Sie waren gekommen, um einen „Kandidaten“ in eine bessere Position zu bringen. Eine Horde Profis! Alles, was Rang und Namen hatte, lag damals in den Wäldern westlich von Brazzaville, und wir hatten nichts davon geahnt.

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Brazzaville!

Ich verband den Namen dieser Stadt im Herzen Schwarzafrikas mit einem persönlichen Misserfolg. Oh ja, ich erinnerte mich an jene Nacht und an die Ereignisse in der Avenue Schoelcher, unweit vom Centre culturel français. Es war am 07. Juni 1997. In dieser Nacht wehte der Wind des Todes durch die Straßen Brazzavilles. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.

Fortsetzung folgt!

Wer nicht warten kann, hier geht’s zum Buch…

 

… und in letzter Minute

 

 

Das 20 seitige Essay ist das Gedankenexperiment eines Soldaten zur brandaktuellen Bundeswehrdebatte. Der Autor, ehemaliger Uniformträger gleich zweier europäischer Länder ist der Meinung, dass zwei Dinge unumstößlich sind. Ohne Soldaten gäbe es kein freies Land. Ohne Soldaten gäbe es keine Demokratie! Nirgendwo auf der Welt. Doch im Sturm der Entrüstung ist es nicht leicht, als Bundeswehrsoldat Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. Und das revoltiert ihn.

Fremdenlegion Teil 3

Die Fortsetzung aus

Leben unter fremder Flagge

Verbrecher oder, wie Capitaine Borelli sagen würde:  »Ramassis d’étrangers sans honneurs et sans foi!?« Ein Haufen Fremder ohne Ehre und ohne Glauben? Schon möglich, aber was ist denn ein Verbrecher? Wenn ein Mann sein Land verließ, weil ihm dort alles zu viel wurde mit Frau und Kind (und Hund)? Weil Schulden ihn plagten, Langeweile ihn tötete und andere mit dem Finger auf ihn zeigten, weil er nicht in die Form passte, in die man ihn zwängen wollte? Gut, dann besteht die Legion unter Umständen nur aus Verbrechern! Wenn man unter „Verbrecher“ jedoch jemanden versteht, der ein Kapitalverbrechen begangen hat, sprich Mord, Totschlag etc., so hat dieser nicht die geringste Chance, in der Legion anzuheuern, kurz: Solche Verbrecher nimmt die Legion nicht mehr.

Die Legion ist keine Zufluchtsstätte für Verbrecher!

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… Paras der Legion bei der Ausbildung!

Die Fremdenlegion von heute ist modern und hoch flexibel. Sie sucht den Soldaten, der, intelligent und selbstbewusst, mit der steigenden Flut und den damit verbundenen Anforderungen, die höchst technische Waffen, Instrumente, Fahrzeuge und andere Materialien stellen, problemlos klarkommt. Sie hält vor allem nach Männern Ausschau, die eines nie aus dem Auge verlieren: Es ist der Mensch, der zählt! Jeder einzelne Legionär zählt, ist wichtig, hat seine Stärken und Schwächen; und noch wichtiger: Er hat seinen Platz!

Söldner? Mercenaires?

Mit Vehemenz nein! Wer die Legion nicht kennt, begegnet ihr zunächst mit Misstrauen. Das habe ich selbst oft so erlebt. Man verbindet den Namen Fremdenlegion mit Schrecken, teils mit roher Gewalt, mit einem gewissen Söldnerwesen und mit Männern, die im Zivilleben versagt haben. Und man meint, die Legion würde im Verborgenen stets ihr eigenes Süppchen garen. Nun, all das ist falsch, zumindest zum größten Teil. Der Legionär ist und war als Soldat immer Teil der regulären Armee Frankreichs. Den Ruf, ein Söldner zu sein, verdankt er den Menschen, die das eben gerne so sehen möchten. Und das verdankt er auch der Tatsache, dass er hauptsächlich fernab des europäischen Festlandes eingesetzt wurde. Dort also, wo niemand ihm über die Schulter blicken, man nur spekulieren konnte, was er denn so trieb. Sein Wirken und Handeln sah man de facto nie, also war es per se schlecht. Je weiter weg von den Medien und vom „Vieille Europe“, vom alten Europa, umso besser war es für ihn. Söldner (namentliche Beispiele könnte ich ein Dutzend aufzählen) haben alle eines gemeinsam. Sie sind unmenschlich und brutal. Diese scheußlichen Attribute sind nicht die von professionellen Kämpfern. Ihnen fehlt jegliche Disziplin, die letztendlich einen guten Soldaten ausmacht. Verherrlicht und bewundert werden solche Männer von uns Legionären jedenfalls nicht. Im Gegenteil! Es gab und gibt zu viele angebliche Söldner, die in der Legion nie auch nur fähig gewesen wären, einen Trupp zum Reinigen der Toiletten zu führen, weil ihnen selbst dazu die natürliche Autorität fehlte. Gewalt ist keine Autorität, sondern Schwäche! Generell darf man einen Söldner nicht mit einem Fremdenlegionär vergleichen.

Ehrenbezeugung für einen gefallenen Kameraden Beerdigung

Fallschirmjäger der Legion in Indochina. Hier das 2. BEP. Ein gefallener Kamerad erhält die letzte Ehre.

Ein Soldat (so auch der Legionär) ist ein professioneller Fachmann, dessen Metier technische, intellektuelle und körperliche Kompetenz erfordert. Und das auf vielschichtigen Ebenen. Es genügt nicht, sich einen Titel zu verpassen, aus dem Hinterhalt Menschen zu erschießen, sich jeden Abend zu betrinken und dann, mit der Waffe in der Hand, die Welt neu zu erfinden. Viele Söldner, streng genommen die Mehrheit von ihnen, können eindeutig in den Topf „extrem rechts“ oder „Rassist“ geworfen werden. Von beiden Faktoren, Inkompetenz und Rassismus, nehmen wir, die echten Fremdenlegionäre, mit Verlaub, ganz großen Abstand. Wir sind Profis und kein schießwütiger Haufen oder gar eine Horde wilder Outlaws. Eine eiserne Disziplin, Honneur und Fidélité, das alles gibt es bei den Söldnern nicht wirklich. Genau auf diesen drei Werten aber basiert die Stärke der Fremdenlegion. Ich fühlte mich nie als Söldner. Die Fremdenlegion ist Teil der französischen Streitkräfte, basta. Ob jemand das wahrhaben will oder nicht. Die feine Nuance ist: „Wir aber sind Legionäre … auch basta!“

Anm. d. Verf.: Wie immer, so gibt es auch hier Ausnahmen. Persönlich kannte ich durchaus Söldner, die exzellente Soldaten, gute Kameraden und, was man nie vermuten würde, auch humane Krieger waren (sofern humane Krieger existieren). Das trifft fast zu hundert Prozent auf all diejenigen zu, die vorher in der Legion eine harte Schule nach dem Ehrenkodex, dem Code d’honneur du légionnaire, durchlaufen haben.

 

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Die zweite Kompanie des 2. REP im TSCHAD

Was die Homosexualität anbelangt, so ist sie mir in all den Jahren nie begegnet. Mit Sicherheit kann ich aber sagen, dass es, wenn überhaupt, nur Einzelfälle gab und dass die Legion vermutlich weniger mit diesem Phänomen kämpfen musste als andere Einheiten. Tatsächlich, und jetzt kommen diese Nuancen, von denen ich sprach, unterscheidet sich die Legion sehr von anderen Truppenteilen. Traditionen spielen hier eine enorme Rolle. Die Lieder, les Chants Légion, mal tief, schwer und süß wie die Sünde, mal sarkastisch, dann wieder herzerfrischend, meist immer mit einer zweiten oder auch dritten Stimme. Der bedächtige Gleichschritt, achtundachtzig Pas (Schritt) pro Minute. Le Code d’honneur du légionnaire, der Ehrenkodex (siehe Anhang). La Ceinture bleue (blauer Gürtel der Parade- und Wachuniform). „La Cravate verte“ (grüne Krawatte) und das Képi Blanc (das weiße Käppi). „La Grenade à sept flammes“ (Granate mit sieben Flammen, übernommen vom Vorgängerregiment, dem Regiment Hohenlohe), „Camerone“ (siehe Anhang) sowie unzählige andere Besonderheiten machen die Legion aus. Die Art und Weise, zu rekrutieren, ist einzigartig auf dieser Welt.

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Tradition ist der Kit, der zusammenschweißt

Beeindruckend ist der unerschütterliche Zusammenhalt der Truppe, diese „Cohésion“, die den Unterschied ausmacht, wenn es hart auf hart kommt. Die Legion kommt nicht und setzt sich ins gemachte Nest, sie verändert. Sie verändert zum Besseren! Ich habe es nie anders gesehen oder anders getan, und wenn es nur das Weiß-Anmalen einiger Steine mitten in der Wüste war, das auch seinen Sinn und Zweck erfüllte. Das Gefühl, angekommen zu sein, Mitglied einer Familie sein zu dürfen. … Legio Patria Nostra … (aus dem Lateinischen: Die Legion ist unser Vaterland). Das waren und sind nicht nur Worte. Und schrieb man nicht schon allzu oft, … wenn ein Legionär stirbt, wen kümmert das schon? Es ist schon mehr als nur ein bisschen Wahrheit an all dem. L’amour du travail bien fait? Das beste Beispiel, das mir spontan in den Sinn kommt, ist Folgendes. Im Mai 1997 in Kongo Brazzaville sagte unser Regimentskommandeur vor allen Offizieren und Unteroffizieren des Regiments einen Satz, der mich wieder einmal beeindruckte und auch bestätigte – und das, obwohl er fast obszön klingt.

 

60. Urwald Restaurant, Legion

 

Legionäre bei der Ausbildung Überleben im Dschungel / Guyana

 

„Wenn Paris entscheidet, dass wir (das 2. REP) in den Krieg ziehen, sind wir die verdammt besten Soldaten der Welt. Und wenn sie (die in Paris) entscheiden, dass wir sämtliche Scheißhäuser von Paris putzen sollen … sind wir die verdammt besten Scheißhausputzer der Welt, und danach gibt es keine Stadt auf diesem Planeten mehr, deren Scheißhäuser sauberer sind.“

Was er damit zur Sprache bringen wollte, das dürfte klar sein. Es ist unwesentlich, mit welchen Aufgaben man Einheiten der Fremdenlegion konfrontiert (zwischen wichtig oder unwichtig sollen Andere entscheiden). Die Legion derweil wird immer an ihre Grenzen gehen, um diese Aufgaben par excellence zu erfüllen. Jedem der an sie herangetragenen Aufträge schenkt sie höchste Aufmerksamkeit, und sicherlich trägt das dazu bei, sie von anderen Einheiten grundsätzlich zu unterscheiden. Es gibt weder niedere Aufgaben noch unwichtige Aufträge!

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Einsatz des 2. REP im Libanon, 1982. Auf dem Bild: Die Elite der Legion, die CRAP

Warum schrieb ich dieses Buch?

Ausschlaggebend für mich war die unbestechliche Logik meiner Frau. Wir unterhielten uns über die Fremdenlegion – was Seltenheitswert hatte – und ihr fiel auf, wie extrem ich alles Erlebte banalisierte. Und dann kam ihr Satz: „Was dir banal erscheint, ist für andere ohne Zweifel außergewöhnlich spannend!“ Diese Aussage beschäftigte mich und bewirkte, was ich rundweg ausgeschlossen, ja für unmöglich gehalten hatte. Der Wunsch, meine Erfahrungen und Erlebnisse niederzuschreiben, wuchs von Minute zu Minute. Das Resultat liegt vor Ihnen. Zum Abschluss dieses Vorwortes noch eine Angelegenheit, die mir persönlich sehr am Herzen liegt. Im Jahr 2006 stieß ich im Internet zufälligerweise auf einen Artikel, der von einem UN-Beobachter verfasst wurde. Darin empörte sich dieser Unwissende über sogenannte Killereinheiten wie, ich zitiere: die 82. Airborne-Division und die französische Fremdenlegion. Es ging in dem Artikel um Missbrauch, Korruption, Vergewaltigungen oder Misshandlungen der Schutzbefohlenen und sogar um deren willkürliche Tötung im Rahmen humanitärer Einsätze. Ich zitiere weiter:

Wenn ein Einsatz nicht der Kriegführung, sondern der humanitären Hilfe dienen soll, dann darf man keine „Killereinheiten“ entsenden. Die französische Fremdenlegion oder die 82. Luftlandedivision der USA sind harte bis brutale Kampftruppen, die in humanitärem Kontext völlig fehl am Platz sind.

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Ein Para meines Zuges im Paradeanzug

Wie von selbst versteht es sich, dass ich diesen Mann sofort per Mail kontaktierte. Ich schrieb Folgendes: Guten Tag, Herr Unbekannt (wobei mir sein Name natürlich geläufig war). Ich bin durch Zufall auf folgende Zeilen gestoßen (Text s.o.), die, soviel ich weiß, von Ihrer Hand stammen. Wer so etwas Absurdes schreibt, brilliert nicht durch Wissen um das Thema. Oder er ist sehr schlecht informiert. Wahrscheinlich beides. Humanitäre Einsätze hatten wir, die Sie uns unwissend Killereinheiten nennen, oft, ein Auflisten halte ich an dieser Stelle für überflüssig. Jeder dieser Einsätze wurde brillant gemeistert. Bei all diesen Interventionen hat die Fremdenlegion zahlreiche Leben gerettet. Sie half Menschen, die in Nöten waren.

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Einsatz im Kongo, 1997

Sie bot ihnen Obdach, Nahrung, Medikamente und Schutz, stellte sich bravourös, vorbildlich und uneigennützig in den Dienst aller Leidtragenden. Keine andere Eliteeinheit – und ich kenne sie alle – hätte diesen humanitären Aufgaben besser und gleichzeitig effizienter gerecht werden können. Nie werden Sie eine Einheit finden, die disziplinierter und mit einer größeren Portion Altruismus ihren jeweiligen Auftrag wahrnimmt als die Fremdenlegion. Egal ob der Einsatz der Kriegsführung dient oder ob es ein humanitärer Einsatz ist, für uns war es immer selbstverständlich, dass wir unser Leben aufs Spiel setzten. So oder so! Ich habe andere Einheiten gesehen, die Geld annahmen, von Menschen in Not. Ich sah Einheiten, die für horrende Preise Armeerationen an hungernde Menschen verkauften, um sich zu bereichern. Ich sah Einheiten, die ganz gerne vernunftwidrige Kollateralschäden von großem Ausmaß hinnahmen, nur um selbst mit heiler Haut davonzukommen. All dies gab es bei der Fremdenlegion und in meiner Zeit nie und wird es auch zukünftig nie geben! Ja, ich denke, Sie sollten sich besser informieren! Mit freundlichen Grüßen: Fremdenlegionär Thomas Gast. Dass eine Antwort auf mein Schreiben seinerseits ausblieb, muss hier nicht ausdrücklich erwähnt werden. Auch wenn es einigen Herrschaften nicht passt: In den Kellern der Fremdenlegion lohnt sich ein Stöbern nicht, es liegen dort keine verscharrten Skelette. Danke, Legion.

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Fremdenlegion Teil 2

Die Fortsetzung aus

Leben unter fremder Flagge

Die Fremdenlegion –  La Légion étrangère

Dreizehn Lettern, die sich dicht aneinanderreihen. Dreizehn Buchstaben, von denen jeder einzelne einem Hauch von Abenteuer gleichkommt. Buchstaben, die klingen wie Romantik, Effizienz, Verwegenheit und Heldentum.

… auch wie Nostalgie?

Es ist seltsam still geworden um die Legion. Hat sie ihren Mythos eingebüßt? Hat die Fremdenlegion ihre Romantik in die längst erkalteten Grüfte Indochinas gelegt, sie darin begraben? Wo ist der Hauch von Abenteuer geblieben? In den Wadis, den Ergs oder auf den Djebels Marokkos oder Algeriens, für immer verloren?

Nein. Ganz entschieden: Nein!

Haben die Zeiten sich auch geändert, so ist die Fremdenlegion sich treu geblieben. Der Legionär von heute ist identisch mit dem, der im September 1918 mit aufgepflanztem Bajonett Schulter an Schulter mit seinen Kameraden die Hindenburglinie stürmte und siegte. Und oh ja, es wird eine Zeit kommen, in der man den Abenteuern der gegenwärtigen Legion genauso viel Aufmerksamkeit widmet, wie man heutzutage mit größter Bewunderung die Taten der Fremdenlegion des vergangenen Jahrhunderts beklatscht. Es ist eine eingefahrene Sache, dass die meisten Menschen denken: Früher war alles besser! Einst waren Männer noch Männer! Zu unserer Zeit zählte ein Wort etwas! Ich widerspreche dem nicht, weise ungeachtet dessen mit Vehemenz darauf hin, dass es Sprüche ins Leere sind. Jede Generation generiert ein „Plus“, birgt ihre Vorteile. Keine erlebte Epoche ist von minderer Güte, im günstigsten Fall ist die jeweilig aktuelle Generation einfach nur anders. Von dem Jetzt, dem Heute will ich berichten, nicht vom Anno Dazumal. Doch zwei Dinge vorweg. Zuallererst muss betont werden, dass dieses Werk nicht den Anspruch erhebt, eine schriftstellerische Glanzleistung zu sein. Das ist nicht mein Ansinnen. Ich möchte über Ereignisse erzählen, nicht sie schönreden bzw. schönschreiben. Ich will auch nicht irgendetwas beweisen, höchstens hoffen, dass der Unterhaltungswert sowie die Informationen über die Fremdenlegion den Mangel an schriftstellerischer Eleganz aufwiegen. Um die Wahrheit geht es mir. Wer dieses Buch mit der Idee aufschlägt, jede Seite sei mit Blut besudelt und auf jeder zweiten wird sich ein muskelbepackter Fremdenlegionär, furchtlos und ohne eine Schramme abzubekommen, erfolgreich gegen eine gesamte Armee behaupten, dem gebe ich einen Rat: Träumen Sie weiter oder lesen Sie einen Schmöker von Stephen King, denn keines von diesen Klischees oder Hirngespinsten werde ich nähren.

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Legionär bei der Ausbildung in Französisch Guyana – keine Supermänner, sondern vom Willen beseelte Abenteurer, die ihre „zweite Chance“ wahrnehmen

Um die Legion ranken sich Mythen, das Thema füllt zahlreiche Bücher und Kolumnen. Mit Verlaub, es wurde und wird auch viel Unsinn über sie geschrieben. Unsinn, der auf Mangel an Information und Intuition basierte. Es wurde zu ungenau recherchiert, leider auch dort, wo Un- oder Halbwahrheiten grassierten. Himmelschreiend bedeutend ist die Zahl derer, die selbst nie in der Legion gedient haben, die aber darüber berichten, als ob sie dort die beste Zeit ihres Lebens verbracht hätten. Natürlich ist das legitim, man muss schließlich Waterloo nicht erlebt haben, um über Napoleon zu schreiben, doch Waterloo ist nicht Camerone und Napoleon nicht Danjou. Die meisten dieser Autoren waren mit dem Thema Legion überfordert, denn wer nicht gedient hat, kann kaum den Esprit Légion einfangen. Wer es trotzdem versuchte, schob ein Manuskript vor sich her, dessen Geruch des „nicht Authentischen“ einem Ex-Legionär schon von weitem entgegenschlug, ihn damit ohrfeigte. Den unbedarften Leser damit zu düpieren ist denkbar, der gediente Insider hingegen wird höchstens die Augen verdrehen. Einigen Autoren gelang es. Paul Bonnecarrère zum Beispiel. Er selbst hat nie in der Legion gedient. Sein Buch „Frankreichs fremde Söhne“ (Originaltitel „Par le sang versé“) ist aber an Authentizität kaum zu überbieten. Warum? Weil er unter Legionären gelebt, mit ihnen Seite an Seite im Dreck, in der Kälte und im Regen gestanden, mit ihnen Kaffee und Wein aus einem Blechnapf getrunken hat.

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Simon Murray

Aber auch unter der Handvoll ehemaliger Legionäre gibt es Verfasser, die nur kurze Zeit in der Legion verweilten. Das Gesamtbild „Legion“ konnten sie dementsprechend nur unvollkommen, aus ihrer Nische heraus, beurteilen. Simon Murray ist eine Ausnahme. Dem Briten gelang mit „Tagebuch eines Fremdenlegionärs“ ein hervorragendes Werk. Der Gentleman von Scheitel bis Sohle und spätere Milliardär war nur fünf Jahre in der Legion (Einsatz in Algerien), schrieb aber Wahres mit behutsamem Weitblick und mit der notwendigen Seriosität. Als junger Mann und angehender Legionär hatte er begriffen, dass die Legion eine brutale Schule ist. Dementsprechend verhielt er sich. Er gab sich vollends hin, warf seine ganze Stärke, seinen Glauben, seinen Mut und seine Begeisterungsfähigkeit in die Sache. Das ermöglichte es ihm, die Legion so vorzufinden und in seinem Buch so zu präsentieren, wie sie wirklich ist. Jemand, der sich nur halbherzig und mutlos in die Schlacht wirft, dem wird dieser Blick verwehrt bleiben. Und zu guter Letzt existieren wie eh und je Deserteure oder solche, die schlechter Leistungen wegen „gegangen“ wurden. Auch dem Personenkreis schreibe ich die Objektivität ab, die es braucht, Wahres zu berichten. Man nennt sie Hafensänger und derer gibt es leider viele. Der Blick, den Außenstehende von der Legion bekommen, wird nicht selten von denen verzerrt und ins falsche Licht gerückt, die noch eine Rechnung mit ihr offen haben. Meine Worte sollen die Verdienste des angesprochenen Personenkreises in keiner Weise schmälern, wichtig ist mir, dass der Leser nicht dazu verführt wird, durch sie das Essenzielle aus den Augen zu verlieren. Das Essenzielle ist in diesem Fall, dass die Legion lange vor unserer Geburt schon existierte und dass sie auch dann noch existieren wird, wenn wir zu Grabe getragen werden. Die Legion – ob als herausragende Institution oder als schlagkräftiger, moderner Kampfverband – ist einzigartig. Egal, unter welchem Aspekt und aus welchem Blickwinkel heraus man sie betrachtet.

Vorsicht ist geboten

Paras der Fremdenlegion im Libanon

Unsinn zu schreiben, davor bin auch ich nicht gefeit. Nur habe ich einen enormen Vorteil. Ich war dabei, bin bis zum Schluss geblieben, siebzehn Jahre lang. Ich verließ die Legion durch die Vordertür, Stolz und Wehmut im Herzen. Meine Recherchen heißen Erinnerungen. Erinnerungen daran, wie ich die Legion während der Zeit von Anfang 1985 bis Anfang 2002 erlebte, doch Vorsicht: Mit Nachdruck distanziere ich mich davon, die Fremdenlegion verherrlichen zu wollen. Kritik übe ich in diesem Buch, wenn sie denn angebracht ist, genauso verfahre ich mit Lob und Anerkennung. Wenn letztere überwiegen, dann ist der „wahre“ Blick wiederhergestellt, dann war es halt so! Sehr oft wirft man mir vor, ich würde die Legion schönfärben, würde sie belobhudeln und glorifizieren. Diese Kritik kommt erstaunlicherweise nicht selten von Ex-Legionären. Es bedarf meinerseits keiner Rechtfertigung. Dennoch: Ich verspüre eine große Solidarität mit denen, die kämpften, auch an meiner Seite. Und ich fühle mich denen verbunden, die in ihrem Fleisch und in ihrer Seele verletzt wurden. Mit denen, die ihr Leben ließen. Ich fühle mich verpflichtet, gebrachte Opfer zu würdigen, sie nicht zu vergessen. Und ich schreibe, wie ich die Legion erlebt habe, Punkt! Meinen Vorgesetzten sah ich immer gerade und offen ins Gesicht. War ich unzufrieden, suchte ich den Dialog. Dem ging meist eine kleine Revolte voraus, ein Aufbäumen meinerseits im Angesicht einer sich anbahnenden oder geschehenen Ungerechtigkeit. Teilweise kam das Gespräch erst zustande, nachdem ich auf die harte Tour daran erinnert wurde, dass ich Legionär war, nach körperlichen Strapazen also, aber es fand statt. Solche „Umwege“ ging ich oft und auch gerne, wenn das Resultat stimmte. Immer das Beste von mir gebend … Aufrichtigkeit, körperlichen Einsatz bis zum Umfallen, grenzenlose Dankbarkeit … habe ich stets einige Rosinen vom Kuchen zurückbekommen. In Form von Vertrauen. Ich erhielt ein „Commandement“ (Zugführer und später auch „Spieß“ bei den Paras Légion), einen „Titel“ (Adjudant) und eine bescheidene Rente. Und das erzeugt Neid.

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Der Autor in Dschibuti – Arta – Camp Amilakvari – 1990

Natürlich gab es Legionäre, und vielleicht kommen wir hier der Sache ja näher, die nie gaben, sondern die sich nur bedienten. Die sich „verwalten“ ließen. Es gab jene, die heuchlerisch dienten, die sich ständig besoffen, die alles schlechtredeten, die anderen nie ihre Hilfe anboten und die körperlich nie an ihre Grenzen oder gar darüber hinausgingen, außer unter Zwang, unter Drohungen. Auch sie erhielten zu Dienstzeiten, was sie „gegebenenfalls“ verdienten. Schläge, Knast, kaum Verantwortung und Rauswurf nach fünf Jahren (oder schon vorher)! Dass dieser Personenkreis nicht verstehen kann, dass es jemanden gibt, der die Legion in Ehren hält, ist nachvollziehbar. Ich verüble es ihnen aber nicht. Undankbarkeit dem gegenüber, der einen einst fütterte, aufnahm und eine zweite Chance bot, ist womöglich ein menschlicher Zug. Jeder lebt, wie er es versteht. Jeder erntet, was er sät. In jüngster Vergangenheit wurde mir oft die Frage gestellt: Wie ist sie denn, die Legion? Es fiel mir immer nur eine Antwort dazu ein. Die ist etwas länger:

Am Anfang: Ein zusammengewürfelter Haufen, auf der Suche nach ein und demselben Ideal.

Währenddessen: Effizienz, Schlagkraft … Ohne Zweifel die „bestgeölte“ Kampfmaschine der Welt, die überall, wo sie auftaucht, Spuren hinterlässt. Spuren von Großzügigkeit, von Gerechtigkeit und von Toleranz. Spuren von absoluter Professionalität, von Kameraderie und von etwas, das man jenseits des Rheins „l’amour du travail bien fait“ nennt, die Neigung, sprich die Liebe zu einer gut vollbrachten Arbeit oder auch sich mit Passion und Hingabe seiner Arbeit widmen!

Danach: Gibt es nicht, denn „Einmal Legionär immer Legionär!“.

Um es mit einem einzigen Wort auf den Nenner zu bringen, bravo! Um die Légion étrangère so darzustellen, wie ich sie erlebt habe, müsste ich ein Manuskript von etwa dreitausend Seiten verfassen. Ich empfand sie im Hass und in der Bewunderung, in der Angst wie auch in Momenten der Verneinung der Angst, im scharfen Einsatz ebenso wie im routinemäßigen Alltag. Siebzehn Jahre Legion in ein Buch von etwa dreihundert Seiten zu pressen, das ist unmöglich. Aus diesen wie auch aus anderen, oft makabren, menschlichen Gründen musste gekürzt werden. Etwas Nachsicht wird erbeten. Der Leser muss verstehen, dass die eine oder andere Erfahrung und das eine oder andere Erlebnis von mir bewusst unter den Tisch gefegt wurden. Das geschah ebenso aus Respekt Kameraden gegenüber wie auch aus der Angst heraus, gefühlsmäßig erneut involviert zu werden. Von vielerlei Dingen braucht man Abstand, manch Ding muss ruhen. Sicherlich werde ich unbewusst (oder ganz gezielt?) versuchen, mit den Vorurteilen, die man dieser Truppe, vor allem in Deutschland, immer noch entgegenbringt, aufzuräumen, aber ich glaube, die vorliegende Geschichte spricht für sich selbst. Alle Personen, die im Buch vorkommen, sind real. Die Begebenheiten haben sich so zugetragen, wie sie niedergeschrieben sind. Da Irren menschlich ist, kann es vorkommen, dass von der chronologischen Reihenfolge her einiges durcheinandergerät. Das bitte ich zu entschuldigen.

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Casse Croute. la Légion c’est dur mais la gamelle est sûre

Ich bin kein Militärhistoriker, somit ist das vorliegende Buch auch keine Studie, kein Geschichtsbuch über die Légion étrangère. Vielmehr handelt es sich um eine Art in die Tiefe gehendes Tagebuch über mich und über meine Jahre in der Fremdenlegion. Es kommen Passagen vor, in denen ich Anekdoten schreibe, die nicht mich persönlich betreffen und von denen ich nur die Hand am Ohr erfahren habe. Falls sich hier jemand wiedererkennt und mit der Faust droht: Je m’excuse! Ich hoffe, der Schaden hält sich in Grenzen. Die Seiten zum Thema Weltgeschichte am Anfang einiger Kapitel habe ich hinzugefügt, damit sich der Leser zeitlich findet. Ebenfalls auf diesen Seiten zu lesen sind einige Fakten aus der Geschichte der Fremdenlegion. Wer selbst in dieser einzigartigen Truppe gedient hat, findet sich in meinen Berichten sofort wieder und wird sicherlich, hin und wieder, einen entzückten oder auch zornigen Ausruf des Erkennens von sich geben. Denn natürlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit, die alten Zeiten vor Augen geführt zu bekommen und dabei unsensibel zu bleiben. Es gibt Namen, Orte, Geschehnisse, Abläufe, Gerüche und Farben, die sind wie Gesichter aus alten Zeiten oder wie Geschichten aus der Kindheit: Man hat sie vergessen! Sie sind tot, und es gibt nichts, was sie zu neuem Leben erwecken könnte. Eindrücke von der Legion jedoch vergisst man nie, und liegen sie noch so weit in der Vergangenheit. Die Fremdenlegion besitzt ihr eigenes Flair, ihre wundersamen Farben und Gerüche, ihren unbeirrbaren, unbestechlichen Charakter!

Beiseiteschieben? Ja!

Vergessen? Niemals!

Es reicht ein Fingerschnippen, ein von einem wildfremden Menschen geflüstertes Wort in der Straßenbahn, der flüchtige Anblick eines Soldaten in Uniform, selbst aus der Ferne, und alles ist wieder da. Alles! Man ist wieder mittendrin. Ich wäre der glücklichste Mensch der Welt, wenn mir das gelingen könnte: Erlebtes erneut an den Tag zu bringen, um ein Lachen oder ein Nachdenken oder gar Tränen in die Gesichter einiger Leser zu zaubern. Möglicherweise sind es Tränen der Wut und der Trauer, weil ich längst Begrabenes an die Oberfläche bringe, sei es! Wenn ich einige Zeilen vorher von Personen und deren Anerkennung schrieb, dann hat das seine Gründe. Nirgendwo anders als in der Fremdenlegion war es mir vergönnt, Charaktere kennenzulernen, die mich derart positiv beeindruckt haben. Ob es nun der eine oder andere Offizier war, der mich durch seine natürliche Autorität, durch Kompetenz, Herzensgüte und auch durch seine gnadenlose Härte sofort an sich fesselte. Ob der Unteroffizier, dem „Angst“ ein Fremdwort war. Ob der Gefreite, der mit mir nachts durch die stillen, engen Gassen der Elendsviertel in N’Djamena, durch die heiteren Straßen Calvis oder durch die gefährlichen Quartiers Bacongo und Kouanga schlich, auf der Suche nach einer Bar, um dort für alles Geld der Welt einen letzten Drink mit mir zu nehmen, bevor die Stürme der Realität, der Einsätze oder der Ausbildung des kommenden Tages erneut über uns hinwegfegten: Chapeau, Hut ab! Das Potenzial wertvoller Menschen in der Fremdenlegion ist unerschöpflich. Zu dieser Erkenntnis kam ich sehr schnell. Das der Mitläufer und der unbedeutenden Personen ist wohl auch unerschöpflich, mahnt der Kritiker in mir. Doch auch diese entwickelten sich meist mit jedem Tag, den sie in der Legion verbrachten, zu interessanten Menschen. Das war und ist eine Frage der Zeit und des Umfeldes, wobei hier die Menschen, Ausbilder, Vorgesetzte, vor allem die schon älteren Unteroffiziere, eine enorme Rolle spielten. Es ist schon ein langer Prozess, in der Legion sich selbst und seinen Platz zu finden, doch das Umfeld ist günstig. Es wird kein Rassismus betrieben. Niemand wird aufgrund seines Aussehens, seiner Rasse, seiner Religion oder seiner Herkunft benachteiligt.

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Das Bild von Hans Hartung wurde von Paul Anastasiu, einem Legionär, gemalt.

„Meiner Meinung nach ist die Malerei, die man die abstrakte nennt, kein Ismus, wie es deren in letzter Zeit viele gegeben hat, sie ist weder ein „Stil“ noch eine „Epoche“ in der Geschichte der Kunst, sondern einfach ein neues Ausdrucksmittel, eine andere menschliche Sprache – und zwar direkter als die frühere Malerei“. HANS HARTUNG … was trieb ihn an? Warum ging er zur Fremdenlegion?

Was treibt einen Menschen, zur Legion zu gehen?

Die Gründe für einen solchen Wahnsinn variieren von Person zu Person. Meist ist der wahre Grund so tief in den dunklen Seelen der Einzelnen vergraben, dass es ein Leben bräuchte, eine passende Antwort darauf zu finden. Auf solche Fragen folgen meist Diskussionen, die niemals enden wollen und aus denen ich mich heraushalte, bei denen ich mich selbst im Stillen frage: Warum bin ich denn zur Legion? Im Februar 1985 hätte ich keine Antwort darauf gewusst. Ich hätte mich wortlos umgedreht und mir darüber nicht weiter den Kopf zerbrochen. Heute, mit etwas Abstand, habe ich mir selbst eine Antwort zusammengebastelt, mit der ich halbwegs zufrieden bin. Ich betone: Halbwegs! Was den Rest von diesem Halbwegs betrifft, so wage ich zu bezweifeln, dass ich je eine Antwort finden werde. Siebzehn Jahre in der Fremdenlegion! Kein Krieg dauert so lange, weder Hass noch Unvernunft, auch keine Besonnenheit und schon gar kein Zwang. Was war es dann? Sollte ich zunächst die Frage anders stellen: Warum bin ich nicht zur Fremdenlegion? Hier wird es übersichtlicher. Ich bin nicht zur Fremdenlegion, weil:

… ich ein Verbrecher war. Dazu bin ich zu freiheitsliebend, zu ehrlich auch.

… ich ein überzeugter Soldat war. Was sicherlich den Leser überrascht, der erfährt, dass ich insgesamt 21 Jahre meines Lebens dem Soldatentum widmete und auch jetzt einen ähnlichen Beruf ausübe. Dafür war und bin ich allgemein zu friedfertig, auch zu rebellisch!

… ich den Hang hatte, jemanden umzubringen. Ganz und gar nicht! Die Notwendigkeit, einen Gegner zu neutralisieren (irrtümlich von einigen Unwissenden als Hang bezeichnet), kam immer aus der tiefen Überzeugung und auch mit dem begründeten Wissen, dass nur durch das Außer-Gefecht-Setzen des Gegenübers das eigene Leben, das der Kameraden oder das Leben der anvertrauten Schützlinge gerettet werden konnte. Schien das eigene Leben belanglos, das der Kameraden war es nicht. Priorität hatten immer der Auftrag und das Leben des Schutzbefohlenen. Den anderen, „das Gegenüber“, zu neutralisieren war kein Hang oder ein Trieb, nein! Es handelte sich um eine humane und lebensnotwendige Handlung. Es war die Pflicht, ihm zuvorzukommen! Jeder Soldat weiß ein Lied davon zu singen, ein Zivilist wird es nicht begreifen.

… ich in finanziellen Nöten war. Obwohl die Fremdenlegion ein Arbeitgeber ist, der für seine Soldaten sorgt, überdurchschnittlich, ja exzellent bezahlt, war das für mich kein Grund. Geld hatte ich immer genug, vor, während und nach meiner Legionszeit. Geld war weder Gradmesser meines Befindens noch Triebkraft, das „Weite“ zu suchen.

… ich mich für irgendetwas bestrafen wollte. Ein Narr war ich nie!

Nun, warum bin ich zur Fremdenlegion?

Wahnsinn, Romantik gar? Obwohl das Wort Romantik in den Hochburgen der Fremdenlegion verpönt ist, kommen wir der Sache langsam auf die Spur.

„Lieber will ich den Schwierigkeiten des Lebens entgegentreten, als ein gesichertes Dasein zu führen; lieber die gespannte Erregung des eigenen Erfolges statt die dumpfe Ruhe Utopiens.“

Diesen Satz von Albert Schweitzer finde ich wahnsinnig interessant. Warum? Weil ich mich total damit identifizieren kann. Ein Leben in steter Sicherheit zu führen, war für meine Begriffe nicht nur langweilig, sondern auch wertlos. Und noch ein berühmter Satz hatte es mir angetan. Er stammt von keinem Minderen als Philip Rosenthal, dem Porzellan-König und späteren SPD-Bundestagsabgeordneten aus Selb. Seine Eltern waren reich, er selbst studierte in Oxford und machte seinen Master of Arts in Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften. Jeder sagte ihm eine brillante Zukunft voraus, und was macht er? Richtig! Er geht in die Fremdenlegion! Rosenthal sagte: Wenn man mich fragt, wo ich in meinem Leben am meisten gelernt habe, antworte ich – nicht nur im Spaß: in Oxford und in der Fremdenlegion. Aber ich bin nicht sicher, ob ich nicht in der Legion mehr gelernt habe als in Oxford! Seinen eigenen Worten nach hatte der spätere Industrielle im letzten Jahr an der University of Oxford nur einen Wunsch. Er wollte heraus aus dem Glashaus, das ihm vor den rauen Winden des Lebens fast vollkommenen Schutz bot! Und er betonte eindringlich, dass er kein Dauerbewohner in einem Narrenparadies mehr sein wollte, der nie einen Blick von dem ergatterte, wie das Leben ohne die Behaglichkeit und ohne die gesellschaftliche Stellung aussieht, Dinge also, die man immer als selbstverständlich hingenommen hat (Philip Rosenthal – Einmal Legionär). Die Worte sprechen Bände, sie verraten eine tiefere Sinnsuche. Philip Rosenthal trat der Legion im Jahr 1939 bei, ich knapp fünfzig Jahre später. So grundverschieden das persönliche Umfeld Rosenthal/Gast und der weltgeschichtliche Kontext damals/heute auch sind, umso ähnlicher die Motive für diesen Schritt. Nun wird es Menschen geben, die empört schreien: Aber dieser Rosenthal war doch ein Deserteur, Gast aber blieb der Legion treu! Das ist zutreffend. Aber Rosenthal war einer von uns. Er war Legionär. In seiner Seele ist er das bis zu seinem Tode auch geblieben, nur das zählt.

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Das 2. BEP – Fallschirmjäger der Fremdenlegion im Indochina

Deserteure gab es immer. Im Jahr 2009 zum Beispiel hatte die Legion etwa 250 Soldaten, die sich unerlaubt von der Truppe entfernten. Nach genau sechs Tagen Abwesenheit werden sie zum Deserteur erklärt, alle Bankkonten sofort gesperrt, die Polizei informiert. Zu meiner Zeit war es üblich, dass fast jeder Legionär einmal „verschwand“. Die meisten kamen jedoch wieder, gingen für dreißig Tage in den Bau und die Sache war Schnee von gestern: Keiner sprach mehr darüber! Das war überhaupt das Gute, diese direkte Art, Probleme ruck, zuck – und ohne nachtragend zu sein – zu „händeln“. So erinnere ich mich an einen Hauptmann (Capitaine Martin) in Französisch Guyana, der den Legionären lieber eine saftige Ohrfeige verpasste, als sie ins Legionsgefängnis zu stecken. Der Vorteil? Keinen Eintrag ins Carnet de Chanson (Strafregister). Letzteres blieb weiß. Auch heute desertiert etwa jeder dritte Legionär einmal während seiner Karriere und meistens hat die „befehlswidrige Entfernung von der Truppe“ mit der Legion am allerwenigsten zu tun. Oft steckt der verdammte „Cafard“ dahinter, ein „Blues“, eine Frau, eine Flasche zu viel, ein Chagrin d’amour (Liebeskummer). Für mich war die Fremdenlegion sprichwörtlich die Brücke dazu, in die Fremde zu kommen. Andere Kulturen kennenzulernen, Abenteuer zu erleben, etwas zu tun, das niemand, den ich kannte, auch nur in Erwägung gezogen hätte. Darum ging es mir. Das Unbekannte reizte mich, die Gefahren. Ich hatte dieses rätselhafte Verlangen, an meine Grenzen zu gehen. Auch zu erleben, was es heißt, Leid zu ertragen, zu hungern, zu dursten, zu frieren und mir die Haut von den Füßen zu marschieren. Eins vorweg: Die Legion hat mich in meinen Erwartungen nicht enttäuscht! Und dann war da noch etwas, man mag es mir glauben oder nicht. Das Wort Fremdenlegion selbst. Es zog mich magisch an. Auch heute noch läuft es mir eiskalt und brühend heiß den Rücken hinunter, wenn ich „Légion étrangère“ höre, denke, lese oder mich nur daran erinnere. Heute, mit fünfzig, ist die Versuchung, noch einmal diese Abenteuer zu erleben, wieder die Stimme meiner Chefs zu hören, wenn sie laut und fordernd sagen „… en avant la Légion“, genauso verlockend wie damals. Im September 2002 zum Beispiel, ich war seit acht Monaten Zivilist, erfuhr ich aus inoffiziellen Quellen vom Krieg in der Elfenbeinküste. Es war wie ein Schock: Ich bekam eine Gänsehaut. Meine Kompanie – ich kannte noch jeden einzelnen Mann – war in vorderster Front im Einsatz, und ich kämpfte mit den alltäglichen, mitunter banalen und absurden Problemen eines bodenständigen Familienvaters. An diesem Tag sah ich immer wieder zum Telefon, gleichwohl wusste ich, dass meine Jungs auch ohne mich gut klarkamen. Natürlich würde niemand mich anrufen, aber es war eine bizarre, unwirkliche Situation.

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Auf Patrouille – 1995 – Awakaba – Zentralafrikanische Republik

 

Was hat mir das Leben in der Legion gebracht?

Im Gegensatz zu dem Warum gibt es hier keine Gräber dunkler Seelen. Die Antwort liegt auf der Hand. Ich hab mich selbst gefunden. Heute weiß ich die alltäglichen Kleinigkeiten besser zu schätzen. Der vorzüglich gedeckte Frühstückstisch zum Beispiel. Für viele Menschen in Europa oder anderswo ist er Normalität. Für mich jedoch stellt er ein kleines Wunder, einen Tresor dar. Ein Schluck kühles Wasser, wenn der Durst schreit, banal? Ich denke, nein; ich weiß, dass er kostbarer ist als ein Lottogewinn! Menschen nach der „Optik“, nach ihrem Aussehen zu beurteilen, ist das Schlimmste, was man tun kann. Auch das brachte die Legion mir bei. Es kommt nicht darauf an, wie jemand aussieht, wo er herkommt, welche Kleider er trägt oder wie er sozial aufgestellt ist, sondern was alleine zählt, ist, wer er wirklich ist. Der Mensch zählt. Es zu halten, wie Antoine de Saint-Exupéry es brillant auf den Punkt bringt: »On ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible pour les yeux.« Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist unsichtbar für die Augen – das ist für mich ein Leitsatz geworden. Leider, so stelle ich in unserer Zeit jeden Tag erstaunt und entmutigt fest, handeln viele Menschen in Europa nicht danach. Das Flüchtlingsdrama 2015 trug nicht dazu bei, dass die Verständigung der Länder untereinander besser wurde. Viele sehen nur „die Anderen“, kaum aber „die Menschen!“ und so geht die Menschlichkeit dahin. Die Worte „geht nicht“, „unmöglich“ haben für mich ihren Sinn verloren, weil die Fremdenlegion mich täglich gelehrt hat, dass es immer ein Voran gibt, dass „alles“ zu schaffen ist. Auf den Willen kommt es an, denn er versetzt Berge. Ich habe gelernt, über den Tellerrand zu schauen, und es mir verboten, zu essen, wenn neben mir jemand hungert. Durch meine Reisen mit der Legion in fern liegende, fremde Länder ist mir bewusst geworden, dass, besonders in Europa, viele Menschen im Überfluss leben. Täglich gebärden sie sich so, als stünde ihnen dieser Überfluss zu. Oft sind es dieselben Menschen, die nicht begreifen wollen, dass nicht weit weg von uns – und oft gar mitten unter uns – Trauer, Leid und Armut herrschen. Es sind diejenigen, die ihre Augen und Türen (und ihre Herzen) verschließen vor all dem Elend, das uns umgibt. Ich habe gelernt zu teilen, mit wenig auszukommen, habe die tiefe Bedeutung des Wortes Toleranz erfahren. Im Schweiß des Angesichtes, im Schmerz, im Hunger und im Durst und auch im Feindfeuer erfuhr ich, dass die Interessen des Einzelnen immer erst hinter den Bedürfnissen der Gemeinschaft kommen. Mir das in der Praxis einzuverleiben war ein enormer Schritt in Richtung Menschwerdung. Keine Universität der Welt hätte mir ein umfassenderes Wissen (Wissen um die Menschen, Wissen um das „Humane“ an sich) und bessere Werte vermitteln können als die Schule Fremdenlegion. Ich habe auch erfahren, dass das Leben sehr schnell zu Ende sein kann, weiß nunmehr, dass ich jeden Tag erleben will, als sei er mein letzter. Und genau das taten wir damals schon. Wir, die Legionäre. Oft frage ich mich, wo ich jetzt wäre, wenn ich, anstatt der Legion beizutreten, in Deutschland geblieben wäre. Ich denke, ich wäre in der grauen Masse der Allerweltsmenschen untergegangen, die niemals erfahren würden, dass sie Essenzielles verpasst haben. Heute laufe ich mit hoch erhobenem Kopf einher. Meinen Preis dafür habe ich doch zahlen müssen. Der Legion den Rücken zugewandt, stellte ich nämlich mit Schrecken fest, dass in meiner Seele ein rastloses Monster schläft. Ein harmloses zwar, aber immerhin. Auf der Brust dieses Ungeheuers stand in grün-roten Buchstaben: „Einmal Legionär, immer Legionär!“ Nur ein klischeebehafteter Spruch? Von wegen! Man kann nicht 17 Jahre in der Legion gedient haben, nach Deutschland oder anderswohin zurückkehren, und das war’s dann. Meine Familie hat mitunter viel damit zu tun, dieses Monster – ist es einmal erwacht – zu besänftigen. Mal gelingt es ihr, mal nicht. Schafft sie es nicht, kommt es vor, dass ich meinen Rucksack packe und, sei es im tiefsten Winter und für zwei, drei Tage, nur mit meinem Hund in die anliegenden Wälder verschwinde. Auf meiner Schulter sitzt dann ein kleiner Teufel, der mich berät. Im Wald wird das Zelt aufgeschlagen, ein Feuer gemacht und eine Flasche Rotwein geköpft, trocken, s’il vous plaît. Das Ziel ist immer, mit einem Lächeln drei Tage später wieder daheim zu erscheinen. Hungrig, unrasiert und nachdenklich, aber glücklich und mit dem Wissen, dem „Teufel Legion“ wieder mal keins ausgewischt zu haben, bis zum nächsten, wohl auch vergeblichen Versuch. Doch das wird seltener, obwohl es sicher nie aufhört. Und immer diese impertinenten Fragen.

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N’déle an der Grenze zum Tschad – 1988

Alles Säufer, Verbrecher, Söldner, Homosexuelle?

Bitte vergessen Sie das!

Säufer? Ivrognes?

Viele, die mit solch unsinnigen Kritiken um sich werfen, vergessen – oder wissen nicht –, dass Legionäre oft tage-, wochen-, ja monatelang im Einsatz oder im Gelände bei der Ausbildung sind. Im Einsatz wird nicht getrunken und bei der Ausbildung nur dann, wenn es grünes Licht von oben gibt. Wenn ein Legionär, der lange Wochen im Einsatz war, harte Entbehrungen hinter sich gebracht hat und mitunter sein Leben riskierte, mal einen über den Durst trinkt: ein Säufer? Mit Sicherheit nicht, aber lassen wir’s dabei.

… hier geht’s zum Buch …

Fremdenlegion. Einsätze und Operationen in Afrika 1965–2015

Auszug aus dem Buch – Fallschirmjäger der Fremdenlegion: Einsätze und Operationen in Afrika 1965–2015

Operation Licorne

 

Zwischen September 2002 und März 2003 kamen in der Elfenbeinküste vier Kampfkompanien sowie die Stabs- und Versorgungskompanie der Fallschirmjäger der Legion zum Einsatz. Sie unterstanden dem Groupement Tactique Interarmes Ouest (GTIAO). Die Paras Legion operierten im Westen des Landes, entlang des Sassandraflusses, stellten somit die Verbindung, den Schulterschluss mit der regulären Armee des Landes, der FANCI, her. Diese kämpfte auf demselben Breitengrad gegen die MPCI-Bewegung, die sich später im Laufe der bürgerkriegsähnlichen Situation mit anderen Gruppen wie MPIGO und MJP zur Koalition der Forces Nouvelles, der neuen Kräfte, zusammenschloss. Auf dem Kriegsschauplatz bewegten sich auch unkontrollierbare und irreguläre Söldner aus Liberia. All diese Gruppierungen in der Hitze des Kampfes auszumachen und zuzuordnen erforderte Erfahrung und Bauchgefühl. Beides hatten die Legionäre. Man erzählte mir später, dass es für jeden Feind, von der simplen Notwehr, die ja für alle in Beton gemeißelt war, mal abgesehen, andere Rules of Engagements (ROEs) gab. Das machte die Sache nicht unbedingt einfacher. Am 28. September verlegte die CEA, die schwere Kompanie des 2. REP, von Dschibuti nach Abidjan. Die Blauen waren vor ihrer Verlegung auf einer compagnie tournante am Horn Afrikas unterwegs. Der erste Auftrag der Männer der schweren Kompanie war es, den Flughafen MAN zurückzuerobern. Der Befehl dazu wurde am Nachmittag des 29. November erteilt. Sofort darauf rückte die Kompanie klar zum Gefecht aus. Zuerst musste herausgefunden werden, wo der Feind seine Abwehrstellungen hatte. Ganz bewusst gingen deshalb kleine Spähtrupps der Blauen entlang der Feindlinie auf „Kontakt“. Schon während der Auswertung aller Berichte fügte sich das Bild nach und nach zusammen. Die Stärke der Rebellen, die den Flughafen hielten, wurde Pi mal Daumen auf einhundert geschätzt. Die Feindstellungen waren hervorragend ausgebaut, die Rebellen gut organisiert und an jedem Punkt der Verteidigungslinie hellwach. Sie zu vernichten würde kein Leichtes sein. Nichtsdestotrotz griffen die Blauen am frühen Morgen des nächsten Tages an.

 

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In Erwartung des Angriffs.

Unterstützt von leichten Kampfpanzern Typ ERC-90 Sagaie und von Kampfhubschraubern Gazelle dauerten die Kämpfe den ganzen Tag. Am Abend jedoch befand sich der Flughafen in ihren Händen. Auftrag ausgeführt! Bereits am 1. Oktober hielten die Legionäre in Bouaké, der Hochburg der Rebellion, ihren Einzug. Sie konnten jedoch nicht verhindern, dass am 6. Oktober mitten in der Stadt ein Massaker stattfand. Sechzig Gendarmen mit ihren Frauen und Kindern wurden von den Rebellen in das Gefängnis eines Militärcamps geschleppt, wo man die meisten von ihnen hinrichtete. Zu diesem Blutbad, angeblich begangen von der MPCI, legte Amnesty International im Februar 2003 einen detaillierten Bericht vor. Zu dem Zeitpunkt, als das Massaker stattfand, lagen die Legionäre östlich und westlich der Stadt entlang einer imaginären Waffenstillstandslinie auf der Lauer. Sie waren also gar nicht in der Stadt, sondern weit davon entfernt mitten im Busch. Und dort mussten sie allerhöchste Vorsicht walten lassen. Das Leben eines französischen Soldaten im Norden des Landes, ganz besonders aber im Großraum Bouaké, war zu der Zeit kaum etwas wert. Die Einwohner hielten es eindeutig mit den Rebellen. In Bouaké selber gingen fast jeden Tag rund 200.000 Demonstranten auf die Straßen. Ihre Rufe, „Chirac Lügner“ und „Franzosen raus“, richteten sich in erster Linie aber gegen Laurent Gbagbo, den Präsidenten der Elfenbeinküste, und gegen sein Regime. Bouaké war aber nicht nur das Machtzentrum der Rebellen, sondern auch ihr Jagdrevier, wenn es darum ging, neue Soldaten zu rekrutieren. Sie heuerten einige Hundert der sogenannten Dozos an, traditionelle Jäger also, die sich im Urwald bestens auskannten und die mit ihren Waffen auch auf größere Distanz Wunder bewirken konnten.

 

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… etwas Frieden bringen: Das zählt!

Außer den Dozos rekrutierten die Rebellen wahllos zahlreiche Jugendliche aus der Stadt. Mehr oder weniger handelte es sich um Zwangsrekrutierungen, denn sie fanden oft unter Androhung von Gewalt statt. Zu diesem Zeitpunkt, in der Woche um den 1. Oktober 2002, übernahm General Beth das Oberkommando über die Operation Licorne. Ich kannte Beth von meiner Zeit aus dem 2. REP, wo er 1990/1991 als Oberstleutnant die Funktion des S3-Offiziers innehatte. Der hochgewachsene Emmanuel Beth war ein äußerst ruhiger Offizier, dessen Stärke darin lag, offenbar immer richtige Entscheidungen zu treffen. Das klingt banal, ist aber eine Kunst, die nicht jedem Chef gelingt. Von 1994 bis 1996 war er Kommandeur der 13. Halbbrigade der Legion und von 2010 bis 2013 französischer Botschafter in Burkina Faso. Mit dem Anlegen des Militärfrachtschiffes TCD Foudre kam Mitte Dezember Verstärkung für die Legionäre. Schweres Material, hauptsächlich Fahrzeuge VAB und VBL, wurden im Hafen von Abidjan entladen. Am 27. Dezember 2002 rückte vom Checkpoint CALVI kommend ein verstärkter Zug der ersten Kompanie zur offensiven Aufklärung aus. Sie waren auf einem Schleichweg, einer kleinen, roten Lehmpiste parallel der Achse Duékoué-Fengolo-Bangolo, zu Fuß unterwegs. Trotz der Hitze trugen die Legionäre Helm und Schutzweste. Jeder vierte hatte eine AT4-CS Panzerfaust auf der Schulter; schwerbewaffnete Aufklärer, die kurze MINIMI in den Händen, liefen vorneweg. Nördlich von Duékoué, einer 160.000-Einwohner-Stadt in einer bergigen Waldregion der Elfenbeinküste, stießen sie auf eine Patrouille von fünfundvierzig Rebellen, die ebenso überrascht schienen wie die Legionäre. Innerhalb von Sekunden kam es zu einem brutalen, beinhart geführten Begegnungsgefecht auf kürzester Distanz. Die Legionäre mussten sich mit einigen Leichtverletzten zurück nach Duékoué durchschlagen. Das Lösen vom Feind war schwierig und gelang erst, als eine Mörser-Batterie der Legion und zwei Mil-Mi-24-Kampfhubschrauber der FANCI massiv Unterstützungsfeuer gaben.

 

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Legionäre der ersten Kompanie im Einsatz.

 

Einen Tag später, am 28. Dezember 2002, verließ eine Kolonne der ersten Kompanie ihre Basis in Duékoué und bewegte sich taktisch Richtung Norden. An Bord befand sich Colonel MAURIN, der Regimentskommandeur des 2. REP. Es standen Gespräche mit den Rebellen der MPIGO und der MPJ an. Die Kolonne bestand hauptsächlich aus VABs, P4s und VBLs der „Grünen“. Die Männer der „Ersten“ waren im Feuer gereifte Legionäre. Sie alle hätten Weihnachten natürlich lieber in ihrer kühlen Garnison in Calvi als in einem 42 Grad heißen Außenposten in der Elfenbeinküste an der Front verbracht. Etwa zwei Kilometer von der Stelle entfernt, an der sie sich mit den Rebellen treffen wollten, fielen plötzlich Schüsse. Anstatt zu parlamentieren, hatten die Rebellen einen Hinterhalt gelegt. Mit mehreren MGs eröffneten sie das Feuer auf kürzeste Distanz auf das voraus aufklärende Fahrzeug. Wie beim Training saßen die Legionäre ab, stöberten die Stellungen der Rebellen auf und erwiderten das Feuer auf einen Feind, der sich im hohen Elefantengras versteckt hielt. Die Sache ging nochmal gut. Es gab nur einen Verletzten auf Seiten der Legionäre. Am 29. Dezember 2002 versuchten drei Toyotas mit bis an die Zähne bewaffneten Rebellen, einen Checkpoint einzunehmen. Sie hatten keine Chance. Ein den Legionären zur Unterstützung abgestellter ERC-90 Sagaie Panzer eröffnete das Feuer aus seiner 90-mm-Bordkanone und neutralisierte die drei Fahrzeuge innerhalb von Sekunden. Sofort darauf rückte ein Zug Legionäre zu Fuß aus, um die Überlebenden, inzwischen abgesessenen Rebellen aufzustöbern. Diese Operation erwies sich jedoch als äußerst delikat. Das Elefantengras, in das sie eintauchen mussten, um den Feind zu bekämpfen, ließ einen Blick über die Zwei-Meter-Grenze hinaus nicht zu. Den Rebellen der MPCI konnte man alles nachsagen, nur nicht, dass sie schlechte Kämpfer waren. Sie stellten sich den Legionären. Es kam zu blutigen Nahkämpfen, bei denen einige Legionäre leicht verletzt wurden. Solche und ähnliche Scharmützel gab es fast jeden Tag. Von den Legionären der ersten Kompanie, die ich aus meiner aktiven Zeit alle noch kannte, ließ ich mir erzählen, dass die Kämpfe teilweise so intensiv waren, dass sie innerhalb von einigen Stunden ihre ganze „Dotation“ an Munition (Munition pro Soldat und Tag) verschießen mussten. Besonders der Handgranaten- Verschleiß sei extrem hoch gewesen. Obwohl es viele Kämpfe für die Legionäre gab, hatten sie keinen einzigen Toten zu beklagen. Das wies darauf hin, wie exzellent es um ihre Disziplin und um ihren Ausbildungsstand bestellt war – und wie taktisch klug ihre Führer die Männer einsetzten. Glück gehörte natürlich ebenfalls dazu, doch Saint Michel wachte. Es gab jedoch mehrere Schwerverletzte, wie etwa einen jungen Legionär der vierten Kompanie. Eine RPG-7-Granate hatte den VAB, dessen Fahrer er war, voll erwischt.

… hier geht’s zum Buch –

Die Fremdenlegion einst und heute.

Vorwort zum Buch – Leben unter fremder Flagge

Von ihrer Geburtsstunde unmittelbar vor Beginn des Zweiten Kaiserreichs, dem Seconde Empire, hin zur Eroberung Algeriens, bis zum Tode des Sergent-chef Vormezeele, „Killed in action“, in einem mit hochmodernen Mitteln und großartig angewandter Taktik in Mali geführten Guerillakrieg, hat die Legion nie aufgehört, Männer aller Rassen, aller Religionen und aller Nationalitäten aufzunehmen. Dazwischen liegen nahezu zwei Jahrhunderte. Zu jeder Zeit befanden sich Künstler, Ärzte, Architekten unter den Freiwilligen, aber auch Prinzen, Proletarier, Schriftsteller und Bettler. Oder Intellektuelle. So zum Beispiel riefen ausländische Gelehrte am 29. Juli 1914, einen Tag nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien und kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, zu einer Mobilisierung auf. Sie forderten alle schaffenden Künstler – woanders geboren, aber in Frankreich beheimatet – auf, die Waffen zu ergreifen. Zahlreiche Studenten, Arbeiter und Intellektuelle fühlten sich angesprochen. Eine Woche darauf meldeten sich an den Rekrutierungsstellen der Légion étrangère knapp 8000 Männer.

 

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Sie waren entschlossen, für ihre Wahlheimat Frankreich zu kämpfen. (Gemälde: PAUL ANASTASIU)

Sie waren entschlossen, für ihre Wahlheimat Frankreich zu kämpfen. Der französischsprachige Schweizer Schriftsteller und Abenteurer Blaise Cendrars (Die fabelhafte Geschichte des Generals Johann August Suter) war einer von ihnen. Auch der US-amerikanische Poet und Dichter Alan Seeger (Poems – I Have a Rendezvous with Death) folgte dem Aufruf. Seeger fand den Heldentod, Cendrars ließ seinen Arm, schaffte es mit Mühe und Not, dem Stahlgewitter zu entkommen. Noch heute spricht die Legion faszinierende und interessante Männer an. Auch solche, die nicht wissen, dass sie es sind. Die Tatsache, sich freiwillig in der Legion zu melden, drängt einen Mann gegen seinen Willen in diese Gattung. Drängt ihn in die Ecke derer, die das Außergewöhnliche suchen und das Herkömmliche schlichtweg ablehnen. Über die letzten 185 Jahre hinweg, zurückblickend auf zwei Weltkriege, den Indochinakrieg und über alle dazwischenliegenden kolonialen Kriege (wollen wir Afghanistan nicht vergessen), war die Légion étrangère eine Referenz für die zweite und oftmals letzte Chance im Leben eines Mannes. Dieser Logik der zweiten Chance konnte und wollte auch ich mich nicht entziehen.

 

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Scharfer Einsatz! Legionäre der ersten Kompanie des 2. REP während der Operation Licorne, Dezember 2002 in der Elfenbeinküste. Im Bild der leichte Mörser LLR.

Was ich erlebte, war erstaunlich. Seit meinem Austritt aus der Legion beobachte ich hautnah die Entwicklung dieses Eliteverbandes, und was ich sehe, erfüllt mich mit Zuversicht. Europa durchlebt besondere „geschichtliche Momente“, und wie ein Pierre Mille bin ich bereit, zu glauben, dass bald die Zeit kommen wird, in der Europas Soldaten europäische Werte innerhalb Europas und an unseren Außengrenzen verteidigen müssen, denn: Obwohl sich noch kein Lüftchen regt, stehen die Zeiten auf Sturm! Besäße jede Nation ihre Légion étrangère, so wäre das, wenn schon kein Garant für immerwährenden Frieden, so aber eine immense, sprich unüberwindbare Herausforderung für alle fremden Regierungen, die einen Frieden nicht wollen. Es ist Fakt, dass die 7800 Mann starke Fremdenlegion zum heutigen Standpunkt (anno 2016) den besten Kampfverband auf die Beine stellt, den es weltweit gibt. In der Tat ist die Legion eine lebende Legende mit Drang nicht nur zur Front, sondern auch hin zur Moderne, zur Innovation und zu originellen Kampftechniken. Wenn man Papier Glauben schenken darf, dürfte sich die Legion in nichts vom Régime général des französischen Heeres unterscheiden. Doch schaut man auf ihre Erfolge, wird im Handumdrehen klar: Die Légion étrangère ist kein gewöhnliches Korps! Der Status der Legion ist unantastbar, ihre Existenz drückt mehr denn je den französischen Willen aus, über eine Truppe zu verfügen, die Vertrauen einflößt und die für Frankreich (wie auch für Europa) sogar die glühendsten Kohlen aus dem Feuer holt, ohne dass eine französische Mutter um ihren Sohn weinen müsste.

 

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Fremdenlegionäre bei der Schießausbildung in Korsika. Im Bild – die zweite Kompanie der Fallschirmjäger des 2. REP

Jährlich melden sich etwa 8000 Kandidaten, nur jeder Achte wird genommen. Die Legion wählt illustre, für den Einsatz hochbegabte Soldaten aus. Was diese Rekruten und späteren Legionäre, unter Vertrag und unter fremder Flagge kämpfend, auszeichnet? Es ist an erster Stelle die körperliche Robustheit. Des Weiteren sind sie über die Maßen hinaus mental belastbar, weil sie den Schritt in die Legion von sich aus gewählt haben. Freiwillig sein, diese zwei Wörter sind von Relevanz: Vom Willen beseelt! In der Tat schöpfen die Legionäre aus dieser mentalen Stärke ihre Motivation. Korpsgeist und Disziplin werden ihnen im Alltag und im Einsatz eingehaucht, dafür sorgt der Rahmen schon, dafür sorgt die Legion. Dieser Prozess, die Disziplin vorneweg, kommt niemals schleichend. Er ist brutal, weil oft im Feuer der Realität erworben. Und die Légionnaires sind gerüstet mit grenzenloser Dankbarkeit. Dankgefühl ist eine Waffe, die man nicht unterschätzen darf, denn in ihrem Schatten lauert die schrankenlose Loyalität. Im Rahmen der Recherchen für mein Buch „Die Legion 2. B.E.P: Die Fallschirmjäger im Indochina-Krieg“ unternahm ich im November 2010 eine Gewalttour. Ich verbrachte zahlreiche Stunden damit, mich durch Militärarchive zu wühlen. Ich verabredete mich mit Veteranen, mit Zeitzeugen der Indochina-Epoche. Ihre Geschichten glichen einer atemlosen Berg-und-Tal-Fahrt.

 

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Die Fallschirmjäger der Legion (hier 2. BEP) im Indochina-Krieg

Heute, mit etwas Abstand, mich an meine eigene Zeit in der Legion (1985 – 2002) erinnernd, fällt es mir leichter, Vergleiche zwischen einst und jetzt zu ziehen. Ich verstand mit einem Mal, was in den Köpfen der Anciens (Ehemaligen) heute vorgeht. Und mir gelang es, nachzuvollziehen, was sie angetrieben hatte, weitab der Heimat einen menschenverachtenden, blutigen und an Dramatik nicht zu überbietenden Krieg zu führen. Der Legionär 2016 ist dem Krieger der Reisfelder Indochinas von 1954 ähnlich. Mehr noch: Beide sind vom Ansatz her identisch. Identisch, weil dieselben Werte, Traditionen, Abläufe und der Esprit Légion von einer Generation an die nächste übermittelt wurden. Ein Unterschied besteht. Einmal die Erfahrungen der Anciens analysiert, erfolgt eine Auswahl à la „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“. Für „nicht gut“ Befundenes wird herausgefiltert und fällt durch das Raster. Das Positive wird übernommen und weitergegeben. Nicht zuletzt führt dieser stetige Prozess dazu, dass der Legionär von heute nicht nur von der Erfahrung einer ganzen Kriegergeneration profitieren kann, sondern die in der Vergangenheit begangenen Fehler vermeidet. Auch zieht er kritischer in seine Einsätze, würde, wenn überhaupt, dann nur im absoluten Ausnahmefall Befehle ausführen, die Straftaten beinhalten, gegen Menschenrechte verstoßen oder in der Tat abscheulich sind. Von ihrer Anzahl her fallen die heutigen Einsätze nicht knapper aus, nur hat sich ihr Charakter verändert. Sie gleichen Nadelstichen reaktionsschneller Einheiten, werden mobil, kompakt, blitzschnell geführt. Des Weiteren geht man in diesen Einsätzen ans absolute Limit, überschreitet es, wann immer es von Vorteil ist, wann immer es der Sache dient.

 

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Bei der Ausbildung in Neukaledonien

Als Beispiel nenne ich gerne den Einsatzsprung über Timbuktu im Jahr 2013. Die am Sprung beteiligten Fallschirmjäger der Legion führten Lastensäcke mit sich, die, den Vorschriften nach, viel zu schwer waren. Sich aber über die Vorschriften hinwegzusetzen, hieß: mehr Munition, mehr Effizienz, mehr Aussicht auf Erfolg! Kaum zur Sprungtür hinaus, zogen die Legionäre nebst Haupt- auch sofort den Reserveschirm. Das war eine reine Vorsichtsmaßnahme, weil eben das Gepäck zu schwer wog. Diese Prozedur war nicht nur verboten, sondern auch im höchsten Maße riskant. Die Risiken? Das Duo Mann/Schirm gerät ins Trudeln und der Reserveschirm wickelt sich, Pech hinzukommend, um den Hauptschirm. Der Krieger schmiert ab und findet seinen Platz in Walhalla. Aber mit Blick auf das Resultat war es das einzig richtige Verhalten. Das situationsgerechte Anwenden solcher Feinheiten, wenn auch unkonventionell, setzte sich über den gesamten Einsatz bis zum Endkampf gegen al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM), im Adrargebirge hin fort. Beispiele, in denen Kompaniechefs (oder Zugführer) der Legion ihren Blick ausschließlich auf den Erfolg richteten und aus jahrelanger Erfahrung heraus „nicht regelkonforme“ Befehle erteilten, gab es immer. Auch zu meiner Zeit. Insofern heiligte der Zweck hie und da die Mittel, wobei Recht und Moral nie wirklich infrage gestellt wurden. Im Gegensatz zu anderen Armeen vergisst die Legion vor, während und nach den Einsätzen nie, dass der Mann im Soldaten, der Mensch hinter der Kampfuniform zählt. Sie stählt daher dessen Körper, schärft seinen Geist, seinen Willen und seinen Sinn für Solidarität.

 

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Solidarität unter Waffenbrüdern. Fallschirmjäger der Legion bei der Ausbildung in Französisch Guyana / Südamerika

Die Offiziere setzen heute Akzente. Der Legionär soll gerne Soldat, muss von seinem Handeln überzeugt sein. Diese willige, moderne Legion ist dieser Tage ständig in Opérations extérieures (OPEX – Auslandseinsätze) verstrickt. Der Rhythmus der Kampfregimenter ist infernalisch. In diesem Zusammenhang ist es von hoher Bedeutung, dass etwa 85 Prozent aller Legionäre sowie auch viele Kader nicht verheiratet sind. Die Einsatzbereitschaft ist daher außergewöhnlich. Zwei, drei oder vier Mal hintereinander, und ohne eine nennenswerte Pause einzulegen, von einem Einsatz zum nächsten überzugehen, wie mir oft widerfahren, ist Normalität. So zum Beispiel verbrachte ich im Jahr 1995 neun Monate mit nur einer unwesentlichen Unterbrechung von knapp zwei Wochen in der Ausbildung und im Einsatz zunächst in der Zentralafrikanischen Republik und im Anschluss in Gabun. Das stellte keinen Einzelfall dar, sondern eher schon die Regel. Unternehmen wir einen Spaziergang durch die verschiedenen Waffengattungen der Fremdenlegion, so stellen wir fest, dass dieses Korps in jeder Hinsicht komplett ist. Die Rekruten haben die Wahl zwischen Fallschirmjäger, Panzersoldat, Sturm-, Gebirgs- und Brückenpionier oder Infanterist. Sonderausbildungen folgen in der Regel in den Stammeinheiten, in denen sich jeder Einzelne, seinen persönlichen Neigungen oder den Anforderungen des Korps nach, spezialisieren kann. Koch, Scharfschütze, Sekretär, Schreiner, Kampfschwimmer, Krankenpfleger, Saboteur, Musiker, Kommando-Soldat, Fahrer, Gebirgsjäger etc. Die Liste lässt sich unendlich fortführen. Eines sind sie alle, egal ob Pionier oder Fallschirmjäger, ob Koch oder Kampfschimmer: Hervorragende Kämpfer! Blutrünstige, hirnlose Killer? Mit absoluter Sicherheit nicht! Der positive Zukunftstrend der Legion lässt sich nicht aufhalten. Um sich ein Bild über dieses Korps zu machen und um die folgenden Erzählungen über mein Leben und meine Einsätze mit der Legion zu verstehen, sollte man, wenn auch nur in groben Zügen, die Tradition und die Vergangenheit der Légion étrangère kennen. Ein kurzer Überblick findet sich diesbezüglich im Anhang.

 

Hier gehts zum Buch …

Nordkorea. Schmutzige Bomben. Nuklearterrorismus

Just dieser Tage behauptet ein Analyst: Nordkorea könnte weltweit Atombomben platziert haben. Meine ehrliche Meinung dazu? Ich bin froh, dass ein heller Kopf diese Problematik anspricht! Zu glauben, Nordkorea besäße nicht das Wissen um die Herstellung und um den Einsatz schmutziger Bomben, könnte böse enden. Diese per Land- oder Seeweg an einigen sprichwörtlich ´vitalen` Punkten dieser Erde vor- zu platzieren, wäre nicht das Größte aller Probleme. Es ist, wie alles, nur eine Frage des ´Wissens` und der ´Organisation`. Das heißt des Budgets. Wissen kauft sich. Es wird importiert. Oder man hat es schon in den eigenen Reihen. Der, meist nicht selbst gewählte, fanatische Patriotismus sorgt für den Rest. Und dass man als Koreaner in Nordkorea dieser Tage besser ein blau-rot-weißer Patriot mit Stern ist, beweist nicht zuletzt die Festnahme von Kim Sang-Dok, alias Tony Kim. Der Amerikaner ist am 22. April am Flughafen von Pjöngjang festgenommen worden, nachdem er an der dortigen Universität für Wissenschaft und Technologie gelehrt hatte. Nuklearterrorismus? In meinem Buch ´Terror im 21. Jahrhundert` (Taschenbuch – 14. August 2015) habe ich auf diese Gefahr bereits hingewiesen.

 

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Und die Organisation? Nun, der Anschlag mit einer schmutzigen Bombe gilt als überfällig. Die These, dass Terroristen (oder Staatsmänner) sich für einige Millionen bzw.  Milliarden Euros einen angepassten Atomsprengkopf oder eine konventionelle Sprengladung mit radioaktivem Material beschaffen und diese in einer Großstadt der westlichen Welt – zum Beispiel auf der Theresienwiese während des Oktoberfestes, am helllichten Tag zünden könnten, war bislang nur Thema für Hollywood. Die Möglichkeiten dafür sind technisch aber längst gegeben. Auch wenn ein Anschlag mit einer schmutzigen Bombe wahrscheinlicher ist, als das Zünden einer echten Atombombe, schließt die heutige Technologie es nicht mehr aus. Auch Atombomben können so konzipiert und konditioniert werden, dass sie in einem kleinen Lkw Platz haben! Einmal gezündet, egal wo, käme es zu einer Kernspaltung, was bei der schmutzigen Bombe nicht der Fall wäre. Aber wie dem auch sei, beides lässt natürlich die Türe weit offen für das, was wir Atom- oder Nuklearterrorismus nennen. Und genau hier sehe ich auch die Gefahr des kommenden Jahrzehnts.

Schenkt man dem Institut der Vereinten Nationen für Abrüstungsforschung (UNIDIR) Glauben, so gab es im Jahr 2003 weltweit noch etwa 30 000 Atomsprengköpfe, 2010 waren es etwas weniger als 18 000. Hinzu kamen 3000 Tonnen angereichertes Uran und Plutonium. Beides eignet sich zum Bau von Atombomben und wer das „Material“ und das Wissen hat, hat die Macht.

Aber auch eine andere Theorie sollte nicht aus den Augen verloren werden. Eine Großmacht, die eine andere in die Knie zwingen möchte, bräuchte gegebenenfalls nicht mehr selbst auf den Knopf drücken und einen Gegenschlag riskieren, nein! Man behält eine saubere Weste und lässt die dreckige Arbeit für eine schmutzige Bombe von drei oder vier Menschen mit höchster krimineller Energie erledigen. Man liefert nur die verdeckte Logistik, das handliche Material und das Wissen um dessen Einsatz. Dieses Wissen kann man – begrenzt – sogar im Internet abrufen.

Wer sich im Sicherheitsgewerbe auskennt, der weiß, dass der Transport gewisser Materialien und die Sicherheitskontrollen an unseren Landesgrenzen, an Flug- oder auch Seehäfen, selbst wenn immer sophistischer, kaum mehr ein großes Hindernis darstellen. Man muss nur gewisse Prozeduren kennen und sich der Bereitschaft einiger Insider, zum Beispiel der Sicherheitsmitarbeiter, versichern. Geld stößt alle Türen auf und gibt es moralische Hemmschwellen, so ist es eventuell nur eine Frage der Summe, diese zu beseitigen. Einmal die Augen zudrücken oder wegsehen für eine fünf- oder sechsstellige Summe? Wenn man in Betracht zieht, dass in Deutschland sowie im restlichen Europa, die Löhne für qualifizierte Sicherheitsmitarbeiter sich den Vorwurf von Hungerlöhnen durchaus gefallen lassen müssen, wäre das nicht abwegig. Ich arbeitete, unter anderen, auch in Deutschland lange Zeit in der Sicherheitsbranche. Bewaffnete Sicherheitsmitarbeiter, auch solche; die Munitionsdepots, höchst sensible Anlagen und Kasernen bewachten, erhielten Löhne von sieben bis neun Euro Stundenlohn. Mit der Verantwortung welche das Tragen einer Waffe alleine schon mit sich bringt, ist das eindeutig unterbezahlt.

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Japan und Nordkorea bereiten sich auf den Ernstfall vor, doch was wissen wir wirklich über die internen Beziehungen beider Länder? (Bild – Nippon Yûsen Kabushiki Kaisha: eine der größten Reedereien der Welt)

Die Infiltrationswege einer kleinen Gabe aus einem fernöstlichen Land? Der Seeweg! Ganz eindeutig! Zum Beispiel in Form einer oder mehrerer Sprengladungen, transportiert in einem der Millionen Container, die in deutschen Häfen täglich entladen werden und die kaum Objekt knallharter Kontrollen sind. Eine völlige Kontrolle ist nicht einmal annähernd möglich!

Auch der Landweg böte sich an. An den Grenzen zu Belgien, Dänemark, Frankreich, Niederlande, Luxemburg, Österreich, Polen und der Tschechischen Republik gibt es kaum Grenzkontrollen mehr, doch was wissen wir wirklich über die verdeckten kriminellen Umtriebe in unseren Nachbarländern? Wie dicht sind Polens Grenzen nach Osten hin oder die der Tschechischen Republik? Und im Westen? Nichts Neues? Hat Frankreich alles im Griff? Wir sollten größtes Augenmerk darauf legen, dass die Grenzen des Schengen-Raumes aufs Strengste kontrolliert werden.

 

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… nach Rotterdam? Hamburg? Boston Harbor?

 

Nehmen wir an, das verbotene “Material“ wäre auf einem dieser Wege ins Land gekommen. Nun ist es ein Leichtes alles in einem Kofferraum eines PKWs zu verstauen und eben dieses Fahrzeug in einer Tiefgarage in einer Großstadt zu parken. Schön zentral gelegen, versteht sich.

Die Folgen der Detonation einer solch Schmutzigen Bombe?

Es käme zu einer Umweltverseuchung durch Verstrahlung.

Eine ungezügelte Panik könnte ausbrechen.

Eine Lähmung des öffentlichen Lebens im weiten Umkreis der betreffenden Region wäre fast sicher.

Es käme zu enormen, volkswirtschaftlichen Schäden.

Tote, Verletzte: Unsägliches Leid!

 

Es handelt sich bei schmutzigen Bomben nicht um Massenvernichtungswaffen. Die Schäden aber, welche allein die Verstrahlung mit sich brächten, wären dennoch schlimm und vor allem von dauerhafter Natur. So könnte, je nach Strahlungsart, -dauer oder -intensität, das Einsatzgebiet (Mitte Berlin, Frankfurt oder München?) auf Jahre hinaus unbewohnbar werden! Wind und Wetter trügen vielleicht das ihrige dazu bei, dass sich dieses Gebiet vergrößert, weil sie den durch die Explosion aufgewirbelten radioaktiven Staub davontragen, ihn überall verteilen würden. Ein ganzer Stadtkern, sprich Zehntausende von Menschen müssten evakuiert werden. Würde sich so ein Szenario gleichzeitig in zwei oder mehreren Städten abspielen, wäre das betroffene Land paralysiert und am Rande des K.O. Es könnte wohl kaum alle nötigen Mittel aufbringen, die es bedürfte, die Dekontamination durchzuführen und die verstrahlten Personen zu behandeln. Es wäre auf Hilfe von außen angewiesen. Das von Terroristen damit gesetzte Ausrufezeichen, wäre kaum zu überbieten, geschweige denn zu übersehen!

 

… das Abhandenkommen, der Diebstahl, der unrechtmäßige Besitz und der illegale Handel von radioaktivem Material nimmt ständig zu! (IAEA)  

 

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Einsätze und Operationen in Afrika 1965–2015

Auszug (Leseprobe) aus dem ersten Kapitel meines Buches:

Fallschirmjäger der Fremdenlegion: Einsätze und Operationen in Afrika 1965–2015

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Tschad – Herz der Finsternis

La Légion marche vers le front ; En chantant nous suivons, Héritiers de ses traditions; Nous sommes avec elles.

Die Legion marschiert voran. Singend folgen wir. Die Erben der Traditionen. Wir sind mit ihr. (La Légion marche – Lied des 2. REP)

 

Als ich das erste Mal mit dem Phänomen Tschad in Berührung kam, ging der September 1987 gerade zu Ende. Die 1. Kompanie des zweiten Fallschirmjägerregimentes, in das ich von Guyana kommend abkommandiert wurde, hielt sich damals im fünftgrößten Land des afrikanischen Kontinents auf, sprang dort von einem Einsatz zum nächsten. Bis zu ihrer Rückkehr hatte man mich zum Ober im Saal der Leutnants in die Caserne Sampierio auf die Zitadelle von Calvi verdammt. Um mir die Zeit zu vertreiben, las ich alles, was mir, den Tschad betreffend, zwischen die Finger kam. Das erste Buch besaß höchste Brisanz. Geschrieben hatte es ein gewisser Pierre Claustre. Der Autor erzählte darin von der Claustre-Affäre. Im Jahr 1974 griff eine von Hissène Habré angeführte Toubou Rebellengruppe die Stadt Bardaï in Tibesti, im Norden Tschads, an und entführte drei Europäer. Christophe Staewen, einen deutschen Schriftsteller, Arzt und Neffen des damaligen Bundespräsidenten Heinemann, Françoise Claustre, eine französische Ethnologin und Archäologin, die am nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung arbeitete, und Marc Combe, einen Entwicklungshelfer. Staewens Frau, Elfriede, wurde bei dem Überfall getötet. Christophe Staewen selbst kam nicht zuletzt auch deshalb frei, weil die Bundesrepublik 2,2 Millionen Mark Lösegeld zahlte. Françoise Claustre aber blieb in den Händen der Toubous. Mit Major Pierre Galopin, einem französischen Offizier, Geheimdienstmann und Unterhändler, der sich um die Befreiung der Geiseln bemühte, machten die Toubous kurzen Prozess. Nach grausamer Folterung wurde er mitten in der Tibesti Wüste an einem Baum aufgeknüpft. Die Geiselnahme von Frau Claustre dauerte drei Jahre. Das Buch „l’Affaire Claustre“ führte mich als Leser durch die grandiose Landschaft der Borkou-Ennedi-Tibesti Wüste und hinein in Ereignisse, die einst auch für die Fremdenlegion geschichtsträchtig waren.

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2. REP / Tschad / 1990

Der lange Weg bis zur Unabhängigkeit Tschads von Frankreich im Jahr 1960 war steinig, die Meilensteine dorthin klassisch. Zuerst unterlag das Land dem französischen Protektorat, dann wurde es eine Kolonie. Es folgten nicht enden wollende Rebellionen. Dreimal mehr Raum bietend als Frankreich, erstreckt sich das Staatsgebiet großflächig zwischen Libyen im Norden und der Zentralafrikanischen Republik im Süden. Im Norden dominieren unzugängliche, zerklüftete Massive und die vulkanischen Gebirge des Tibesti die Landschaft. Unterirdische Flüsse speisen im Landesinneren kleine, in Talkesseln liegende Ergs und Oasen, während im Westen und im Süden Feuchtgebiete den Tag sehen, die an die braun-grüne Savanne der Nachbarländer erinnern. Nichts gleicht einem Sonnenaufgang in der Gegend um Abéché. Nirgends auf der Erde ist die Luft reiner als am Tschadsee. Kaum anderswo funkeln die Sterne so hell und atemberaubend schön wie im Erg du Djourab, und kein natürliches Monument erscheint identischer als der Hadjer el Hamis, der Felsen der Elefanten. Unwirklich und gleichermaßen real wie aus einem Gemälde von Joseph Eugen von Guérard wirken die zahlreichen Inselberge in der Guéra Provinz, dort wo der Norden der Zentralafrikanischen Republik sich mit dem Süden des Tschad vereint.

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Hadjer el Hamis, der Felsen der Elefanten.

Ich weiß das, denn ich kenne all diese Orte. Im Jahr 1991 betrat ich den Tschad zum ersten Mal. Angeführt von unserem Regimentskommandeur, Remy Gausseres, einem alten Baroudeur (Haudegen), einst Kompaniechef der dritten Kompanie, waren wir gekommen, um an der Operation Épervier teilzunehmen, also um das fortzusetzen, was unsere Vorgänger 1969 begonnen hatten.

Operation Limousin 1969 -1970

Das Eingreifen der französischen Truppen im Tschad 1969 bis 1970 war, nach Algerien, gleichzeitig die erste Militärintervention Frankreichs in einem souveränen, afrikanischen Land. Dieser Intervention gaben die Franzosen den Namen „Limousin“. Auf dem Höhepunkt der Militäroperation kämpften 2500 französische Soldaten, inklusive des gesamten 2. REP im Tschad. Ziel war es, die Hauptstadt N’Djamena, die bis 1973 noch Fort Lamy hieß, vor der Offensive der Rebellen der Front de Libération Nationale du Tchad (FROLINAT) zu schützen. Bei der FROLINAT handelte es sich um eine erst kürzlich entstandene Bewegung. Der Hass Nord-Süd aber, der für ihre Gründung verantwortlich gemacht wurde, saß von Beginn der Zeit an immer schon tief. Wir werden hier etwas an Ruanda und an das Verhältnis zwischen Hutu und Tutsi erinnert. Die feinzügigen, fast hellhäutigen Araber im Norden des Tschad sahen die Schwarzen im Süden von jeher als ihre Sklaven an. In seiner unendlichen Weisheit hatte Gott es so entscheiden. Erst als das Land die Unabhängigkeit erreichte, nahmen die Schwarzen ihre Revanche, und die war grausam. Sie, die Christen und Animisten, rissen den Großteil der zentralen Ämter an sich. Sie traten plötzlich als eine Art Herrenrasse in Erscheinung, eine Ethnie, die in allen Belangen bevorzugt wurde. Sonderrechte auf der einen und Benachteiligungen auf der anderen Seite, das ergab schon immer ein explosives Gemisch, aus dem unweigerlich Flächenbrände entstanden. Die Rebellen, hagere, von der Sonne gebräunte Muslime, Toubous, Hirtennomaden und Karawanenführer, kämpften ab sofort gegen das mit unbarmherziger Härte geführte Regime des Präsidenten François Tombalbaye. Der aus dem Süden stammende Protestant hatte nur Missachtung für die Araber des Borkou-Ennedi-Tibesti und für die Teda und Daza des Toubou Volkes übrig. Deshalb der Aufstand, ebendaher die Revolte. Gegründet wurde die FROLINAT 1966 in Nyala, im Sudan. Nicht wenige Denker und Lenker im Tschad sagten, sie sei nur eine Speerspitze des libyschen Imperialismus, der versuche, eine tiefe Wunde in die Flanke des Landes zu reißen. Was den Führern der Bewegung, Ibrahim Abatcha allen voran, tatsächlich im Kopf herumging, ihre wahren Absichten und ihre realen Ziele, das sei dahingestellt. Für die Menschen im Norden stellte sie nur eine Vereinigung halbwüchsiger Burschen dar, wozu auch dieser Habré gehörte. Die Männer hatten einen Traum, und der war nicht mal so schlecht. Sie träumten nämlich davon, nicht diese ständig steigenden Steuern zahlen zu müssen, damit sich die Herren aus dem Süden nicht noch mehr die eh schon dicken, fetten Bäuche vollschlagen konnten. Sie träumten, dass Willkür, Gewalt und Machtmissbrauch, die immer dann ins Spiel kamen, wenn sie nicht in der Lage waren, diese Steuern zu zahlen, endlich aufhörten. Und sie wollten, dass die Regierungssoldaten die Finger von ihren Frauen und Mädchen ließen. Und der Traum bestand aus dem Stoff, aus dem sich die Rebellen selbst schmiedeten. Rebellen, die besser schießen, die schneller und weiter laufen konnten und die verbissener ans Werk gingen als ihre Gegner, die Soldaten der Armee. Im zerklüfteten Land im Norden Tschads bauten sie ihre uneinnehmbaren Bastionen aus. Wurden sie verfolgt, so zogen sie sich über die Grenze nach Darfur in den Sudan oder in die Zentralafrikanische Republik zurück. Deshalb befanden sich ihre Basiscamps auch teilweise grenznah im Südosten des Landes in und um Am-Timan, aber auch in der Region um Mongo. Das Bollwerk, das Zentrum des Widerstandes jedoch, blieb der hohe Norden, die Steinwüste des Tibesti. Aus dem Nichts heraus stellten die Aufständischen zwei Armeen auf. Die erste Armee bestand aus Kämpfern der Ethnie der Ouaddaï. Die zweite Armee vereinte Gleichgesinnte der Ethnie der Gorane, der Toubou also. Die Toubou waren hervorragende Kämpfer, das Beste, was Afrika zu bieten hatte. Die Gefahr, dass die beiden Armeen schnurstracks nach Fort Lamy marschierten, schätzten die Militärs Ende des Jahres 1968, Anfang 1969 als sehr groß ein. Und auf der anderen Seite? Nun, die reguläre Armee Tombalbayes hatte keine Schlagkraft. Mit 1850 Soldaten zu wenige und im Kampf recht unerfahren, konnte sie nichts unternehmen, was die FROLINAT in ihren Zielen in irgendeiner Weise hätte beeinflussen können. Also bat der starke Mann Tschads Frankreich um Beistand. In der Tat gab es seit Mai 1961 mehrere geheime Militärabkommen zwischen den beiden Staaten, und so löste der Tschad de facto nur das bereits bezahlte Ticket ein. Die zu Hilfe eilenden Truppen Frankreichs gliederten sich in zwei Säulen: Soldaten der Marineinfanterie und Fremdenlegionäre.

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Nizza / Fort Lamy, 16. April 1969

Das 390 Mann starke Legionärskontingent, kurz EMT-1, bestand aus der ersten und der zweiten Kompanie des 2. REP sowie aus einem Führungsstab und einer kleinen Stabs- und Versorgungskompanie. An Bord von 2 DC-8 verlegten sie frohen Mutes und von Neugier erfüllt von Nizza nach Fort Lamy. Die Waffen in der Hand, marschierten sie am nächsten Tag singend und im Gleichschritt im Camp Dubut ein.

En Afrique malgré le vent, la pluie. Guette la sentinelle sur le piton. Mais son cœur est au pays chéri. Quitté pour voir des horizons lointains. Ses yeux ont aperçu l’ennemi qui s’approche. Qui s’approche. L’alerte est donnée, les souvenirs s’envolent. Maintenant au combat.

In Afrika trotz Wind und Regen. Der Posten wacht auf den Gipfeln. Aber sein Herz ist im geliebten Land. Losgezogen um ferne Horizonte zu sehen. Seine Augen sehen den Feind, der sich nähert. Der sich nähert. Die Warnung wurde gegeben, Erinnerungen kommen hoch. Auf in den Kampf. („En Afrique“, Legionslied. Ursprung: „Auf Kreta, bei Sturm und bei Regen“ Ehemaliges deutsches Fallschirmjägerlied im zweiten Weltkrieg)

Das gesamte Détachement sollte an die Front verlegt werden, am besten am nächsten Tag, doch die knallharten Realitäten sprachen dagegen. Die zur Verfügung stehenden Fahrzeuge, sprich „Sektor“, rosteten seit langer Zeit schon vor sich hin. Sie auf Vordermann zu bringen erforderte etwas Geduld und viel Können. Eilig schienen es die Legionäre nicht zu haben, denn das Cameronefest stand unmittelbar bevor. Das wollten sie, wenn schon, in Fort Lamy feiern und nicht in einem abgelegenen Dorf in der Wüste. Wie bereits erwähnt, war es das erste Mal, dass die Paras Legion im Tschad zum Einsatz kamen. Einige alte Hasen unter ihnen haderten noch mit dem Rückzug aus Indochina, mit dem Verlust Algeriens und dem Abzug der Legion aus ihrer Hochburg Sidi-bel-Abbès. Doch Calvi, da waren sich alle Paras einig, erwies sich als weit besser als Ain-El-Turk oder Bou-Sfer (auch Aïn Boucefar), ihre letzte Garnison in Algerien. Tschad, das war wieder etwas völlig anderes. Es öffnete sich hier ein absolut unbekanntes Kapitel, mit einer vor kurzer Zeit entstandenen, vielversprechenden Legionärs- Generation. Vorbei die Idee des Festkrallens an Ländern, die einem nicht gehörten. Nicht gehören wollten! Vorbei auch die Zeiten, in denen der Legionär nicht wusste, wo und für was er kämpfte. Mangalmé, ein Ort gefährlich nahe der Grenze mit dem Sudan, war vor einigen Wochen von einer konsequenten Rebellengruppe angegriffen worden, und seitdem hatte man nichts mehr von dort vernommen. Es herrschte absolute Funkstille. Die reguläre Armee hütete sich, einen Vorstoß zu wagen, der sie an die Grenze zum Sudan oder auch nur annähernd in die Gegend führen würde. Sollten sich doch die Legionäre darum kümmern. Die Offiziere, Unteroffiziere und Legionäre des 2. REP kannten Land und Leute kaum, hilfreiche geographische Karten gab es nicht, und das Klima war erdrückend. Doch man passte sich an. Ihr Chef, Commandant Louis de Chastenet d’Esterre, der zwei Jahre lang in Colomb-Béchar (Algerien) in den Rängen des Deuxième Étranger verbracht hatte, war mit Wüstenregionen jedoch bestens vertraut. Wissen verbreitet sich flink, und so sah die Truppe, die am 28. April in Richtung Guéra-Provinz nach Mongo und Mangalmé ausrückte, nicht aus wie eine Einheit der Fallschirmjäger der Legion, sondern eher wie eine verschworene Bande, wie echte Söhne der Wüste. Sie trugen den landestypischen Chéche um den Kopf, hatten Sonnen- und Motorradbrillen auf, und die Ärmel der Uniformwesten waren so weit wie möglich nach unten gerollt, sodass kein Flecken Haut der gnadenlos vom Himmel brennenden Sonne ausgesetzt war. Das grüne Barett fand in der Tiefe des Rucksacks Platz, der Chapeau de Brousse, der ockerbraune breitkrempige Dschungelhut, zierte von nun an kantige, kahle Schädel. Die Legionäre waren nicht gekommen, um Krieg zu führen, so zumindest flüsterten es die Spatzen von den Dächern, sondern um einen solchen zu verhindern. Schießen?

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Ja, aber nur in absoluter Notwehr! In Mongo angekommen, wurde sofort ein Zug zum Schutz des Außenpostens befohlen, der Rest spaltete sich in zwei Kolonnen. Eine davon, es handelte sich um die erste Kompanie (Capitaine Saval) unter dem Befehl von Major Chastenet, schlug den südlichen Weg Richtung Mangalmé ein. Sie fuhr durch das Telfan Gebirge direkt nach Baro, einer winzigen Ortschaft, in der das Bergvolk der Hadjeraï lebte und in der es eine katholische Mission gab. Die andere Kolonne mit der zweiten Kompanie (Capitaine Aubert) sollte durch das nördliche Steingebirge vorrücken. Und zwar über eine schmale Holperpiste mitten durch die Landschaft am Guedi-Berg. Die zu überwindenden Schluchten erwiesen sich als eng, tief und steinig, der Weg bergauf steil und kurvig, und so kam das Détachement der zweiten Kompanie, angeführt von Capitaine Milin, nur langsam und beschwerlich voran. Oft genug mussten die Legionäre absitzen und die Fahrzeuge schieben, was bei Temperaturen um die 45 Grad Celsius kein Leichtes war. Die Rebellen der FROLINAT lauerten auf ihre Chance, den Konvoi anzugreifen. Die bot sich ihnen völlig unverhofft am späten Nachmittag des 29. April.

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»Ein Panzergraben!«

Leutnant Chiaroni, Stabsfeldwebel Kretschmar und Legionär Meyer trauten ihren Augen kaum. Der Graben an sich stellte keine erhebliche Gefahr dar, sicher aber die hundertfünfzig mordlustigen Rebellen, die plötzlich die Berghänge füllten. Macheten, Speere und alte Schusswaffen in den Händen, stürmten sie schreiend die Geröllhalden hinunter, direkt auf die drei Legionäre zu. Chiaroni sah auf seine Uhr und fluchte laut. Das Vorauskommando war längst außer Sichtweite. Es musste sich einige hundert Meter weiter im Osten aufhalten. Die zweite Kolonne hingegen war zu der Tageszeit sicherlich in der Gegend um Baro. Der Leutnant setzte sofort einen Funkspruch ab und zerstörte anschließend das Funkgerät mit gezielten Schüssen aus seiner Pistole, einer alten P.A.M.A.C. Modell 1950. Dann zeigte er auf eine kleine Ansammlung hoher Felsen am rechten Wegrand.

»Dort hinüber, schnell!«

Meyer hatte noch nie auf einen Menschen angelegt.

»Wie ist die Lage?«, fragte er den Leutnant. Er lag auf dem Bauch, lugte hinter dem brüchigen Felsen hervor und fummelte nervös an seiner Pistole herum.

»Bestens!«, gab der Leutnant ironisch zurück. »Es würde aber dennoch an ein Wunder grenzen, wenn wir das hier überleben.«

»Sollen wir auf sie schießen?«

»Du Armleuchter«, erwiderte der Leutnant streng. »Mit der Pistole?«

Die drei Männer der Stabskompanie waren in der Tat nur mit Pistolen bewaffnet. Der Jeep, um den sich die Angreifer drängten, befand sich außer Schussweite. Noch hatte man sie nicht entdeckt. Der blutjunge Meyer war mit seinen Nerven fast am Ende. Den Blick des dienstälteren Kretschmar vermeidend, fragte er: »Mon lieutenant. Hatten Sie Angst? Bei Ihrem ersten Einsatz, meine ich.«

Erst jetzt wurde dem Offizier bewusst, dass er etwas falsch gemacht hatte.

»Ja«, sagte er in einem milderen Ton. »Und Angst haben wir Alten heute immer noch, wir denken nur weniger dran. Dafür soll man sich nicht schämen.«

Meyer dankte ihm, indem er erleichtert einatmete und sich sichtbar entspannte.

»Einer von uns muss den Konvoi warnen«, sagte der Leutnant mit einem Seitenblick auf den Adjudant-Chef. »Kretschmar, das ist Ihre Aufgabe.«

Mehr brauchte der erfahrene Adjudant-Chef nicht zu wissen. Er warf einen Blick auf die Rebellen, sprang auf, huschte hinter die hohen Felsen und verschwand in ihrem Schutz lautlos und ungesehen in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Kaum hatte er die nächste Kurve erreicht, sah er schon die Kolonne, die sich langsam vom Westen her auf ihn zuschlängelte. Er lief ihr entgegen und winkte sie heran. Der Beifahrer des ersten Wagens war Heer, ein deutscher Sergent. Heer grinste. »Mensch, mon Adjudant-Chef. Machen Sie hier oben vielleicht einen Spaziergang?« Doch dann fiel ihm ein, dass Kretschmar nicht alleine unterwegs gewesen war. Nur zum Spaß würde er sich wohl kaum zu Fuß in dieser unwirtlichen Gegend herumtreiben. Mit einem wütenden Blick und wenigen Worten klärte Kretschmar den Sergent auf. Zunächst verblüfft, tätschelte Heer seine Waffe, eine brandneue MAS 1949-56. Mit der, so waren sich alle Legionäre im Regiment einig, konnte er Wunder vollbringen. Er beugte sich nach unten zum Fahrer.

»Fahr langsam vor bis zur Kurve, mach schon!«

Der Fahrer tat, was der Sergent von ihm verlangte. Einmal Sicht ins Gelände, erkannte Heer den Ernst der Lage sofort. Mit einem prüfenden Auge hob er die Waffe an die Schulter und schoss seelenruhig Kugel um Kugel in die Meute der Rebellen. Er hörte auch dann nicht auf, als neben ihm eine Zwölf-Sieben Bordkanone losratterte. Der Zug des Leutnant Germanos hatte seine Stellung erreicht und nahm den Feind seinerseits unter Feuer. Fünfzig Rebellen fielen dem präzise geführten Feuergefecht und dem sofort eingeleiteten Gegenangriff zum Opfer.

»Schöne Sache, Heer«, nickte Germanos dem Deutschen zu, als die Waffen endlich schwiegen. »Das war absolute Präzision. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr Name im Einsatzbericht erwähnt wird.«

»Kleinigkeit«, erwiderte Heer.

Kretschmar, der zugehört hatte, kriegte sich nicht ein.

»Und ich sorge dafür, dass Sergent Heer zwei Wochen lang Wache schiebt. In der Zeit kann er sich Gedanken darüber machen, wie man mit einem Adjudant-Chef der Legion spricht, der wahrhaftig nichts anderes zu tun hat als bei 45 Grad im Schatten allein in der Gegend spazieren zu gehen!«

Nachforschungen ergaben, dass die Befehle, die den Hinterhalt ausgelöst hatten, auf Russisch über Funk gekommen waren. Anhand der erbeuteten Waffen und der Munitionsreste konnte auch eine eindeutige nachrichtendienstliche Spur in den Sudan gelegt werden. Die wichtigste Erkenntnis, die aus diesem Hinterhalt gezogen wurde, war die, dass die Rebellen die Legionäre zum Tanz gebeten hatten: Vorbei war die Zurückhaltung! Als nach der Operation alle Elemente des 2. REP in Mangalmé eintrafen, begann der Auftrag. Unablässig, Tag wie Nacht rückten die Patrouillen auf der Suche nach den Rebellen aus. Da man auf Helikopter verzichten musste, griff der Zug des Leutnant Piétri auf Pferde zurück. Das wurde nicht nur geduldet, sondern sogar begrüßt. Diese Art aufgesessene „Harka“ hatte sich bereits in Aïn Sefra (Algerien) bewehrt. In den darauffolgenden Tagen überschlugen sich die Einsätze. Zwischen Eref und Mangalmé wurden aus der Luft Rebellen entdeckt. Vier Sikorsky H-34 Hubschrauber mit einem Zug Legionäre an Bord hoben ab und landeten unweit der Stellungen der Banditen in einem engen Talweg. Kaum hatten die Maschinen den Boden berührt, schwärmten die Männer aus, umzingelten die Rebellen und töteten acht von ihnen. In diesem Trott ging es noch eine Weile weiter, doch die Rebellen lernten täglich dazu. Als ob es ihnen gerade eingefallen wäre, vermieden sie es plötzlich, tagsüber aktiv zu werden, und es schien gar, als ob sie den bewaffneten Kampf zeitweise ganz eingestellt hätten. Für die Paras war die Situation nicht unbedingt befriedigend. Die Zeit verging. Es gab zwar jeden Tag etwas zu tun, aber oft waren Müßiggang und Langweile der ärgste Feind der Legionäre in der Garnison Mangalmé. Alarmiert beugte sich De Chastenet über das Problem des sich unter den Männern breitmachenden Unmuts.

»Das ist normal«, beruhigte ihn Adjudant-Chef Kretschmar. »Die Legionäre wollen kämpfen oder ficken. »Denen sind Marsch mit Gesang, der übliche Kasernendrill und die ständigen Corvées doch egal. Alles, was sie brauchen, ist ein gesalzener Einsatz. Oder Sie lassen Mädchen kommen. Ich könnte da was organisieren, bräuchte nur Ihr Einverständnis.«

»Das fehlte noch«, erwiderte der Kommandant barsch. »Aber bevor sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen …!« Er hielt inne und sah zum Fenster hinaus. Auf dem Vorhof standen Legionäre und gestikulierten mit Überschwang. Ihre lauten Stimmen drangen bis an seine Ohren.

»Mann, schaut mal, Hubschrauber!«

De Chastenet traute seinen Augen kaum. Aus der untergehenden Sonne heraus schälten sich ungewöhnliche Schatten. Hummeln gleich, flogen die Hubschrauber heran, drehten eine Schleife und landeten dann einer nach dem anderen auf dem Kasernenhof. Der Commandant rieb sich die Hände. Seinem Détachement waren definitiv die Hubschrauber zugeteilt worden, nach denen er immer wieder gefragt hatte. Außer sechs H-34 Truppentransporthubschraubern verfügten er und seine Männer nun über eine Alouette-2, eine H-34 „pirate“ – ausgestattet mit einer Bordkanone 20 mm – und über zwei Aufklärungsflugzeuge vom Typ Piper-Tripacer. Endlich konnten sie Aufklärung aus der Luft betreiben. Was den operationellen Teil anging, so dachte er daran, ähnlich zu agieren wie die Paras einst in Algerien. Die Piper oder die Alouette stöberten den Feind auf. Die H-34 brachten eine Einheit weit in seinen Rücken, wo die Männer sorgfältig angelegte Auffanglinien bildeten. Eine andere Einheit trieb ihnen die Rebellen dann direkt in die Arme. Auch erschien es unter diesen Umständen denkbar, weit im Hinterland, vor allem an den Pisten, die zur Grenze führten, ganz punktuell kleine Kommandos für einen nächtlichen Hinterhalt abzusetzen. In rascher Folge ereigneten sich mehrere Gefechte in der Region Bitkine, doch jedes Mal rückte die erste Kompanie aus, klärte die einzelnen Situationen und sammelte dabei wertvolle Kampferfahrungen. Die Legionäre gewöhnten sich langsam an den Einsatzrhythmus und an den Tschad. Im September verlegte die zweite Kompanie des Capitaine Aubert nach Fort Lamy und von dort, an Bord einer Trans Faya-Largeau all und dreier Nord Noratlas, weiter nach Faya-Largeau. Im Westen der Oasenstadt, mitten in der zerklüfteten Felswüste des B.E.T., hatten die Rebellen eine Einheit der regulären Armee angegriffen. Beim Eintreffen der Legion vor Ort wich der Feind aus. Der Ruf, der den Legionären stets vorauseilte, hatte sie vorsichtig werden lassen. Im Morgengrauen am Tag darauf stieß eine Patrouille auf die Ortschaft Bedo. Bedo war ein winziger Ort im Bembeche Massiv. Das „Bled“, wie die Legionäre ihn nannten, bestand aus ein paar heruntergekommenen Hütten aus gebranntem Lehm, die kreisförmig um den einzigen Platz des Dorfes standen. Ein alter Mann, begleitet von einem ockergelben Hund, kam den Legionären händeringend entgegen. Die anderen Einwohner waren zwar alle quicklebendig, hatten sich aber sicherheitshalber in den Hütten verbarrikadiert. Der Mann sprach kein Französisch, zeigte jedoch aufgeregt nach Norden. Dort, in der langsam aufgehenden Sonne gut sichtbar, begann ein tiefer, im Schatten hoher Felsen versteckter Canyon, dessen eng aufsteigende Felswände nichts Gutes verhießen. Capitaine Aubert begriff sofort. Prompt wählte er eine kleine Gruppe Legionäre aus.

»Nehmt die Verfolgung auf. Wenn ihr in einer Stunde nicht fündig werdet, kehrt um!«

Es wurde eine Hetzjagd. Die Legionäre ließen ihre Rucksäcke in Bedo zurück und drangen vorsichtig in den Canyon ein, in dem sich jeder Fels und jede Biegung als Hinterhalt anbot. Sie konnten den Feind hören, ihn aber nicht sehen. Immer wieder hielten sie an, weil vor ihnen verdächtige Schatten auftauchten, die sich dann aber als kleine, mit Stacheln übersäte Bäume entpuppten. Als das Licht besser wurde und die Umrisse sich endlich deutlicher herauskristallisierten, blieb der Legionär, der wie ein Jagdhund an der Spitze lief, plötzlich stehen. Atemlos, die Pistole in der Faust, war der Kommandoführer sofort an seiner Seite.

»Was ist los?«

»Da vorne sind sie!«

Der Sergent nickte. »Ich zähle sechs, und du?«

»Richtig. Und sie klettern wie Gämsen.«

»Was schätzt du, hundertfünfzig Meter, mehr?«

Der Legionär überlegte kurz und stimmte dann zu. »Hundertfünfzig. Wir könnten sie von hier aus alle auf einmal erledigen.«

Einige Sekunden darauf hallte das Echo der Schüsse von den Berghängen wider. Das Feuer war präzise und wirkungsvoll. Vier der sechs Rebellen starben, zwei hingegen gelang die Flucht. Sie hatten sich, so schien es, einfach in Luft aufgelöst. Im Dorf blieb die zweite Kompanie inzwischen nicht untätig. Auberts Männer stöberten eine versteckte Rebellengruppe auf und töteten in einem kurzen Feuergefecht den verantwortlichen Rebellenchef der gesamten Nord-Region des Borkou-Ennedi-Tibesti. Im Versteck fanden sich Dokumente von großer Bedeutung, einige Kriegswaffen, Nahrung, Waffen und Munition. Auch in Massloua bei Am-Timan kam es zu Kämpfen. Achtundsechzig Rebellen starben im Kugelhagel der Legionäre, und es war wie ein Wunder: Bisher gab es unter den Paras nur einige Leichtverletzte. Die Erfolge konnten jedoch nicht die Tatsache beiseitefegen, dass sich die Situation überall im Land drastisch zuspitzte. Und so kam es, dass die in Calvi verbliebenen Kompanien der Paras sich eine nach der anderen einfanden. Am 7. Oktober traf das EMT-2 unter dem Befehl des Major Malaterre im Tschad ein, und am 25. Oktober war das ganze Regiment, Oberst Lacaze an der Spitze, komplett im Einsatz. Darunter die dritte Kompanie, die schwere Kompanie, damals CAE, heute Compagnie d’éclairage et d’appui (CEA), sowie eine motorisierte Einheit, die Compagnie Motorisée de la Légion étrangère (CMLE). Letztere bestand aus Legionären des ersten Fremdenregimentes. Die Operation „Cantharide“ konnte also beginnen. Ziel der Operation war es, das gesamte Gebiet im Dreieck Bokoro-Melfikole-Bitkine zu befrieden. Die Resultate hingegen blieben aus. Sobald die Legion in Erscheinung trat, tauchten die Rebellen unter. Überhaupt agierten die Rebellen nun eher in kleinen Gruppen, was es schwieriger machte, sie aus der Luft aufzuklären. Auch waren die zurückzulegenden Distanzen einfach zu erheblich, und die Legionärs- Kompanien zwischen Faya-Largeau, Mongo und Mangalmé zu weit auseinandergezogen. Wenn man die Legions-Einheiten abzog, die an der Grenze zum Sudan operierten, dann erwies sich die Rechnung als einfach: Eine Kompanie musste in einer Region für Ordnung sorgen, die so groß war wie die Insel Korsika. Das zu stemmen war auch mit Unterstützung aus der Luft kein Leichtes. Ganz automatisch wurden die Patrouillen mit den Kfz seltener und kürzer, bis sie irgendwann ganz aufhörten. Schwer wog auch die Tatsache, dass im Nachbarstaat Libyen ein gewisser Muammar al-Gaddafi inzwischen die Macht an sich gerissen hatte. Sein Regime unterstützte die FROLINAT, und wer Unterstützung sagte, der meinte moderne Waffen, Munition im Überfluss und bessere Informationen über den Feind. Die Legionäre waren gewarnt!

TSCHAD0001

Februar 1970

»Sie wollen was?«

Leutnant Piétri dachte zunächst an einen Scherz.

»Ich muss meinen Bezirk inspizieren, ein paar Reden halten und den Bauern sagen, dass wir sie nicht vergessen haben. Und da könnte sich ein Begleitschutz als nützlich erweisen.« Der Unterpräfekt meinte es ernst. Die Lage in Mangalmé hatte sich mit dem Eintreffen der Legion in der Stadt und der Region sichtlich beruhigt. Um zu verhindern, dass die Rebellen sich die mentale Unterstützung der Bauern im Distrikt holten, wollte die Regierung jetzt handeln. „Kavallerist“ Piétri, der Verantwortliche für die Garnison Mangalmé, stimmte sofort zu.

»Wie viele Männer benötigen Sie für Ihre Kampagne?«

»Das liegt einzig und allein in Ihrem Ermessen, cher lieutenant!«

»Gut! Ich stelle Ihnen einen Zug ab, dazu drei Fahrzeuge und einen Chef, von dem ich große Stücke halte!«

Der Unterpräfekt blinzelte.

»Ich komme persönlich mit«, lachte der Leutnant. »Also, wann geht es los?«

Am nächsten Morgen pünktlich zum Sonnenaufgang rückte der Zug aus. Die Sitzflächen der Dodges waren aus Holz. Das war gut für ein paar Stunden, danach aber wurde es schnell unbequem. Wie immer, wenn Legionäre vorrückten, ob zu Fuß oder mit dem Fahrzeug, beachteten sie auch dieses Mal strenge Regeln. Das Prinzip „keine Bewegung ohne Feuer, kein Feuer ohne Bewegung“ steckte tief in ihrem Blut. Sobald sie sich einem Dorf näherten, fuhr ein Element in Deckung, saß ab und brachte sich in optimaler Kampfentfernung zum Ziel in Stellung. Eine Gruppe sicherte die Zufahrtswege, während der Rest des Zuges in den Ort eindrang, um zu sehen, ob dort die Luft rein war. Erst dann begab man sich getrost zum Marktplatz, wo der Unterpräfekt seine Reden schwang. Gegen Mittag erreichten sie ein völlig unscheinbares Dorf. Während der Unterpräfekt die Dorfbewohner zusammentrommelte, sah sich Leutnant Piétri etwas in der Gegend um. Und er sprach mit einigen Einwohnern. Was er in Erfahrung brachte, verpasste ihm augenblicklich einen gewaltigen Adrenalinstoß.

»Die Rebellen waren hier!«

»Wann?«

»Eben erst, vor einer Stunde.«

Piétri sah nach Westen hinüber. Dort begann es bereits zu dämmern.

»Und wo sind sie hin?«, fragte er innerlich aufgewühlt.

Der alte Bauer wies in eine Richtung. »Da rüber.«

»Verdammt, muss man dir jeden Wurm einzeln aus der Nase ziehen? Wie viele waren es?«

»Dreimal so viele, wie ihr es seid«, sagte der Bauer lachend und zeigte dabei eine Reihe verfaulter Zähne. »Und jede Menge Waffen hatten sie auch dabei. Funkelnagelneue sogar.«

Nun gab es nichts mehr, was Leutnant Piétri zurückhalten konnte.

»Gruppenführer, aufsitzen lassen!«, brüllte er, sprang auf sein Fahrzeug und brauste davon. Die Befehle gab er unterwegs per Funk.

»Direktion immer mir nach, Reihenfolge egal, Feuer frei auf Imitationen oder wenn ihr die Rebellen als solche ausmachen könnt. Eine Rebellengruppe ist auf dem Weg ins nächste Dorf, deshalb!«

Die Legionäre, von den vorausgegangenen Manövern in der prallen Sonne noch völlig erschöpft, waren plötzlich hellwach. Zwei Fahrzeuge schossen an Piétri vorbei und rasten mit voller Geschwindigkeit auf die Rebellen zu, die sich genau in dem Augenblick zeigten, in dem die Sonne langsam am Horizont erlosch. Das anschließende Gefecht war kurz, aber heftig. Ein Legionär wurde dabei schwer verletzt, elf Rebellen getötet.

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Wahre Anekdoten

Leutnant Piétri wurde gegen Ende des Tschad-Aufenthaltes von einer Kugel erwischt. Sie traf ihn in die Brust. Einmal im Krankenhaus in Fort Lamy, hatte der Leutnant jedoch nichts Besseres zu tun, als die „Mauer“ zu machen. Er hatte es vor Langeweile nicht mehr ausgehalten und streifte deshalb nachts durch die Bars. Ein Legionär, der bei einem Einsickern hinter die feindlichen Linien den Marsch seines Zuges nach hinten sicherte, wurde auf ein Knistern in seinem Rücken aufmerksam. Da er aber in der stockdunklen Nacht nichts Ungewöhnliches sah, und zwischendrin immer mal alles friedlich war, dachte er sich nichts weiter dabei. Erst als das Geräusch nach einigen Minuten wiederkehrte, ging er in die Hocke und zielte mit dem Gewehr in die Richtung, aus der er gekommen war. Schon bald darauf löste sich ein riesenhafter Schatten aus der Dunkelheit. In seinen Spuren lief tatsächlich ein Löwe. Mit dem Beginn des Jahres 1970 änderte sich vieles. Urplötzlich tauchten neuwertiges Gerät und moderne Waffen in den Händen der Rebellen auf. Bewegten sie sich gestern noch zu Fuß oder auf den Rücken ihrer Pferde und Kamele, so sah man sie seit kurzer Zeit aufgesessen auf brandneuen 4×4 Toyota Pick-ups. Und oh Wunder, sie besaßen plötzlich schwere, auch deutsche MGs und Mörser. Ob sie diese handhaben konnten und wie, das stand auf einem anderen Blatt. Was beunruhigender war: Es schien so, als hätte jemand den Rebellen über Nacht etwas ins Ohr geflüstert! Sie besannen sich plötzlich darauf, dass sie schon immer einen Guerillakrieg gegen die reguläre Armee, aber nicht zuletzt auch gegen die unerwünschten Ausländer, die sich das Land untertan machen wollten, geführt hatten. Ein frischer Atem, der des Aufstandes und der Rebellion, füllte plötzlich ihre Lungen. Und der erreichte den gesamten Norden Tschads. Wie der Schirokko, der unaufhaltsame Saharawind, ging ein Aufschrei von Hütte zu Hütte, von Dorf zu Dorf, von Erg zu Erg. Dieser Schrei hatte nur eine Bedeutung. Widerstand, koste es, was es wolle!

Bei den Legionären gab es nichts Neues. Zumindest mussten sie sich immer noch mit Waffen herumschlagen, die aussahen, als kämen sie direkt vom Schwarzmarkt oder aus dem Museum. Ihren Kampfgeist sollte das aber nicht beeinträchtigen: Im Gegenteil! Nachdem sie Weihnachten in ihren Außenposten gefeiert hatten, kam es am 6. März 1970 zu schweren Kämpfen in der Provinz Ouadaï, genauer gesagt in der Region Safay. In einem Feuergefecht stellte die erste Kompanie eine Rebellengruppe auf dem Markt von Dabandat. Eine zu Hilfe eilende Nomadeneinheit wurde sofort unter Beschuss genommen. Ihr Führer fiel. Der Arzt des 2. REP, Michel de Larre de la Dorie, wurde tödlich getroffen, als er den Mann, der schwer verletzt am Boden lag und sich nicht mehr rührte, bergen wollte. Die Methodik und die Effizienz, mit denen die Legionäre in jedem Kampf zu Werke gingen, erzeugten beim Feind Wut und Verzweiflung. Das jedoch machte ihn umso gefährlicher. Am 17. März 1970 operierte die motorisierte Kompanie unter dem Befehl des Capitaine Aubert im Gebiet zwischen Mangalmé und Oum-Hadjer. Gegen 17 Uhr 30 geriet der stellvertretende Kompaniechef mit dem dritten Zug bei dem Ort Dabazin in ein Feuergefecht mit den Rebellen. Fünfzehn Gegner wurden getötet, ein paar alte Waffen erbeutet, die eigenen Wunden gepflastert. Am 28. November kam es im Canyon Guelta-Maya zu einem Kampf zwischen Rebellen und der CMLE. Die Rebellen ergriffen die Flucht. Ende Dezember fand in der Region um Abou Deia, Am-Timan und Azrak die Operation „Coccinelles“ statt. Zwei Legionäre der CMLE fielen bei Tchalak. Das Ende des Abenteuers Tschad näherte sich. Als ob die Legionäre rochen, dass sie anderswo niemals so brillante Kampferfahrungen sammeln konnten, stürzten sie sich ohne Morgen in jedes einzelne Gefecht. Nur für die CAE des Hauptmanns Wabinski jedoch sollte es noch eine Überraschung in letzter Minute geben. Doch das ahnte zu der Zeit noch niemand.

ZOUAR 1970

Ein Schützengraben in Korsika

Die erste Begegnung zwischen Oberst Wabinski und mir fand gegen Ende 1987 statt. Das Regiment hielt ein Manöver oben in den Bergen Korsikas ab. Es herrschte ein Sauwetter, regnete, was der schwarzgraue Himmel hergab. Die Wolken klebten wie schwarze Trauben am Cappu Giovu, der über die Balagne zu wachen schien. Die Temperaturen waren auf den Nullpunkt gesunken. Ich lag in einem Schützenloch auf meiner vom Regen nassen Zeltbahn, als sich aus dem Nebel heraus plötzlich eine bullige Gestalt löste. Der Mann, es war Oberst Wabinski, ließ sich neben mir im Trockenen nieder, zog eine Thermosflasche aus einem kleinen Rucksack und schenkte Kaffee in einen Blechnapf, den er mir hinhielt. »Trink, Caporal!« Der Befehl eines Obersten des 2. REP wird nicht diskutiert, weder damals noch heute. Der Colonel persönlich inspizierte seine Manövertruppe. Zu sagen, ich war verblüfft, trifft nicht das Wort, das mir damals im Kopf rumging: Ich war schwer beeindruckt! Ein oder zwei Jahre später begegnete ich dem alten Oberst am Flughafen in Nizza wieder. Fast hätte ich ihn nicht erkannt. In Zivil sah er aus wie ein stattlicher Weinbauer, dem der Anzug nicht so recht passen wollte, nicht aber wie ein ehemaliger Stabsoffizier der Fremdenlegion. Es war schon etwas Ironie mit im Spiel, denn ausgerechnet von hier, von Nizza aus, startete im Jahr 1969 das Tschad-Abenteuer für Frankreichs Prestigeregiment. Und der „Weinbauer“ war Teil dieses Abenteuers. Und nicht der geringste.

Bald geht’s weiter…

… und hier geht’s zum Buch!

Urban Survival – Terror und Krisen vor deiner Tür

Urban Survival – Die Themen Krisen und Kriege fallen ganz offensichtlich in die Kategorie: „Wird nicht stattfinden!“ Einerseits fehlt hierfür das notwendige Interesse der Bürger, andererseits wird die Möglichkeit einer tatsächlichen Eskalation öffentlich auch zu wenig debattiert. Fakt aber ist, dass die Menschen für Krisenszenarios nicht sensibilisiert sind und eine detaillierte Aufklärung von Seiten der Behörden kaum gegeben ist. Sicher – was den Zivilschutz anbelangt, existieren einige rare Aufklärungskampagnen und es gibt gute Ansätze für einen Informationsfluss von den Behörden in Richtung Bevölkerung, doch das geschieht hauptsächlich auf dem Papier und wenn man nicht ganz gezielt im Internet danach Ausschau hält – also nicht selbst Interesse zeigt –, dann werden diese Informationen vom Bürger auch wenig wahrgenommen.

 

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Der Autor Thomas Gast geht im zweiten Band von Survival Total ganz bewusst bis an die äußerste Grenze des dehnbaren Begriffes Überleben. Den ersten Teil des Buches widmet er Extremsituationen. Durch das Heraufbeschwören verschiedener Situationen, angefangen von einfachen Streits, bis hin zur faustdicken Krise und weiter über sehr realistisch aufgezeigte Bedrohungsszenarien, möchte er von der Wichtigkeit des Inneren Kreises, wie er Familie, Bekannte und Freunde nennt, überzeugen.

 

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Er schreibt vom Generationskonflikt ebenso bewegend, wie vom Konfliktmanagement, vom Datenmissbrauch, von einem drohenden Super-Gau (wieder ganz aktuell) vom Burnout, wie auch vom Selbstschutz daheim und im heimischen Krisen- und Kriegsgebiet. Der Selbstverteidigung und der körperlichen Fitness misst er zum Überleben in der Krise eine ebenso große Rolle bei, wie der mentalen Stärke.

 

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Wer sagt den Bürgern konkret, was sie im Falle eines schnellen Angriffskrieges (gegen uns gerichtete Aggression eines anderen Landes) tun könnten, um sich zu schützen? Wer unterbreitet ihnen ein Konzept, so minimal es auch sei, wie wir uns vor den Einwirkungen der Wucht konventioneller Waffen oder vor den verheerenden Effekten der Explosion einer Nuklearwaffe schützen können?

 

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Leben unter fremder Flagge – Kundenrezensionen

5,0 von 5 Sternen

31. März 2017. Ich habe bis dato alle Bücher von Hn. Gast gelesen und bin immer wieder begeistert wie vielfältig die Thematik „Fremdenlegion“ ist. Herr Gast versteht es hervorragend auf Grund seiner gut 17-jährigen Erfahrung in dieser Einheit aktuelle Themen und geschichtliche Hintergründe der Legion zu erläutern und zu erklären. Aus meiner Sicht gibt es derzeit keinen besseren Autor der über das Thema „Legion Etrangere“ so umfassend, detailliert und spannend berichtet. Ich freue mich schon sehr auf ein weiteres neues Buch von Hn. Gast ! (Gernot Lütz)

 

4. März 2017. Ein spannendes, packendes und interessantes Buch, das einen guten Einblick in die Légion étrangère (Fremdenlegion)bietet. Der Autor Thomas Gast beschreibt das Leben in der Legion in der er selbst 17 Jahre treu gedient hat, „Honneur et Fidelite“ Ehre und Treue das Motto dieser Elite Truppe. Man nennt sie auch Frankreichs „Fremde Söhne“, keine französische Mutter muss um einen Sohn weinen, wenn einer dieser Männer im Einsatz sein Leben lässt. Danke Thomas Gast für die faszinierenden Einblicke in eine Welt in der das Leitmotiv „Ehre und Treue“ ist. Ein Motto das der Welt und den Menschen, zumindest ein darüber „Nachdenken und Respekt“ vermitteln sollte. (Günter Hofsäß)

28. Februar 2017. Kann mich den anderen Besprechungen nur anschließen, wieder einmal ein sehr gutes Buch über die Fremdenlegion aus erster Hand! Der Autor berichtet über seine Zeit und den Einsätzen in der Fremdenlegion und dokumentiert damit gleichzeitig die unterschiedlichsten Einsatzgebiete der Legion in den vergangenen Jahrzehnten. Der Mythos Fremdenlegion wird einem näher gebracht, aber auch mit kritischen Anmerkungen wird nicht gespart. In einer klaren Sprache und einem guten Schreibstil kann man die Geschichte von Thomas Gast nachlesen. Eine klare Kaufempfehlung und freue mich auf weitere Berichte zu Thomas Gast Erfahrungen aus den Konfliktgebieten der vergangenen Jahrzehnten, (ein unbekannter Amazon Kunde)

Leben unter fremder Flagge

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 21. Februar 2017. Empfehlenswertes Buch über die Fremdenlegion. Mir hat das Buch außerordentlich gut gefallen. Es kommen darin Erlebnisse, Eindrücke usw. sehr deutlich und vor allem sehr ehrlich zum Ausdruck. Das ist leider bei vielen Erzählern nicht der Fall, da wird manipuliert, herumgebastelt, man versucht irgendwie den Text so zu gestalten, dass er sich vielleicht gut verkauft oder gewissen Anschichten entspricht usw. Das ist bei dem Buch keineswegs der Fall, im Gegenteil – und mir imponieren, ehrliche Wiedergaben !!! Zudem hat das Buch eine besondere Note, es wird gleichzeitig auch die Geschichte der Legion dargestellt, sodass man hier einen Vergleich bekommt, wie war das, bzw. wird durch diese sehr detaillierte Aufarbeitung der Geschichte der Legion, jegliche Mythenbildung der Wind aus den Segeln genommen, hier stehen Tatsachen, Fakten – die jederzeit belegbar sind, bzw. einen sehr hohen Aufklärungswert haben – und Dank dieser Mühe die sich der Autor damit gemacht hat bekommt das Buch für mich einen ganz besonderen Stellenwert, ja – ein unbedingt notwendiges Buch über die Legion !!! Ich kann dem Buch nur viele Leser wünschen !!! Es verdient gelesen zu werden!!! (Johann Danner)

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13. Februar 2017. Ein Volltreffer! Wer glaubt, er weiß schon viel über die Légion étrangère hat dieses Buch noch nicht gelesen!!! auch Ahnungslose bekommen hier einen Einblick in eine andere Welt!!! der Autor Thomas Gast hat die Fähigkeit und vor allem das Wissen und die Erfahrung, und bringt das auch noch unglaublich spannend und interessant zu Papier!!!! ich habe ja schon viel über das Thema gelesen, aber der Autor und Legionär Thomas Gast schreibt wie kein anderer!!! ich habe alle Bücher von Thomas Gast gelesen, und kann nur eine klare Kaufempfehlung aussprechen! Es geht nicht besser. (Walter Laussegger)

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Joisey Marine, am 28. Januar 2017. Tolles Buch, vive La Legion! Herr Gast war 17 Jahre lang bei der Legion. Bei der berühmten Legion ist schon eine Herausforderung. Doch Herr Gast ist noch stärker und hat bei den Fallschirmjägern gedient. Bei dieser Einheit muss man nicht nur topfit sein, aber auch psychologische stark sein. Herr Gast beschreibt seine ersten Tagen bei der Legion, zum Beispiel, wie er sich dazu verpflichtet hat, wie die Grundausbildung aussah, was für Männer gedient haben und so weiter. Besonders interessant war sein Einsatz im Süd Amerika. Herr Gast beschreibt seine Erlebnisse bei dem 2. REP. Herr Gast Schreibt in einem Stil, dass nicht nur leicht zu lesen ist, sondern auch sehr interessant ist. Ich habe es sehr schnell gelesen. Konnte das Buch kaum weglegen. Dieses Buch ist genauso gut wie das von Simon Murray- Fünf Jahre bei der Fremdenlegion oder Bernhard Fall- „Hell in a Very Small Place.“ Ich empfehle das Buch nicht nur für Fans und Veteranen der Legion, sondern auch für Leute, die gerne Abenteuerbücher lesen. Herr Gast ist ein begabter Autor-

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Alex Thunder, am 18. Januar 2017. Die Fremdenlegion fasziniert mich seit ich denken kann. Durch Zufall bin ich auf diesen Autor gestoßen und jedes der Bücher hat bei mir die Leselust auf das nächste Buch geweckt. Immer wieder ein interessanter Einblick mit vielen eindrucksvollen Anekdoten des Autors. Mir gefällt der Schreibstil auch hier wieder außerordentlich gut!! Auch die Auswahl der vielen Fotos oder die Skizzen zu den erlebten Ereignissen ziehen den Leser in seinen Bann! Ich hoffe und freue mich auf weitere Bücher; daher

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Raphael R., am 7. Januar 2017. Ein tolles Buch! Wieder ein tolles Buch von Thomas Gast über das Leben in der Fremdenlegion. Für alle die sich mit dem Thema Fremdenlegion beschäftigen und wissen wollen wie das Leben eines Legionärs aussieht. Es wird nicht beschönigt oder glorifiziert, sondern dargestellt was einen erwartet, der sich in die Fremdenlegion begibt. Sehr zu empfehlen.

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Ich bedanke mich in allerschärfster Form bei den namentlich genannten Lesern – sowie beim Leser ohne Namen. Merci et vive la Légion étrangère! Der Autor

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Saint Michel, ein Rindvieh und etwas Desert-Storm

… aus

Leben unter fremder Flagge

 

Saint Michel

Calvi, 29. September 1990. Die Transall zog eine Schleife über der Revelatta und näherte sich langsam wieder der Sprungzone. Wer ein geübtes Auge besaß, der konnte den Absetzleiter erkennen, wie er, aus der Tür der Transall gebeugt, den genauen Absetzpunkt berechnete und gleichzeitig nach den Rauchtöpfen am Boden Ausschau hielt, die Anfang und Ende der Drop Zone markierten.

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Die Transall flog auf 600 Metern Höhe. Üblicherweise sind 300 m bei Automatiksprüngen der Standard, doch es ging um einen Wettbewerb. Mitten auf dem Absetzplatz lag ein Seil. Auf dieses Seil hin sollten die ausgewählten fünf Mann jeder Kompanie sich nach dem Sprung sammeln, und das so schnell wie möglich. Gesprungen wurde nicht mit dem 672/12, sondern mit dem A15. Dieser hatte die knallgelbe Reißleine außerhalb auf dem oberen Abschnitt des Packsackes liegen. Die Stoppuhr lief, sobald das grüne Licht in der Maschine gegeben war. Der Wettkampf würde weitergehen, und zwar mit anderen Stationen. Eine Aufgabe zum Beispiel war es, mit einem Sack über dem Kopf Waffen auseinander- und wieder zusammenzubauen, doch so weit sollte es an diesem Tag nicht kommen.

 

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Danny, der Caporal-chef aus Österreich, war einer der Soldaten, die bei dieser Disziplin unsere erste Kompanie vertraten, genauer gesagt war er der Chef unserer fünfköpfigen Equipe. Das kam nicht von ungefähr. Danny war Gruppenführer. Obwohl nur Caporal-chef, gehorchten ihm die Männer blind. Er war, was die Franzosen un „Sacré numéro“ nennen würden. Aufgrund seiner ungezwungenen und direkten Art, seines enormen Selbstbewusstseins, seiner Kompetenz und seiner natürlichen Autorität genoss er in der Kompanie ein hohes Ansehen. Mit seinen Männern konnte er außer Dienst Freund und Saufkumpan sein, im Dienst aber wagte niemand es, ihm auf die Schulter zu klopfen. Sogar die alten Unteroffiziere respektierten ihn und so manch einer machte schon mal einen Bogen um ihn, wenn er ein schlechtes Gewissen hatte. Ich stand neben dem Turm nahe der ersten Kompanie und zählte die Fallschirme, die sich mit dem charakteristischen Plopp geöffnet hatten.

»Eins, zwei, drei, vier …?«

Einer fehlte.

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Ein Raunen lief durch die Reihen der Zivilisten, die zu Hunderten am Boden standen und wie ich, den Kopf in den Nacken gelegt, nach oben starrten. Danny, der als Vorletzter die Maschine verlassen hatte, war an der Transall hängen geblieben. Obwohl die Situation unpassend war, musste ich grinsen: Wenn es einen im Regiment gab, der immer wieder für Aufregung sorgte, dann Danny! Die Tatsache, dass er da unter der Maschine hing, war an und für sich nicht beunruhigend, denn wir Militärs wussten, dass die Absetzer nun zwei Optionen hatten. War der Springer bei Bewusstsein, konnte man ihn, sollten er und sein geöffneter Schirm eine Gefahr für das Flugzeug und die anderen Passagiere darstellen, einfach abschneiden. Da die Sprunghöhe ausreichte, den Reserveschirm zu ziehen, war das durchaus möglich. Die andere Variante war, ihn in die Maschine zu ziehen. Dazu war die Transall mit einem Treuil, einem hydraulischen Seilzug, ausgestattet. Danny war bei vollem Bewusstsein und nachdem er ein, zwei Gratisrunden am Flugzeug hängend gedreht hatte, zog man ihn schließlich zurück in die Maschine. Der Arme kam jedoch nicht nur mit dem Schrecken davon (der so groß auch nicht war, wie er mir später versicherte), nein! Die Fehlersuche ergab wohl, dass er kurz vor dem Verlassen der Maschine seinem SOA (Sangle d’ouverture automatique, der Reißleine) etwas ins Ohr geflüstert hatte. Eigene Unachtsamkeit. Er bekam zehn Tage Bau dafür!

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Was mich über alle Maßen beeindruckte, war die Musique Principale de la Légion étrangère (MPLE.). Bei der Veillée Saint Michel zogen sie von Kompanie zu Kompanie und spielten mal hier mal dort. Nie vorher und nie nachher hat mich Militärmusik so in ihren Bann gezogen. Das war nicht einfach nur Musik, das war ein Hochgenuss, ein Ohrenschmaus vom Feinsten!

Bei folgendem Ereignis weiß ich nicht mehr, ob es Camerone oder Saint Michel war. Ich, junger, ehrgeiziger Unteroffizier, hatte Wachdienst. Ich war Chef de poste der Garde 24. Der Wachdienst begann früh um 5 Uhr 30, und dauerte ganze vierundzwanzig Stunden, deshalb Garde 24.

defile-camp-raffalli

»Gast, ich dreh ’ne Runde im Camp. In meiner Abwesenheit bist du der Chef, weil der Offizier vom Wachdienst mit dem COMSEC unterwegs ist.«

Es war der SOP, der Sous-officier de permanence.

»A vos ordres, Chef!« Ich warf einen Blick aus dem Fenster. Das ganze Regiment war im Paradeanzug angetreten, Medaillen funkelten, alles war blitzblank und es lag ein Hauch von Festlichkeit in der Luft. Eine Hundertschaft von geladenen Gästen – darunter einige hohe Generäle, der Bürgermeister der Stadt sowie der Präfekt der Insel – wartete mit Spannung auf die folgende Zeremonie. Auf dem gepflegten Rasen vor dem Foyer, dem Parc BEAUMONT, war unter Palmen und olivfarbenen Zelten ein stattliches Festbankett aufgebaut. Neben dem Monument am Ende der Place d’arme, stand links und rechts die Hundeführerstaffel mit den Belgischen Schäferhunden. Die Patrouille de France (Alpha Jets, französische Kunstfliegerstaffel, die mit zu den Besten der Welt gehört) näherte sich, alles war gut getimt, die Dinge schienen perfekt, und dennoch: Der Regimentskommandeur sah immer wieder ungeduldig auf seine Uhr, während sein Stellvertreter, etwas abseits, dem Offizier vom Wachdienst irgendwelche Anweisungen gab.

»Sergent!«

Einer meiner Wachsoldaten stand vor mir.

»Da ist einer vorm Tor, der behauptet, Journalist zu sein. Er hat keinen Ausweis dabei.«

Journalist und keinen Ausweis? Lachhaft!

»Schick ihn weg.«

Eine Minute später stand derselbe Soldat wieder vor mir. »Er sagt, er hat ’ne Einladung. Er soll Bilder machen oder so!«

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Ich stand auf und ging hinaus, wo ein dicklicher Mann lebhaft mit den Armen gestikulierte. Um seinen Hals hing eine ganze Palette von teuren Fotokameras. In der Hand hielt er ein Stativ. Als er mich sah, lächelte er, warf aber meinem Soldaten, der ihn am Hineingehen hinderte, einen giftigen und gleichzeitig triumphierenden Blick zu.

»Na also, sergent. Sie kennen mich doch!«

Er wollte sich am Soldaten vorbeizwängen, was dieser jedoch mit einem energischen Griff verhinderte. Auf meine Soldaten war eben Verlass.

Es stimmte, ich hatte den Mann schon ein paarmal hier im Camp gesehen und wusste oder ahnte zumindest, dass er Journalist für den Corse-Matin, eine der größten Tageszeitungen der Insel, war. Was er aber offenbar nicht wusste, war, dass ein Sergent der Fremdenlegion vor ihm stand.

»Ausweis?«

Er schüttelte den Kopf.

»Einladung?«

Sein Kopf wurde knallrot. »Der COMSEC ist ein Freund von mir!«, drohte er. Ich gab dem Soldaten ein kurzes Zeichen, worauf er den Aufdringling wieder Richtung Straße bugsierte.

»Das wird Ihnen noch leidtun. Das wird ein Nachspiel haben!«

Wort für Wort sah ich vor meinem inneren Auge die Vorschriften, die da klar und deutlich sagten: Jeder Besucher muss einen Ausweis mit Bild vorweisen können. Ich war mit mir zufrieden, und wie hatte der SOP gesag? Ich bin der Boss!

Kaum zurück in meinem Büro, klingelte das Telefon. Es war der Président des sous-officiers, der Präsident der Unteroffiziere (PSO). Ein Major, also der höchste Dienstgrad, den ein Unteroffizier erreichen konnte.

»Komm sofort in mein Büro!« Kaum hatte er diesen Satz heraus, hörte ich das wütende Klicken in der Leitung, das mir zuflüsterte: Alarmstufe Rot!

Eine Minute später stand ich stramm vor ihm. Unüblich war, dass er mir nicht die Hand schüttelte. Er erhob sich nicht mal.

»Gast, du bist das blödeste Rindvieh, das mir je begegnet ist!«

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Es stellte sich heraus, dass der Regimentskommandeur die ganze Zeit nur auf das Erscheinen dieses Journalisten gewartet hatte, deshalb der frenetische Blick zur Uhr. Es war das erste und wohl das letzte Mal, seit 1967 (Datum, an dem das Regiment in Calvi Garnison bezogen hatte), dass am Tag nach Camerone (oder Saint Michel? weiß ich nicht mehr) keine Bilder des Regiments in der Zeitung erschienen. Fazit: Man lernt immer dazu. Eine strikte Ausführung der Befehle sollte immer paarlaufen mit, wie es die Amerikaner so schön nennen, common sense! Flexibilität stand damals leider noch nicht in meinem Lexikon.

 

Kuwait, Irak, Desert-Storm

Der offizielle Beginn der Feindseligkeiten war gegen 00 Uhr 01 am 17. Januar 1991. Schon lange Wochen vorher befanden wir Legionäre uns in einem Zustand, den man mit Messerwetzen beschreiben konnte. Unsere Enttäuschung war entsprechend groß, sogar enorm, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass unser Regiment nicht an diesem Krieg teilnehmen würde. Über das Warum gab es damals ebenso viele Spekulationen wie Sand am Meer. War es wirklich nur, weil wir nicht wie unser Nachbarregiment, das 2. REI, über gepanzerte Fahrzeuge verfügten?

Enttäuschte Gesichter, wo man auch hinsah! Wie sollte man einem Legionär erklären, dass gerade das 2. REP, das als Speerspitze Frankreichs schlechthin galt, nicht allen voraus die arabischen Wüstenforts der republikanischen Garden Saddam Husseins stürmte? Am Tag, an dem unsere CRAP loszogen, um alleine den Namen unseres Regiments wieder einmal in aller Munde zu legen, flossen in Calvi so einige Liter Bier. Am 28. Januar desselben Jahres verlängerte ich meinen Vertrag um drei weitere Jahre.