Die Fortsetzung aus …

Leben unter fremder Flagge

(Thomas Gast)

Frühjahr 1985. Wir befinden uns mitten in der Grundausbildung in Castelnaudary, der ´Männerschmiede` aller Fremdenlegionäre.

»Gast!«

Ich nahm Grundstellung an. »À vos ordres, Sergent?«

»Matricule, numéro d’Famas, groupe sanguine!?«

Die Matricule war eine individuelle sechsstellige Erkennungsnummer und die FAMAS war ab diesem Zeitpunkt unsere Waffe. Die Waffennummer, die Matricule sowie seine Blutgruppe nicht auswendig zu kennen, hätte auch hier ernsthafte Folgen gehabt. Eine Woche lang Toiletten schrubben, mindestens! Der Sergent grinste voller Vorfreude, doch meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Ich hatte viel gelernt, mein Französisch klang perfekt.

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CopyrightLégion étrangère

Der Sergent war verblüfft. »Wer ist dein Binôme, Gast?«

»Engagé volontaire Bannhoultz, Sergent.«

»Gut.« Er sah sich über meine Schulter hinweg bereits nach einem neuen Opfer um. »Sag Bannhoultz, dass ich mit seiner Arbeit zufrieden bin!«

Mir war nicht entgangen, dass er nicht gesagt hatte, zufrieden mit deiner Arbeit‘! Ich war also auf der Hut! Am Ende der ersten Woche fuhren wir mit den Simcas und den alten Dodges auf die Farm Bel-Air. Dass es für uns kein Spaziergang werden würde, darauf hatten wir uns bereits vorbereitet. Horrorgeschichten gingen um. Sie erzählten davon, dass hier Legionäre, wenn man sie bei einem Fluchtversuch ertappte, gestellt und erschossen würden. Ich gab nicht viel drauf. Solche und ähnliche Geschichten erzählten der Regel nach Deserteure, wenn sie nach Hause kamen und sich dort ausweinten, um auf diese Art ihrer Flucht einen abenteuerlichen Touch zu verleihen. Was ich im Laufe meiner langen Jahre in der Fremdenlegion immer wieder festgestellt habe, war, dass der Legionär par excellence ein Soldat des Geländes ist. Manöver, Ausbildung, Einsätze und lange, lange Märsche, das waren die Essenzen, von denen wir zehrten.

Die Bequemlichkeiten eines festen Quartiers taten zwar ab und zu gut, aber im Grunde gesehen zog es uns hinaus. Die Farmen des 4. RE bereiteten den jungen Legionär auf dieses Leben aus dem Rucksack vor. Sie vermittelten ihm Rustikalität, Zusammenhalt, brachten ihn der Natur näher, und das alles im alltäglichen Schweiße seines Angesichts. Ich übertreibe sicherlich nicht, wenn ich behaupte, dass die Farmen die Basis, die Schmiede und der Kitt unseres Zusammenhaltes waren. Dieser Korpsgeist wiederum war ausschlaggebend für das hohe Ansehen, das wir weltweit genossen. Und für unsere Erfolge!

FAMAS

FAMAS – Fusil d’assaut de la manufacture d’arme St.-Etienne 

Bel-Air war eine Farm etwa siebzehn Kilometer von Lapasset entfernt. Es handelte sich um ein einziges, stattliches Gebäude. Dieses lag auf einer Lichtung, die von allen Seiten von einem dichten Wald umgeben war. Es führten nur ein Schotterweg sowie ein paar Schleichwege dorthin. Die Infrastruktur war mehr als rustikal. Nichts war warm, rosig oder etwa bequem. Zwar gab es fließendes Wasser, aber beim Duschen war es meist kalt bis lauwarm und trotz elektrischen Stroms konnte man das Eis innen von den Fenstern kratzen. Ein Fußball-Terrain lag hinter dem Hauptgebäude, einen Ball bekamen wir jedoch nie zu Gesicht.

»Sieh dir das verdammte Seil an«, flüsterte Thompson mir zu, als wir unser Gepäck abluden. »Die Hälfte wird es nicht schaffen, wetten?«

Mein Magen knurrte und die nagelneuen Kampfstiefel drückten. Ich sah rüber zum Seil. Es war gut und gerne zwei Meter länger und viel dünner als das in Lapasset: Eine Herausforderung war es allemal! Ich pfiff leise durch die Zähne.

»Kann schon sein, Thompson. Aber denk dran, dass du das Seil nicht runterreißen, sondern an ihm hochklettern sollst!«

Wir lachten beide, duckten aber sofort scheu die Köpfe, als der Caporal de jour mit grimmiger Miene in unsere Richtung sah. Eine halbe Stunde später gab es Brotzeit (Casse-croûte). Sardinen, Weißbrot und Wasser mit einem roten Sirup drin, doch die Sachen sollten wir uns erst verdienen.

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Die FAMAS in den späteren Jahren mit einer Aim-Point Zieleinrichtung. Im Bild – ein Legionär bei einem Manöver in Neukaledonien.

»Aperitif!« Die Stimme des Caporal de jour knallte wie eine Peitsche.

Uns erwartete nicht etwa ein Martini on the rocks. Aperitif nannten wir die sportlichen Einheiten vor dem Mittag- und Abendessen: eine gesalzene Serie Liegestütze, Sit-ups und dann, längst Kompott in den Armen, sofort das Seil hoch.

Thompson runzelte die Stirn. »Wenn das mal gut geht!«

Der Erste, der vor dem Seil stand, war Ho, ein schmächtiger Vietnamese. Er fraß das Seil buchstäblich in sich hinein. Ich schätzte, dass er die acht Meter in sechs Sekunden geschafft hatte. Der nächste Kandidat machte sich bereit. Kaiser war ein dickwanstiger Ostdeutscher. Obwohl er beim Laufen gut mithielt, stand er mit dem Seil auf Kriegsfuß. Mit Mühe und Not schaffte er es bis zur roten Markierung ganz oben, aber dann verließen ihn die Kräfte; und als er nach unten sah, auch der Mut. Mit einem lauten Aufschrei ließ er sich fallen, hielt aber das Seil den ganzen Weg nach unten noch mit beiden Händen umklammert. Wimmernd rollte er sich am Fuße des Seiles zu einer Kugel zusammen. Seine Hände waren blutig, sein Mund zu einem Schrei geöffnet. Zum Dank für seine Bravour bekam er keinen Orden, sondern einen gewaltigen Fußtritt in den Allerwertesten.

»Debout, crétin. Au prochain!« Steh auf, Idiot. Der Nächste ran ans Seil!

Der Schwierigkeitsgrad der Ausbildung hielt sich in Grenzen. Was uns zusetzte, war die Kälte. Es war Anfang März, der Schnee lag knöcheltief und die Temperaturen waren weit unter dem Gefrierpunkt. Der Schlafmangel und die Tatsache, dass wir ständig Hunger hatten, erleichterten uns nichts. Wir dachten ständig an eine warme Stube, ein gutes Essen und an ausreichend Schlaf. Die Moral pfiff aus allen Löchern!

Das Essen war zwar ganz in Ordnung, aber für die körperlichen Leistungen, die Tag und Nacht von uns gefordert wurden, war es quantitativ eindeutig zu wenig. Jeden zweiten Tag gab es Steak haché und Flageolets (weiße Zwergbohnen mit Hacksteak), was uns bald zum Hals heraushing.

Obwohl ich körperlich vielen um einiges überlegen war, litt ich genauso. Das führte ich auf die Tatsache zurück, dass ich mich nicht zurückhielt und immer hundert Prozent gab, mich total verausgabte. Nichtsdestotrotz spürte ich, wie mein Körper sich veränderte. Ich wurde sehniger und das eine oder andere Fettpolster, das die vier Jahre bei den deutschen Fallschirmjägern überlebt hatte, war verschwunden. Der Tagesablauf war fast immer derselbe.

Na Sam decembre 1952 - Assaut 2° BEP

Legionäre beim Angriff – Indochina, 1954 – (2. BEP). Copyright 2. REP – Légion étrangère

5 Uhr –  Wecken.

Viele von uns waren da aber schon auf, weil die Anzahl der Waschbecken nicht ausreichte. Für das Frühstück etwas Zeit herausschinden: Das war unverzichtbar!

5 Uhr 02  – Appell. (Man beachte: Zwei Minuten nach dem Wecken!)

Die Stärke wurde festgestellt. Wir mussten so lange im Stillgestanden neben den Betten stehen, bis der Caporal durch die Reihen gegangen war und alle Legionäre namentlich aufgerufen hatte. Fast jeden dritten Tag hatten wir einen oder mehrere Deserteure. Die meisten wurden schon am gleichen Tag wieder erwischt und kamen sofort ins Gefängnis. Später stießen sie wieder zu uns und brachten meist auch die Grundausbildung zu Ende. So viel zu den Deserteuren, die man angeblich auf der Flucht erschoss! Zwischen Appell und dem Antreten zum Sport mussten die Corvées erledigt werden. Neben Körperpflege, Betten machen, Frühstücken etc. war die Zeit sehr eng bemessen.

6 Uhr 30  – Antreten im Sportanzug.

Footing! Laufen war angesagt. Bereits nach ein paar Tagen auf der Farm liefen wir in den sogenannten Groupes des forces, d.h. es wurden drei verschiedene Laufgruppen zusammengestellt, denen jeder von uns, seinem Niveau entsprechend, zugeteilt wurde. Die Strecke war von der Distanz her für alle dieselbe, nur der Laufrhythmus war unterschiedlich.

Zurück vom Sport, ging es übergangslos zum Waffen- und Geräte-Empfang, danach: Duschen im Schweinsgalopp und wieder antreten. Am Kampfanzug befanden sich:

ANP (Gasmaske), Helm, Bidon (1,5-Liter-Wasserflasche), pelle-US (zusammenklappbarer Spaten), Bretelles (Koppeltragehilfe mit Magazintaschen und Waffenputzzeug für die FAMAS). Vor den Füßen abgestellt hatten wir den Rucksack oder die Musette (Kampftasche). Meist war auch schweres Gerät dabei wie etwa Stacheldrahtrollen, Schaufeln, Sandsäcke, Kollektivwaffen wie Maschinengewehre und Panzerfäuste oder auch Optik und Funkgeräte. Schreibzeug war immer am Mann, ebenso wie das Opinel und der Kompass. Dazu wurde auf der Schulter das Foulard getragen. Das Foulard war nichts anderes als ein Tuch, das durch seine Farbe die Kompaniezugehörigkeit klärte.

8 Uhr 30 bis 12 Uhr 30 Ausbildung.

Waffenausbildung; Schießen; Gefechtsausbildung; Orientieren im Gelände; Funkausbildung. Ich erspare mir den Rest! Die Ausbildung war komplett, ging aber nicht in die Tiefe, da dies zu hundert Prozent in der Vollausbildung in den einzelnen Regimentern geschehen würde. Und immer wieder die Lieder, Traditionen, Disziplin, und die nicht wegzudenkenden Liegestütze!

12 Uhr 30 bis 14 Uhr Mittagspause.

Neunzig Minuten Mittagspause, das hieß fünfzehn Minuten essen, gefolgt von einer Stunde Marsch mit Gesang!

14 Uhr bis 18 Uhr – Ausbildung wie am Vormittag.

18 Uhr bis 20 Uhr – Abendbrot. Meist hatten wir hier die Gelegenheit, im Foyer, das sich in der Waffenkammer befand, Dinge wie Schokoladenriegel, Kuchen, Zigaretten, Getränke etc. zu kaufen.

20 Uhr bis 23 Uhr Ausbildung. -Erlernen der französischen Sprache; taktische Gefechtsausbildung; Hindernisbahn bei Nacht! Was wir oft machten, war das Anschleichen zu üben. Auf dem Bauch robbend, im Matsch und im Schnee, unter einem Stacheldrahtverhau hindurch. Lautlos, den anzugreifenden Feind fest im Auge, froren wir bis aufs Knochenmark, doch das gehörte zu unserem Metier dazu, so wie zu dem des Bäckers die Brötchen. Danach wurden die Waffen und das Gerät gereinigt und abgegeben. Es war inzwischen Mitternacht! Ging alles gut, war der Tag beendet. Hatten wir Pech, so etwa jede zweite Nacht, dann fand der Caporal de jour nach unserem Corvée quartier noch einen Zigarettenstummel am Boden. Dieser wurde dann offiziell beigesetzt, d.h. wir mussten ein Loch buddeln, zwei Meter lang, achtzig Zentimeter breit, eineinhalb Meter tief. Darin wurde die Kippe mit allen Ehren beerdigt. Zwischendrin wuschen wir Sport- und Kampfanzug. Mit der Hand, der Bürste und kaltem Wasser! Das Trockenkriegen war da immer so ’ne Sache. Vor dem Schlafengehen war der zweite Appell fällig. Wir schliefen meist schon im Stehen. Die Wache für das Camp stellten wir selber. War man für die Wache eingeteilt, blieb man am besten gleich auf, Hinlegen lohnte sich nicht mehr. Wie schon angesprochen, war die FAMAS unsere Standardwaffe.

14 Der AUTOR ALS SERGENT-CHEF

Der Autor. Copyright Yers Keller bei dem ich mich hier herzlich bedanke.

Das Fusil d’assaut de la manufacture d’arme St.-Etienne war eine Waffe mit, wie ich später feststellte, schockierender Wirkung. Sie unterschied sich nicht allzu sehr von den anderen auf dem Markt befindlichen Sturmwaffen, sodass ich von technischen Erläuterungen absehe. Mir neu war die Tatsache, dass man die Auszieherkralle links oder rechts einbauen konnte, je nachdem, ob man Links- oder Rechtshänder war. Der Wangenschutz musste dementsprechend angepasst werden, dies geschah durch einen einfachen Handgriff. Das Geschoss hat, wie schon erwähnt, eine verheerende Wirkung. Beim Auftreffen auf ein Hindernis (Weichkörper) reagiert es, indem es ausweicht, sich dreht, bricht und sich den leichtesten Weg sucht. Und der führt meist spiralförmig durch den ganzen Körper. Ein Einschuss des Geschosses am Oberschenkel mit einem Austritt im Oberkörper oder umgekehrt ist keine Seltenheit: Bonjour les dégâts!

FORTSETZUNG folgt

Wer nicht warten kann, hier geht’s zum Buch …

 

Und eben neu reingekommen …

 

frontcover

 

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Wie es weitergeht? Ich berichte – GST

 

Der gezähmte Soldat

 

Als ich einem Freund vom Vorhaben dieses Essays erzählte, zeigte er sich skeptisch. „Du bist kein Wehrexperte wie ´Mölling`, kein Minister wie ´von der Leyen`, kein Verteidigungspolitiker wie ´Otte`, keine Koryphäe in Sachen Sicherheitspolitik wie etwa ein ´Wiegold`. Weder warst du je an einer Universität, noch bist du Friedensforscher oder gar Sachverständiger in Bezug auf die Moral der Truppe, welcher auch immer.“ Ich antwortete ihm: „Aber ich war Soldat im Einsatz.“ Er nickte, schwieg eine Weile und sagte dann: „Na dann los!“ (Der Autor).

GEZÄHMTER Soldat

Die Printversion von ´der gezähmte Soldat´ ist ab sofort bei Amazon erhältlich (siehe Link). Was ändert sich? Der Inhalt ist um einige Seiten reicher, das Cover ´pastellblau` meiner Gefühlslage zum Zeitpunkt der Fertigstellung angepasst. Im Buch schrieb ich ganz bewusst – „Weil keine politisch angehauchten Ketten mich zur Räson rufen.“ Das stimmt immer noch, obwohl schon eine politische Partei indirekt an mich herangetreten ist, mich fragte, ob ich denn nicht …? Meine Antwort war: Nein! ´NEUTRALITÄT ist mir wichtig! ` Ich spreche in eigener Sache für ein gemeinsames ´deutsches Problem´, Punkt! Die Funktion ´Blick ins Buch` bei Amazon lässt den Text nicht hoch auflösend, nicht sehr klar erscheinen, ich kann den Leser aber beruhigen: Liegt das Buch einmal vor einem auf dem Tisch, ist alles gut. Man könnte, um sicher zu gehen, auch die Funktion ´Blick ins Buch` der E-Book Version heranziehen, die eindeutig besser dargestellt ist. Ich berichte – GST

 

Nur bei AMAZON

… hier geht’s zum Buch:

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Fremdenlegion Teil 7

Die Fortsetzung aus …

Leben unter fremder Flagge

(Thomas Gast)

 

Die Duschen waren nicht im Gebäude, sondern dahinter. Im Laufschritt liefen wir die knappen hundert Meter, nur um zu erfahren, dass wir genau drei Minuten Zeit hatten, uns zu duschen und erneut anzutreten. Am nächsten Tag bekamen wir die Zusatzausrüstung. Die Bekleidungskammer lag außerhalb der Kaserne, und wieder waren wir im Laufschritt und in einer sauberen Reihe unterwegs. Das wohl markanteste Teil der Ausrüstung war der sogenannte ,Trois-quarts‘, ein Dreiviertelmantel, bis knapp über die Knie reichend, von dunkelbrauner Farbe. Dick, schwer und im Spind den meisten Platz einnehmend, hatten wir ihn nie benutzt. Man wollte in Castelnaudary keine hervorragenden Soldaten aus uns machen. Die Seele der Fremdenlegion sollte uns eingehaucht werden: Disziplin, Tradition, Lieder der Legion, Respekt den Vorgesetzten gegenüber, erlernen des Code d’honneur du légionnaire (Ehrenkodex, siehe Anhang) und der französischen Sprache. Die Binômage spielte dabei eine kapitale Rolle. Auch sollten wir hier schon mal mit einigen Waffen vertraut gemacht werden und nicht zuletzt eine akzeptable körperliche Fitness erlangen. Um kurz auf die sogenannte Binômage zurückzukommen. Binôme heißt frei übersetzt: Paar. Das Binôme war und ist die Basis für die erfolgreiche Eingliederung in die Familie. Schnörkellos und gleich von Beginn an wurde jedem, der nicht der französischen Sprache mächtig war, ein Binôme zugewiesen. Das war in aller Regel ein Franzose oder zumindest ein Französisch sprechender Legionär. Ständig klebten die beiden zusammen, wobei es Aufgabe des Französisch sprechenden war, seinem Kameraden alles zu übersetzen. Und zwar so, dass es den normalen Tagesablauf nicht infrage stellte.

 

Sherman Panzer im Hintergrund.

 

Fallschirmjäger der Legion im Einsatz in Indochina. Ein Sherman Panzer im Hintergrund.

 

Die Kehrseite für den Armen? Wenn ich zum Beispiel der Ausbildung nicht folgen konnte, weil ich das eine oder andere Wort nicht verstand, dann wurde mein Binôme zur Rechenschaft gezogen, und Gnade ihm Gott. Mit einem Satz heißer Ohren war es dann oft nicht getan! Entging mir immer noch der Text eines Liedes oder sprach ich Wörter falsch aus, verbrachten er und ich unsere Nächte, die eh schon kurz genug waren, damit, bei Kerzenlicht das aufzuarbeiten, was die anderen uns schon voraushatten. In Sachen Sprache war er für mich ein wandelndes Lexikon. Geht es nach einigen Wochen zum ersten Mal in die Stadt, läuft nicht ein hübsches, braunhaariges Mädchen aus der Provinz an meiner Seite, sondern mein ruppiger Binôme, der mir sagt, wie ich auf Französisch ein Bier bestelle oder ein paar umständliche Worte auf ein Stück Papier kritzle, um sie doch noch einem Mädchen heimlich zuzustecken.

 

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Képi blanc, épaulettes de tradition (Unteroffizier) , ceinture bleue!

 

Den Ceinture bleue (blauer Gürtel, bis 1882 zum Schutz der Nieren und inneren Organe gedacht und unter der Uniform getragen, heute ein nicht wegzudenkendes Attribut der Parade- und Wachuniform) zum Beispiel kann man nur zu zweit, mit einem Binôme, anlegen. Im Einsatz ist das Paar Binôme unzertrennlich. Der eine ist des anderen Lebensversicherung!

 

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1988. Bouar. Zentralafrikanische Republik.  Jede Falte stimmt. Hat ihren Platz. Vorbereitung für die Wache. Der Legionär arbeitet stumm. Immer zu zweit. Im Binome!

 

Anm. d. Verf.: Wer die Bücher von Erwan Bergot – Fremdenlegionär und Schriftsteller – gelesen hat, der kennt die Geschichte der zwei Legionäre, der eine ein Deutscher, der andere ein Jude, ein Israeli. Sie waren ein Binôme. Die ganze Familie des Israeli kam in einem Nazi-Konzentrationslager ums Leben. Im Kampf wurde der Israeli schwer verwundet, lag im Feindfeuer. Der Deutsche, sein Binôme, zögerte nicht eine Sekunde. Er holte seinen „Waffenbruder“ vom Schlachtfeld, barg ihn, setzte sein eigenes Leben dabei mehrmals aufs Spiel. Par excellence hat er durch diesen Akt demonstriert, was es heißt, ein Legions-Binôme zu sein. Salopp ausgedrückt, habe ich selbst oft schon erlebt, dass der eine Mist baute, der andere aber dafür geradestand. Und zwar ohne zu murren. In der Ausbildung an den Waffen nimmt einer das Gewehr auseinander, der andere baut es wieder zusammen: Und so ist es in allen Dingen! Was zurückbleibt? Freundschaften, die ein Leben dauern!

 

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Französisch Guyana. Der eine ist des anderen Lebensversicherung!

 

„As-tu vu le fanion du légionnaire. As-tu vu le fanion de la Légion. On nous appelle les fortes têtes. On a mauvaise réputation. Mais on s’en fout comme d’une musette. On est fier d’être à la Légion, à la Légion …“ Hast du das Feldzeichen des Legionärs gesehen? Siehst du das Drapeau der Legion? Man nennt uns Sturköpfe. Wir haben einen miserablen Ruf. Uns ist es egal. Wir sind stolz, bei der Legion zu sein! Le Fanion de la Légion.

Dieses Lied, es war das erste, das man uns beibrachte, noch lange vor dem Regimentslied, wird mich wohl verfolgen bis ins Grab. Unser Zugführer, ein spanischer Adjudant-chef mit einem Dalí-Bart und dem Temperament eines Stierkämpfers, liebte es, während uns ein Schauer über den Rücken lief, nach dem Abendessen (la légion est dure, mais la gamelle est sûre, die Legion ist hart, zu essen kriegt trotzdem jeder) mit mächtiger Bassstimme zu rufen: »Garde vous! Le ton!« Im Kreis marschierend sangen wir es einmal, fünfmal, wir sangen es noch, als um Mitternacht die Wache ihre Runden im Quartier drehte! Wer dachte, es sei nun Schluss, täuschte sich gewaltig. Ausgerüstet mit einer Savon de Marseille, der Kernseife aus der gleichnamigen Stadt, und einer Wurzelbürste hieß es Klamotten waschen und zum Trocknen aufhängen. Lag man endlich im Bett, im Saal, in dem es nach Schweiß, nach Wut und nach unausgesprochener Angst roch, kam das Unausweichliche: das Gemurmel flüsternder Stimmen und die Querelen der Legionäre unter sich. Es waren Abrechnungen und Einschüchterungsversuche, bis dann spät in der Nacht endlich Ruhe einkehrte. Kurz bevor wir zur Farm Bel-Air verlegten, kam es zu einem kleinen Zwischenfall, der mir bis heute eine Lehre ist. Mein Lehrer war niemand anderer als dieser Thompson, der längst mehr für mich war als nur ein Kumpel. Wir waren Freunde geworden! Jeder von uns besaß damals zwei paar Stiefel, die Rangers. Sorgsam hegten und pflegten wir sie. War der Kampfanzug zu groß, die Handschuhe zu klein: Kein Problem! Die Stiefel aber mussten passen. Gut sitzende Stiefel waren ebenso wichtig wie das tägliche Abendbrot. Passten sie nicht, konnte das ins Auge gehen. Ich saß gerade auf der Treppe, die hinauf in unseren Saal führte, und polierte meine Kampfstiefel, als ein Schatten auf mich fiel.

 

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Rot. Grün. Die Farben der Fremdenlegion. Weltweit!

 

»Schön von dir, dass du mir die Arbeit ersparst!«

Es waren Erdoğan und sein Binôme. Erdoğan war Türke, ein Boxer, ein Straßenkämpfer übelster Sorte! Instinktiv sah ich mich um, und in der Tat: Sein bester Freund lümmelte scheinheilig ein paar Stufen tiefer herum, während er sorgfältig den Treppenaufgang überwachte. Ein weiterer Kumpel kontrollierte das darüberliegende Stockwerk. Sie waren zu dritt! Ich wollte aufstehen, doch Erdoğan drückte mich mit beiden Händen auf die hölzernen Stufen zurück. Es roch nicht nach Ärger, der Ärger war schon längst da.

»Was willst du von mir?« Ich versuchte meiner Stimme einen festen Klang zu geben. Gleichzeitig sah ich mich nach Thompson um: Nichts! Auch vom Caporal de jour war weit und breit keine Spur zu sehen.

»Die Stiefel«, sagte er leise. »Gute Arbeit hast du da geleistet und nun gib sie schon her.«

Sein Binôme schob sich unauffällig näher an uns heran.

»Sie gehören mir. Lass mich in Ruhe, Erdoğan.«

Wo blieb nur Thompson?

Erdoğans Hand schnellte vor, griff nach dem glatten Leder, während im selben Augenblick sein Binôme schwer die Hand auf meine Schulter fallen ließ. Man brauchte mir kein Bild zu malen. Ich wusste, was abging.

»Es waren deine«, hörte ich Erdoğan sagen. »Jetzt haben sie den Besitzer gewechselt! Und wehe, wenn du …«

Noch bevor er ausgesprochen hatte, stürzte sich Thompson, keiner von uns hatte ihn kommen sehen, mit einem wilden Schrei, der mir durch Mark und Bein drang, auf die beiden. In einem wilden Durcheinander krachten sie die Stufen hinab, während Thompson mächtige Schläge nach rechts und links verteilte. Eine Minute später war alles vorbei. Meine Stiefel in der Rechten, kam Thompson grinsend die Stufen hoch. Er blutete an der Stirn, aber es war, wie sich nachher herausstellte, nicht sein Blut.

»Egal wie viele es sind«, sagte er und gab mir mein Eigentum zurück. »Lass niemals zu, dass dich jemand berührt, wenn du es nicht willst! Niemals, hörst du?«

Ich wollte ihm sagen, dass ich in der gegebenen Situation keine Chance gehabt hätte, dass sie vermutlich Kleinholz aus mir gemacht hätten. Wollte sagen, dass ich wegen der Stiefel keinen Krieg anzuzetteln gewillt war! Doch ich schwieg. Später dann kam ich drei- oder viermal in ähnliche Situationen, und jedes Mal beherzigte ich, was Thompson damals zu mir gesagt hatte. Und ich fuhr immer gut damit. Angriff ist manchmal wohl doch die beste Verteidigung!

 

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Gesehen in der Metro Paris. Die Legion ist überall präsent!

 

Ärztliche Untersuchungen folgten. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Mann, der in der Krankenstation uneingeschränkt herrschte. Obwohl er nur den Dienstgrad eines Adjutanten bekleidete – für uns war das schon ein Rang, vor dem wir massenhaft Respekt hatten –, gab er sich wie ein General. Er trug eine Nickelbrille à la Gandhi. Seine kalten, schlauen Augen, vor allem aber sein Schäferhund, der ihm auf Schritt und Tritt folgte, kamen uns nicht geheuer vor. Adjudant Roganel redete nicht, er brüllte! Er sah uns nicht an, sondern durchbohrte uns mit seinem Blick, unter dem sogar Thompson schrumpfte. Und das sollte was heißen! Ich kann mich nicht erinnern, ihn je lächelnd gesehen zu haben. Er war von der Sorte Mann, der man nachts nicht über den Weg laufen wollte und bei dem man, sah man ihn von weitem, instinktiv die Luft anhielt. Zärtlich nannten wir ihn Dr. Mabuse. Heimlich natürlich. Am ersten Wochenende verabreichte er jedem von uns zwei Spritzen in den Rücken. Für was diese auch immer gedacht waren: Unser Caporal wollte, dass wir in Bewegung blieben, ohne jedoch Schwerstarbeit zu verrichten. Auf den Knien kriechend, kratzten wir mit unserem Opinel die oberste Schicht von den Dielen des Holzbodens, um ihn danach zu wachsen und auf Hochglanz zu polieren. Unser seltsamer Doktor mit den Haifischaugen hatte uns eindeutig das Wochenende vermasselt! Dass sich hinter seinen kalten Augen keine Grausamkeit, sondern Intelligenz und Herzensgüte versteckten und dass dieser Mann sein Leben lang aufopfernd und bis an die Grenzen des Möglichen der Legion gedient hatte, erfuhr ich erst einige Jahre später.

 

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… Freundschaften, die ein Leben und darüber hinaus dauern!

 

Es gab Augenblicke, in denen wir körperlich ausnahmsweise mal nicht gefordert wurden. Dazu gehörten die Stunden, in denen uns der Caporal beibrachte, wie man das Hemd der Uniform bügelte, das Bett bezog oder die Stiefel auf Hochglanz brachte. Das klingt banal, ist es aber nicht. Jeder Soldat, auch wenn er lange Jahre anderswo, sprich in Eliteeinheiten gedient hat, kann hier nur lernen und staunen (selbst erfahrene Hausfrauen würden mit der Zunge schnalzen). Das Hemd hatte je zwei Falten links und rechts auf jedem Ärmel. Hinzu kamen drei Falten jeweils links und rechts senkrecht über den beiden Brusttaschen. Auf dem Rücken gab es zwei Falten horizontal und drei zentriert vertikal. Die Kanten mussten so scharf sein, dass man sich daran schnitt. Die Abstände zwischen ihnen waren vorne auf der Brust jeweils 3,5 cm und an den Armen und auf dem Rücken 5,3 cm. Diese Maße entsprachen haarscharf denen einer Streichholzschachtel, je nachdem, ob man sie in der Höhe oder in der Breite anlegte. Die Sergeanten hatten ein geübtes Auge. Lagen die Falten zu weit auseinander oder fehlte gar ein Millimeter, folgte die Bestrafung auf dem Fuß. War es vor einem Ausgang in die Stadt (Dreimal in vier Monaten: zweimal sechs Stunden und einmal drei Stunden!), dann wurde der Ausgang gestrichen. Ansonsten drehte man mit dem Rucksack ein Dutzend Runden um den Exerzierplatz. Je vollendete Runde musste dann lautstark angekündigt werden: »Quarante-six, quarante-sept, quarante-huit …« Und dann immer wieder diese Pompes.

FORTSETZUNG FOLGT: Hier geht’s direkt zum Buch ..

 

 

Wer glaubt, er weiss schon viel über die Legion Etrangere hat dieses Buch noch nicht gelesen. Auch Ahnungslose bekommen hier einen Einblick in eine andere Welt. Der Autor Thomas Gast hat die Fähigkeit und vor allem das Wissen und die Erfahrung, und bringt das auch noch unglaublich spannend und interssant zu Papier. ich habe ja schon viel über das Thema gelesen, aber der Autor und Legionär Thomas Gast schreibt wie kein anderer!!! ich habe alle Bücher von Thomas Gast gelesen, und kann nur eine klare Kaufempfehlung aussprechen.  Es geht nicht besser. (Eine Kundenrezension – AMAZON)

 

***

 Eines meiner eindringlichsten Essays:

 

Der gezähmte Soldat Kindle Edition

 

 

… um was geht es?

 

Das 20 seitige Essay ist das Gedankenexperiment eines erfahrenen Soldaten. In deutlichen Worten, wie man sie aus seinen Büchern über sein Leben als Soldat gewöhnt ist, beschreibt Thomas Gast seine Gedanken und Gefühle zur aktuellen Debatte über Führung, Haltung und Umgang mit erwünschter bzw. nicht erwünschter Tradition in der Bundeswehr. Der Autor, ehemaliger Uniformträger gleich zweier europäischer Länder ist der Meinung, dass zwei Dinge unumstößlich sind. Ohne Soldaten gäbe es kein freies Land. Ohne Soldaten gäbe es keine Demokratie! Nirgendwo auf der Welt. Doch im Sturm der Entrüstung ist es nicht leicht, als Bundeswehrsoldat Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. Und das revoltiert ihn.

 

„Thomas Gast, ehemaliger Soldat der Bundeswehr sowie der französischen Fremdenlegion, macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. In deutlichen Worten, wie man sie aus seinen Büchern über sein Leben als Soldat gewöhnt ist, beschreibt er seine Gedanken und Gefühle zur aktuellen Debatte über Führung, Haltung und Umgang mit erwünschter bzw. nicht erwünschter Tradition in der Bundeswehr. Während aktive Soldaten oft aus Sorge über Ihre Existenzsicherung (nicht jeder wird mit Generalspension in den Ruhestand entlassen), ihre Gedanken eben nicht offen äußern wollen oder können, können sie mit einiger Genugtuung lesen, dass sie nicht alleine mit ihrer Empörung dastehen. Merci, Kamerad Gast!“ (Amazon Top-Kundenrezensionen Juni 2017)

 

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Neues aus meiner Schreibstube:

Private Security

 

 

… um was geht es?

Es gibt in Deutschland nur eine Handvoll Männer, die unter Vertrag ausländischer privater Sicherheitsfirmen arbeiten. Und noch weniger, die davon erzählen. Warum? Weil es ein Tabu ist. No-Go! Das vorliegende Buch bricht dieses Tabu. Wer nach langen Jahren eine Eliteeinheit verlässt, für den ist nichts mehr, wie es mal war. Der Weg, zurück zum normalen Leben, macht diesen Männern schwer zu schaffen. Manche packen es nicht, zu krass ist der Unterschied zwischen blutigen Einsätzen in Krisengebieten von einst und dem ganz normalen Wahnsinn im gutbehüteten Zivilleben von heute. Es entspricht einer gewissen Logik, dass die Vergangenheit diese Männer schneller wieder einholt als ihnen lieb ist. Und wenn die alten Teufel wieder rufen: Können sie ihnen widerstehen? Wenn Armeen schrumpfen, tritt ein Heer von Profis in ihre Fußtapfen. Man nennt sie Private Military Companies oder PMCs. Ganz diskret, im Schatten dieser PMCs, arbeiten die Männer der Private Security Companies. Sie operieren an allen Hot-Spots, in diversen Kriegs- oder Krisengebieten der Erde. Ihr Job? Einsätze im Rahmen der Piraterie vor der Küste Somalias. Die Ausbildung Soldaten fremder Heere. Die Bewachung von Staatsmännern, Botschaftern und Milliardäre. Männer aus der Private Security werden zur Sicherung von Konvois abgestellt, sie beschützen Öltanker, Zivil-Camps in Krisengebieten und Gas Pipelines mitten in einer feindlichen Wüste, und ja: Es ist ein lukratives aber auch ein blutiges Geschäft! Doch die Männer einer Private Security Company können nicht nur mit der Waffe problemlos umgehen. Vielmehr sind es ‚globale Allrounder‘. Und genau das zeigt der Autor an Hand seines eigenen und am Beispiel vieler anderer. Die ´Finesse´ ist gefragt, sagt der Autor, selbst lange Zeit im Business tätig. Man benötigt nicht den nervösen Zeigefinger, sondern Hirn, Fingerspitzengefühl, einen gesunden Menschenverstand und den absoluten Verzicht auf das ´sich profilieren´: Darauf kommt es an! Man (n) ist Profi, lässt es sich aber nicht raushängen. Der ´collateral damage´ liegt bei Einsätzen idealerweise bei Null. Technisches Know-how ist Pflicht, körperliche Robustheit ein Plus. Und, so meint der Autor weiter, wenn der Auftrag auch ohne den Einsatz von Schusswaffen ausgeführt werden kann, umso besser. Der ideale Kandidat in der Branche beherrscht fließend zwei oder drei Sprachen. Er kann mit allen Arten von Kommunikationsmitteln umgehen, kennt die meisten Waffen, die in Krisengebieten im Umlauf sind. Er ist intelligent, hat Manieren und macht im Jackett und Krawatte ebenso eine gute Figur, wie im Kampfanzug. Dass er dabei noch, hoch qualifiziert, diverse Ausbildungen im zivilen Bereich durchlaufen hat, versteht sich von selbst. Profi sein reduziert sich eben nicht allein darauf, einer Spezialeinheit angehört zu haben, und, der Moment opportun, wild um sich zu schießen. Hier geht es nicht um Möchtegern-Rambos, sondern um Männer, die man, wenn es eng wird, gerne an seiner Seite sieht. Von 2002 bis 2016 war der Autor weltweit als Sicherheitsexperte im ´Business` tätig. Hier seine Erfahrungen aus erster Hand. Es ist ein Blick hinter die Kulissen der Private Security Companies. Der Autor konzentriert sein ganzes Insiderwissen in einem Buch, das in dieser Form auf dem deutschen Buchmarkt noch nicht gesehen wurde.

 

Bleiben Sie am Ball … ich berichte – GST

Fremdenlegion Teil 6

Die Fortsetzung aus

Leben unter fremder Flagge

(Thomas Gast)

 

Ausbildung für Teufelskerle

 

 

4re

 

  1. Régiment étrangere, Castelnaudary

 

„La rue appartient à celui qui y descend. La rue appartient au drapeau des képis blancs.“ Képi Blanc (ursprünglich deutsches Panzerlied – ob’s stürmt oder schneit –, 1933, Kurt Wiehle, Oberleutnant).

 

Einer der Ausbilder der ´Männerschmiede`: Capitaine Hessler!

 

HESSLER

 

März 1985. Castelnaudary verkörperte für mich vom ersten Anblick an eine Tür, die ich nur leicht anzustupsen brauchte, um sofort beide Beine im Wasser zu haben. Wasser, das bedeutete Mittelmeer, und Mittelmeer bedeutete für mich das Sprungbrett zu den Abenteuern, von denen ich damals träumte. Diese schöne Gemeinde in der Region Languedoc-Roussillon mit etwa zehntausend Einwohnern unterschied sich der ersten Betrachtung nach nicht sehr von den anderen Orten.

 

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Der Autor als Caporal von dem Quartier Capitaine Danjou. Lapasset wurde ´entmilitarisiert.`

Ein typisches Provinzstädtchen, bekannt für sein hervorragendes „Cassoulet“, den im Backofen gegarten Eintopf, bestehend aus Bohnen, Speck, Schweinefleisch und leckeren Würstchen. Der „Canal de midi“ sowie die „Brüder Spanghero“, die zu den besten Rugbyspielern zählen, die je für Frankreich gespielt hatten, verliehen dem Ort seine originelle Note, doch weltbekannt wurde er erst, seitdem die Fremdenlegion im Jahr 1976 dort ihre Zelte aufgeschlagen hatte. Den Rucksack sowie den schweren Seesack mussten wir vom Bahnhof bis zum Quartier tragen. Der Weg führte durch die halbe Innenstadt bis hin zur Rue du Général Lapasset.

 

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Copyright 3. REI – Légion étrangère

 

Die alte „Caserne Lapasset“ existierte bereits im Jahr 1879. Während des Zweiten Weltkriegs diente sie als Militärhospital. Das war, bevor sie von den deutschen Truppen besetzt wurde. Aus Korsika kommend hielten am 23. November 1976 die 1. und 2. Kompanie des Groupement d’instruction de la Légion étrangère (GILE) ihren Einzug. Bis 1991 sollte dieser Ort die „Männerschmiede“ der Legion bleiben. Lapasset (nach dem General Ferdinand Lapasset) war ebenso überschaubar von der Fläche des Kasernengeländes her wie von der Stärke der dort stationierten Kräfte. Eine Kompanie für die Ausbildung der Kader (CIC); drei Ausbildungskompanien (CEV) und eine Stabs- und Versorgungskompanie (CCSR). Der Kompaniechef der „Ersten“, in die ich versetzt wurde, war ein vierschrötiger deutscher Hauptmann.

 

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Er sah aus, wie man sich einen Vorgesetzten der Fremdenlegion vorstellt: Mittelgroß, kompakt, energisches Kinn! Mein erstes Fazit: Ein Mann, mit dem man sich unter keinen Umständen anlegt! Später, als ich ihn etwas besser kannte, wurde ich in dieser Ansicht noch bestärkt, doch ich erfuhr auch, dass hinter seiner harten Schale eine durchaus umgängliche Seele steckte. Hessler, um ihn beim Namen zu nennen, war schon zu Lebzeiten eine Figur in der Legion, hatte er es doch vom simplen Legionär bis zum Offizier, zum Hauptmann, gebracht. Er war aber zu dieser Zeit bereits am Ende seiner Karriere angelangt und nahm schon kurz darauf seinen wohlverdienten Abschied (Rente). Ich höre seine Stimme heute noch klar und deutlich, als er einmal ironisch und vielleicht leicht verbittert auf Deutsch zu mir meinte: „Die Legion kann einen wie mich nicht in Rente schicken, denn wenn sie mich zur Tür rausschmeißen, klettere ich vom Fenster wieder rein, und das so lange, bis sie mich in Ruhe lassen und ich bleiben darf!“ Capitaine Hessler kam ein paar Jahre später in Kuwait beim Entschärfen einer Mine als Zivilist ums Leben. Bei Eignung konnte jeder „Fremde“ in der Legion Offizier werden. Einige schafften es bis hin zum Dienstgrad eines Commandant oder Lieutenant-colonel. Der Putschversuch des 1. REP im April 1961 in Algier (Algerien) war mit einer der Auslöser dafür, dass man jedoch sagte: Jeder Offizier, der künftig eine Kampfeinheit unter seinem Befehl hat, muss „Français de Souche“ sein, Franzose von Geburt. Ich nehme an, dass hinter dieser Entscheidung politische Motive und die „französische Angst“ steckten, was nur verständlich wäre. Unsere Bleibe für die nächsten vier Monate war ein Saal, in dem 45 Betten standen, jeweils drei übereinander. Der Boden war eine Zumutung aus knarrenden Holzdielen, die Enge beängstigend. Egal wohin man sich auch drehte, immer stieß oder eckte man mit jemandem an. Die Luft in diesen Zimmern stand. Auf engstem Raum waren Männer von über fünfzehn Nationen zusammengepfercht. Männer, die sich nie vorher gesehen, die keine gemeinsame Sprache hatten.

 

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Chinesen, Engländer und Japaner, Afrikaner, Skandinavier, Russen und Peruaner … und, und, und! Und Deutsche. Männer verschiedener Rassen, verschiedener Religionen, junge Spunde, alte, einsame Wölfe und Schafe, die sich nur in der Menge behaupten konnten. Männer aus verschieden sozialen Schichten. Ehemalige Direktoren und Straßenfeger, leitende Angestellte und Vagabunden, Bordellbesitzer und gescheiterte Theologen, Metzger und Anwälte, Ex-Soldaten und solche, die nicht wussten, dass eine Waffe töten konnte. Wir hatten auch einen Offizier, einen einstigen Piloten einer Mig-24, unter uns. Jeder von uns hatte seinen Grund, hier zu sein. Mal war dieser Grund düster, mal extravagant, immer aber schien er schwerwiegend. Und nun sollten wir uns vier Monate lang alles teilen, durch Schweiß und Blut eine Einheit werden, im Guten wie im Bösen? Hier in diesem Saal bildeten sich bereits in den ersten Tagen kleine Gruppen: in einer Ecke die Rumänen, eine Mafia in jeder Hinsicht, in der anderen Ecke die Engländer, die schon auf den Falklandinseln zusammen Tee getrunken hatten. Etwas weiter ehemalige Fallschirmjäger der französischen Armee, die unter kanadischer oder belgischer Nationalität angeheuert hatten (Gaulois: Gallier), und dazwischen einige schüchterne Asiaten und Einzelgänger wie ich. Es war ein Ort, an dem man sich vorsehen musste, das war mir sofort klar. Vor allem nachts, wenn die Ausbilder gerne mal ein Auge zudrückten und wenn mal hier und mal da die Fetzen flogen. Meine Überlegung war unkompliziert: Behaupte dich oder werde dominiert!

 

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»In jedem Zug hängt sich einer auf, bevor es auf die Farmen geht!« Der Engländer, der das gesagt hatte, war mir auf Anhieb sympathisch. Nachdenklich sah er zur Decke hoch, als würden dort noch einige Leichen baumeln. Ich glaubte ihm kein Wort. Diese und ähnliche Geschichten hatte ich zwar auch schon gehört, aber für mich waren es allenfalls Lügen. Dass uns eine knüppelharte Ausbildung, Druck und außergewöhnliche Schikanen erwarteten, das wussten wir alle. Ich fühlte mich aber mental robust genug, diesen notwendigen „Begleiterscheinungen“ zu begegnen. Intolerabel würde es für mich nur werden, wenn Rassismus ins Spiel käme, doch noch war dem nicht so.

Anm. d. Verf.: Ich erwähnte anfangs, dass ich Sohn eines schwarzen Amerikaners und einer weißen Deutschen bin. Die von mir erwarteten Probleme blieben jedoch aus. Der Ehrenkodex der Legion hat Menschen wie mich und viele andere nicht nur vor Schikanen bewahrt, sondern uns alle in einer homogenen, neutralen Brüderschaft zu neuem Leben aufblühen lassen. Zumindest empfand ich das so. Vom Aussehen her nicht alle gleich, bekam doch jeder im Startblock dieselben Chancen: Das war ein starkes Gefühl! Bis heute hat sich das nicht geändert. Diese Liberalität ist eines der vielen Geheimnisse, warum die Legion so angesehen und effizient ist. Warum wohl existiert diese Institution nach fast 185 Jahren immer noch? Auch wegen dieser Toleranz! Zu Beginn hatte ich also Zweifel, vor allem hier in ,Castel‘. In solchen Augenblicken hielt ich mir mein Ziel vor Augen, und das war, so lächerlich es damals klingen mochte: Zugführer in der Fremdenlegion zu werden.

»Thompson«, sagte der Engländer mit dem Ansatz eines Lächelns und reichte mir seine Hand. Eine Hand, die mir breit wie ein Klodeckel erschien und in der meine eigene völlig verschwand. »Wenn du Ärger hast, ruf mich. Mein Bett und mein Spind sind unterm Fenster dort.« Mehr sagte er nicht. Überhaupt war Thompson kein allzu gesprächiger Geselle. Mir fiel auf, dass die meisten einen respektvollen Bogen um ihn machten. Vielleicht wegen seiner gut verteilten hundertzehn Kilo und weil er sich, der Masse seines Körpers zum Trotz, tänzelnd leicht und sicher bewegte. Ich wurde in meinen Gedanken abgelenkt, weil ein Wirbelwind zur Tür hereinfegte, „S-2 vorm Gebäude antreten“ brüllte und augenblicklich wieder verschwand. Wir alle sahen uns gegenseitig fragend an. Drei Sekunden später steckte Mister Wirbelwind erneut den Kopf durch den Türspalt. »Schweinsgalopp, Leute. Sportzeug, kurze Hose, Turnschuhe, Seife und das Handtuch nicht vergessen.«

 

Neues Bild

 

Legionäre kurz vor einem Hinterhalt im Indochinakrieg 2. BEP

 

So brachten wir in Erfahrung, dass wir dem zweiten Zug angehörten. Auf dem Exerzierplatz angekommen, stand schon wieder der irische Caporal, der Wirbelwind, vor uns. Er war knapp einen Kopf kleiner als ich. So ein Energiebündel hatte ich noch nie gesehen. »En position! Solange der Zug nicht vollständig angetreten ist, wird gepumpt. En bas, à-haut, en bas, à-haut, runter, rauf!« Und so ging es in einem fort. Pumpen, „les Pompes“, das hieß Liegestütze machen. Zwischendurch rannte der Caporal durch unsere Reihen, verteilte Fußtritte und schrie. »En bas, à-haut!« Als die Nachzügler endlich die Treppe heruntergestürmt kamen, lagen wir alle längst mit der Nase im Dreck. In unseren Armen war Pudding, die Moral focht ihren ersten schweren Kampf. Der Einzige, der immer noch im Takt und unbeirrbar wie eine Lokomotive Liegestütze machte, war Thompson. Er kam mir vor wie ein Dampfer, der seelenruhig seine Bahnen zog, obwohl die See um ihn herum tobte und die Wellen wütend, aber vergeblich an seinen Planken rissen. Mit den Schikanen konnte ich umgehen. Als bereits Gedienter war mir sehr bewusst, dass es ohne nicht ging. Die Fußtritte sollten vermitteln, dass hier ein gemeinsames Ziel dahintersteckt. Das Langzeitziel war, dass aus jedem von uns ein Soldat wird. Doch Soldat zu sein ist kein Ende in sich selbst, denn als solcher kann man fortschreiten, kann immer besser werden. Der Prozess wurde über all die Jahre, die ich in der Legion verbrachte, vorangetrieben, nur dass ich ihn jeweils aus einer anderen Perspektive miterleben durfte. Die Endstation war stets das Überleben! Auch die Entwicklung, der Reifeprozess als Mensch steht hinter dieser nach außen hin scheinbaren Brutalität. Als Soldat, vor allem im scharfen Einsatz, muss man agieren, reagieren, auf Zack sein und versuchen, das Gefechtsfeld als Sieger zu verlassen. Ein Fußtritt in der Ausbildung hat, wenn man es aus dieser Perspektive sieht, Jahre später so manch ein Leben gerettet. Veteranen können mich darin nur bestätigen. Es gibt Gefechtsfelder, auf denen keine Kugeln hin und her fliegen: Das gesamte Leben ist eins! Der Kandidat, den ein Fußtritt hier und da jetzt schon aus der Bahn warf, war für alle Gefechtsfelder des Lebens ungeeignet. Ich will damit nicht sagen, dass man, um im Leben zu bestehen, zur Legion gehen und sich dort Fußtritte abholen sollte, bei Gott, nein! Ich will nur anregen, dass sich der eine oder andere selbstkritisch im Spiegel betrachtet, sich vielleicht fragen sollte: Ist es denn wirklich so schlimm?

Als ich es endlich wagte, den Kopf zu heben, fiel mein Blick auf ein geöffnetes Fenster im ersten Stock, aus dessen Rahmen heraus eine Gestalt mit kaltem Grinsen zu uns herabblickte: Capitaine Hessler! … FORTSETZUNG FOLGT

 

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… neues aus meiner Schreibstube:

Private Security? Hinter diesem Begriff verbergen sich, neben einigen Annehmlichkeiten, vor allem Stress, lange Abwesenheiten, Risiko und jede Menge Ärger. Ein Mann der in der Private Security Branche tätig werden will, sollte es sich zweimal überlegen, seiner Familie zu sagen: Ich bin dann mal weg. Thomas Gast war einer von diesen Männern. Einer jedoch, der, unverbesserlich, schräge Geschäfte sowie jede Art von Korruption ablehnte. Sich immer und jederzeit im Spiegel betrachten können, das zählt für ihn. Zwischen 2002 und 2016 tingelte Gast in Sachen Private Security rund um den Globus. Was er dabei erlebte war erstaunlich. Und ja: Es ist ein lukratives, manchmal blutiges Geschäft. Männer einer Private Security Company können nicht nur mit der Waffe problemlos umgehen. Es sind globale Allrounder die an allen Hot-Spots der Erde operieren. Ihr Job? Die Konter-Piraterie. Die Ausbildung Soldaten fremder Heere. Die Bewachung von Gas Pipelines, Öltankern, Botschaftern und Milliardären.

 

 

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Ein Essay zu einem hochbrisanten Thema

Das 20 seitige Essay ist das Gedankenexperiment eines Soldaten zur brandaktuellen Bundeswehrdebatte. Der Autor, ehemaliger Uniformträger gleich zweier europäischer Länder ist der Meinung, dass zwei Dinge unumstößlich sind. Ohne Soldaten gäbe es kein freies Land. Ohne Soldaten gäbe es keine Demokratie! Nirgendwo auf der Welt. Doch im Sturm der Entrüstung ist es nicht leicht, als Bundeswehrsoldat Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. Und das revoltiert ihn.

 

 

Fremdenlegion Teil 5

Die Fortsetzung aus

Leben unter fremder Flagge

(Thomas Gast)

»Sag dem Sergent-chef, er soll Gefechtsbereitschaft herstellen und den Zug antreten lassen. Ich bin beim Capitaine zur Befehlsausgabe!«

Ribeiro, ein Spanier, der zugleich Sergent de jour (Unteroffizier, verantwortlich für den geregelten Tagesablauf) war, witterte Aktion. Er sprang sofort auf. »Oui, Chef, mais…«

»Kein Aber«, befahl ich. »Das Lotterleben ist vorbei, mach schon!«

Er bewegte sich keinen Zentimeter vom Fleck. Verärgert und etwas irritiert sah ich zu ihm auf. Ribeiro war mein verlässlichster Gruppenführer. Er war gewissenhaft, loyal und pflichtbewusst und hatte, wie fast alle meiner Soldaten, die Feuertaufe längst hinter sich. Ich war stolz, ihn in meinen Reihen zu haben, hütete mich aber, ihm das zu oft zu sagen. Er benötigte hin und wieder eine starke Hand, die sein südländisches Temperament zügelte.

»Chef. Geht es endlich los?«

Ich atmete laut und tief aus. »Ja, Ribeiro«, sagte ich nachdenklich. »Es sieht so aus!«

Während ich in Windeseile meine Kampfstiefel schnürte, dachte ich an die vergangenen Jahre und war zufrieden. Was ich in der Legion bis zu diesem Zeitpunkt geschafft hatte, war, wie ein Offizier sich ausdrücken würde, ein „Parcours sans faute“, eine fehlerfreie Laufbahn. Vom einfachen Legionär, der dreimal am Tag Toiletten geputzt hatte, bis zum Zugführer, dem zweiundvierzig hartgesottene Legionäre hierher nach Afrika folgten: Ja, das konnte sich sehen lassen! Zugführer in der Fremdenlegion – ein Traum war für mich in Erfüllung gegangen. Es gab auf der ganzen Welt keine höhere Auszeichnung für einen wie mich. Doch diese Traumkarriere neigte sich, ohne dass ich es ahnte, bereits dem Ende zu.

FEBRUAR 1985

Mordanschlag auf Rüstungsmanager: Bei einem Attentat von Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) in Gauting bei München stirbt am 1. Februar 1985 der Chef des Luftfahrtunternehmens Motoren- und Turbinen-Union, Ernst Zimmermann.

Hochzeit von O. J. Simpson und Nicole Brown Simpson.

Madonna ist mit „Like A Virgin“ in den Top Charts.

In Kambodscha erobern die vietnamesischen Besatzungstruppen das Hauptquartier der Roten Khmer.

Der längste und aufwendigste Titelkampf in der Geschichte der Schachweltmeisterschaften zwischen Anatolij Karpow und Herausforderer Garri Kasparow wird nach über fünf Monaten und 48 Partien abgebrochen und annulliert.

Die erste Folge des Dreiteilers „Das Boot“ nach dem Roman von Lothar-Günther Buchheim, wird von der ARD ausgestrahlt.

Am 07. Februar 1863 beginnt für die Fremdenlegion das mexikanische Abenteuer. Zwei Bataillone gehen an der algerischen Küste, in Oran, an Bord eines Schiffes, das sie nach Vera Cruz bringt. Ihr erster ernst zu nehmender Feind hieß Vomito Negro: Das Gelbfieber!

Erste Schritte

 

„Quand on a bouffé son pognon. Ou gâché pour un coup d’cochon. Toute sa carrière. On prend ses godasses sur son dos. Et l’on file au fond d’un paquebot aux Légionnaires“ Aux Légionnaires.

 

Ich war 23 Jahre alt, als ich in die Fremdenlegion eintrat. Wir schrieben den 4. Februar 1985. Das ist lange her, doch ich erinnere mich daran, als wäre es gestern erst gewesen. Direkt aus meiner Heimat Oberfranken kommend, stand ich an diesem regnerischen Montag in aller Frühe vor der Türe des Rekrutierungsbüros der Legion in der Rue d’Ostende in Straßburg. Mein Blick fiel auf das grün-rote Schild mit der Aufschrift Poste d’information de la Légion étrangère – Quartier Lecourbe. Während ich es, der Kälte und dem Regen schutzlos ausgeliefert, betrachtete, ließ ich mein Leben Revue passieren. Meine Kindheit war kein Zuckerschlecken. Als uneheliches Kind einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters hat man es in einem sittenstrengen, konservativen und von Vorurteilen geprägten Deutschland eben nicht leicht. Vor allem nicht auf dem Land. Im Rahmen der Familie fühlte ich mich stets geborgen, auf der Straße jedoch lauerte die Bosheit an jeder Ecke. Nicht selten musste ich mit den Fäusten um meine Integrität, um etwas Frieden kämpfen. Auch meine Jugend und das Heranreifen zum jungen Mann waren nicht so prägend und genial, als dass ich nun, meine Entscheidung getroffen, großes Bedauern mit mir herumtrug. Im Gegenteil: Mich hielt nichts! Und jetzt, vor diesem Schild und nass wie ein Pudel, suchte ich bei mir nach Anzeichen von Zweifeln, von Angst. Umsonst allerdings. Ich war fest entschlossen, diesen Schritt zu wagen, den Blick zurück gab es nicht. Ich wusste kaum etwas über die Fremdenlegion, doch einer Sache war ich mir sicher. Wenn die Zeit gekommen war, den Vertrag zu unterschreiben, würde meine Hand nicht zittern. Eine geleistete Unterschrift verband ich mit einem gegebenen Wort. Dabei war es mir von vorneherein egal, was man von mir erwartete. Strapazen scheute ich nicht. Und sollte man mich in eine Kampfeinheit eingliedern und mein Leben aufgrund dessen nur noch die Hälfte wert sein: Sei es! Gespannt wie ein Flitzebogen klopfte ich an der Türe und wartete, dass jemand öffnete. Der Mann, der schließlich vor mir stand, trug Uniform und es war nicht etwa ein muskelbepackter Riese mit Narben im Gesicht, sondern ein normaler Typ, groß, hager, sympathisch. Er hatte buschige Augenbrauen und einen Salz-Pfeffer-Bart. Die erste Musterung, dachte ich, als sein Blick mich förmlich durchbohrte: abschätzend, nicht geringschätzig! Er trug eine Sportjacke über seiner kakifarbenen Uniform, sodass ich die Dienstgradabzeichen nicht gleich erkennen konnte. Vom Leben schlau geworden, tat ich vorsichtigerweise so, als stünde ein General vor mir!

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Verwundetentransport. Einheit – 2e Bataillon Etranger de Parachutistes in Indochina

»Du willst in die Fremdenlegion?« Mit Daumen und Zeigefinger zwirbelte er die Bartspitzen durcheinander, schien nicht auf eine Antwort zu warten. »Na dann komm rein.« Sein Deutsch klang perfekt. Mit dem Kopf wies er auf einen kurzen Flur, an dessen Ende sich eine Art Wartesaal befand. »Du findest da drin was zum Schmökern. Es sind Broschüren über die Legion. Sieh dir alles gut an. Wenn du in einer Stunde immer noch hier rumtrödelst, muss ich davon ausgehen, dass du es ernst meinst.«

Diese eine Stunde, nicht dazu angetan, meine Ungeduld zu zügeln, dauerte mir viel zu lange. Natürlich war ich nervös und stellte mir tausenderlei Fragen, doch die Wissbegierde, zu erfahren, was als Nächstes geschehen würde, war weitaus größer als irgendwelche Zweifel. Zunächst jedoch geschah überhaupt nichts. Mir wurde ein Zimmer zugewiesen, in dem sechs Betten, ein Tisch und einige Stühle standen. Anscheinend war ich der einzige Anwärter an diesem Tag, denn ich sah weder Gepäck noch Bettzeug. Die dunkelgrauen Spinde aus Metall waren leer. Ich hatte mir, wie bereits erwähnt, viele Fragen gestellt. Unter anderem auch diese: Würde die Legion Unterschiede zwischen den Freiwilligen machen, die bereits in einer anderen Armee gedient, und denen, die noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hatten? Oder schmissen sie hier alle in einen Topf? Von 1997 bis 1984 war ich Soldat auf Zeit (SaZ-4). Anfangs im Fsch/Jg/Btl/252 und später, nach der Umgliederung auf die Heeresstruktur Vier, im Fsch/Jg/Btl/253. Diese exzellenten Einheiten der Schwarzwaldbrigade hatten ihre Garnison in Nagold. Neben Einzelkämpfer- (im Sauwald), Absetzer- und Freifallerlehrgang an der Luftlande- und Lufttransport-Schule Altenstadt hatte ich diverse andere Ausbildungen hinter mich gebracht. Darunter auch den Lade- und Verlastelehrgang (ebenfalls an der LL/LTS); Sperren und Sprengen an der Pionierschule in München; Schießlehrer für Handfeuerwaffen und PzAbw- Handwaffen an der Infanterie-Schule Hammelburg (Kampftruppenschule -1); einen französischen Kommandolehrgang im Centre d’entraînement commando in Breisach etc. Gab mir das einen Vorteil gegenüber anderen Kandidaten? Einen Teil der Antwort erhielt ich prompt am nächsten Tag. »Vergiss, wer du warst oder was du bisher getan hast. Ab heute bist du Legionär«, sagte mir der Mann vom Vortag, ein Caporal-chef, wie ich inzwischen in Erfahrung gebracht hatte.

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Dreißig Jahre danach, vor derselben Türe. Hier, im Rekrutierungsbüro der Legion, dem Poste d’information de la Légion étrangère (PILE) Strasbourg, hat alles begonnen.

Er erwähnte es in einem Tonfall, der mir eine enorme Last von den Schultern nahm. Ich war auf alles gefasst, nur nicht auf das. Den Worten Ab heute bist du Legionär entnahm ich: Du bist willkommen! Da steckte Wärme dahinter und für diese Art Wärme war ich sensibel, auch weil sie mir die Zweifel nahm. Dass meine militärische Vorgeschichte durchaus von Nutzen war, erfuhr ich erst viel später, als es darum ging, sich in die Ränge der Unteroffiziere zu boxen. Nicht mit Fäusten, aber mit Wissen, mit Autorität und Cleverness. Dieser erste Tag war bedeutsam. Jedem von uns, wir waren mittlerweile vier, wurden die Haare geschnitten: „Boule a zéro“. Theoretisch hieß das „Glatze total“, in der Praxis aber blieben doch zwei Millimeter übrig. Fragebogen wurden ausgefüllt und die (Vor-)Verträge unterschrieben. Es war ein normaler Vertrag, in dem ich mich dazu verpflichtete, fünf Jahre in der Legion zu dienen. Ich überflog ihn – und unterzeichnete. Vielleicht gab es in diesem Vertrag eine Klausel, die besagte, dass man nach einer gewissen Probezeit die Legion wieder verlassen konnte. Wir wurden jedoch nicht ausdrücklich darauf hingewiesen.

Anm. d. Verf.: Wie sieht das heute aus? Im Falle des ersten Vertrages (in jedem Fall fünf Jahre) gibt es durchaus eine Probezeit. Nur dass man die Kandidaten von heute darauf explizit hinweist. Sie beträgt sechs Monate und kann einmal erneuert werden. Der Bewerber hat jederzeit die Möglichkeit, sich, Kopf oben, aus der Affäre zu ziehen und aus dem laufenden Vertrag auszusteigen.

Für mich spielte das damals aber keine Rolle. Man hatte mich nicht abgewiesen, darauf kam es an. Meinen nagelneuen Reisepass und die Klamotten, die ich hier abgeben musste, sah ich lange Jahre nicht wieder, doch auch das war mir einerlei. Zwei Tage später saßen wir im Zug, der uns nach Marseille brachte. Vom Bahnhof Saint-Charles ging es auf LKWs weiter Richtung Aubagne.

Adieu, altes Europa, que le diable t’emporte!

  1. Régiment étranger, Aubagne

“„Nous marchons gaiement en cadence. Malgré le vent malgré la pluie. Les meilleurs soldats de la France …“ Chant du 1. RE / Lied des 1. RE

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Das Abzeichen des 1. RE ist ein schwarzer Adler, der eine grüne Schlange in seinen Fängen hält. Natürlich weist das ganze Symbol auf den Mexikofeldzug 1863 – 1867 hin. Das Abzeichen wurde 1937 entworfen. Mittig erkennt man das grün-rote Andreaskreuz.

Was einst Aubagne in Südfrankreich für uns Legionäre darstellte bzw. darstellt, war bis 1962 Sidi-Bel-Abbès in Algerien gewesen: die „Portion centrale des 1. RE“ und somit das Mutterhaus der Fremdenlegion, „la Maison mère“. Es ist der Ort, an dem alle Fäden zusammenlaufen. Das Quartier Viénot, es trug den Namen schon in Sidi-Bel-Abbès, war für mich deshalb schon ein mythischer Ort, weil hier das Ehrenmal der Fremdenlegion, das „Monument aux morts“ stand. Das Monument ist unzertrennlich mit einem Namen verbunden. Mit dem Namen eines Mannes, dessen Bild in jedem Büro der Fremdenlegion hängt, unabhängig davon, ob dieses Büro in der Wüste, in den Pyrenäen oder auf einer Insel im Pazifik steht: Rollet!

„Mon général, cueillez ces palmes sans épines. Ô Prince des géants. Régnez sur l’océan. Des colonnes d’Hercule aux murailles de Chine!“

Mein General, nehmen Sie diese Palmen ohne Dornen entgegen. Oh Prinz der Riesen. Regieren Sie über den Ozean. Von den Säulen des Herakles (Gibraltar-Felsen und der Musa Berg – Mosesfelsen) bis zur Chinesischen Mauer. Arthur Nicollet, Legionär und Schweizer Poet, zu General Rollets Ehren.

Rollet, ab 1931 der erste Inspekteur der Fremdenlegion, ließ es zum 100-jährigen Bestehen der Legion im Jahr 1931 errichten. Das Rohmaterial, purer Onyx-Quarz, kam aus einer Schlucht mit Namen Sidi-Hamza, 75 Kilometer von Sidi-Bel-Abbès entfernt. Die Legionäre brachen den Quarz mit Hammer und Pickel heraus, beförderten die Blöcke auf den Rücken von Eseln aus der Schlucht und luden sie auf LKWs. Im Quartier Viénot vollbrachte der Bildhauer Pourquet damit das Wunder. Achtzig Tonnen Symbolik. Achtzig Tonnen Geschichte und Tradition. Ein Globus, vier Säulen, Bronze aus Westafrika. Das Resultat? Unsere Geschichte in goldenen Lettern! „La Légion à ses morts 1831 – 1931“ (Die Legion gedenkt ihrer Toten 1831 – 1931). Am Gedenktag zum 150-jährigen Bestehen der Legion (Aubagne 1981) wurde hinzugefügt: „1931 – 1981“ Auf der Rückseite des Denkmals steht zu lesen: „Honneur et Fidélité“ (Ehre und Treue). Schließen wir Legionäre unsere Augen, lesen wir „Blut“, und wir lesen „Zusammenhalt und Schweiß“.

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Das Monument aux morts der Legion steht in Aubagne (Südfrankreich) im Quartier Viénot. Das Gebäude dahinter ist das Museum der Fremdenlegion.

 

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Das Monument: von Meister Paul Anastasiu. Anastasiu nennt das Gemälde « Tu verras la vie autrement » … du wirst das Leben anders sehen.

Den Worten Honneur et Fidélité entnehmen wir: „Wir sind eine Familie, Legio Patria Nostra!“ Kolossal, provokant, massiv steht es da, wie für ewig gebaut. Kein anderes Monument dieser Erde drückt so viel Leidenschaft und Emotionen aus. Der Kriegsminister stimmte damals dem Bau des Denkmals zwar zu, doch finanzieren sollte es die Legion gefälligst auf eigene Faust. Und so kam es, dass vier Jahre lang, von 1927 bis 1931, jeder Legionär freiwillig jeden Monat einen Tag Lohn gab, um es abzubezahlen. In diesen längst vergangenen Tagen war die Solidarität der Truppe schon enorm, was dieses Exempel eindrucksvoll bestätigt. Am 26. Oktober 1962 wurde das Monument abgebaut und in Aubagne neu errichtet. Man kann sich vorstellen, dass ich im Laufe der Jahre oft nach Aubagne kam. Jedes Mal wirkte dieses Ehrenmal wie ein Schock auf mich, vor allem, weil ich um seine Geschichte wusste. Immer empfand ich bei dem Anblick ähnlich.

Anfangs will ich es ignorieren, weil es wie ein Ding aus einer fremden Welt anmutet. Je näher ich ihm komme, desto mehr rückt es ins Zentrum meiner Betrachtung, bis es mich völlig fesselt, bis alles andere daneben verblasst!

Die Zeit im 1. RE ist mir nur vage in Erinnerung, die Bruchstücke jedoch, die haften blieben, sehe ich klar und deutlich vor mir. Unser Gebäude im Quartier Viénot lag etwas abseits. Wir trugen muffige blaue Sportanzüge, deshalb die Bezeichnung „die blauen Säcke“, und in der dritten Woche auch schon das grüne Barett. Beides ohne irgendwelche distinkten Abzeichen. Vom Képi Blanc als Kopfbedeckung konnten wir zu dieser Zeit nur träumen. Alles in allem war ich 23 Tage in Aubagne. Für jede angebrochene Woche, je nachdem, in welcher Rekrutierungsphase wir uns befanden, bekamen wir andersfarbige Litzen an die Schulterklappen. Gelb in der ersten Woche, gefolgt von Grün und Rot. Rot bedeutete, dass alle Tests erfolgreich bestanden waren und einer weiteren Verwendung, d.h. der Versetzung nach Castelnaudary, nichts mehr im Wege stand. Das Gebäude, in dem wir logierten, es war der Sitz der ehemaligen PILE-Süd (Poste d’Information de la Légion étrangère / Informationsstelle der Fremdenlegion), hatte zwei Etagen. Ganz oben befanden sich irgendwelche Büros, die wir nie zu Gesicht bekamen. Wenn die schon älteren Legionäre über die Männer sprachen, die dort ein und aus gingen, wurden ihre Stimmen merkwürdig leise.

»Mit denen da oben ist nicht gut Kirschen essen«, sagte ein Marokkaner zu mir. Es war derselbe, der mich tags darauf wegen einer unsinnigen Kleinigkeit mit einem Messer bedrohte. Vielleicht war er ein guter Messerkämpfer, aber vom Faustkampf hatte er nie etwas gehört. Unser Disput endete damit, dass mir der Kragen platzte und ich ihm ein Ding verpasste, dass ihm Hören und Sehen verging. Sein Opinel, ein Brotzeitmesser mit einem hölzernen, nussbraunen Griff, landete unter dem Tisch, er selbst lief einige Tage lang mit einem blauen Auge herum.

In meiner Jugend las ich sehr viel, verschlang jedes Buch, das mir in die Hände kam. Entfernte Länder und exotische Abenteuer waren für mich ein Mysterium. Und danach sehnte ich mich: nach der Ferne, nach Abenteuer, nach dem Außergewöhnlichen. Insoweit, als es erdenklich ist, dass in einem Mann zwei Seelen schlummern, die des Romantikers und die eines Kämpfers, wollte ich beides für mich in Anspruch nehmen. In Aubagne lag ich nachts oft wach im Bett, dachte, dass im Ursprung eines jeden Abenteuers ebendieses zum Greifen nahe Mysterium liegt. Nach Einbruch der Dunkelheit zirpten die Zikaden, und von meinem Fenster aus sah ich die Berge. Ein warmer, milder Mittelmeerwind lockte verheißungsvoll. Irgendwo hinter diesem Meer, das spürte ich deutlich, lag meine Zukunft. Ich wollte plötzlich nicht mehr warten, sondern wollte alles auf einmal haben, und zwar sofort. Alle Abenteuer, alle Risiken, alle Gefahren auch. Ich wollte alle mysteriösen Berge erklimmen, die dort am Horizont emporragten. Bereits weit weg von zuhause, wurde ich von einem unwiderstehlichen Fernweh gepackt. Was genau ich suchte? Ich weiß es nicht! Möglicherweise hatte mir folgender Satz den Verstand geraubt.

 … hinter den Lichtern einer fernen, fernen Stadt schlummert meine Liebe im Verborgenen, also gab ich meinem Herzen einen festen Stoß und begab mich auf die Wanderung um die nächste Straßenbiegung!

Ich glaube, diese Zeilen in einem Buch von Louis L’Amour gelesen zu haben, dessen Bücher ich bereits seit meiner frühsten Kindheit gelesen hatte.

»Wach auf, Gast!«

Ich hatte mit offenen Augen geträumt.

»Der Sergent de semaine (Unteroffizier vom Dienst) will dich sehen!«

,Chef d’étage‘ Schmidt, ein deutscher Intellektueller, der ein paar Tage darauf desertierte, stand vor mir. »Sieht nach Ärger aus!«

Der Chef d’étage, meist ein Frankophoner, also ein bereits Französisch sprechender Leidensgenosse, der dadurch Punkte sammelte, dass er uns bis aufs Blut mit nicht enden wollenden Arbeiten, den sogenannten Corvées, triezte, wurde unsanft beiseitegeschoben. Hinter ihm erschien eine wuchtige Gestalt, in der ich den Sergent de semaine erkannte. Ich sprang auf und nahm Grundstellung ein.

»Mokhtar, der Marokkaner, ist spurlos verschwunden!«, sagte er mit eindeutig belgischem Akzent. Er studierte mein Gesicht. »Du hast nicht zufällig ’ne Ahnung, warum und weshalb?«

Die Meinungsverschiedenheit zwischen mir und Mokhtar hatte die Runde gemacht. Leugnen war das Dümmste, was ich jetzt tun konnte, und so erzählte ich ihm ohne Umschweife, was geschehen war. Eine Schlägerei, das wusste ich, konnte in der Rekrutierungsphase die sofortige Entlassung zur Folge haben. Vielleicht täuschte ich mich, aber ich glaubte, in den Augen des Mannes vor mir den Ausdruck heimlicher Genugtuung und stillschweigender Anerkennung zu sehen. Die Sache ging für mich glimpflich aus, denn ich hörte nie wieder etwas über den Vorfall. Die nächsten Tage wurden von zahlreichen Arbeiten geprägt: Corvée chiot (Toiletten reinigen); Corvée quartier (den Exerzierplatz und die Wege um das Gebäude von Zigarettenkippen und sonstigen Relikten säubern); Corvée foyer (Reinigen der Kantine); Corvée ordinaire (Reinigen des Speisesaals). Natürlich gab es auch Arbeiten außerhalb vom Quartier Viénot. In Puyloubier unter anderem. Diese Institution der Invaliden der Fremdenlegion hatte mich zutiefst beeindruckt, und das tut sie noch heute. L’Institution des Invalides de la Légion étrangère in Puyloubier (I.I.L.E), in der Domaine Capitaine Danjou, wurde 1954 ins Leben gerufen. Ihr ursprüngliches Anliegen war es, die verwundeten Veteranen des Indochinakrieges aufzunehmen. Diese Institution beherbergt invalide wie auch gesunde, heimatlose Anciens – Ex-Legionäre und auch solche, die sich mit der Integration in das Zivilleben schwertun. Alle Bewohner werden nach mustergültiger Art und Weise ärztlich betreut, haben meist Einzelzimmer, Restaurant, Freizeitmöglichkeiten und können dort auch arbeiten. Der Wein, der auf der Domäne hergestellt wird, wird zum größten Teil an die verschiedenen Regimenter der Legion in Frankreich und in Übersee geliefert. Er ist auch vor Ort (oder via Internet) käuflich zu erwerben. Allein diese Idee: Großartig! Obwohl ich gekommen war, um dort den Küchenboden zu schrubben, diverse Küchengeräte zu reinigen, Essensreste von schmutzigen Tabletts zu fegen und den Müll zu entsorgen, konnte ich nicht umhin, die alten Legionäre, die hier wohnten, zu bewundern. Die Legion bot ihnen hier – erneut, möchte ich sagen – eine Heimat. Sicherlich hatten sie es im Leben nicht leicht gehabt, in der Domäne Danjou hingegen blühten sie auf. Ein Lächeln hier, eine freundliche Begrüßung da. Ich sah nur ausgeglichene Gesichter. Tagsüber, sofern ihre Gesundheit dies zuließ, fabrizierten sie Keramik: Tassen, Teller und Krüge. Sie widmeten sich der Landwirtschaft oder arbeiteten in den Weinbergen (Syrahs, Cabernet-Sauvignons und Grenaches), wo sie den süffigen Puyloubier herstellten. Auch Olivenöl wurde produziert! Es war und ist eine Anlaufstation für diejenigen, die der Legion gedient hatten (nicht sich der Legion bedient!) und die sich, auch aufgrund ihres Einzelgängertums und ihrer militärischen Vergangenheit und Veranlagung, mit der Eingliederung ins Zivilleben schwertaten oder daran gar scheiterten. Es waren diese Anciens, die Ehemaligen, die Veteranen, meist hochgewachsene, eckige und stille Männer. Viele von ihnen waren Kämpfer im Indochinakrieg gewesen, hatten zwischen 1954 und 1962 in Algerien (Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens) gedient oder beides. Ohne Ironie nannte man sie auch les Sentinelles du soir, die Wächter des Abends! Legio Patria Nostra. Das machte Sinn, besonders wenn man die Worte auf die I.I.L.E. bezog. Tags darauf folgte eine Reihe von Tests. Hauptsächlich wurden dabei die Urteilsfähigkeit, eine gewisse Portion Logik sowie auch die emotionale Seite der Kandidaten geprüft. Ich erinnere mich an irgendwelche Zahnräder, die sich in alle Richtungen bewegten, nur nicht dorthin, wo ich es gerne hätte. Ich war eher praktischer Natur und fürchtete um eine mittlere Katastrophe. Danach kamen die ärztlichen und sportlichen Examen. Diese zu bestehen hatte ich keine Angst. Acht Wochen, bevor ich nach Straßburg fuhr, hatte ich mir durch morgendliche Waldläufe und eine spartanische Lebensweise den notwendigen Schliff gegeben. Was man von mir forderte, empfand ich schlicht und einfach als machbar.

Anm. d. Verf.: Und in der heutigen Zeit? In diesen Tagen besteht der sportliche Aufnahmetest essenziell aus drei Klimmzügen und dem Ausdauertest „Luc léger“. Die Klimmzüge sollten so ausgeführt werden, dass das Kinn höher ist als die Stange. Vor der jeweiligen Aufwärtsbewegung müssen die Arme „ganz“ gestreckt sein. Es gibt viele, die hier „versemmeln“, und das, obwohl sie eigentlich problemlos zehn Klimmzüge machen könnten. Sie beherzigen einfach diese zwei Punkte nicht: Kinn über die Stange, Arme gestreckt! Bei dem Ausdauertest geht es darum, auf einer genau bemessenen Strecke von 20 Metern hin und her zu laufen. Der Laufrhythmus beziehungsweise die Geschwindigkeit wird dabei jede Minute um 0,5 km/h erhöht. Jeder Kandidat muss dabei seine Geschwindigkeit so einteilen, dass er quasi auf den Meter genau nahe der Linie ist, wenn das hörbare Signal zum Neustart in die andere Richtung ertönt. Bei dem Test wird die sogenannte Vitesse maximale aérobie (VMA) ermittelt. Grob: Ihre Kondition wird „gemessen“! Wer genau wissen will, wie der Test praktisch durchgeführt wird, kann diesen mittels Eingabe „Test Luc léger“ auch bei Youtube finden (wer gut Französisch spricht, tut sich hier leichter). Die genauen Tonsignale kann man sich herunterladen. Zum Beispiel im mp3-Format: „Test luc léger bande sonore.“

Langsam wurde es ernst. Ich sah dunkle Wolken am Horizont. Man hörte so einiges: Gestapo. Wir nannten es so, das Bureau des Statistiques de la Légion étrangère (BSLE), wörtlich übersetzt Büro der Statistik der Fremdenlegion. Heute ist das BSLE unter der Bezeichnung Division statistique et protection de la Légion étrangère (DSPLE) bekannt. Es ist dem armeeeigenen Nachrichtendienst, der Direction de la Protection et de la Securité de la Défense (DPSD), ähnlich unserem militärischen Abschirmdienst, untergeordnet. Die bekommen alles heraus – oder fast alles. Unterteilt ist die DSPLE in:

Büro „Sekretariat und Informatik“

Zentrum „Situation“

Zelle „Personenkontrolle“

Zelle „Filterung der Kandidaten“ (gibt es nur in der Legion!)

Verwaltung der „Archive und Dokumentation“

Alle diese Zellen, deren Mitarbeiter dienstlich mit geheimhaltungsbedürftigen Dokumenten zu tun haben, unterliegen den höchsten Sicherheitsstufen. Sie streben nur ein Ziel an: Schutz und Sicherheit! Sie schützen die Institution sowie die in Frage kommenden Kandidaten. Die Ursprünge der DSPLE führen zurück ins Jahr 1925. Damals wurde auch in der Legion das berüchtigte Deuxième Bureau eingeführt. Aus dem wurde im Laufe der Jahre das BSLE. Die militärische Sicherheit (de facto der Geheimdienst) erstreckt sich bis in die einzelnen Regimenter. So gibt es mittlerweile in jedem Regiment der Legion einen Officier prévention et sécurité régimentaire (OPSR). Die Fremdenlegion will heutzutage wissen, wen sie in ihren Reihen aufnimmt. Das Profil der Legionäre ist ihr sehr wichtig. Wäre der Leser ein potenzieller Anwärter, so würde ich ihm raten, im Gespräch mit den Offizieren und Unteroffizieren der „Gestapo“ ehrlich und offen alle Fragen zu beantworten. Damals schon versprachen Kameraden mir ein Kreuzverhör, wie es schlimmer nicht sein konnte. Als ich auf Geheiß das Bureau zum ersten Mal betrat, ahnte ich, dass der Mann vor mir längst alles über mich wusste.

»Hast du jemals Drogen genommen?«

Ein Caporal-chef, der hinter ihm stand, übersetzte.

»Haschisch«, gab ich zu, während die Angst mir die Kehle zuschnürte.

»Politisch aktiv?« Er hob seinen Blick von meiner Akte und sah mich direkt an.

»Nein, so siehst du nicht aus! Sag mir, bist du homosexuell, hattest du was mit Männern?«

Ich sah also nicht so aus wie ein Politiker, vielleicht aber wie ein Schwuler?

Der Caporal-chef grinste. »Ein bisschen Spaß muss sein. Der Sergent-chef meint das nicht so. Sag einfach Ja oder Nein.«

»Natürlich nicht«, erwiderte ich einerseits empört, andererseits erleichtert. Erleichtert war ich deshalb, weil der Caporal-chef einen Dialekt sprach, den ich nur allzu gut kannte. Womöglich stammte er aus dem Elsass.

»Nun denn«, sagte der Sergent-chef mit dem Ansatz eines Lächelns. »Umso besser. Wie sieht es bei dir mit Vorstrafen aus?«

Meine Erleichterung wich purem Entsetzen. Mit zwölf hatte ich mal ein Zwanzig-Liter-Bierfass gemopst. Der Lastwagen einer Brauerei hatte des Nachts einen Unfall auf der Autobahn direkt hinter unserem Garten. Die Bierfässer lagen über die ganze Wiese zerstreut und der Biergeruch lockte alle Anwohner aus den Häusern. Wir waren eine kinderreiche Familie und ansonsten alles andere als wohlhabend, im Gegenteil. Die Armut bestimmte unseren Alltag. Meine Mutter hatte immer für alles im Leben kämpfen müssen. Das Wort Vater stand nicht in meinem Lexikon, es war für mich ein Fremdwort. Bei uns gab’s dreimal die Woche Brotsuppe. Meine Brüder und ich mussten uns lustige Sticker aus Stoff auf die schon viel zu kurzen Hosen nähen, um so die Löcher darunter zu verstecken. Neue kaufen kam gar nicht in Frage. Als mich meine Mutter mit Schubkarre und Taschenlampe bewaffnet losschickte, sah ich an ihrem Blick schon, dass ich hier etwas tat, das nicht ganz amtlich war. Doch ich sah auch die Not hinter diesem Blick. Ein Fass Bier konnte man verkaufen, und das bedeutete, dass am Sonntag Fleisch auf den Teller kam. Ich zögerte deshalb keine Sekunde. Draußen angekommen stellte ich rasch fest, dass ich nicht der Einzige war. Tags darauf sammelte die Polizei in sämtlichen Häusern im Umkreis von mehreren hundert Metern alle Fässer wieder ein. Ein mysteriöser Beobachter hatte wohl eine Liste geführt und alle verpfiffen. So viel zu meinen Vorstrafen. Zu meiner größten Überraschung lachte der Sergent-chef ebenso laut wie der Caporal-chef, als ich ihnen davon erzählte. Bezüglich der Compagnie Administrative et de Passage de la Légion étrangère (CAPLE), deren Dach man von hier aus durch die Pinienheide schimmern sehen konnte, eine, besser gesagt zwei Anekdoten. Die eines Deutschen nämlich, der sich bei der Legion bis zum Offizier hochgearbeitet hatte und welcher eine der markantesten Figuren der Legion unserer damaligen Epoche war: Capitaine Lichterfeld! Es ging um die Geschichte eines Caporals, auf den, zurück von Übersee, statt Urlaub eine Gefängnisstrafe wartete, sowie die unrühmliche Entlassung. Was er angestellt hatte, um so in die Klemme zu geraten? Wer weiß das heute noch so genau. Als sich dieser Caporal bei Capitaine Lichterfeld zum Rapport meldete und ihn dieser mit „Guten Tag, mein Junge, was hast du denn da drüben ausgefressen?“ empfing, antwortete der Caporal mutig und frech mit „Bonjour, mon père“, Guten Tag, mein Vater, was eine ungeheuerliche Anmaßung war. Dann erzählte er ihm die ganze Geschichte und wie diese sich zugetragen hatte. Ob des Mutes von dem Caporal beeindruckt, ging der Capitaine mit ihm an seine Bar, schenkte den besten Cognac ein und stieß mit ihm an. Anschließend genügte ein Anruf an höchster Stelle und die Sache mit dem Knast und der Entlassung war Schnee von gestern. Der Caporal hatte stattdessen Urlaub bekommen.

Gute alte Tante Ju 52

Die gute alte Tante Ju – Legionäre des 2. BEP beim Sprung in Indochina

Übrigens gab es im Quartier Viénot eine Straße, die nach diesem Capitaine benannt war, die Lichterfeldstraße! Chef de Bataillon Peter LICHTERFELD, verstorben im März 2010, war ein Algerienkämpfer. Er diente in den Rängen des 1. und 2. REP. Wie Capitaine Hessler, den ich später im Buch erwähne, hat er sich vom simplen Legionär bis hoch in die Offiziersränge geboxt. Von seinem Fenster in der CAPLE aus hatte nun der Capitaine die beste Sicht auf seine Straße. Diese lag unweit des Museums der Fremdenlegion. Jedem verbot er, sie zu benutzen! Jedem außer Legionären des 2. REP. Benutzte ein anderer sie, holte er seinen Luftdruck-Karabiner hervor und schoss, ohne zu zögern, auf diesen Flegel. Man beachte, dass er, Erzählungen nach, am Anfang eine Handfeuerwaffe vom Kaliber 22.LR dazu benutzte, doch das war des Guten wohl doch zu viel. Doch das alles nur am Rande. Wir trugen bereits die roten Litzen, da hieß es nach Einbruch der Dunkelheit Wache schieben. Es war, so fühlte ich zumindest, reine Schikane. Schikane mit Hintergrund! Uns wurde beigebracht, uns in Geduld zu üben, schon auch mal Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht wollte man auch den einen oder anderen noch die Gelegenheit geben, das Weite zu suchen. Waffen hatten wir keine, dafür aber alte Parkas, die dem Aussehen nach aus der Zeit der Grabenkriege stammten und wohl deshalb nicht nach Rosen dufteten. Angesichts der Tatsache, dass der Spuk Aubagne bald zu Ende sein würde, war uns das so ziemlich egal. Mit geschwellter Brust nahmen wir unsere Standardausrüstung und Bekleidung in Empfang. Der Tag, an dem wir das begehrte Képi Blanc tragen durften, rückte mit riesigen Schritten näher.

Fortsetzung folgt! Dann geht‘s ab zur Grundausbildung

Wer nicht warten kann, hier geht’s zum Buch…

… und in letzter Minute

Das 20 seitige Essay ist das Gedankenexperiment eines Soldaten zur brandaktuellen Bundeswehrdebatte. Der Autor, ehemaliger Uniformträger gleich zweier europäischer Länder ist der Meinung, dass zwei Dinge unumstößlich sind. Ohne Soldaten gäbe es kein freies Land. Ohne Soldaten gäbe es keine Demokratie! Nirgendwo auf der Welt. Doch im Sturm der Entrüstung ist es nicht leicht, als Bundeswehrsoldat Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. Und das revoltiert ihn.

https://thomasgast.com/die-bundeswehr-unter-generalverdacht/

 

Neues aus meiner Schreibstube -PRIVATE SECURITY

 

 

 

Es gibt in Deutschland nur eine Handvoll Männer, die unter Vertrag ausländischer privater Sicherheitsfirmen arbeiten. Und noch weniger, die davon erzählen. Warum? Weil es ein Tabu ist. No-Go! Das vorliegende Buch bricht dieses Tabu. Wer nach langen Jahren eine Eliteeinheit verlässt, für den ist nichts mehr, wie es mal war. Der Weg, zurück zum normalen Leben macht diesen Männern schwer zu schaffen. Manche packen es nicht, zu krass ist der Unterschied zwischen blutigen Einsätzen in Krisengebieten von einst und dem ganz normalen Wahnsinn im gutbehüteten Zivilleben von heute. Es entspricht einer gewissen Logik, dass die Vergangenheit diese Männer schneller wieder einholt als ihnen lieb ist. Und wenn die alten Teufel wieder rufen: Können sie ihnen widerstehen?

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Fremdenlegion Teil 4

Die Fortsetzung aus

Leben unter fremder Flagge

(Thomas Gast)

King Khalid International Airport, Riyadh, Kingdom of Saudi Arabia, Mai 2005.

Der Flug AF-512 aus Paris hatte eine Stunde Verspätung. Noch vor einem Jahr hätte ich mir spätestens jetzt eine Zigarette angesteckt und genüsslich daran gezogen, doch das Rauchen hatte ich mir abgewöhnt. Möglicherweise erklärte das meine Nervosität. Das Thermometer in der Eingangshalle zeigte fünfundvierzig Grad Celsius, die Luft war zum Schneiden dick und ich wurde von einer regen Menschenmasse schier erdrückt. Filipinos, Pakistani und Inder saßen um ihre verschnürten Bündel herum am Boden, fieberten heftig miteinander diskutierend ihrer Heimat entgegen. Ich wartete auf zwei Männer. Oliver war einer davon. Wir hatten ihn damals, vor fast zwanzig Jahren, die „Wildgans“ genannt. Meine Unrast schwand, als ich ihn und Dorjek über weißem Marmor auf mich zukommen sah. Das breite Grinsen in Olivers Gesicht konnte die Gewissheit nicht beiseitefegen, dass die Wildgans wohl nie wieder so elegant abheben würde, wie sie das früher getan hatte. Oliver hatte gut und gerne vierzig Pfund zugenommen, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Und er hinkte leicht. Sein Hund, schoss es mir durch den Kopf! Ich hatte von der Geschichte gehört.

Olliver 2

Einsatz in Riad. Bei der Waffe handelt es sich um eine Heckler & Koch MP5 K-PDW. Jeder der beiden trägt außerdem eine Pistole vom Typ USP Compact, Kaliber 9 mm x 19 bei sich.

»Oliver!«

Ich musste an mich halten, ihn nicht an meine Brust zu drücken. Oliver kam aus Schleswig-Holstein, war also ein echter Wikinger, und genauso sah er auch aus. Baumlang, blondes, ins Rot übergehendes, kurz geschorenes Haar und blaue, intelligente Augen, die unablässig nach möglichen Gefahren Ausschau hielten. Kurz stellte er mich Dorjek vor, einem, wie sich herausstellte, sympathischen Deutsch-Polen, der später auch für kurze Zeit unser stellvertretender Teamleiter sein sollte. Als wir ein paar Minuten darauf mit einem gepanzerten Toyota Geländewagen Richtung Riad Stadtmitte fuhren, gab ich beiden einen kurzen Abriss, was sie bei unserer Aufgabe erwarten würde.

»Wir bewachen den Botschafter der Delegation der Europäischen Kommission. Savage ist Ire. Die Botschaft liegt mitten in der Stadt, seine Residenz etwas außerhalb. Er hat eine Frau und zwei Kids. Nadja ist Marokkanerin, die Kinder, ein Mädchen und ein Junge, besuchen Privatschulen.« Ich überreichte jedem von ihnen eine Akte. »Ihr habt die Nacht, euch alles einzuverleiben. Wir fangen morgen in aller Frühe an.«

»Rentnerjob«, meinte Oliver sarkastisch. Es war eine Anspielung darauf, dass wir aufgrund unserer Zeit bei der Fremdenlegion bereits eine monatliche Pension bezogen. So gesehen stimmte seine Aussage, doch ich fühlte mich ganz und gar nicht als Oldie. Körperlich und geistig war ich noch genauso fit wie vor zehn Jahren. Natürlich entbehrte der neue Job jeglicher Dynamik und jeglicher Aktion. Der Nervenkitzel fehlte! Oliver und ich hatten jahrelang in der Armee gedient, die, allen anderen Formationen voraus, den Anspruch erhob, Dynamik, Effizienz und die Aktion der Sturmtruppen ohne Wenn und Aber zu vereinen. Um es salopp auszudrücken: Ran an den Feind, drauf und drüber! Kein Dumpfbacken- und Möchtegerngehabe, sondern an den Feind herangetragene Fähigkeiten, erworben im Einsatz und während einer langen, technisch und taktisch hervorragend geführten Ausbildung. Alles, was nach unserem Ausscheiden aus der Fremdenlegion beruflich folgte, war von daher gesehen etwas eintönig und trocken. Dieser Job konnte also nur Zwischenstation für weitere Horizonte sein. Auch Dorjek machte ein langes Gesicht.

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Riad, 2006. In verwinkelten Gassen der Stadt steht der Rolls Royce der Familie Ben Laden

Wenn er auch kein Legionär gewesen war, so doch ein Mann der Tat. Auf den Spitzen seiner Stiefel in seinem Gepäck befand sich immer noch Staub aus Bagdad, und vielleicht auch ein paar Tropfen Blut. Alle drei wussten wir, dass Riad im Augenblick immer noch ein heißes Pflaster war, doch nicht mehr ganz so gefährlich wie noch vor zwei Jahren. Damals, zwischen den Jahren 2002 und 2004, jagte eine Attentatswelle die nächste. Nur einen Katzensprung von unserer Unterkunft entfernt wurde am 22. Mai 2003 der deutsche Küchenchef Hermann Dengl ermordet, hinterhältig niedergestreckt mit sechs Schüssen in den Rücken. Angeblich nur aus dem Grund, weil er ein Ungläubiger aus dem Westen war. Nur ein paar Monate später wurde der Körper des US-Bürgers Paul Johnson (Hubschrauber-Ingenieur des Lockheed Martin Corps / Wartung von Apache Helikoptern) gefunden. Mudschaheddin der AQAP (al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel) hatten ihn entführt und vor laufender Kamera enthauptet. Seinen Kopf hatten sie im nördlichen Riad in den Kühlschrank einer Villa gelegt. Ich weise auch auf das Attentat auf das US-Konsulat in Dschidda hin. Erst im Dezember hatte al-Qaida in seinem Krieg „gegen die Kreuzritter und die Juden“ in der Hafenstadt versucht, das Konsulat zu stürmen. Dabei kamen neun Menschen ums Leben, darunter vier Kameraden aus der Sicherheitsbranche. Die Liste dieser Verbrechen gestaltete sich unendlich lang. Das vornehmliche Ziel der Banditen? Westliche Ausländer und Einrichtungen oder den USA wohlgesonnene Häupter! Wir waren gewarnt, hatten später auch alle Hände voll zu tun, als im September 2005 „dieser Däne“ doch ernsthaft meinte, mit einer Mohammed-Karikatur einen großen Coup in der westlichen Welt zu landen. Angerichtet hat er damit nur weltweite Unruhen und Unheil. Alleine für all die Toten, unter Christen, Juden und Muslimen, Opfer der Unbedachtheit eines Einzelnen, müsste man ihn schon zur Rechenschaft ziehen.

37

SOVAMAG im Einsatz während der Operation Pélican, 1997 – Brazzaville – Kongo. Noch ist alles ruhig!

Dennoch sollte die Langeweile unser ärgster Feind sein. Da ich schon etwas länger im Land weilte, hatte ich mich darauf eingestellt. Um diesem unscheinbaren, jedoch heimtückischen Feind „Langeweile“ auszuweichen, hatte ich mich Hals über Kopf in diverse Zeitvertreibe gestürzt. In meiner Freizeit trieb ich Sport bis an die Grenze des Vertretbaren und war – vor allem nachts – viel unterwegs bei sogenannten „Recces“, den Erkundungsfahrten. Martin, unser britischer Teamchef (er starb im Jahr 2016 in Afghanistan), erwartete von uns, dass wir die Stadt in- und auswendig kannten. Das war kein leichtes Unterfangen, denn Riad hatte knappe drei Millionen Einwohner. Die Innenstadt war ein Labyrinth hunderter namenloser Gassen. Die Verkehrs- und Namensschilder der kleineren Straßen, der Spaliere und Gässchen, waren meist nur mit arabischer Schrift gekennzeichnet. Um etwas Überblick zu bekommen, hatte ich mir einen Arabischlehrer genommen. Ahmed, einst Lehrer an der amerikanischen Botschaft in Riad, war ein alternder Ägypter: Eine Informationsquelle mehr für mich, denn er verkörperte den Finger am Puls des Mannes auf der Straße! Es kam vor, dass ich mir einen Bart wachsen ließ, meine ältesten Klamotten anzog und mich in Al-Batha, dem alten Riad, unter Inder und Pakistani mischte. Nicht weit entfernt von Al-Batha, in Al-Dirah (gesprochen Ad-dirah), war auch der Platz zu finden, an dem die allwöchentlichen Hinrichtungen stattfanden. Den Verurteilten wurde vor neugierigem Publikum und in aller Öffentlichkeit mit einem langen Schwert der Kopf abgeschlagen. Ich überlegte lange Zeit, ob ich mir das anschauen sollte, entschied jedoch, dass diese Menschen auch ohne einen Zuschauer mehr dem Tod ins Auge schauen konnten. Von Freunden, die es mit ansahen, ließ ich mir hinterher sagen, dass dies ein schneller und gnädiger Tod sei. Nicht zu vergleichen zumindest mit dem abscheulichen Tod, hervorgerufen durch diese gräulichen Todesspritzen oder durch den elektrischen Stuhl in den USA. Einige Wochen nach Olivers Ankunft in Riad rief Martin mich in sein Büro.

»Fahr bitte zum Flughafen, wir bekommen Verstärkung!«

Er reichte mir den Personalbogen über den Tisch. »Vielleicht kennst du ihn ja. Angeblich war er in der Legion. Sein Name ist Fratelli. Ange Fratelli (Name geändert)!«

9

… vor dem ersten Fahrzeug nur hundert Meter weiter warten die Cobras auf uns.

Ange. Donnerwetter! Und ob ich ihn kannte! Ange war im Milieu bekannt wie ein bunter Hund. Wir hatten zusammen in Französisch Guyana gedient. Nach seinem Ausscheiden aus der Fremdenlegion hatte er sich dazu entschlossen, einen Schritt weiter zu gehen. Er tat sich mit den ganz Großen des „internationalen Sicherheitsgewerbes“ zusammen und machte sich in diesem Milieu sehr schnell einen Namen. Mir war es ein Rätsel, was Ange hier zu suchen hatte. Jede Sicherheitsfirma im Irak hätte das Doppelte bezahlt, um ihn zu bekommen; als Teamleiter, versteht sich. Er war vom Fach. Ein absoluter Profi. Jemand „sans peur et sans reproche“! Einer also, dem Angst ein Fremdwort war und der fehlerfrei, methodisch und präzise arbeitete. Ich stand erneut in der Eingangshalle am Flughafen, doch diesmal mit einer dumpfen Vorahnung. Ange war ein Korse, wie er im Buche stand. Hochgewachsen, dunkles Haar, dunkle Augen und mit tiefen Falten auf der Stirn, kam er mir lachend entgegen.

»Schön, dich zu sehen, Thomas!«

Ohne zu zögern, ergriff ich seine Hand und schüttelte sie kräftig.

»Ange. Welcher Wind treibt dich hierher? Hat man dir etwa nicht gesagt, dass sogar Grobiane wie du hier Anzug und Krawatte tragen müssen?«

Ein schnippisches Grinsen erschien im erdbraunen Gesicht.

»Ich habe dich beobachtet!«, sagte er betont langsam. Eine Note in seiner Stimme gefiel mir gar nicht.

Etwas verwirrt sah ich auf die Uhr. »Wenn wir nicht gleich losfahren, geraten wir in die Rushhour. Dann ist auf Riads Straßen die Hölle los. Du solltest etwas schlafen, denn deine Arbeit beginnt mit der Frühschicht, das heißt genau in vier Stunden.«

Ohne auf meinen Kommentar einzugehen, sagte er: »Es war das erste Mal, dass wir auf verschiedenen Seiten kämpften, Tom! Wir lagen alle da oben, haben gewartet, bis sie euch endlich abzogen.«

17

… es geht ran!

Ich konnte mich nicht mehr verstellen und so tun, als ahnte ich nicht, wovon er sprach. Die Neugier brachte mich schier um.

»Du warst in Brazzaville?«

»Und ob ich dort war. Wären nicht die Legionäre vom 2. REP gewesen, und du mittendrin, wer weiß. Vielleicht hätte ›le Vieux‹ uns früher losgelassen.«

Anm. d. Verf.: Wen er damit meinte, war in unseren Kreisen kein Geheimnis. Le Vieux nannten wir den ins Alter gekommenen Söldnerführer Gilbert Bourgeaud alias Bob Denard. Ja, er war noch aktiv, hörte erst auf, es zu sein, als er im Oktober 2007 verstarb.

Er brauchte mir auch kein Bild davon zu malen, was geschehen wäre, wenn es zu einer frühzeitigen Konfrontation gekommen wäre. Sie waren gekommen, um einen „Kandidaten“ in eine bessere Position zu bringen. Eine Horde Profis! Alles, was Rang und Namen hatte, lag damals in den Wäldern westlich von Brazzaville, und wir hatten nichts davon geahnt.

18

Brazzaville!

Ich verband den Namen dieser Stadt im Herzen Schwarzafrikas mit einem persönlichen Misserfolg. Oh ja, ich erinnerte mich an jene Nacht und an die Ereignisse in der Avenue Schoelcher, unweit vom Centre culturel français. Es war am 07. Juni 1997. In dieser Nacht wehte der Wind des Todes durch die Straßen Brazzavilles. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.

Fortsetzung folgt!

Wer nicht warten kann, hier geht’s zum Buch…

… und in letzter Minute

Das 20 seitige Essay ist das Gedankenexperiment eines Soldaten zur brandaktuellen Bundeswehrdebatte. Der Autor, ehemaliger Uniformträger gleich zweier europäischer Länder ist der Meinung, dass zwei Dinge unumstößlich sind. Ohne Soldaten gäbe es kein freies Land. Ohne Soldaten gäbe es keine Demokratie! Nirgendwo auf der Welt. Doch im Sturm der Entrüstung ist es nicht leicht, als Bundeswehrsoldat Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. Und das revoltiert ihn.

Neues aus meiner Schreibstube

INSIDE FINAL

Es gibt in Deutschland nur eine Handvoll Männer, die unter Vertrag ausländischer privater Sicherheitsfirmen arbeiten. Und noch weniger, die davon erzählen. Warum? Weil es ein Tabu ist. No-Go! Das vorliegende Buch bricht dieses Tabu. Wer nach langen Jahren eine Eliteeinheit verlässt, für den ist nichts mehr, wie es mal war. Der Weg, zurück zum normalen Leben macht diesen Männern schwer zu schaffen. Manche packen es nicht, zu krass ist der Unterschied zwischen blutigen Einsätzen in Krisengebieten von einst und dem ganz normalen Wahnsinn im gutbehüteten Zivilleben von heute. Es entspricht einer gewissen Logik, dass die Vergangenheit diese Männer schneller wieder einholt als ihnen lieb ist. Und wenn die alten Teufel wieder rufen: Können sie ihnen widerstehen?

Hier weiterführende Links

https://www.weltbild.de/artikel/ebook/private-security_23122382-1?rd=1

https://thomasgast.com/private-security/

Fremdenlegion Teil 3

Die Fortsetzung aus

Leben unter fremder Flagge

Verbrecher oder, wie Capitaine Borelli sagen würde:  »Ramassis d’étrangers sans honneurs et sans foi!?« Ein Haufen Fremder ohne Ehre und ohne Glauben? Schon möglich, aber was ist denn ein Verbrecher? Wenn ein Mann sein Land verließ, weil ihm dort alles zu viel wurde mit Frau und Kind (und Hund)? Weil Schulden ihn plagten, Langeweile ihn tötete und andere mit dem Finger auf ihn zeigten, weil er nicht in die Form passte, in die man ihn zwängen wollte? Gut, dann besteht die Legion unter Umständen nur aus Verbrechern! Wenn man unter „Verbrecher“ jedoch jemanden versteht, der ein Kapitalverbrechen begangen hat, sprich Mord, Totschlag etc., so hat dieser nicht die geringste Chance, in der Legion anzuheuern, kurz: Solche Verbrecher nimmt die Legion nicht mehr.

Die Legion ist keine Zufluchtsstätte für Verbrecher!

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… Paras der Legion bei der Ausbildung!

Die Fremdenlegion von heute ist modern und hoch flexibel. Sie sucht den Soldaten, der, intelligent und selbstbewusst, mit der steigenden Flut und den damit verbundenen Anforderungen, die höchst technische Waffen, Instrumente, Fahrzeuge und andere Materialien stellen, problemlos klarkommt. Sie hält vor allem nach Männern Ausschau, die eines nie aus dem Auge verlieren: Es ist der Mensch, der zählt! Jeder einzelne Legionär zählt, ist wichtig, hat seine Stärken und Schwächen; und noch wichtiger: Er hat seinen Platz!

Söldner? Mercenaires?

Mit Vehemenz nein! Wer die Legion nicht kennt, begegnet ihr zunächst mit Misstrauen. Das habe ich selbst oft so erlebt. Man verbindet den Namen Fremdenlegion mit Schrecken, teils mit roher Gewalt, mit einem gewissen Söldnerwesen und mit Männern, die im Zivilleben versagt haben. Und man meint, die Legion würde im Verborgenen stets ihr eigenes Süppchen garen. Nun, all das ist falsch, zumindest zum größten Teil. Der Legionär ist und war als Soldat immer Teil der regulären Armee Frankreichs. Den Ruf, ein Söldner zu sein, verdankt er den Menschen, die das eben gerne so sehen möchten. Und das verdankt er auch der Tatsache, dass er hauptsächlich fernab des europäischen Festlandes eingesetzt wurde. Dort also, wo niemand ihm über die Schulter blicken, man nur spekulieren konnte, was er denn so trieb. Sein Wirken und Handeln sah man de facto nie, also war es per se schlecht. Je weiter weg von den Medien und vom „Vieille Europe“, vom alten Europa, umso besser war es für ihn. Söldner (namentliche Beispiele könnte ich ein Dutzend aufzählen) haben alle eines gemeinsam. Sie sind unmenschlich und brutal. Diese scheußlichen Attribute sind nicht die von professionellen Kämpfern. Ihnen fehlt jegliche Disziplin, die letztendlich einen guten Soldaten ausmacht. Verherrlicht und bewundert werden solche Männer von uns Legionären jedenfalls nicht. Im Gegenteil! Es gab und gibt zu viele angebliche Söldner, die in der Legion nie auch nur fähig gewesen wären, einen Trupp zum Reinigen der Toiletten zu führen, weil ihnen selbst dazu die natürliche Autorität fehlte. Gewalt ist keine Autorität, sondern Schwäche! Generell darf man einen Söldner nicht mit einem Fremdenlegionär vergleichen.

Ehrenbezeugung für einen gefallenen Kameraden Beerdigung

Fallschirmjäger der Legion in Indochina. Hier das 2. BEP. Ein gefallener Kamerad erhält die letzte Ehre.

Ein Soldat (so auch der Legionär) ist ein professioneller Fachmann, dessen Metier technische, intellektuelle und körperliche Kompetenz erfordert. Und das auf vielschichtigen Ebenen. Es genügt nicht, sich einen Titel zu verpassen, aus dem Hinterhalt Menschen zu erschießen, sich jeden Abend zu betrinken und dann, mit der Waffe in der Hand, die Welt neu zu erfinden. Viele Söldner, streng genommen die Mehrheit von ihnen, können eindeutig in den Topf „extrem rechts“ oder „Rassist“ geworfen werden. Von beiden Faktoren, Inkompetenz und Rassismus, nehmen wir, die echten Fremdenlegionäre, mit Verlaub, ganz großen Abstand. Wir sind Profis und kein schießwütiger Haufen oder gar eine Horde wilder Outlaws. Eine eiserne Disziplin, Honneur und Fidélité, das alles gibt es bei den Söldnern nicht wirklich. Genau auf diesen drei Werten aber basiert die Stärke der Fremdenlegion. Ich fühlte mich nie als Söldner. Die Fremdenlegion ist Teil der französischen Streitkräfte, basta. Ob jemand das wahrhaben will oder nicht. Die feine Nuance ist: „Wir aber sind Legionäre … auch basta!“

Anm. d. Verf.: Wie immer, so gibt es auch hier Ausnahmen. Persönlich kannte ich durchaus Söldner, die exzellente Soldaten, gute Kameraden und, was man nie vermuten würde, auch humane Krieger waren (sofern humane Krieger existieren). Das trifft fast zu hundert Prozent auf all diejenigen zu, die vorher in der Legion eine harte Schule nach dem Ehrenkodex, dem Code d’honneur du légionnaire, durchlaufen haben.

 

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Die zweite Kompanie des 2. REP im TSCHAD

Was die Homosexualität anbelangt, so ist sie mir in all den Jahren nie begegnet. Mit Sicherheit kann ich aber sagen, dass es, wenn überhaupt, nur Einzelfälle gab und dass die Legion vermutlich weniger mit diesem Phänomen kämpfen musste als andere Einheiten. Tatsächlich, und jetzt kommen diese Nuancen, von denen ich sprach, unterscheidet sich die Legion sehr von anderen Truppenteilen. Traditionen spielen hier eine enorme Rolle. Die Lieder, les Chants Légion, mal tief, schwer und süß wie die Sünde, mal sarkastisch, dann wieder herzerfrischend, meist immer mit einer zweiten oder auch dritten Stimme. Der bedächtige Gleichschritt, achtundachtzig Pas (Schritt) pro Minute. Le Code d’honneur du légionnaire, der Ehrenkodex (siehe Anhang). La Ceinture bleue (blauer Gürtel der Parade- und Wachuniform). „La Cravate verte“ (grüne Krawatte) und das Képi Blanc (das weiße Käppi). „La Grenade à sept flammes“ (Granate mit sieben Flammen, übernommen vom Vorgängerregiment, dem Regiment Hohenlohe), „Camerone“ (siehe Anhang) sowie unzählige andere Besonderheiten machen die Legion aus. Die Art und Weise, zu rekrutieren, ist einzigartig auf dieser Welt.

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Tradition ist der Kit, der zusammenschweißt

Beeindruckend ist der unerschütterliche Zusammenhalt der Truppe, diese „Cohésion“, die den Unterschied ausmacht, wenn es hart auf hart kommt. Die Legion kommt nicht und setzt sich ins gemachte Nest, sie verändert. Sie verändert zum Besseren! Ich habe es nie anders gesehen oder anders getan, und wenn es nur das Weiß-Anmalen einiger Steine mitten in der Wüste war, das auch seinen Sinn und Zweck erfüllte. Das Gefühl, angekommen zu sein, Mitglied einer Familie sein zu dürfen. … Legio Patria Nostra … (aus dem Lateinischen: Die Legion ist unser Vaterland). Das waren und sind nicht nur Worte. Und schrieb man nicht schon allzu oft, … wenn ein Legionär stirbt, wen kümmert das schon? Es ist schon mehr als nur ein bisschen Wahrheit an all dem. L’amour du travail bien fait? Das beste Beispiel, das mir spontan in den Sinn kommt, ist Folgendes. Im Mai 1997 in Kongo Brazzaville sagte unser Regimentskommandeur vor allen Offizieren und Unteroffizieren des Regiments einen Satz, der mich wieder einmal beeindruckte und auch bestätigte – und das, obwohl er fast obszön klingt.

 

60. Urwald Restaurant, Legion

 

Legionäre bei der Ausbildung Überleben im Dschungel / Guyana

 

„Wenn Paris entscheidet, dass wir (das 2. REP) in den Krieg ziehen, sind wir die verdammt besten Soldaten der Welt. Und wenn sie (die in Paris) entscheiden, dass wir sämtliche Scheißhäuser von Paris putzen sollen … sind wir die verdammt besten Scheißhausputzer der Welt, und danach gibt es keine Stadt auf diesem Planeten mehr, deren Scheißhäuser sauberer sind.“

Was er damit zur Sprache bringen wollte, das dürfte klar sein. Es ist unwesentlich, mit welchen Aufgaben man Einheiten der Fremdenlegion konfrontiert (zwischen wichtig oder unwichtig sollen Andere entscheiden). Die Legion derweil wird immer an ihre Grenzen gehen, um diese Aufgaben par excellence zu erfüllen. Jedem der an sie herangetragenen Aufträge schenkt sie höchste Aufmerksamkeit, und sicherlich trägt das dazu bei, sie von anderen Einheiten grundsätzlich zu unterscheiden. Es gibt weder niedere Aufgaben noch unwichtige Aufträge!

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Einsatz des 2. REP im Libanon, 1982. Auf dem Bild: Die Elite der Legion, die CRAP

Warum schrieb ich dieses Buch?

Ausschlaggebend für mich war die unbestechliche Logik meiner Frau. Wir unterhielten uns über die Fremdenlegion – was Seltenheitswert hatte – und ihr fiel auf, wie extrem ich alles Erlebte banalisierte. Und dann kam ihr Satz: „Was dir banal erscheint, ist für andere ohne Zweifel außergewöhnlich spannend!“ Diese Aussage beschäftigte mich und bewirkte, was ich rundweg ausgeschlossen, ja für unmöglich gehalten hatte. Der Wunsch, meine Erfahrungen und Erlebnisse niederzuschreiben, wuchs von Minute zu Minute. Das Resultat liegt vor Ihnen. Zum Abschluss dieses Vorwortes noch eine Angelegenheit, die mir persönlich sehr am Herzen liegt. Im Jahr 2006 stieß ich im Internet zufälligerweise auf einen Artikel, der von einem UN-Beobachter verfasst wurde. Darin empörte sich dieser Unwissende über sogenannte Killereinheiten wie, ich zitiere: die 82. Airborne-Division und die französische Fremdenlegion. Es ging in dem Artikel um Missbrauch, Korruption, Vergewaltigungen oder Misshandlungen der Schutzbefohlenen und sogar um deren willkürliche Tötung im Rahmen humanitärer Einsätze. Ich zitiere weiter:

Wenn ein Einsatz nicht der Kriegführung, sondern der humanitären Hilfe dienen soll, dann darf man keine „Killereinheiten“ entsenden. Die französische Fremdenlegion oder die 82. Luftlandedivision der USA sind harte bis brutale Kampftruppen, die in humanitärem Kontext völlig fehl am Platz sind.

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Ein Para meines Zuges im Paradeanzug

Wie von selbst versteht es sich, dass ich diesen Mann sofort per Mail kontaktierte. Ich schrieb Folgendes: Guten Tag, Herr Unbekannt (wobei mir sein Name natürlich geläufig war). Ich bin durch Zufall auf folgende Zeilen gestoßen (Text s.o.), die, soviel ich weiß, von Ihrer Hand stammen. Wer so etwas Absurdes schreibt, brilliert nicht durch Wissen um das Thema. Oder er ist sehr schlecht informiert. Wahrscheinlich beides. Humanitäre Einsätze hatten wir, die Sie uns unwissend Killereinheiten nennen, oft, ein Auflisten halte ich an dieser Stelle für überflüssig. Jeder dieser Einsätze wurde brillant gemeistert. Bei all diesen Interventionen hat die Fremdenlegion zahlreiche Leben gerettet. Sie half Menschen, die in Nöten waren.

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Einsatz im Kongo, 1997

Sie bot ihnen Obdach, Nahrung, Medikamente und Schutz, stellte sich bravourös, vorbildlich und uneigennützig in den Dienst aller Leidtragenden. Keine andere Eliteeinheit – und ich kenne sie alle – hätte diesen humanitären Aufgaben besser und gleichzeitig effizienter gerecht werden können. Nie werden Sie eine Einheit finden, die disziplinierter und mit einer größeren Portion Altruismus ihren jeweiligen Auftrag wahrnimmt als die Fremdenlegion. Egal ob der Einsatz der Kriegsführung dient oder ob es ein humanitärer Einsatz ist, für uns war es immer selbstverständlich, dass wir unser Leben aufs Spiel setzten. So oder so! Ich habe andere Einheiten gesehen, die Geld annahmen, von Menschen in Not. Ich sah Einheiten, die für horrende Preise Armeerationen an hungernde Menschen verkauften, um sich zu bereichern. Ich sah Einheiten, die ganz gerne vernunftwidrige Kollateralschäden von großem Ausmaß hinnahmen, nur um selbst mit heiler Haut davonzukommen. All dies gab es bei der Fremdenlegion und in meiner Zeit nie und wird es auch zukünftig nie geben! Ja, ich denke, Sie sollten sich besser informieren! Mit freundlichen Grüßen: Fremdenlegionär Thomas Gast. Dass eine Antwort auf mein Schreiben seinerseits ausblieb, muss hier nicht ausdrücklich erwähnt werden. Auch wenn es einigen Herrschaften nicht passt: In den Kellern der Fremdenlegion lohnt sich ein Stöbern nicht, es liegen dort keine verscharrten Skelette. Danke, Legion.

Hier geht’s zum Buch …

Fremdenlegion Teil 2

Die Fortsetzung aus

Leben unter fremder Flagge

Die Fremdenlegion –  La Légion étrangère

Dreizehn Lettern, die sich dicht aneinanderreihen. Dreizehn Buchstaben, von denen jeder einzelne einem Hauch von Abenteuer gleichkommt. Buchstaben, die klingen wie Romantik, Effizienz, Verwegenheit und Heldentum.

… auch wie Nostalgie?

Es ist seltsam still geworden um die Legion. Hat sie ihren Mythos eingebüßt? Hat die Fremdenlegion ihre Romantik in die längst erkalteten Grüfte Indochinas gelegt, sie darin begraben? Wo ist der Hauch von Abenteuer geblieben? In den Wadis, den Ergs oder auf den Djebels Marokkos oder Algeriens, für immer verloren?

Nein. Ganz entschieden: Nein!

Haben die Zeiten sich auch geändert, so ist die Fremdenlegion sich treu geblieben. Der Legionär von heute ist identisch mit dem, der im September 1918 mit aufgepflanztem Bajonett Schulter an Schulter mit seinen Kameraden die Hindenburglinie stürmte und siegte. Und oh ja, es wird eine Zeit kommen, in der man den Abenteuern der gegenwärtigen Legion genauso viel Aufmerksamkeit widmet, wie man heutzutage mit größter Bewunderung die Taten der Fremdenlegion des vergangenen Jahrhunderts beklatscht. Es ist eine eingefahrene Sache, dass die meisten Menschen denken: Früher war alles besser! Einst waren Männer noch Männer! Zu unserer Zeit zählte ein Wort etwas! Ich widerspreche dem nicht, weise ungeachtet dessen mit Vehemenz darauf hin, dass es Sprüche ins Leere sind. Jede Generation generiert ein „Plus“, birgt ihre Vorteile. Keine erlebte Epoche ist von minderer Güte, im günstigsten Fall ist die jeweilig aktuelle Generation einfach nur anders. Von dem Jetzt, dem Heute will ich berichten, nicht vom Anno Dazumal. Doch zwei Dinge vorweg. Zuallererst muss betont werden, dass dieses Werk nicht den Anspruch erhebt, eine schriftstellerische Glanzleistung zu sein. Das ist nicht mein Ansinnen. Ich möchte über Ereignisse erzählen, nicht sie schönreden bzw. schönschreiben. Ich will auch nicht irgendetwas beweisen, höchstens hoffen, dass der Unterhaltungswert sowie die Informationen über die Fremdenlegion den Mangel an schriftstellerischer Eleganz aufwiegen. Um die Wahrheit geht es mir. Wer dieses Buch mit der Idee aufschlägt, jede Seite sei mit Blut besudelt und auf jeder zweiten wird sich ein muskelbepackter Fremdenlegionär, furchtlos und ohne eine Schramme abzubekommen, erfolgreich gegen eine gesamte Armee behaupten, dem gebe ich einen Rat: Träumen Sie weiter oder lesen Sie einen Schmöker von Stephen King, denn keines von diesen Klischees oder Hirngespinsten werde ich nähren.

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Legionär bei der Ausbildung in Französisch Guyana – keine Supermänner, sondern vom Willen beseelte Abenteurer, die ihre „zweite Chance“ wahrnehmen

Um die Legion ranken sich Mythen, das Thema füllt zahlreiche Bücher und Kolumnen. Mit Verlaub, es wurde und wird auch viel Unsinn über sie geschrieben. Unsinn, der auf Mangel an Information und Intuition basierte. Es wurde zu ungenau recherchiert, leider auch dort, wo Un- oder Halbwahrheiten grassierten. Himmelschreiend bedeutend ist die Zahl derer, die selbst nie in der Legion gedient haben, die aber darüber berichten, als ob sie dort die beste Zeit ihres Lebens verbracht hätten. Natürlich ist das legitim, man muss schließlich Waterloo nicht erlebt haben, um über Napoleon zu schreiben, doch Waterloo ist nicht Camerone und Napoleon nicht Danjou. Die meisten dieser Autoren waren mit dem Thema Legion überfordert, denn wer nicht gedient hat, kann kaum den Esprit Légion einfangen. Wer es trotzdem versuchte, schob ein Manuskript vor sich her, dessen Geruch des „nicht Authentischen“ einem Ex-Legionär schon von weitem entgegenschlug, ihn damit ohrfeigte. Den unbedarften Leser damit zu düpieren ist denkbar, der gediente Insider hingegen wird höchstens die Augen verdrehen. Einigen Autoren gelang es. Paul Bonnecarrère zum Beispiel. Er selbst hat nie in der Legion gedient. Sein Buch „Frankreichs fremde Söhne“ (Originaltitel „Par le sang versé“) ist aber an Authentizität kaum zu überbieten. Warum? Weil er unter Legionären gelebt, mit ihnen Seite an Seite im Dreck, in der Kälte und im Regen gestanden, mit ihnen Kaffee und Wein aus einem Blechnapf getrunken hat.

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Simon Murray

Aber auch unter der Handvoll ehemaliger Legionäre gibt es Verfasser, die nur kurze Zeit in der Legion verweilten. Das Gesamtbild „Legion“ konnten sie dementsprechend nur unvollkommen, aus ihrer Nische heraus, beurteilen. Simon Murray ist eine Ausnahme. Dem Briten gelang mit „Tagebuch eines Fremdenlegionärs“ ein hervorragendes Werk. Der Gentleman von Scheitel bis Sohle und spätere Milliardär war nur fünf Jahre in der Legion (Einsatz in Algerien), schrieb aber Wahres mit behutsamem Weitblick und mit der notwendigen Seriosität. Als junger Mann und angehender Legionär hatte er begriffen, dass die Legion eine brutale Schule ist. Dementsprechend verhielt er sich. Er gab sich vollends hin, warf seine ganze Stärke, seinen Glauben, seinen Mut und seine Begeisterungsfähigkeit in die Sache. Das ermöglichte es ihm, die Legion so vorzufinden und in seinem Buch so zu präsentieren, wie sie wirklich ist. Jemand, der sich nur halbherzig und mutlos in die Schlacht wirft, dem wird dieser Blick verwehrt bleiben. Und zu guter Letzt existieren wie eh und je Deserteure oder solche, die schlechter Leistungen wegen „gegangen“ wurden. Auch dem Personenkreis schreibe ich die Objektivität ab, die es braucht, Wahres zu berichten. Man nennt sie Hafensänger und derer gibt es leider viele. Der Blick, den Außenstehende von der Legion bekommen, wird nicht selten von denen verzerrt und ins falsche Licht gerückt, die noch eine Rechnung mit ihr offen haben. Meine Worte sollen die Verdienste des angesprochenen Personenkreises in keiner Weise schmälern, wichtig ist mir, dass der Leser nicht dazu verführt wird, durch sie das Essenzielle aus den Augen zu verlieren. Das Essenzielle ist in diesem Fall, dass die Legion lange vor unserer Geburt schon existierte und dass sie auch dann noch existieren wird, wenn wir zu Grabe getragen werden. Die Legion – ob als herausragende Institution oder als schlagkräftiger, moderner Kampfverband – ist einzigartig. Egal, unter welchem Aspekt und aus welchem Blickwinkel heraus man sie betrachtet.

Vorsicht ist geboten

Paras der Fremdenlegion im Libanon

Unsinn zu schreiben, davor bin auch ich nicht gefeit. Nur habe ich einen enormen Vorteil. Ich war dabei, bin bis zum Schluss geblieben, siebzehn Jahre lang. Ich verließ die Legion durch die Vordertür, Stolz und Wehmut im Herzen. Meine Recherchen heißen Erinnerungen. Erinnerungen daran, wie ich die Legion während der Zeit von Anfang 1985 bis Anfang 2002 erlebte, doch Vorsicht: Mit Nachdruck distanziere ich mich davon, die Fremdenlegion verherrlichen zu wollen. Kritik übe ich in diesem Buch, wenn sie denn angebracht ist, genauso verfahre ich mit Lob und Anerkennung. Wenn letztere überwiegen, dann ist der „wahre“ Blick wiederhergestellt, dann war es halt so! Sehr oft wirft man mir vor, ich würde die Legion schönfärben, würde sie belobhudeln und glorifizieren. Diese Kritik kommt erstaunlicherweise nicht selten von Ex-Legionären. Es bedarf meinerseits keiner Rechtfertigung. Dennoch: Ich verspüre eine große Solidarität mit denen, die kämpften, auch an meiner Seite. Und ich fühle mich denen verbunden, die in ihrem Fleisch und in ihrer Seele verletzt wurden. Mit denen, die ihr Leben ließen. Ich fühle mich verpflichtet, gebrachte Opfer zu würdigen, sie nicht zu vergessen. Und ich schreibe, wie ich die Legion erlebt habe, Punkt! Meinen Vorgesetzten sah ich immer gerade und offen ins Gesicht. War ich unzufrieden, suchte ich den Dialog. Dem ging meist eine kleine Revolte voraus, ein Aufbäumen meinerseits im Angesicht einer sich anbahnenden oder geschehenen Ungerechtigkeit. Teilweise kam das Gespräch erst zustande, nachdem ich auf die harte Tour daran erinnert wurde, dass ich Legionär war, nach körperlichen Strapazen also, aber es fand statt. Solche „Umwege“ ging ich oft und auch gerne, wenn das Resultat stimmte. Immer das Beste von mir gebend … Aufrichtigkeit, körperlichen Einsatz bis zum Umfallen, grenzenlose Dankbarkeit … habe ich stets einige Rosinen vom Kuchen zurückbekommen. In Form von Vertrauen. Ich erhielt ein „Commandement“ (Zugführer und später auch „Spieß“ bei den Paras Légion), einen „Titel“ (Adjudant) und eine bescheidene Rente. Und das erzeugt Neid.

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Der Autor in Dschibuti – Arta – Camp Amilakvari – 1990

Natürlich gab es Legionäre, und vielleicht kommen wir hier der Sache ja näher, die nie gaben, sondern die sich nur bedienten. Die sich „verwalten“ ließen. Es gab jene, die heuchlerisch dienten, die sich ständig besoffen, die alles schlechtredeten, die anderen nie ihre Hilfe anboten und die körperlich nie an ihre Grenzen oder gar darüber hinausgingen, außer unter Zwang, unter Drohungen. Auch sie erhielten zu Dienstzeiten, was sie „gegebenenfalls“ verdienten. Schläge, Knast, kaum Verantwortung und Rauswurf nach fünf Jahren (oder schon vorher)! Dass dieser Personenkreis nicht verstehen kann, dass es jemanden gibt, der die Legion in Ehren hält, ist nachvollziehbar. Ich verüble es ihnen aber nicht. Undankbarkeit dem gegenüber, der einen einst fütterte, aufnahm und eine zweite Chance bot, ist womöglich ein menschlicher Zug. Jeder lebt, wie er es versteht. Jeder erntet, was er sät. In jüngster Vergangenheit wurde mir oft die Frage gestellt: Wie ist sie denn, die Legion? Es fiel mir immer nur eine Antwort dazu ein. Die ist etwas länger:

Am Anfang: Ein zusammengewürfelter Haufen, auf der Suche nach ein und demselben Ideal.

Währenddessen: Effizienz, Schlagkraft … Ohne Zweifel die „bestgeölte“ Kampfmaschine der Welt, die überall, wo sie auftaucht, Spuren hinterlässt. Spuren von Großzügigkeit, von Gerechtigkeit und von Toleranz. Spuren von absoluter Professionalität, von Kameraderie und von etwas, das man jenseits des Rheins „l’amour du travail bien fait“ nennt, die Neigung, sprich die Liebe zu einer gut vollbrachten Arbeit oder auch sich mit Passion und Hingabe seiner Arbeit widmen!

Danach: Gibt es nicht, denn „Einmal Legionär immer Legionär!“.

Um es mit einem einzigen Wort auf den Nenner zu bringen, bravo! Um die Légion étrangère so darzustellen, wie ich sie erlebt habe, müsste ich ein Manuskript von etwa dreitausend Seiten verfassen. Ich empfand sie im Hass und in der Bewunderung, in der Angst wie auch in Momenten der Verneinung der Angst, im scharfen Einsatz ebenso wie im routinemäßigen Alltag. Siebzehn Jahre Legion in ein Buch von etwa dreihundert Seiten zu pressen, das ist unmöglich. Aus diesen wie auch aus anderen, oft makabren, menschlichen Gründen musste gekürzt werden. Etwas Nachsicht wird erbeten. Der Leser muss verstehen, dass die eine oder andere Erfahrung und das eine oder andere Erlebnis von mir bewusst unter den Tisch gefegt wurden. Das geschah ebenso aus Respekt Kameraden gegenüber wie auch aus der Angst heraus, gefühlsmäßig erneut involviert zu werden. Von vielerlei Dingen braucht man Abstand, manch Ding muss ruhen. Sicherlich werde ich unbewusst (oder ganz gezielt?) versuchen, mit den Vorurteilen, die man dieser Truppe, vor allem in Deutschland, immer noch entgegenbringt, aufzuräumen, aber ich glaube, die vorliegende Geschichte spricht für sich selbst. Alle Personen, die im Buch vorkommen, sind real. Die Begebenheiten haben sich so zugetragen, wie sie niedergeschrieben sind. Da Irren menschlich ist, kann es vorkommen, dass von der chronologischen Reihenfolge her einiges durcheinandergerät. Das bitte ich zu entschuldigen.

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Casse Croute. la Légion c’est dur mais la gamelle est sûre

Ich bin kein Militärhistoriker, somit ist das vorliegende Buch auch keine Studie, kein Geschichtsbuch über die Légion étrangère. Vielmehr handelt es sich um eine Art in die Tiefe gehendes Tagebuch über mich und über meine Jahre in der Fremdenlegion. Es kommen Passagen vor, in denen ich Anekdoten schreibe, die nicht mich persönlich betreffen und von denen ich nur die Hand am Ohr erfahren habe. Falls sich hier jemand wiedererkennt und mit der Faust droht: Je m’excuse! Ich hoffe, der Schaden hält sich in Grenzen. Die Seiten zum Thema Weltgeschichte am Anfang einiger Kapitel habe ich hinzugefügt, damit sich der Leser zeitlich findet. Ebenfalls auf diesen Seiten zu lesen sind einige Fakten aus der Geschichte der Fremdenlegion. Wer selbst in dieser einzigartigen Truppe gedient hat, findet sich in meinen Berichten sofort wieder und wird sicherlich, hin und wieder, einen entzückten oder auch zornigen Ausruf des Erkennens von sich geben. Denn natürlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit, die alten Zeiten vor Augen geführt zu bekommen und dabei unsensibel zu bleiben. Es gibt Namen, Orte, Geschehnisse, Abläufe, Gerüche und Farben, die sind wie Gesichter aus alten Zeiten oder wie Geschichten aus der Kindheit: Man hat sie vergessen! Sie sind tot, und es gibt nichts, was sie zu neuem Leben erwecken könnte. Eindrücke von der Legion jedoch vergisst man nie, und liegen sie noch so weit in der Vergangenheit. Die Fremdenlegion besitzt ihr eigenes Flair, ihre wundersamen Farben und Gerüche, ihren unbeirrbaren, unbestechlichen Charakter!

Beiseiteschieben? Ja!

Vergessen? Niemals!

Es reicht ein Fingerschnippen, ein von einem wildfremden Menschen geflüstertes Wort in der Straßenbahn, der flüchtige Anblick eines Soldaten in Uniform, selbst aus der Ferne, und alles ist wieder da. Alles! Man ist wieder mittendrin. Ich wäre der glücklichste Mensch der Welt, wenn mir das gelingen könnte: Erlebtes erneut an den Tag zu bringen, um ein Lachen oder ein Nachdenken oder gar Tränen in die Gesichter einiger Leser zu zaubern. Möglicherweise sind es Tränen der Wut und der Trauer, weil ich längst Begrabenes an die Oberfläche bringe, sei es! Wenn ich einige Zeilen vorher von Personen und deren Anerkennung schrieb, dann hat das seine Gründe. Nirgendwo anders als in der Fremdenlegion war es mir vergönnt, Charaktere kennenzulernen, die mich derart positiv beeindruckt haben. Ob es nun der eine oder andere Offizier war, der mich durch seine natürliche Autorität, durch Kompetenz, Herzensgüte und auch durch seine gnadenlose Härte sofort an sich fesselte. Ob der Unteroffizier, dem „Angst“ ein Fremdwort war. Ob der Gefreite, der mit mir nachts durch die stillen, engen Gassen der Elendsviertel in N’Djamena, durch die heiteren Straßen Calvis oder durch die gefährlichen Quartiers Bacongo und Kouanga schlich, auf der Suche nach einer Bar, um dort für alles Geld der Welt einen letzten Drink mit mir zu nehmen, bevor die Stürme der Realität, der Einsätze oder der Ausbildung des kommenden Tages erneut über uns hinwegfegten: Chapeau, Hut ab! Das Potenzial wertvoller Menschen in der Fremdenlegion ist unerschöpflich. Zu dieser Erkenntnis kam ich sehr schnell. Das der Mitläufer und der unbedeutenden Personen ist wohl auch unerschöpflich, mahnt der Kritiker in mir. Doch auch diese entwickelten sich meist mit jedem Tag, den sie in der Legion verbrachten, zu interessanten Menschen. Das war und ist eine Frage der Zeit und des Umfeldes, wobei hier die Menschen, Ausbilder, Vorgesetzte, vor allem die schon älteren Unteroffiziere, eine enorme Rolle spielten. Es ist schon ein langer Prozess, in der Legion sich selbst und seinen Platz zu finden, doch das Umfeld ist günstig. Es wird kein Rassismus betrieben. Niemand wird aufgrund seines Aussehens, seiner Rasse, seiner Religion oder seiner Herkunft benachteiligt.

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Das Bild von Hans Hartung wurde von Paul Anastasiu, einem Legionär, gemalt.

„Meiner Meinung nach ist die Malerei, die man die abstrakte nennt, kein Ismus, wie es deren in letzter Zeit viele gegeben hat, sie ist weder ein „Stil“ noch eine „Epoche“ in der Geschichte der Kunst, sondern einfach ein neues Ausdrucksmittel, eine andere menschliche Sprache – und zwar direkter als die frühere Malerei“. HANS HARTUNG … was trieb ihn an? Warum ging er zur Fremdenlegion?

Was treibt einen Menschen, zur Legion zu gehen?

Die Gründe für einen solchen Wahnsinn variieren von Person zu Person. Meist ist der wahre Grund so tief in den dunklen Seelen der Einzelnen vergraben, dass es ein Leben bräuchte, eine passende Antwort darauf zu finden. Auf solche Fragen folgen meist Diskussionen, die niemals enden wollen und aus denen ich mich heraushalte, bei denen ich mich selbst im Stillen frage: Warum bin ich denn zur Legion? Im Februar 1985 hätte ich keine Antwort darauf gewusst. Ich hätte mich wortlos umgedreht und mir darüber nicht weiter den Kopf zerbrochen. Heute, mit etwas Abstand, habe ich mir selbst eine Antwort zusammengebastelt, mit der ich halbwegs zufrieden bin. Ich betone: Halbwegs! Was den Rest von diesem Halbwegs betrifft, so wage ich zu bezweifeln, dass ich je eine Antwort finden werde. Siebzehn Jahre in der Fremdenlegion! Kein Krieg dauert so lange, weder Hass noch Unvernunft, auch keine Besonnenheit und schon gar kein Zwang. Was war es dann? Sollte ich zunächst die Frage anders stellen: Warum bin ich nicht zur Fremdenlegion? Hier wird es übersichtlicher. Ich bin nicht zur Fremdenlegion, weil:

… ich ein Verbrecher war. Dazu bin ich zu freiheitsliebend, zu ehrlich auch.

… ich ein überzeugter Soldat war. Was sicherlich den Leser überrascht, der erfährt, dass ich insgesamt 21 Jahre meines Lebens dem Soldatentum widmete und auch jetzt einen ähnlichen Beruf ausübe. Dafür war und bin ich allgemein zu friedfertig, auch zu rebellisch!

… ich den Hang hatte, jemanden umzubringen. Ganz und gar nicht! Die Notwendigkeit, einen Gegner zu neutralisieren (irrtümlich von einigen Unwissenden als Hang bezeichnet), kam immer aus der tiefen Überzeugung und auch mit dem begründeten Wissen, dass nur durch das Außer-Gefecht-Setzen des Gegenübers das eigene Leben, das der Kameraden oder das Leben der anvertrauten Schützlinge gerettet werden konnte. Schien das eigene Leben belanglos, das der Kameraden war es nicht. Priorität hatten immer der Auftrag und das Leben des Schutzbefohlenen. Den anderen, „das Gegenüber“, zu neutralisieren war kein Hang oder ein Trieb, nein! Es handelte sich um eine humane und lebensnotwendige Handlung. Es war die Pflicht, ihm zuvorzukommen! Jeder Soldat weiß ein Lied davon zu singen, ein Zivilist wird es nicht begreifen.

… ich in finanziellen Nöten war. Obwohl die Fremdenlegion ein Arbeitgeber ist, der für seine Soldaten sorgt, überdurchschnittlich, ja exzellent bezahlt, war das für mich kein Grund. Geld hatte ich immer genug, vor, während und nach meiner Legionszeit. Geld war weder Gradmesser meines Befindens noch Triebkraft, das „Weite“ zu suchen.

… ich mich für irgendetwas bestrafen wollte. Ein Narr war ich nie!

Nun, warum bin ich zur Fremdenlegion?

Wahnsinn, Romantik gar? Obwohl das Wort Romantik in den Hochburgen der Fremdenlegion verpönt ist, kommen wir der Sache langsam auf die Spur.

„Lieber will ich den Schwierigkeiten des Lebens entgegentreten, als ein gesichertes Dasein zu führen; lieber die gespannte Erregung des eigenen Erfolges statt die dumpfe Ruhe Utopiens.“

Diesen Satz von Albert Schweitzer finde ich wahnsinnig interessant. Warum? Weil ich mich total damit identifizieren kann. Ein Leben in steter Sicherheit zu führen, war für meine Begriffe nicht nur langweilig, sondern auch wertlos. Und noch ein berühmter Satz hatte es mir angetan. Er stammt von keinem Minderen als Philip Rosenthal, dem Porzellan-König und späteren SPD-Bundestagsabgeordneten aus Selb. Seine Eltern waren reich, er selbst studierte in Oxford und machte seinen Master of Arts in Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften. Jeder sagte ihm eine brillante Zukunft voraus, und was macht er? Richtig! Er geht in die Fremdenlegion! Rosenthal sagte: Wenn man mich fragt, wo ich in meinem Leben am meisten gelernt habe, antworte ich – nicht nur im Spaß: in Oxford und in der Fremdenlegion. Aber ich bin nicht sicher, ob ich nicht in der Legion mehr gelernt habe als in Oxford! Seinen eigenen Worten nach hatte der spätere Industrielle im letzten Jahr an der University of Oxford nur einen Wunsch. Er wollte heraus aus dem Glashaus, das ihm vor den rauen Winden des Lebens fast vollkommenen Schutz bot! Und er betonte eindringlich, dass er kein Dauerbewohner in einem Narrenparadies mehr sein wollte, der nie einen Blick von dem ergatterte, wie das Leben ohne die Behaglichkeit und ohne die gesellschaftliche Stellung aussieht, Dinge also, die man immer als selbstverständlich hingenommen hat (Philip Rosenthal – Einmal Legionär). Die Worte sprechen Bände, sie verraten eine tiefere Sinnsuche. Philip Rosenthal trat der Legion im Jahr 1939 bei, ich knapp fünfzig Jahre später. So grundverschieden das persönliche Umfeld Rosenthal/Gast und der weltgeschichtliche Kontext damals/heute auch sind, umso ähnlicher die Motive für diesen Schritt. Nun wird es Menschen geben, die empört schreien: Aber dieser Rosenthal war doch ein Deserteur, Gast aber blieb der Legion treu! Das ist zutreffend. Aber Rosenthal war einer von uns. Er war Legionär. In seiner Seele ist er das bis zu seinem Tode auch geblieben, nur das zählt.

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Das 2. BEP – Fallschirmjäger der Fremdenlegion im Indochina

Deserteure gab es immer. Im Jahr 2009 zum Beispiel hatte die Legion etwa 250 Soldaten, die sich unerlaubt von der Truppe entfernten. Nach genau sechs Tagen Abwesenheit werden sie zum Deserteur erklärt, alle Bankkonten sofort gesperrt, die Polizei informiert. Zu meiner Zeit war es üblich, dass fast jeder Legionär einmal „verschwand“. Die meisten kamen jedoch wieder, gingen für dreißig Tage in den Bau und die Sache war Schnee von gestern: Keiner sprach mehr darüber! Das war überhaupt das Gute, diese direkte Art, Probleme ruck, zuck – und ohne nachtragend zu sein – zu „händeln“. So erinnere ich mich an einen Hauptmann (Capitaine Martin) in Französisch Guyana, der den Legionären lieber eine saftige Ohrfeige verpasste, als sie ins Legionsgefängnis zu stecken. Der Vorteil? Keinen Eintrag ins Carnet de Chanson (Strafregister). Letzteres blieb weiß. Auch heute desertiert etwa jeder dritte Legionär einmal während seiner Karriere und meistens hat die „befehlswidrige Entfernung von der Truppe“ mit der Legion am allerwenigsten zu tun. Oft steckt der verdammte „Cafard“ dahinter, ein „Blues“, eine Frau, eine Flasche zu viel, ein Chagrin d’amour (Liebeskummer). Für mich war die Fremdenlegion sprichwörtlich die Brücke dazu, in die Fremde zu kommen. Andere Kulturen kennenzulernen, Abenteuer zu erleben, etwas zu tun, das niemand, den ich kannte, auch nur in Erwägung gezogen hätte. Darum ging es mir. Das Unbekannte reizte mich, die Gefahren. Ich hatte dieses rätselhafte Verlangen, an meine Grenzen zu gehen. Auch zu erleben, was es heißt, Leid zu ertragen, zu hungern, zu dursten, zu frieren und mir die Haut von den Füßen zu marschieren. Eins vorweg: Die Legion hat mich in meinen Erwartungen nicht enttäuscht! Und dann war da noch etwas, man mag es mir glauben oder nicht. Das Wort Fremdenlegion selbst. Es zog mich magisch an. Auch heute noch läuft es mir eiskalt und brühend heiß den Rücken hinunter, wenn ich „Légion étrangère“ höre, denke, lese oder mich nur daran erinnere. Heute, mit fünfzig, ist die Versuchung, noch einmal diese Abenteuer zu erleben, wieder die Stimme meiner Chefs zu hören, wenn sie laut und fordernd sagen „… en avant la Légion“, genauso verlockend wie damals. Im September 2002 zum Beispiel, ich war seit acht Monaten Zivilist, erfuhr ich aus inoffiziellen Quellen vom Krieg in der Elfenbeinküste. Es war wie ein Schock: Ich bekam eine Gänsehaut. Meine Kompanie – ich kannte noch jeden einzelnen Mann – war in vorderster Front im Einsatz, und ich kämpfte mit den alltäglichen, mitunter banalen und absurden Problemen eines bodenständigen Familienvaters. An diesem Tag sah ich immer wieder zum Telefon, gleichwohl wusste ich, dass meine Jungs auch ohne mich gut klarkamen. Natürlich würde niemand mich anrufen, aber es war eine bizarre, unwirkliche Situation.

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Auf Patrouille – 1995 – Awakaba – Zentralafrikanische Republik

 

Was hat mir das Leben in der Legion gebracht?

Im Gegensatz zu dem Warum gibt es hier keine Gräber dunkler Seelen. Die Antwort liegt auf der Hand. Ich hab mich selbst gefunden. Heute weiß ich die alltäglichen Kleinigkeiten besser zu schätzen. Der vorzüglich gedeckte Frühstückstisch zum Beispiel. Für viele Menschen in Europa oder anderswo ist er Normalität. Für mich jedoch stellt er ein kleines Wunder, einen Tresor dar. Ein Schluck kühles Wasser, wenn der Durst schreit, banal? Ich denke, nein; ich weiß, dass er kostbarer ist als ein Lottogewinn! Menschen nach der „Optik“, nach ihrem Aussehen zu beurteilen, ist das Schlimmste, was man tun kann. Auch das brachte die Legion mir bei. Es kommt nicht darauf an, wie jemand aussieht, wo er herkommt, welche Kleider er trägt oder wie er sozial aufgestellt ist, sondern was alleine zählt, ist, wer er wirklich ist. Der Mensch zählt. Es zu halten, wie Antoine de Saint-Exupéry es brillant auf den Punkt bringt: »On ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible pour les yeux.« Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist unsichtbar für die Augen – das ist für mich ein Leitsatz geworden. Leider, so stelle ich in unserer Zeit jeden Tag erstaunt und entmutigt fest, handeln viele Menschen in Europa nicht danach. Das Flüchtlingsdrama 2015 trug nicht dazu bei, dass die Verständigung der Länder untereinander besser wurde. Viele sehen nur „die Anderen“, kaum aber „die Menschen!“ und so geht die Menschlichkeit dahin. Die Worte „geht nicht“, „unmöglich“ haben für mich ihren Sinn verloren, weil die Fremdenlegion mich täglich gelehrt hat, dass es immer ein Voran gibt, dass „alles“ zu schaffen ist. Auf den Willen kommt es an, denn er versetzt Berge. Ich habe gelernt, über den Tellerrand zu schauen, und es mir verboten, zu essen, wenn neben mir jemand hungert. Durch meine Reisen mit der Legion in fern liegende, fremde Länder ist mir bewusst geworden, dass, besonders in Europa, viele Menschen im Überfluss leben. Täglich gebärden sie sich so, als stünde ihnen dieser Überfluss zu. Oft sind es dieselben Menschen, die nicht begreifen wollen, dass nicht weit weg von uns – und oft gar mitten unter uns – Trauer, Leid und Armut herrschen. Es sind diejenigen, die ihre Augen und Türen (und ihre Herzen) verschließen vor all dem Elend, das uns umgibt. Ich habe gelernt zu teilen, mit wenig auszukommen, habe die tiefe Bedeutung des Wortes Toleranz erfahren. Im Schweiß des Angesichtes, im Schmerz, im Hunger und im Durst und auch im Feindfeuer erfuhr ich, dass die Interessen des Einzelnen immer erst hinter den Bedürfnissen der Gemeinschaft kommen. Mir das in der Praxis einzuverleiben war ein enormer Schritt in Richtung Menschwerdung. Keine Universität der Welt hätte mir ein umfassenderes Wissen (Wissen um die Menschen, Wissen um das „Humane“ an sich) und bessere Werte vermitteln können als die Schule Fremdenlegion. Ich habe auch erfahren, dass das Leben sehr schnell zu Ende sein kann, weiß nunmehr, dass ich jeden Tag erleben will, als sei er mein letzter. Und genau das taten wir damals schon. Wir, die Legionäre. Oft frage ich mich, wo ich jetzt wäre, wenn ich, anstatt der Legion beizutreten, in Deutschland geblieben wäre. Ich denke, ich wäre in der grauen Masse der Allerweltsmenschen untergegangen, die niemals erfahren würden, dass sie Essenzielles verpasst haben. Heute laufe ich mit hoch erhobenem Kopf einher. Meinen Preis dafür habe ich doch zahlen müssen. Der Legion den Rücken zugewandt, stellte ich nämlich mit Schrecken fest, dass in meiner Seele ein rastloses Monster schläft. Ein harmloses zwar, aber immerhin. Auf der Brust dieses Ungeheuers stand in grün-roten Buchstaben: „Einmal Legionär, immer Legionär!“ Nur ein klischeebehafteter Spruch? Von wegen! Man kann nicht 17 Jahre in der Legion gedient haben, nach Deutschland oder anderswohin zurückkehren, und das war’s dann. Meine Familie hat mitunter viel damit zu tun, dieses Monster – ist es einmal erwacht – zu besänftigen. Mal gelingt es ihr, mal nicht. Schafft sie es nicht, kommt es vor, dass ich meinen Rucksack packe und, sei es im tiefsten Winter und für zwei, drei Tage, nur mit meinem Hund in die anliegenden Wälder verschwinde. Auf meiner Schulter sitzt dann ein kleiner Teufel, der mich berät. Im Wald wird das Zelt aufgeschlagen, ein Feuer gemacht und eine Flasche Rotwein geköpft, trocken, s’il vous plaît. Das Ziel ist immer, mit einem Lächeln drei Tage später wieder daheim zu erscheinen. Hungrig, unrasiert und nachdenklich, aber glücklich und mit dem Wissen, dem „Teufel Legion“ wieder mal keins ausgewischt zu haben, bis zum nächsten, wohl auch vergeblichen Versuch. Doch das wird seltener, obwohl es sicher nie aufhört. Und immer diese impertinenten Fragen.

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N’déle an der Grenze zum Tschad – 1988

Alles Säufer, Verbrecher, Söldner, Homosexuelle?

Bitte vergessen Sie das!

Säufer? Ivrognes?

Viele, die mit solch unsinnigen Kritiken um sich werfen, vergessen – oder wissen nicht –, dass Legionäre oft tage-, wochen-, ja monatelang im Einsatz oder im Gelände bei der Ausbildung sind. Im Einsatz wird nicht getrunken und bei der Ausbildung nur dann, wenn es grünes Licht von oben gibt. Wenn ein Legionär, der lange Wochen im Einsatz war, harte Entbehrungen hinter sich gebracht hat und mitunter sein Leben riskierte, mal einen über den Durst trinkt: ein Säufer? Mit Sicherheit nicht, aber lassen wir’s dabei.

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Fremdenlegion. Einsätze und Operationen in Afrika 1965–2015

Auszug aus dem Buch – Fallschirmjäger der Fremdenlegion: Einsätze und Operationen in Afrika 1965–2015

Operation Licorne

 

Zwischen September 2002 und März 2003 kamen in der Elfenbeinküste vier Kampfkompanien sowie die Stabs- und Versorgungskompanie der Fallschirmjäger der Legion zum Einsatz. Sie unterstanden dem Groupement Tactique Interarmes Ouest (GTIAO). Die Paras Legion operierten im Westen des Landes, entlang des Sassandraflusses, stellten somit die Verbindung, den Schulterschluss mit der regulären Armee des Landes, der FANCI, her. Diese kämpfte auf demselben Breitengrad gegen die MPCI-Bewegung, die sich später im Laufe der bürgerkriegsähnlichen Situation mit anderen Gruppen wie MPIGO und MJP zur Koalition der Forces Nouvelles, der neuen Kräfte, zusammenschloss. Auf dem Kriegsschauplatz bewegten sich auch unkontrollierbare und irreguläre Söldner aus Liberia. All diese Gruppierungen in der Hitze des Kampfes auszumachen und zuzuordnen erforderte Erfahrung und Bauchgefühl. Beides hatten die Legionäre. Man erzählte mir später, dass es für jeden Feind, von der simplen Notwehr, die ja für alle in Beton gemeißelt war, mal abgesehen, andere Rules of Engagements (ROEs) gab. Das machte die Sache nicht unbedingt einfacher. Am 28. September verlegte die CEA, die schwere Kompanie des 2. REP, von Dschibuti nach Abidjan. Die Blauen waren vor ihrer Verlegung auf einer compagnie tournante am Horn Afrikas unterwegs. Der erste Auftrag der Männer der schweren Kompanie war es, den Flughafen MAN zurückzuerobern. Der Befehl dazu wurde am Nachmittag des 29. November erteilt. Sofort darauf rückte die Kompanie klar zum Gefecht aus. Zuerst musste herausgefunden werden, wo der Feind seine Abwehrstellungen hatte. Ganz bewusst gingen deshalb kleine Spähtrupps der Blauen entlang der Feindlinie auf „Kontakt“. Schon während der Auswertung aller Berichte fügte sich das Bild nach und nach zusammen. Die Stärke der Rebellen, die den Flughafen hielten, wurde Pi mal Daumen auf einhundert geschätzt. Die Feindstellungen waren hervorragend ausgebaut, die Rebellen gut organisiert und an jedem Punkt der Verteidigungslinie hellwach. Sie zu vernichten würde kein Leichtes sein. Nichtsdestotrotz griffen die Blauen am frühen Morgen des nächsten Tages an.

 

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In Erwartung des Angriffs.

Unterstützt von leichten Kampfpanzern Typ ERC-90 Sagaie und von Kampfhubschraubern Gazelle dauerten die Kämpfe den ganzen Tag. Am Abend jedoch befand sich der Flughafen in ihren Händen. Auftrag ausgeführt! Bereits am 1. Oktober hielten die Legionäre in Bouaké, der Hochburg der Rebellion, ihren Einzug. Sie konnten jedoch nicht verhindern, dass am 6. Oktober mitten in der Stadt ein Massaker stattfand. Sechzig Gendarmen mit ihren Frauen und Kindern wurden von den Rebellen in das Gefängnis eines Militärcamps geschleppt, wo man die meisten von ihnen hinrichtete. Zu diesem Blutbad, angeblich begangen von der MPCI, legte Amnesty International im Februar 2003 einen detaillierten Bericht vor. Zu dem Zeitpunkt, als das Massaker stattfand, lagen die Legionäre östlich und westlich der Stadt entlang einer imaginären Waffenstillstandslinie auf der Lauer. Sie waren also gar nicht in der Stadt, sondern weit davon entfernt mitten im Busch. Und dort mussten sie allerhöchste Vorsicht walten lassen. Das Leben eines französischen Soldaten im Norden des Landes, ganz besonders aber im Großraum Bouaké, war zu der Zeit kaum etwas wert. Die Einwohner hielten es eindeutig mit den Rebellen. In Bouaké selber gingen fast jeden Tag rund 200.000 Demonstranten auf die Straßen. Ihre Rufe, „Chirac Lügner“ und „Franzosen raus“, richteten sich in erster Linie aber gegen Laurent Gbagbo, den Präsidenten der Elfenbeinküste, und gegen sein Regime. Bouaké war aber nicht nur das Machtzentrum der Rebellen, sondern auch ihr Jagdrevier, wenn es darum ging, neue Soldaten zu rekrutieren. Sie heuerten einige Hundert der sogenannten Dozos an, traditionelle Jäger also, die sich im Urwald bestens auskannten und die mit ihren Waffen auch auf größere Distanz Wunder bewirken konnten.

 

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… etwas Frieden bringen: Das zählt!

Außer den Dozos rekrutierten die Rebellen wahllos zahlreiche Jugendliche aus der Stadt. Mehr oder weniger handelte es sich um Zwangsrekrutierungen, denn sie fanden oft unter Androhung von Gewalt statt. Zu diesem Zeitpunkt, in der Woche um den 1. Oktober 2002, übernahm General Beth das Oberkommando über die Operation Licorne. Ich kannte Beth von meiner Zeit aus dem 2. REP, wo er 1990/1991 als Oberstleutnant die Funktion des S3-Offiziers innehatte. Der hochgewachsene Emmanuel Beth war ein äußerst ruhiger Offizier, dessen Stärke darin lag, offenbar immer richtige Entscheidungen zu treffen. Das klingt banal, ist aber eine Kunst, die nicht jedem Chef gelingt. Von 1994 bis 1996 war er Kommandeur der 13. Halbbrigade der Legion und von 2010 bis 2013 französischer Botschafter in Burkina Faso. Mit dem Anlegen des Militärfrachtschiffes TCD Foudre kam Mitte Dezember Verstärkung für die Legionäre. Schweres Material, hauptsächlich Fahrzeuge VAB und VBL, wurden im Hafen von Abidjan entladen. Am 27. Dezember 2002 rückte vom Checkpoint CALVI kommend ein verstärkter Zug der ersten Kompanie zur offensiven Aufklärung aus. Sie waren auf einem Schleichweg, einer kleinen, roten Lehmpiste parallel der Achse Duékoué-Fengolo-Bangolo, zu Fuß unterwegs. Trotz der Hitze trugen die Legionäre Helm und Schutzweste. Jeder vierte hatte eine AT4-CS Panzerfaust auf der Schulter; schwerbewaffnete Aufklärer, die kurze MINIMI in den Händen, liefen vorneweg. Nördlich von Duékoué, einer 160.000-Einwohner-Stadt in einer bergigen Waldregion der Elfenbeinküste, stießen sie auf eine Patrouille von fünfundvierzig Rebellen, die ebenso überrascht schienen wie die Legionäre. Innerhalb von Sekunden kam es zu einem brutalen, beinhart geführten Begegnungsgefecht auf kürzester Distanz. Die Legionäre mussten sich mit einigen Leichtverletzten zurück nach Duékoué durchschlagen. Das Lösen vom Feind war schwierig und gelang erst, als eine Mörser-Batterie der Legion und zwei Mil-Mi-24-Kampfhubschrauber der FANCI massiv Unterstützungsfeuer gaben.

 

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Legionäre der ersten Kompanie im Einsatz.

 

Einen Tag später, am 28. Dezember 2002, verließ eine Kolonne der ersten Kompanie ihre Basis in Duékoué und bewegte sich taktisch Richtung Norden. An Bord befand sich Colonel MAURIN, der Regimentskommandeur des 2. REP. Es standen Gespräche mit den Rebellen der MPIGO und der MPJ an. Die Kolonne bestand hauptsächlich aus VABs, P4s und VBLs der „Grünen“. Die Männer der „Ersten“ waren im Feuer gereifte Legionäre. Sie alle hätten Weihnachten natürlich lieber in ihrer kühlen Garnison in Calvi als in einem 42 Grad heißen Außenposten in der Elfenbeinküste an der Front verbracht. Etwa zwei Kilometer von der Stelle entfernt, an der sie sich mit den Rebellen treffen wollten, fielen plötzlich Schüsse. Anstatt zu parlamentieren, hatten die Rebellen einen Hinterhalt gelegt. Mit mehreren MGs eröffneten sie das Feuer auf kürzeste Distanz auf das voraus aufklärende Fahrzeug. Wie beim Training saßen die Legionäre ab, stöberten die Stellungen der Rebellen auf und erwiderten das Feuer auf einen Feind, der sich im hohen Elefantengras versteckt hielt. Die Sache ging nochmal gut. Es gab nur einen Verletzten auf Seiten der Legionäre. Am 29. Dezember 2002 versuchten drei Toyotas mit bis an die Zähne bewaffneten Rebellen, einen Checkpoint einzunehmen. Sie hatten keine Chance. Ein den Legionären zur Unterstützung abgestellter ERC-90 Sagaie Panzer eröffnete das Feuer aus seiner 90-mm-Bordkanone und neutralisierte die drei Fahrzeuge innerhalb von Sekunden. Sofort darauf rückte ein Zug Legionäre zu Fuß aus, um die Überlebenden, inzwischen abgesessenen Rebellen aufzustöbern. Diese Operation erwies sich jedoch als äußerst delikat. Das Elefantengras, in das sie eintauchen mussten, um den Feind zu bekämpfen, ließ einen Blick über die Zwei-Meter-Grenze hinaus nicht zu. Den Rebellen der MPCI konnte man alles nachsagen, nur nicht, dass sie schlechte Kämpfer waren. Sie stellten sich den Legionären. Es kam zu blutigen Nahkämpfen, bei denen einige Legionäre leicht verletzt wurden. Solche und ähnliche Scharmützel gab es fast jeden Tag. Von den Legionären der ersten Kompanie, die ich aus meiner aktiven Zeit alle noch kannte, ließ ich mir erzählen, dass die Kämpfe teilweise so intensiv waren, dass sie innerhalb von einigen Stunden ihre ganze „Dotation“ an Munition (Munition pro Soldat und Tag) verschießen mussten. Besonders der Handgranaten- Verschleiß sei extrem hoch gewesen. Obwohl es viele Kämpfe für die Legionäre gab, hatten sie keinen einzigen Toten zu beklagen. Das wies darauf hin, wie exzellent es um ihre Disziplin und um ihren Ausbildungsstand bestellt war – und wie taktisch klug ihre Führer die Männer einsetzten. Glück gehörte natürlich ebenfalls dazu, doch Saint Michel wachte. Es gab jedoch mehrere Schwerverletzte, wie etwa einen jungen Legionär der vierten Kompanie. Eine RPG-7-Granate hatte den VAB, dessen Fahrer er war, voll erwischt.

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Die Fremdenlegion einst und heute.

Vorwort zum Buch – Leben unter fremder Flagge

Von ihrer Geburtsstunde unmittelbar vor Beginn des Zweiten Kaiserreichs, dem Seconde Empire, hin zur Eroberung Algeriens, bis zum Tode des Sergent-chef Vormezeele, „Killed in action“, in einem mit hochmodernen Mitteln und großartig angewandter Taktik in Mali geführten Guerillakrieg, hat die Legion nie aufgehört, Männer aller Rassen, aller Religionen und aller Nationalitäten aufzunehmen. Dazwischen liegen nahezu zwei Jahrhunderte. Zu jeder Zeit befanden sich Künstler, Ärzte, Architekten unter den Freiwilligen, aber auch Prinzen, Proletarier, Schriftsteller und Bettler. Oder Intellektuelle. So zum Beispiel riefen ausländische Gelehrte am 29. Juli 1914, einen Tag nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien und kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, zu einer Mobilisierung auf. Sie forderten alle schaffenden Künstler – woanders geboren, aber in Frankreich beheimatet – auf, die Waffen zu ergreifen. Zahlreiche Studenten, Arbeiter und Intellektuelle fühlten sich angesprochen. Eine Woche darauf meldeten sich an den Rekrutierungsstellen der Légion étrangère knapp 8000 Männer.

 

Camerone

Sie waren entschlossen, für ihre Wahlheimat Frankreich zu kämpfen. (Gemälde: PAUL ANASTASIU)

Sie waren entschlossen, für ihre Wahlheimat Frankreich zu kämpfen. Der französischsprachige Schweizer Schriftsteller und Abenteurer Blaise Cendrars (Die fabelhafte Geschichte des Generals Johann August Suter) war einer von ihnen. Auch der US-amerikanische Poet und Dichter Alan Seeger (Poems – I Have a Rendezvous with Death) folgte dem Aufruf. Seeger fand den Heldentod, Cendrars ließ seinen Arm, schaffte es mit Mühe und Not, dem Stahlgewitter zu entkommen. Noch heute spricht die Legion faszinierende und interessante Männer an. Auch solche, die nicht wissen, dass sie es sind. Die Tatsache, sich freiwillig in der Legion zu melden, drängt einen Mann gegen seinen Willen in diese Gattung. Drängt ihn in die Ecke derer, die das Außergewöhnliche suchen und das Herkömmliche schlichtweg ablehnen. Über die letzten 185 Jahre hinweg, zurückblickend auf zwei Weltkriege, den Indochinakrieg und über alle dazwischenliegenden kolonialen Kriege (wollen wir Afghanistan nicht vergessen), war die Légion étrangère eine Referenz für die zweite und oftmals letzte Chance im Leben eines Mannes. Dieser Logik der zweiten Chance konnte und wollte auch ich mich nicht entziehen.

 

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Scharfer Einsatz! Legionäre der ersten Kompanie des 2. REP während der Operation Licorne, Dezember 2002 in der Elfenbeinküste. Im Bild der leichte Mörser LLR.

Was ich erlebte, war erstaunlich. Seit meinem Austritt aus der Legion beobachte ich hautnah die Entwicklung dieses Eliteverbandes, und was ich sehe, erfüllt mich mit Zuversicht. Europa durchlebt besondere „geschichtliche Momente“, und wie ein Pierre Mille bin ich bereit, zu glauben, dass bald die Zeit kommen wird, in der Europas Soldaten europäische Werte innerhalb Europas und an unseren Außengrenzen verteidigen müssen, denn: Obwohl sich noch kein Lüftchen regt, stehen die Zeiten auf Sturm! Besäße jede Nation ihre Légion étrangère, so wäre das, wenn schon kein Garant für immerwährenden Frieden, so aber eine immense, sprich unüberwindbare Herausforderung für alle fremden Regierungen, die einen Frieden nicht wollen. Es ist Fakt, dass die 7800 Mann starke Fremdenlegion zum heutigen Standpunkt (anno 2016) den besten Kampfverband auf die Beine stellt, den es weltweit gibt. In der Tat ist die Legion eine lebende Legende mit Drang nicht nur zur Front, sondern auch hin zur Moderne, zur Innovation und zu originellen Kampftechniken. Wenn man Papier Glauben schenken darf, dürfte sich die Legion in nichts vom Régime général des französischen Heeres unterscheiden. Doch schaut man auf ihre Erfolge, wird im Handumdrehen klar: Die Légion étrangère ist kein gewöhnliches Korps! Der Status der Legion ist unantastbar, ihre Existenz drückt mehr denn je den französischen Willen aus, über eine Truppe zu verfügen, die Vertrauen einflößt und die für Frankreich (wie auch für Europa) sogar die glühendsten Kohlen aus dem Feuer holt, ohne dass eine französische Mutter um ihren Sohn weinen müsste.

 

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Fremdenlegionäre bei der Schießausbildung in Korsika. Im Bild – die zweite Kompanie der Fallschirmjäger des 2. REP

Jährlich melden sich etwa 8000 Kandidaten, nur jeder Achte wird genommen. Die Legion wählt illustre, für den Einsatz hochbegabte Soldaten aus. Was diese Rekruten und späteren Legionäre, unter Vertrag und unter fremder Flagge kämpfend, auszeichnet? Es ist an erster Stelle die körperliche Robustheit. Des Weiteren sind sie über die Maßen hinaus mental belastbar, weil sie den Schritt in die Legion von sich aus gewählt haben. Freiwillig sein, diese zwei Wörter sind von Relevanz: Vom Willen beseelt! In der Tat schöpfen die Legionäre aus dieser mentalen Stärke ihre Motivation. Korpsgeist und Disziplin werden ihnen im Alltag und im Einsatz eingehaucht, dafür sorgt der Rahmen schon, dafür sorgt die Legion. Dieser Prozess, die Disziplin vorneweg, kommt niemals schleichend. Er ist brutal, weil oft im Feuer der Realität erworben. Und die Légionnaires sind gerüstet mit grenzenloser Dankbarkeit. Dankgefühl ist eine Waffe, die man nicht unterschätzen darf, denn in ihrem Schatten lauert die schrankenlose Loyalität. Im Rahmen der Recherchen für mein Buch „Die Legion 2. B.E.P: Die Fallschirmjäger im Indochina-Krieg“ unternahm ich im November 2010 eine Gewalttour. Ich verbrachte zahlreiche Stunden damit, mich durch Militärarchive zu wühlen. Ich verabredete mich mit Veteranen, mit Zeitzeugen der Indochina-Epoche. Ihre Geschichten glichen einer atemlosen Berg-und-Tal-Fahrt.

 

RC6 20-01-1952 - Assaut des Viets sur RC6

Die Fallschirmjäger der Legion (hier 2. BEP) im Indochina-Krieg

Heute, mit etwas Abstand, mich an meine eigene Zeit in der Legion (1985 – 2002) erinnernd, fällt es mir leichter, Vergleiche zwischen einst und jetzt zu ziehen. Ich verstand mit einem Mal, was in den Köpfen der Anciens (Ehemaligen) heute vorgeht. Und mir gelang es, nachzuvollziehen, was sie angetrieben hatte, weitab der Heimat einen menschenverachtenden, blutigen und an Dramatik nicht zu überbietenden Krieg zu führen. Der Legionär 2016 ist dem Krieger der Reisfelder Indochinas von 1954 ähnlich. Mehr noch: Beide sind vom Ansatz her identisch. Identisch, weil dieselben Werte, Traditionen, Abläufe und der Esprit Légion von einer Generation an die nächste übermittelt wurden. Ein Unterschied besteht. Einmal die Erfahrungen der Anciens analysiert, erfolgt eine Auswahl à la „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“. Für „nicht gut“ Befundenes wird herausgefiltert und fällt durch das Raster. Das Positive wird übernommen und weitergegeben. Nicht zuletzt führt dieser stetige Prozess dazu, dass der Legionär von heute nicht nur von der Erfahrung einer ganzen Kriegergeneration profitieren kann, sondern die in der Vergangenheit begangenen Fehler vermeidet. Auch zieht er kritischer in seine Einsätze, würde, wenn überhaupt, dann nur im absoluten Ausnahmefall Befehle ausführen, die Straftaten beinhalten, gegen Menschenrechte verstoßen oder in der Tat abscheulich sind. Von ihrer Anzahl her fallen die heutigen Einsätze nicht knapper aus, nur hat sich ihr Charakter verändert. Sie gleichen Nadelstichen reaktionsschneller Einheiten, werden mobil, kompakt, blitzschnell geführt. Des Weiteren geht man in diesen Einsätzen ans absolute Limit, überschreitet es, wann immer es von Vorteil ist, wann immer es der Sache dient.

 

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Bei der Ausbildung in Neukaledonien

Als Beispiel nenne ich gerne den Einsatzsprung über Timbuktu im Jahr 2013. Die am Sprung beteiligten Fallschirmjäger der Legion führten Lastensäcke mit sich, die, den Vorschriften nach, viel zu schwer waren. Sich aber über die Vorschriften hinwegzusetzen, hieß: mehr Munition, mehr Effizienz, mehr Aussicht auf Erfolg! Kaum zur Sprungtür hinaus, zogen die Legionäre nebst Haupt- auch sofort den Reserveschirm. Das war eine reine Vorsichtsmaßnahme, weil eben das Gepäck zu schwer wog. Diese Prozedur war nicht nur verboten, sondern auch im höchsten Maße riskant. Die Risiken? Das Duo Mann/Schirm gerät ins Trudeln und der Reserveschirm wickelt sich, Pech hinzukommend, um den Hauptschirm. Der Krieger schmiert ab und findet seinen Platz in Walhalla. Aber mit Blick auf das Resultat war es das einzig richtige Verhalten. Das situationsgerechte Anwenden solcher Feinheiten, wenn auch unkonventionell, setzte sich über den gesamten Einsatz bis zum Endkampf gegen al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM), im Adrargebirge hin fort. Beispiele, in denen Kompaniechefs (oder Zugführer) der Legion ihren Blick ausschließlich auf den Erfolg richteten und aus jahrelanger Erfahrung heraus „nicht regelkonforme“ Befehle erteilten, gab es immer. Auch zu meiner Zeit. Insofern heiligte der Zweck hie und da die Mittel, wobei Recht und Moral nie wirklich infrage gestellt wurden. Im Gegensatz zu anderen Armeen vergisst die Legion vor, während und nach den Einsätzen nie, dass der Mann im Soldaten, der Mensch hinter der Kampfuniform zählt. Sie stählt daher dessen Körper, schärft seinen Geist, seinen Willen und seinen Sinn für Solidarität.

 

07 EINER FÜR ALLE ALLE FÜR EINEN

Solidarität unter Waffenbrüdern. Fallschirmjäger der Legion bei der Ausbildung in Französisch Guyana / Südamerika

Die Offiziere setzen heute Akzente. Der Legionär soll gerne Soldat, muss von seinem Handeln überzeugt sein. Diese willige, moderne Legion ist dieser Tage ständig in Opérations extérieures (OPEX – Auslandseinsätze) verstrickt. Der Rhythmus der Kampfregimenter ist infernalisch. In diesem Zusammenhang ist es von hoher Bedeutung, dass etwa 85 Prozent aller Legionäre sowie auch viele Kader nicht verheiratet sind. Die Einsatzbereitschaft ist daher außergewöhnlich. Zwei, drei oder vier Mal hintereinander, und ohne eine nennenswerte Pause einzulegen, von einem Einsatz zum nächsten überzugehen, wie mir oft widerfahren, ist Normalität. So zum Beispiel verbrachte ich im Jahr 1995 neun Monate mit nur einer unwesentlichen Unterbrechung von knapp zwei Wochen in der Ausbildung und im Einsatz zunächst in der Zentralafrikanischen Republik und im Anschluss in Gabun. Das stellte keinen Einzelfall dar, sondern eher schon die Regel. Unternehmen wir einen Spaziergang durch die verschiedenen Waffengattungen der Fremdenlegion, so stellen wir fest, dass dieses Korps in jeder Hinsicht komplett ist. Die Rekruten haben die Wahl zwischen Fallschirmjäger, Panzersoldat, Sturm-, Gebirgs- und Brückenpionier oder Infanterist. Sonderausbildungen folgen in der Regel in den Stammeinheiten, in denen sich jeder Einzelne, seinen persönlichen Neigungen oder den Anforderungen des Korps nach, spezialisieren kann. Koch, Scharfschütze, Sekretär, Schreiner, Kampfschwimmer, Krankenpfleger, Saboteur, Musiker, Kommando-Soldat, Fahrer, Gebirgsjäger etc. Die Liste lässt sich unendlich fortführen. Eines sind sie alle, egal ob Pionier oder Fallschirmjäger, ob Koch oder Kampfschimmer: Hervorragende Kämpfer! Blutrünstige, hirnlose Killer? Mit absoluter Sicherheit nicht! Der positive Zukunftstrend der Legion lässt sich nicht aufhalten. Um sich ein Bild über dieses Korps zu machen und um die folgenden Erzählungen über mein Leben und meine Einsätze mit der Legion zu verstehen, sollte man, wenn auch nur in groben Zügen, die Tradition und die Vergangenheit der Légion étrangère kennen. Ein kurzer Überblick findet sich diesbezüglich im Anhang.

 

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