NÄCHTE DES JÄGERS

NÄCHTE DES JÄGERS

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Rezension von Carsten Germann

Zwischen Daktari, Shaka Zulu und der Flusspferddame Gudrun erzählt der in Pirmasens (Rheinland-Pfalz) lebende Autor und Ex-Fremdenlegionär Thomas Gast (55) – eingebettet in eine im Paris des Jahres 1996 einsetzende Rahmenerzählung – die faszinierende und am Ende beinahe tragische Geschichte des deutschen Offiziers Hagen von Falkenhorst und seiner Getreuen, die auf der Flucht vor dem verdammten Krieg Hitler-Deutschlands gegen die Sowjetunion zu einer verschworenen Gemeinschaft werden – auf Leben und Tod. Zuflucht bietet den so unterschiedlichen Männern die französische Fremdenlegion, mit der sie in Indochina und Libyen gefährliche Abenteuer erleben – aber die Freundschaft und die Liebe lässt sie alle Stürme überstehen. Mit der französischen Winzertochter Valerie, später von einem afrikanischen Eingeborenen ,,die Geschichtenverdreherin“ genannt, findet Hagen die Liebe seines Lebens, das in der zentralafrikanischen Savanne aus dem Nichts aus dem Boden gestampften Gut Falkenhorst wird ihre Heimat. Falkenhorst steht – mitten im sich von den Kolonialmächten emanzipierenden Afrika – als eine Art Insel für fast schon vergessen geglaubte Werte wie Familie, Liebe, Harmonie, Frieden, Kameradschaft.

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Die Afrikaner um den markanten ,,King Loko“ werden guten Nachbarn, treuen Freunden und Beschützern der Weißen im Kampf gegen arabische Banditen und Menschenhändler, der Schamane ,,Kleiner Jäger“ zum großen Lehrmeister von Falkenhorsts Sohn Cal. Beeindruckend sind die historischen Passagen. Thomas Gast spricht etwa auf S. 71 mit großem Respekt über den in der Forschung nie unumstrittenen ,,Wüstenfuchs“ Erwin Rommel: ,,Ein gnadenloser Feind, aber auch ein Ehrenmann.“ Krass erscheint der Szenenwechsel ab S. 74: Von Ägypten nach Indochina – und wieder mitten hinein in den Krieg (März 1945).

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Die Kolonialkriege im Kongo und auch die Kämpfe um Dien Pien Phu, einen fast mythischen Ort der Fremdenlegion in Indochina, Fallschirmjägereinsätze – Gast gehörte in 17 Jahren Dienst in der französischen Legion dem legendären Fallschirmjägerregiment 2. REP an – und das Entkommen aus scheinbar aussichtslosen Situationen prägen das Leben des Hagen von Falkenhorst und machen das Buch zu einer faszinierend-exotischen Lektüre. Ab S. 260 und mitten in den verlustreichen Kämpfen um Dien Pien Phu, stellt man sich als Leser die Frage: Wo treffen sich Fiktion und Erlebnisse des Autors? Frieren, Leiden, Kämpfen, Lieben – Leben, Leidenschaft und Gefühlswelt des Hagen von Falkenhorst könnten an so vielen Stellen im Buch auch die des Thomas Gast sein… Das Schicksal von Falkenhorsts Kindern lässt Gast beim Sprung zurück in die Rahmenhandlung offen – ein gelungener Ausstieg aus einer faszinierend-tragischen Abenteuerreise.

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Ende Juli 1996. Auszug aus meinem Tagebuch.

  1. Juli 1996. Auszug aus meinem Tagebuch.

… aus

Leben unter fremder Flagge

 

Abfahrt nach Zimba. Der Fluss mit seinen steilen, dicht bewachsenen Ufern erinnert mich an Guyana, an den Oyapock, den Maroni. Ankunft in Zimba nach eineinhalb Stunden Fahrt mit der Baleinière. Ich werde mit meinem Zug vier Tage hier verbringen. Auf dem Programm stehen zwei Tage Dschungelkampfausbildung, Leben im forêt équatoriale, und die restliche Zeit soll den Männern gereichen, sich etwas zu entspannen, da sie in Bangui von morgens bis abends, und auch nachts, nur Wache schieben! Ende der Eintragung.

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Hier in Zimba gab es eine, wenn auch überholungsbedürftige Hindernisbahn, und Anlagen, um meinen Männern eine gute Ausbildung zukommen zu lassen. Mein Stellvertreter besaß das Troisième niveau commando des CNEC, das damals einem CT-2 gleichgestellt und auch als solches anerkannt wurde. Er platzte vor Energie, und so ließ ich ihn gewähren, während ich diese Abwechslung willkommen hieß und mich etwas im Gelände umsah. Unweit vom Landeplatz der Baleinière gab es ein Eingeborenendorf, eine winzige Kaffeeplantage und mitten im Fluss eine Insel. Die Eingeborenen begrüßten mich herzlich und führten mich in ihrem Dorf herum. Eine große Pfanne über einem Feuer erregte meine Aufmerksamkeit. Als ich näher trat, sah ich, dass darin Hunderte von schwarzbraunen Raupen waren, die im eigenen Saft vor sich hin schmorten. Da ich in Gabun schon den Ver de palmier (daumendicke, drei Zentimeter lange, weiße Raupe) und im Tschad die köstlich gegrillten Heuschrecken gegessen hatte, konnte mich in dieser Hinsicht nichts erschüttern, und so probierte ich auch das hier. Sicherlich waren sie exzellente Eiweißlieferanten, doch mein Geschmack war es nicht. Ich hütete mich aber, das laut zu sagen, sondern verzog vor Entzücken mein Gesicht.

Büffel ZENTRALAFRIKANISCHE Republik

 

  1. August 1996. Awakaba.

Auszug aus meinem Tagebuch.

Breite: Nord    8° 24′

Länge: Ost      19° 59′

Erste motorisierte Patrouille nach Norden, den Bangoran entlang. Keine Spuren von irgendwelchen Spitzbuben. Nach Kontaktaufnahme mit der katholischen Mission in Ndéle entschließe ich mich dazu, morgen im Lauf meiner zweiten Patrouille einen Abstecher dorthin zu machen, wie es auch im Sinne meines Hauptmanns ist. Wieder Awakaba, und wieder diese Phantome der Coupeurs de route und Braconniers, die überall und nirgends sind. Diesmal bei uns: Zwei Soldaten der FACA, denen ich aber nicht weiter über den Weg traute als meiner Schwiegermutter. Die angekündigte Patrouille nach Ndéle fand schon am darauffolgenden Tag statt. Die katholische Mission in Ndéle lag idyllisch auf felsigem Boden und umringt von hohen Zedern inmitten der Stadt. Es war ein kühler Ort, der mir Ehrfurcht einflößte. Als ich ihn zum ersten Mal betrat, wünschte ich mir instinktiv, dass Gott auch weiterhin seine schützende Hand über alle Schwestern halten würde. Das Wiedersehen mit der deutschen Schwester und der Oberschwester (die ich noch nicht kannte) war herzlich. Sie erzählten mir von Problemen mit Nachschub und davon, wie gut wohl Aprikosen aus Dosen schmecken würden, die sie (wie viele andere Sachen) seit Monaten nicht mehr gekostet hatten. Nach zwei, drei Stunden mussten wir weiter, da wir uns auf dem Rückweg nicht von der Nacht überraschen lassen wollten. In der Tankstelle in Ndéle, der einzigen im Umkreis von Hunderten von Kilometern, füllten wir unsere Tanks und fuhren dann wieder Richtung Awakaba. Am 24. August unternahm ich zu Fuß mit einer Gruppe eine Patrouille in südlicher Richtung, wobei ich die Soldaten der FACA bis zum letzten Augenblick im Ungewissen ließ, was anstand und wohin uns der Weg führen würde. Mit einem selbst gefertigten Behelfsfloß überquerten wir den Bangoran und drangen zwanzig Kilometer weit auf Schleichwegen in Richtung Vassako-Bolo, einem natürlichen Tierreservat, vor. Überall fanden wir Spuren von Wilderern. Dass diese nicht nur Hirngespinste waren, erkannte ich auch daran, dass die beiden Soldaten der SP öfters Blicke austauschten und sich unsicher umsahen. Einmal blieben sie gar stehen und deuteten auf das Gebüsch: »Vorsichtig«, sagten sie. »Wir müssen vorsichtig sein!«

 

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Ich denke, dass die Fortbewegung der kleinen Gruppen auf leisen Sohlen schon die richtige war, doch die Sache musste geheim gehalten werden und es mussten viele, sehr viele von diesen Gruppen gleichzeitig zu Werke gehen. Unterstützt von Hubschraubern sollte das irgendwann zu einem dauernden Erfolg führen, denn wussten sich die Wilderer so verfolgt, würden sie schnell über die Grenze das Weite suchen. Doch so? Am 25. August, also tags darauf, schickte ich meinen Stellvertreter mit Nachschub nach Ndéle: Die Schwestern waren entzückt. Auf der Ladefläche eines VLRA hatte er Trinkwasser und Lebensmittel, keine Silbe von ihren Nöten war mir entgangen. Pfirsiche und Aprikosen in Dosen hatten sie für die nächsten sechs Monate wohl genug!

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Unser Camp war eine Perle. Nahe am alten Flughafen war es von drei Seiten vom Wald gesäumt. Nur einen Steinwurf entfernt war der Bangoran, ein etwa zwanzig Meter breiter Fluss, und ganz in der Nähe gab es den Lac Awakaba, den Awakaba-See. Da der Wind immer aus derselben Richtung zu wehen schien, ließ ich die Toiletten mitten im Wald anfertigen: Plumpsklos mit Donnerbalken! Schon nach einer Weile stellte ich fest, dass nach Einbruch der Dunkelheit wohl niemand mehr das Verlangen hatte, seine Notdurft zu verrichten. Der Grund war einfach: Auch hier streiften die großen Katzen ganz nahe ums Lager. Wir hatten im Camp eine Manguste oder auch Mungo. So eine Manguste ist ein drolliges Tier, das, hatte es einmal sein Herrchen ausgesucht, diesem auf Schritt und Tritt folgte, wobei es seine spitzen und schrillen Schreie ausstieß. Sie kroch dann abends zu ihm ins Bett und schlief an seinem Hals. Wir fanden sie eines Tages tot unter der Motorhaube eines VLRA. War die Tagesarbeit vollbracht und lagen keine nächtlichen Patrouillen an, hatte ich es mir zur Angewohnheit gemacht, nach Sonnenuntergang und nach dem Essen den Digestif, zwei Fingerbreit guten Whiskeys, hinter meinem Zelt allein einzunehmen. Dieser Moment zählte zu den schönsten Augenblicken des Tages. Ich saß dann auf meinem Stuhl zwischen Zedern und Akazien, während die Petroleumlampe aus meinem Zelt gelbes Licht spendete. Der ideale Moment, die Arbeit und das Leben Revue passieren zu lassen! Immer wieder kam ich zur selben Erkenntnis: Ich würde alles wieder genauso tun!

15 – 19 September 1996. Batalimo.

Batalimo liegt an der Lobaye (Fluss), etwa 120 Kilometer südwestlich von Bangui und nur zehn Kilometer von Kongo entfernt. Batalimo ist Sitz der IFB, der Industrie Forestière de Batalimo, einer holzverarbeitenden Industrie. Am anderen Ufer der Lobaye hatten Pygmäen ihre Behausungen. Was ich in Batalimo hörte und sah, schockierte mich zutiefst. Zunächst dieser Raubbau an der Natur durch die IFB, und dann die Art und Weise, wie man die Pygmäen quasi vorführte. Ein Blick in die Gesichter dieser kleinen Männer und Frauen und einige Gespräche, und meine Vermutung wurde bestätigt: Die Pygmäen wurden diskriminiert, und das in fast allen Bereichen. Sie sprachen schlecht oder gar kein Französisch, hatten so gut wie keinen Zugang zum geläufigen Gesundheitssystem und hatten sie Arbeit, wurde ihnen viel weniger bezahlt als ihren großen Brüdern, den Bantus. Wurde in den anliegenden Dörfern etwas gestohlen, waren es natürlich die Pygmäen. Natürlich sah ich mir an diesem Tag ihre Hütten an, ihre Feuerstellen – und staunte über ihre Art, Speisen zuzubereiten; doch ich fürchte, es war alles nur ein In-Szene-Setzen, um ein paar CFA zu ergattern, die dann doch nicht in ihre Kassen fließen würden! Mir tat dieses kleine Volk leid. Unser Aufenthalt in der République centrafricaine war auch geprägt von einigen (viel zu wenigen) Manövern im Gruppenrahmen unter gefechtsmäßigen Bedingungen. Diese vor allem mit scharfem Schuss. Das Überschießen der eigenen Truppe oder das Vorbeischießen an dieser mit MG-Feuer und gleichzeitigem Manövrieren der Sturmgruppe bis zur letzten Deckung vor dem Feind (Sturmausgangsstellung), während angenommener Feind (nur noch 20 m entfernt) bis zur letzten Sekunde vom eigenen Deckungsfeuer niedergehalten wird … Das sind Dinge, die zu tun so manch eine Einheit nur träumen kann. Dinge, die wichtig sind, extrem wichtig. Wie reagiert der Soldat, wenn nur einige Meter weiter die Kugeln an ihm vorbeipfeifen? Hat er das nötige Vertrauen in seine Kameraden, die sein Vorgehen decken? Hat er im entscheidenden Augenblick die notwendige Courage, sich nach dem Handgranatenwurf zu erheben und mit Gebrüll und gezieltem Feuer auf den Feind loszustürmen, während erst jetzt das Deckungsfeuer nach rechts oder links abschwenkt, ganz hart am Mann?

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In Europa kenne ich zumindest keinen Schießplatz, auf dem solche Manöver möglich wären, weil die Sicherheitsvorkehrungen dies strikt verbieten würden. Die Kompetenz der Offiziere und Unteroffiziere in der Legion sorgt dafür, dass auch in diesen Situationen der Soldat niemals einer unnötigen Gefahr ausgesetzt wird. Auch die Disziplin und die Professionalität der Legionäre tragen natürlich dazu bei. Irgendwann fanden wir auch einen Schießplatz, auf dem wir unsere APILAS, die RAC-112, eine Panzerabwehrgranate (ähnlich einer schweren Panzerfaust, nur dass der Sprengkopf ungleich größer ist, nämlich 112 mm), abfeuern konnten. Bald schon kannte ich jeden meiner Legionäre in- und auswendig, kannte seine Stärken und seine Schwächen, wusste, welcher Gruppe ich welche Aufgabe zukommen lassen würde, sollten wir heute noch in den Krieg ziehen. Was uns jedoch definitiv fehlte, war Zeit: Zeit, das Gelernte drillmäßig zu üben, um so den Reflex zu sättigen. Doch die uns auferlegten Aufgaben innerhalb der Kompanie ließen das kaum zu. Wachdienst hier, Servitudes da! Meine Soldaten hatten in der Zeit öfter den Wachanzug als den Kampfanzug an. Es war extrem selten, dass der Zug geschlossen zusammenkam, und wenn, dann stand da schon der Kompanieführer in der Warteschleife, der Manöver im Kompanierahmen geltend machte. Wohlgemerkt bedeutete dies, dass es oft Situationen gab, in denen der einzelne Zug in allen Bereichen der Gefechtsausbildung Nachholbedarf hatte: Gefechtsausbildung der Gruppenführer mit ihrer Gruppe, dann im Rahmen des Zuges, denn auch ein Zugführer musste sich ständig weiterbilden. Wir schwenkten also oft vom Individuum und individuellen Fähigkeiten sofort um auf die Kompanie, auf Abläufe also, in denen 120 Mann synchronisiert operieren sollten, und das, wenn möglich, mit durchschlagendem Erfolg. Was dazwischenlag, die Gruppen, diese Feinabstimmung, die den Unterschied ausmachen konnte, der Zug, das wurde oft vernachlässigt. Das geschah nicht aus Ignoranz oder aus Unwissenheit, sondern ganz einfach, weil die Zeit fehlte. Das System wollte es so! Der Hauptmann selbst kannte die Probleme seiner Zugführer, stand aber diesem Phänomen machtlos gegenüber, weil auch er strikte Auflagen hatte. Auch wir, die Legion, hatten wie all die anderen Einheiten unser Soll an (wenn auch teils unnützen) Diensten zu erfüllen, nicht mehr und nicht weniger. Und das auch, wenn es uns nicht, aber auch gar nicht, in den Kram passte: basta!

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… was noch geschah.

Ende 1996, Anfang 1997, kam es zur Opération Almandin.

An dieser Operation (scharfer Einsatz) nahmen unsere dritte Kompanie, unsere vierte Kompanie und das GCP teil. Ort des Geschehens war Bangui in der Zentralafrikanischen Republik und hauptsächlich die Ortsteile Bacongo und die Kouanga. Hier ging es gegen die sogenannten Mutins (Rebellen). Es handelte sich um Soldaten der regulären Armee, der F.A.C.A. – Forces armées centrafricaines –, die sich gegen das offizielle Regime erhoben. Sie waren schwer bewaffnet und erfreuten sich der Unterstützung weiter Teile der eigenen Bevölkerung. Das Kämpfen waren sie gewohnt! Gegen unsere Legionäre jedoch nützte ihnen auch ihre in zahlreichen Einsätzen gesammelte Erfahrung nichts. In der Nacht vom 4. auf den 5. Januar begann die eigentliche Opération. Unser GCP, welches in die COS (Commandements des opérations spéciales, Oberbegriff für Spezialeinheiten der französischen Armee) integriert war, infiltrierte bei völliger Dunkelheit lautlos wie Schatten die verschiedenen Schlüsselpunkte und sorgte durch plötzliche Angriffe für Unruhe in den Reihen der Rebellen. Gleichzeitig gingen die Legionäre der dritten und vierten Kompanie Schulter an Schulter vor und zwangen in den Quartieren der Kouanga und des Bacongo einem Gegner Kämpfe auf, denen dieser bald panikartig den Rücken zuwandte. Doch nicht überall war es so, und so kam es, dass unsere Legionäre in teilweise heftige Kämpfe verstrickt wurden. Die Lage entspannte sich am Morgen peu à peu. Die Machtdemonstration hatte ihre Wirkung nicht verfehlt! Die Einheiten gewannen neue Ausgangsbasen, wobei die vierte Kompanie es am besten getroffen hatte: Sie ließ sich in einer Brasserie, einer Bierfabrik, nieder, die das berühmte Mokaf Bier herstellte. Zum Wohl!

LEGIO PATRIA NOSTRA

 

Vive le rois.

Haben Weihnachten und Camerone ihren ganz besonderen Platz in der Fremdenlegion, so steht la Fête des rois diesen nur wenig nach. Gemeint ist der Tag der drei Heiligen Könige. Dieser Tag beginnt – zumindest in Calvi – mit einem Fußballspiel: Offiziere gegen Unteroffiziere. Die Legionäre / Mannschaftsdienstgrade begnügen sich damit, dem Spiel als Zuschauer beizuwohnen. Offiziere wie Unteroffiziere sind nach Themen verkleidet und geben ein gar lustiges Spektakel ab. Meist kurz nach der zweiten Halbzeit (wie üblich führen die Unteroffiziere haushoch) gerät das Spiel aus den Fugen. Die Offiziere (die sich anders nicht helfen können) greifen zu einer schlauen Taktik, die darin besteht, aus dem Fußball Rugby zu machen … was ihnen aber auch nichts nützt! Diese Unfairness gleichen sie wieder aus, indem sie uns Unteroffiziere in die Mess des Officiers, in die Caserne Sampiero auf die Zitadelle einladen, wo bei einem guten Glas Weißwein die traditionelle Galette / Kuchen gegessen wird. Ein besonderes Spektakel erwartet uns dort: Zunächst gibt es den Roi, den König. Der Roi ist ein alter Hase von Unteroffizier, meist ein Adjudant-chef. Dann gibt es „la reine“, die Königin. Diese wird von einem jungen Leutnant verkörpert, der erst seit Kurzem im Regiment weilt. Beide und ihr Cour, das Gefolge, das nach und nach gewählt wird, sowie der erste Berater des Königs (der Regimentskommandeur) sorgen für lustigen Zeitvertreib. Der König hält seinen Vortrag, der die markanten Ereignisse des vergangenen Jahres widerspiegelt. So verkleidet begeben sich danach Offiziere und Unteroffiziere mit dem Chef de corps an ihrer Spitze in den Mannschaftsspeisesaal, wo sie von den Legionären schon ungeduldig erwartet werden. Warum? Weil der Chef de corps, folgt er der Tradition, ein generelles quartier libre / Ausgang gibt.

 

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Ausbildung in der Fremdenlegion – Afrika – 1995

… aus

Leben unter fremder Flagge

 

Zentralafrikanische Republik / Bouar / März 1995.

 

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Sollte ich dem Eintrag in mein Tagebuch Glauben schenken, ist in dieser ersten Märzwoche bereits der vierte Soldat des Détachements EFAO an der Malaria gestorben. Ein Béret rouge, ein Fallschirmjäger der regulären Armee, erlag dieser heimtückischen Krankheit. In dieser Phase büffelte ich bereits intensiv an meinem CT-2. Hatte ich das in der Tasche, stand einer Beförderung zum Adjudant nichts mehr im Wege. Der Schwierigkeitsgrad des CT-2 jedoch ist sehr gehoben. Dieser Lehrgang findet auf nationaler Ebene in Montpellier an der École d’application de l’infanterie (EAI) statt und dauert etwa acht Wochen. Ich unterhielt mich in dieser Zeit viel mit meinem Boy. Er hieß Fidel; und wie sein Name schon ausdrückte, war er eine treue Seele. Diese Woche zum Beispiel hat er mich belehrt, in der Bibel stehe, man solle keinen Alkohol trinken! Der Perfektionist in mir meldete sich sofort zu Wort. Ich besorgte mir eine Bibel und studierte Seite für Seite … Ohne Erfolg, hélas!

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Bouar – Afrika – Legio Patria Nostra!

Wiederum erzählte er mir vom Höllenfeuer, dem meine Seele im Himmel begegnen würde. Er zeigte mir, wie man am besten die Mangos von den Bäumen fischte, welche reif waren, und wie man sie schälte und dann genüsslich aß. Es machte einfach Spaß, ihm zuzuhören und sich mit ihm zu unterhalten. Vom 13. bis 18. März rückte die Kompanie ab zum Manöver Bocaranga. Bocaranga ist ein Ort fünfzig Kilometer östlich der Grenze mit Kamerun. Alles, was in dieser Zeit geschah, geschah unter taktischem Aspekt. Meldete das Élément de tête (Aufklärungselement) eine Ortschaft, jonglierte unser Hauptmann sofort taktisch klug mit seinen Zügen. Noch aus der Bewegung heraus wurden die Befehle erteilt. Die Züge nahmen ihre Positionen ein: Während der Aufklärungszug in Sichtweite zum Objekt wartete, bezog der Deckungszug diskret seine Stellung. Währenddessen brachte der Sicherungsszug alle Zufahrtswege unter Kontrolle und machte so das Eingreifen eines eventuellen Feindes von außerhalb unmöglich. Ein Zug in Reserve, und die Schlacht konnte beginnen. Im Rhythmus von einer Ortschaft etwa alle zwanzig Kilometer, bis hinauf nach Bocaranga, beherrschten wir alle nur denkbaren Varianten im Schlaf und dennoch schien der Hauptmann nur mäßig zufrieden. Sein Ziel war es, Bocaranga im großen Stil anzugreifen, wobei saftig Feindeinlagen geplant waren. Als dann einen Kilometer vor der Stadt die entscheidende Phase des Manövers begann, lief alles wie am Schnürchen.

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Die Sümpfe von Gata in der Nähe des Koumbalaflusses

Nach vier Stunden Kampf, indem zwei Züge gleichzeitig die Stadt von Süden kommend angriffen, flüchtete der Feind mit dem Rest seiner Truppen über die Grenze nach Kamerun. Mir blieb dieses Manöver seltsamerweise auch wegen Igge und Giri in guter Erinnerung. Als wir nämlich in Bocaranga unser Biwak aufschlugen, kamen die beiden Mädchen im Alter von sechs oder sieben Jahren, um Süßigkeiten zu schnorren. Davon hatten wir massig, denn in unseren Rationen befanden sich unter anderem auch bittere Schokolade und Bonbons sowie Marmelade. Bevor ich den beiden einen Sack zuwarf, der bis oben gefüllt war mit diesen Leckereien, forderte ich sie auf, für uns zu singen und zu tanzen, was sie spontan taten. Mein Gott: Dies taten sie so gut, dass bald die ganze Kompanie zusammengekommen war, um Beifall zu klatschen und noch mehr von den Süßigkeiten heranzuschleppen. Einige waren so gerührt, dass die beiden das Stelldichein noch einmal zum Besten geben mussten. In der Region Bocaranga trafen wir oft auf die Peul.

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Die Peul (Fulbe), ein nomadisches Volk von Rinderhirten, waren zurückhaltende und höchst interessante Menschen. Ihre feinen, fast kaukasischen Gesichtszüge, die blauen Augen und ihr oftmals blondes Haar zeugten nicht nur von einer noblen Abstammung, sondern ganz sicher verbarg sich dahinter auch sehr viel Intelligenz. Der Schmuck und die Bemalungen, die sie zur Schau stellten, zeugten auch von enormen künstlerischen Talenten. Ich habe nie einen Peul betteln oder sich danebenbenehmen sehen. Sie hatten Klasse! Zu bemerken wäre in dieser Woche noch ein Unfall: Ein Fahrzeug vom Typ MARMON mit einem Fahrer unserer 2. Kompanie kippte in voller Fahrt um. Auf seinen Sitzbänken befand sich eine Gruppe F.A.C.A, einheimische Soldaten: Es gab fünf Schwerverletzte, die mit dem Hubschrauber nach Bangui geflogen werden mussten. Ende März hatten wir Sprungdienst in Bossiki und danach ging es sofort wieder los mit dem Geländedienst. Diesmal von Bouar nach Bozoum, Bossangoa, Bouca, Batangafo bis nach Kamba-Kota. Gleich zu Beginn hatten wir zwei EVASAN (évacuations sanitaires / Evakuierungen aus gesundheitlichen Gründen, in diesem Fall per Hubschrauber). Ein Fall von Malaria und ein Blinddarm.

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Mit im Hubschrauber war zu unser aller Entzücken eine italienische Journalistin und Fotografin. Sie war sehr attraktiv, hatte braunes Haar und verstand ihr Metier (als Journalistin wohlgemerkt!). Ihr Name war Giorgia Fiorio. Sie hatte sich bereits einen Namen gemacht, indem sie eine Reportage und einen Bildband über Bergarbeiter der Kohleminen in der Ukraine herausgebracht hatte. Genau von jenen Minen also, die zu den gefährlichsten Arbeitsplätzen der Welt zählten. Giorgia Fiorio ist auch eine begnadete Sängerin und in Italien Kult. Unser Entzücken verwandelte sich rasch in ungezügelte Anerkennung, nämlich als Giorgia sich am ersten Morgen, wie jeder von uns, ungeniert einen Eimer schnappte und sich Seite an Seite mit den Legionären der Körperpflege hingab. So was macht Eindruck! Dennoch: Es bereitete mir ein Vergnügen, zu sehen, wie ein Mann, in diesem Fall 120 Männer, sich im Beisein einer Frau verändert; und ich nehme mich da absolut nicht aus: Waren unsere Stiefel aus Gewohnheit schon blank, so blitzten sie jetzt geradezu.

 

…aus: KB 572fiori

Die Rasur war mehr als perfekt und das Benehmen gentlemanlike. Jeder wollte der sein, der Giorgia zuerst Guten Tag sagte, seinen Stuhl anbot oder ihr sonst einen Dienst erweisen konnte. Es war verrückt. Fazit? Une femme, ça fout le bordel! (eigentlich als Kompliment für die Frau gedacht; hier: Eine Frau, das bringt Unruhe hinein!). Im April wurde uns in Paoua ein teures Nachtsichtgerät gestohlen. Um es wiederzubekommen, musste ich handeln wie ein Kuhhändler und einige Francs CFA lockermachen, was sich aber lohnte, denn wie durch ein Wunder tauchte es wieder auf.

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Die Woche darauf sollte geprägt sein von einem Auftrag im Norden, wo Coupeurs de route, die „Zarguinas“, ihr Unwesen trieben. Coupeurs de route sind Banden, die Hinterhalte auf Fahrzeuge, Konvois, einzelne Personen etc. ausführen, um Profit daraus zu schlagen. Sie sind bewaffnet und gefährlich, weil darauf angewiesen. Haben nichts zu verlieren, schrecken vor keiner Gräueltat zurück und sind extrem aggressiv. Dieser Auftrag bzw. was geschehen soll, wenn wir Teile dieser Banden aufspürten, war klipp und klar definiert. Ich glaube nicht, dass ich mehr Worte hinzufügen muss. Unsere motorisierten Patrouillen, jeweils in Gruppenstärke, führten auf verschiedenen Wegen genau durch ihr Operationsgebiet: Am Mann hatten wir nur die Waffe und die Musette, mit ausschließlich Wasser, Munition und einigen Rationen darin. Bestenfalls noch eine Decke, um uns nachts darin einzuwickeln. Der Auftrag dauerte drei Tage. Nachdem wir in ihr Territorium eingedrungen waren, hatten wir immer das Gefühl, den Banditen ganz dicht auf der Spur zu sein. Oft ließen wir die Fahrzeuge zurück und drangen zu Fuß weit in die hochgewachsene, von Wäldern durchzogene Savanne ein. Nachts schliefen wir drei, vier Stunden. Besser gesagt, ein Teil von uns schlief, der andere wachte. Im Morgengrauen wurde das Nachtlager abgebrochen und die Hetzjagd wieder aufgenommen. Auch am zweiten Tag sahen wir oft Spuren ihrer Präsenz, doch sie selbst bekamen wir nie zu Gesicht. Näherten wir uns einem Dorf oder einer Siedlung, die wir jedes Mal gründlich durchkämmten, versteckten sie ihre Waffen und tauchten im Busch unter oder mischten sich unter die Bevölkerung. Waren wir wieder weg, zeigten sie ihr wahres Gesicht und die Waffen kamen wieder zum Vorschein. Sie waren überall, waren Meister im Versteckspielen. Am dritten Tag meinte der uns begleitende Pisteur, dass es keinen Sinn mehr machte. Die Grenze war nur einen Steinwurf entfernt und die Spuren der Banditen führten genau darauf zu. Wir mussten die Suche abbrechen. Noch im Gelände erreichte uns die Nachricht von einem weiteren Opfer: Wieder hatte die Malaria zugeschlagen und wieder war es ein Soldat der regulären Armee.

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  1. April 1995. Auszug aus meinem Tagebuch.

Die Regenzeit beginnt. Es regnet nun jeden Tag, und das jedes Mal drei bis vier Stunden nonstop. Oft sind es sintflutartige Regenfälle, die ohne Vorankündigung auf uns niedergehen! Beim Cross (Lauf) Camerone, werde ich Neunzehnter von über 700 Teilnehmern. Um unter die ersten zehn zu kommen, fehlen mir 40 Sekunden, aber ich bin Militär und kein Sportler! Ende der Eintragung. Am 5. Mai 1995 verließen wir die Zentralafrikanische Republik. Das Regiment sollte am 14. Juli auf den Champs Élysées zum Nationalfeiertag marschieren, doch dies ohne uns. Kaum hatten wir nämlich unsere Koffer ausgepackt, ging es schon wieder los. Dieses Mal an Afrikas Westküste, nach Gabun. Anfang April 1995 muss eine Transall C-160 auf dem Weg von Calvi nach Solenzara im schroffen Gebirge in der Nähe von Occhiatana notlanden. Unser Regiment erreichte – wie auch immer –, dass der gut erhaltene Rumpf nach Calvi transportiert und dort zur Bodensprungausbildung wieder hergerichtet wurde. Einer, der sich dabei besonders engagierte, war ein portugiesischer Sergent-chef unserer Kompanie. Pinto war damals der verantwortliche Moniteur (Ausbilder) der laufenden Promo (regimentsinterner Springerlehrgang). Hut ab vor dieser Leistung. Diese Transall war, als ich das Regiment verließ, immer noch Kern- und Prunkstück der Springerausbildung.

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Sarajevo 1992 – 1993

Wenn die Menschlichkeit eine Schlacht gewinnt

… aus

Leben unter fremder Flagge

„Cette ville est bouclée, fermée, retirée du reste du monde. Ce n’est pas acceptable.“

„Diese Stadt ist eingeschlossen, belagert, abgeschirmt vom Rest der Welt. Das ist nicht akzeptabel.“

(François Mitterrand, der Mann, der partout keinen Krieg mit den Serben wollte)

„La ville cosmopolite de Sarajevo qui avait fait la démonstration, que des peuples différents peuvent vivre ensemble … Mladić ne voulait pas ça.“

„Die mondäne, weltoffene Stadt Sarajewo, die Zeuge davon war, dass verschiedene Völker zusammenleben können … Mladić wollte das nicht!“

(General Gobillard)

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Anfangs wusste ich nicht, wie ich mit der folgenden Situation umgehen sollte. Sie entstand aus der Tatsache heraus, dass die Bosnier, die versuchten den Flughafen zu überqueren, eben nicht nur Kämpfer hatten, sondern auch Frauen, Kinder, alte Menschen, Verwundete und vom Krieg moralisch zerfleischte, kranke Seelen. Wir sollten sie daran hindern. Das war gegen den Ruf der Menschlichkeit, eigentlich auch gegen unsere Prinzipien. Wir hinderten ein Volk daran, seinem Drang nach Frieden und Freiheit zu folgen, aber wir waren nun mal auch Soldaten. Meist befolgten wir Befehle stoisch. Was sollten wir auch sonst tun? Wir taten es trotz der Drohungen, trotz der Tränen, der Bitten, trotz der Beschwörungen und Schimpftiraden. Kaum fassbare, wenig nachvollziehbare Dramen spielten sich jede Nacht vor unseren Augen ab. Einmal hatte ich eine bosnische Frau direkt vor mir sitzen, ich hätte sie mit der Hand berühren können. Sie hatte eine tödliche Schussverletzung, starb, während ihre beiden Kinder, die auf meinen Knien saßen, dabei zusahen. Was sollte ich ihnen sagen? Dass das Leben so ist?

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Ein anderes Mal holten wir einen Lehrer von der bitterkalten Piste. Er rannte, fiel, rappelte sich auf und rannte weiter, während die Serben nonstop mit zwei MGs auf ihn schossen. Rote Leuchtspurmunition tanzte um ihn herum, zupfte an seinen Kleidern, er aber hastete unverletzt weiter, direkt in unsere Arme. Im VAB fiel er vor mir auf die Knie und weinte. Er sei Lehrer, sagte er zunächst auf Französisch, dann in gebrochenem Deutsch, und er wolle weg vom Krieg. Ich nickte, und als hätte er eine Aufforderung darin gesehen, holte er 800 Mark aus seinem dreckigen, vor Kälte starrenden Sakko und bot sie mir an. Ich solle ihn doch nicht mehr nach Dobrinja, sondern nach Butmir fahren! Ich ließ ihm sein Geld, tat, was getan werden musste. Wie ich mich entschieden habe, behalte ich für mich. Wieder ein anderes Mal versuchte eine Gruppe bosnischer Kämpfer einen Toten auf einer Bahre über die Piste zu bringen. Sie versuchten es montags, dienstags, mittwochs, und dann sahen wir sie nie wieder. Was aus ihnen geworden ist? Ich weiß es nicht!

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Die UN schachmatt?

Und ich erinnere mich gut an den verflixten Tag, an dem ich bei Sonnenaufgang die Piste abfuhr und ein totes Mütterchen im Graben fand. Man hatte sie angeschossen, dann ist sie erfroren. Alleine, dort draußen in der Nacht, während Schneeflocken auf ihr kleines, rundliches Gesicht fielen. Sie hatte ihre starren Hände um einen Sack gekrallt, in dem einige Kilo Kartoffeln waren. Für ihre Kinder? Ihren Mann?

Auch das werde ich nie erfahren! Meine Gefühle?

Die musste ich verstecken!

Doch dann kam der Tag, an dem ich spürte, dass viele Legionäre ähnlich dachten wie ich. Ich realisierte, dass in ihrer Brust nicht nur ein Löwen-, sondern vor allem auch ein großes Menschenherz pochte, aber dass nur die wenigsten – auch aufgrund ihres niedrigen Dienstgrades – tatsächlich über ihren professionellen Schatten springen konnten. Einer, der diesen Sprung wagte, war ein Spanier aus meinem Zug. Er war ein junger Soldat, ein guter Soldat auch. Bis zu dem Tag, an dem er ganz einfach den Dienst verweigerte. Er könne, so sagte er in einem Gespräch mit mir, das Leid und das Elend nicht mehr mit ansehen und so tun, als ginge ihn alles nichts an. Meine Vorgesetztenseele schrie nach Empörung, jedoch der Mensch in mir applaudierte. Es war und blieb ein Einzelfall, und genau deshalb zollte ich diesem Soldaten Respekt für seinen überaus großen Mut und für seine Aufrichtigkeit. Wer in der Legion gedient hat, der weiß, was geschehen kann, wenn jemand den Dienst verweigert. Nun, ohne dass er es je wirklich richtig erfuhr, setzte ich mich bei meinem Zugführer dafür ein, dass er diesen Kriegsschauplatz, ohne sein Gesicht zu verlieren, verlassen konnte.

Airport, eine gigantische Falle?

Der Flughafen Sarajewos, kontrolliert von der Artillerie der Ultras der Serben, war eine monumentale Falle. Nichts, keine noch so kleine Bewegung, entging den Tschetniks. Und genauso konnten sie jeden Quadratmeter unserer Stellungen, unsere Quartiere und den Befehlsstand mit ihrer Artillerie dem Boden gleichmachen, hätten sie es gewollt oder hätten wir ihnen einen Grund dafür gegeben. Auch die Bosnier hatten zumindest Mörser des Kalibers 81 mm, doch bei Weitem nicht so viel Munition dafür wie die Serben, deren Vorräte ein Fass ohne Boden waren. Ich schrieb, dass unsere Legionäre all ihre Munition unter ihrem Bett und in ihren Spinden hatten.

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Das kam nicht von ungefähr. Von Beginn an gab es Gerüchte, dass die Bosnier eine Offensive starten wollten. Das Ziel sollte das Errichten eines Korridors Butmir–Flughafen–Sarajewo sein oder umgekehrt von Dobrinja nach Butmir. Wir aber hatten unseren Lebensbereich am Flughafen und wir hatten den Auftrag, diesen Flughafen zu verteidigen. Wenn man sich die geografischen Gegebenheiten auf der Karte sowie auch im Gelände kritisch ansah, so konnte man nur zu einem Ergebnis kommen: Ein Angriff könnte aus dem Nichts, von einer Minute auf die nächste erfolgen. Zeit, Munition auszugeben und großartig Befehle zu erteilen, würde es nicht geben. Dass die Serben eventuell antizipierten und den Flughafen noch vor den Bosniern einnehmen wollten, das musste man uns nicht sagen, und so lebten wir in ständiger Unsicherheit, hatten immer die Waffe in der Hand, und jeder, ob im Dienst oder in der Unterkunft, wusste, was er im Falle eines Alarms tun musste. Das tatsächliche Kräfteverhältnis UN Soldaten (wir) vs. Serben war eins zu zwölf und sie hatten, wie gesagt, schwere Waffen wie Artillerie und Kampfpanzer. Im ebenerdigen Zimmer, das ich mit einem Kameraden teilte, gab es ein einziges kleines Fenster. Von dort aus hatten wir die Sicht auf den knapp 100 Meter entfernten Haupteingang zum Flughafen. Von außen hatten wir die Wand mit Sandsäcken verstärkt und ein starkes Gitternetz davor gespannt, um Granaten abzuhalten. Von innen hatten wir eine Art Plattform aus Sandsäcken errichtet, auf der Tag und Nacht ein MG Kaliber 7,5 mm stand. Geladen! Unter unseren Betten stapelten sich unzählige Munitionskisten, Hand- und Gewehrgranaten besaßen wir in Hülle und Fülle. Sollten unsere Beobachter und Zuträger Truppenansammlungen in der näheren Umgebung unmittelbar um den Flughafen herum melden, dann würde jeder unserer Soldaten sofort zu den Waffen greifen, in den nächsten Kampfposten, sein Schützenloch oder den Gefechtsgraben schlüpfen und das tun, was es zu tun gäbe: Camerone, 130 Jahre nach der Schlacht! Unser Camerone!

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Alle waren bereit. Überrumpeln konnte man uns nicht.

 Noch hatten wir keine 120-mm-Mörser, und auch nicht unsere APILAS-RAC-112 Panzerabwehrwaffe, was wir aber hatten, das war unsere Entschlossenheit. Und das wussten auch die Serben, und das wussten die Bosnier! Und beide wussten, was Camerone war und was es für uns bedeutete: Niemals, um keinen Preis, hätten wir den Flughafen kampflos aufgegeben! Ich glaube zu wissen, dass es viele Legionäre gab, die insgeheim nur auf einen Angriff warteten. Des Weiteren gab es Pläne für eine schnelle Evakuierung auf dem Landweg. Mehrmals überraschte ich mich bei dem Gedanken, dass es besser wäre, den Flughafen mit den wenigen Mitteln, die uns zur Verfügung standen, zu verteidigen, als sich mit den VABs ohne Deckung auf diesen Straßen zu bewegen, und sei es nur 500 Meter. Weit wären wir wohl nicht gekommen. Wie überlegen die Serben den UN-Truppen militärisch waren, zeigte sich auch an dem Tag, an dem sie die Marshal Tito Barracks in der Stadt mit einem fast zwei Stunden andauernden Artillerieangriff bombardierten. Das taten sie mehrmals. In den Tito Barracks in Novo-Sarajevo befanden sich ein ukrainisches Blauhelmkontingent sowie Teile der bosnischen Armee. Das Feuer kam vom Trebević, einem Berg am südlichen Stadtrand von Sarajewo.

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Einsatz im Kongo

Opération Pélican

… aus

„Leben unter fremder Flagge“

Am 3. Mai 1997 waren wir unterwegs Richtung Westafrika. Nach Gabun, um genauer zu sein. Gabun galt als Plattform für Projektionen in Krisengebiete. Da zu dieser Zeit die Situation in Zaire (das ehemalige Belgisch-Kongo und nach dem Bürgerkrieg 1997 die Demokratische Republik Kongo) mehr als angespannt war, haftete dieser Compagnie tournante von Anfang an ein Hauch von Pulverrauch an. Alle Zutaten für einen Einsatz waren gegeben. Vom Norden des Landes her rückte Désiré Kabila mit seiner Allianz der demokratischen Kräfte für die Befreiung Kongos (AFDL) auf Kinshasa vor, während das diktatorische Regime Mobutus sich bereit machte, die Stadt gegen die Aggressoren zu verteidigen. Man befürchtete ein Blutbad. Angesichts der Umstände verlegten wir, die 1. Kompanie und die CEA des 2. REP, von Libreville nach Brazzaville im Kongo (früher Französisch Kongo). Brazzaville und Kinshasa lagen sich auf Sichtweite gegenüber, nur der Pool Malebo (früher Stanleypool, nach Henry Morton Stanley), eine Erweiterung des Kongoflusses, trennte sie voneinander. Kabila stand mit seinen Truppen vor den Toren Kinshasas. Da in Kinshasa Hunderte von Europäern und andere Staatsangehörige lebten und arbeiteten, beschlossen die Generäle eine koordinierte und vor allem rechtzeitige Evakuierung. An dieser sollten sich Soldaten aus Frankreich, Portugal, England, Belgien und den USA beteiligen. Wir Legionärszugführer hatten einen ganz konkreten Auftrag. Dieser beinhaltete Folgendes:

Übersetzen mit Schnellbooten über den Kongofluss.

Vorstoßen bis zu den designierten Sammelpunkten.

Evakuieren der Personen vor Ort, dies unter Einsatz von Waffengewalt, falls notwendig.

Nach der Durchführung des Auftrages für andere Verwendung bereit stehen.

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ORTSOM

Während die Vorbereitungen auf Hochtouren liefen, begann es in Brazzaville zu brodeln. Niemand scherte sich darum, denn alle Augen waren nur auf Kinshasa gerichtet. Untergebracht im Camp ORSTOM (Office de la recherche scientifique et technique outre mer, frei übersetzt: Amt/Büro für wissenschaftliche und technische Forschungen in Übersee), wies ich meinen Zug in die Lage ein und gab die ersten Vorbefehle. Die Munition, originalverpackt und auf Paletten geliefert, wurde sofort an die Züge ausgeteilt. Ein Profisoldat weiß, auf was er zu achten hat; und so überprüften die Jungs peinlich genau die Lippen der Magazine sowie deren Allgemeinzustand. Magazine wurden im Paar, Seite an Seite, zusammengefügt, um den rapiden Magazinwechsel durchzuführen, die Kanonen der Waffen entölt. Die Kriegsmunition gurteten wir im Verhältnis 3:1. Drei Schuss normale, ein Schuss Leucht- oder Glimmspur! Das dient der besseren Trefferbeobachtung und den Zielkorrekturen. Auch im scharfen Einsatz ist die Verwendung von Leuchtspurmunition, wenn man sie intelligent einsetzt, nicht von Nachteil für die Truppe. Es sollte dabei aber darauf geachtet werden, höchst flexibel und beweglich zu sein, öfter als üblich die Stellung zu wechseln und, wenn möglich, nur aus zweiter Reihe zu schießen.

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Hier schematisch die Zugkeilformation. Über den Kongofluss und rein ins Ungewisse !

Die Patronengurte für die leichten und schweren MGs wurden dünn eingeölt, dann noch einmal trocken gezogen. Die Schützen achteten darauf, dass die Patronen sauber in den Bändern lagen. Von Bedeutung war auch die peinlich genaue Überprüfung der Sicherungssplinte der Handgranaten. Die Männer arbeiteten still und mit tausendmal geübten Handgriffen, den einen oder anderen „Chant légion“ auf den Lippen. Mancher rauchte! Ich beobachtete die Gesichter meiner Soldaten. Nirgendwo erkannte ich ein Zögern. Auch die Hitzkopfmentalität ließen sie vermissen, was ich exzellent fand. Es herrschte die notwendige Abgeklärtheit, die Ruhe vor dem Sturm. Über dem Camp ORSTOM regte sich kein Lüftchen, es war schwer, schwül und heiß. In meinem Kopf ging ich Lage und Auftrag durch. Zu meiner Verfügung hatte ich drei Kampfgruppen mit einer jeweiligen Stärke von zwölf Mann. Jede Gruppe bestand aus einem Sturm- und einem Deckungstrupp. Jeder Gruppenführer verfügte weiterhin über einen Scharfschützen. Innerhalb der Deckungstrupps fanden sich (außer der Standardwaffe FAMAS, die jeder hatte) je eine MINIMI (leichtes MG 5,56 mm) und eine LRAC (Panzerfaust). In ihren Handgranatensäckchen an ihren Hüften trugen die Legionäre offensive (Druck-) und defensive (Splitter-) Handgranaten. Außerdem hatten sie Gewehrgranaten AP-34 (gegen Infanterie), AC-58 (gegen Panzer) und AP-AV 40 (gegen Infanterie und leicht gepanzerte Fahrzeuge). Die modularen Schutzwesten wogen schwer. Die meisten von uns hatten den Unterleib- und Hodenschutz sowie den Schutz für Hals und Kinn abgenommen. Mein Zugtrupp bestand aus mir selbst, meinem Funker, einem MG-Schützen, dem Krankenpfleger mit dem Trousse d’infirmerie (Erste-Hilfe-Einsatz-Set) und einem Fahrer. Die Männer waren ausgeruht, in einer körperlich topfitten Verfassung, die Moral hervorragend. Mein Ziel war es, in Zugkeilformation vorzustoßen, wissend, dass ich den Rücken frei haben würde und im Falle einer Feindberührung mit rapidem, koordiniertem Deckungsfeuer rechnen durfte. Das erforderte, dass mein Stellvertreter sich zwischen der ersten und der zweiten Gruppe hinten rechts oder links bewegte. Die dritte Gruppe wollte ich vorne an mich binden, um aus der Bewegung heraus zielstrebig zu handeln. Die Scharfschützen sollten selbstständig, unabhängig und flexibel operieren. Dafür waren sie ausgebildet und genau so hatten sie ihre größte Effizienz. Ihr Instinkt sollte ihr einziger Chef sein! Die Verbindungen nach links und rechts zu den Nachbarzügen, das wussten wir schon vorher, konnten höchstwahrscheinlich nicht immer aufrechterhalten werden, und das aus zwei Gründen: Erstens war Kinshasa keine Kleinstadt, sondern eine immense bebaute Fläche mit tausend Verschachtelungen, Gassen, Einbahnstraßen, Hinterhöfen etc. Und zweitens lagen die Sammelpunkte nicht immer nahe zusammen. Im Klartext hieß das: Im Falle eines Pépin (bei Schwierigkeiten) war mit Unterstützung kaum zu rechnen.

brazaville-karte

Situation 07. juni – 1997

Wie die Bevölkerung reagieren würde, wussten wir nicht: War sie uns freundlich oder feindlich gesonnen? Aber noch wichtiger: Wie würden sich die beiden kämpfenden Fraktionen uns gegenüber verhalten? Alles konnte glatt über die Bühne laufen oder verdammt kompliziert werden. Da wir über keine Unterstützungswaffen wie Artillerie, schwere Mörser, Panzer oder Panzerabwehr verfügten, mussten wir auf unsere Schnelligkeit, unsere Mobilität setzen. Außer den organischen Handfeuerwaffen würden wir nur die Musette dabeihaben. Darin zwei Rationen, etwas Wasser, Munition … und noch mehr Munition! Noch am selben Abend übten wir nachts und so diskret wie möglich das schnelle Besetzen der Boote. Damit fuhren wir in die Flussmitte bis an das Limit des Verantwortlichen (man sollte uns unter keinen Umständen von Kinshasa aus sehen), drehten dann um und begannen von vorne. Der Pilot des Bootes hatte zwar das genaue Kap auf seinem Bootskompass eingestellt, dennoch überprüfte ich ständig das Azimut. Mir war wichtig, am anderen Ufer auch dort von Bord zu gehen, wie ich es vom Hauptmann befohlen bekommen hatte. Mich erst zu orientieren, würde einen Zeitverlust bedeuten, und der Zeitfaktor (Schnelligkeit) sollte doch zum Gelingen des Unternehmens eine essenzielle Rolle spielen. Als im Morgengrauen alles perfekt schien, ging es zurück ins Camp, wo das Warten auf den Einsatz begann. In Calvi wurde währenddessen der Rest des Regimentes in permanente Alarmbereitschaft versetzt. Am Morgen des 17. Mai fiel Kinshasa in Kabilas Hände, ohne dass ein einziger Schuss abgefeuert wurde.

congo

Am umkämpften Flughafen Maya-Maya

Die Stimme eines meiner Gruppenführer klang enttäuscht. Ich konnte ihn sehr gut verstehen. Als Soldat einer Eliteeinheit sahen wir uns nicht unbedingt als das Symbol einer drohenden Faust, die den Gegner durch Drohgebärden oder durch bloße Präsenz davon abhalten sollte, einen Krieg vom Zaun zu brechen, nein! Wir wollten das, was wir uns in der täglichen Ausbildung aneigneten, auch immer wieder unter Beweis stellen. Ohne Wenn und Aber. Innerhalb weniger Tage zogen alle Nationen ihre Truppen aus Brazzaville ab, nur Teile der französischen Einheiten blieben, unter anderem unsere Kompanie. Die Routine hatte uns bald wieder. Wir bauten unser Camp auf dem ORSTOM-Gelände weiter aus und trieben die Ausbildung im Allgemeinen voran. Jetzt war auch die Zeit gekommen, wieder etwas zu entspannen, und so organisierte unser Hauptmann eine Reihe von Quartiers Libres. Zugführer und Gruppenführer voraus, ging es in die Bars und Cafés der Stadt. Meist war gegen Mitternacht Schluss. Etwa um die Zeit begannen auch die unablässigen Patrouillen der Police militaire. Da immer wieder Legionäre nach der Sperrstunde in der Stadt angetroffen wurden, wo es dann auch das eine oder andere Problemchen gab, wurde der Ausgang bald schon gestrichen. Zeit zum Schlafen hatten meine Legionäre also genug, jedoch: Beim morgendlichen Sport sah ich nur müde Gesichter. Es dauerte nicht lange, bis ich herausfand, wieso dem so war, denn ich war schließlich auch mal Legionär gewesen, kannte deshalb so ziemlich alle Tricks, die gängig waren, um zunächst geschickt die Aufmerksamkeit der Vorgesetzten einzuschläfern, nur um dann auf den ersten Zug aufzuspringen, der da hieß: Let’s party! Doch Vorsicht war geboten. Mithilfe des einen oder anderen Unteroffiziers (die ich mir in einer stillen Minute dafür auch zur Brust nahm) hatten meine Legionäre ein System gefunden, welches es ihnen erlaubte, nach Mitternacht ungesehen das Camp zu verlassen, um dann kurz vor dem Wecken mit aufgesetzter Unschuldsmiene wieder aufzutauchen. Am Zaun, unweit des Gebäudes, in dem wir untergebracht waren, gab es eine Lücke. Dort, im unübersichtlichen Gelände, hatten sie einen der ihren postiert. Dieser hatte Sicht auf eine Bar, die sich nur einige Meter entfernt auf der anderen Seite des Zaunes befand. Gleichzeitig konnte er von seinem Beobachtungsposten auch den größten Teil der Unterkünfte überwachen. Die Wache war mit Sicherheit auch eingeweiht. Gab es nun einen Gegenappell, genügte ein Stein gegen das Fenster der Bar, und zwei Minuten später war der Zug vollzählig. Ich drückte zunächst ein Auge zu oder auch mal beide, doch später dann, als die Sache Dimensionen annahm, die ich nicht mehr verantworten konnte oder wollte, untersagte ich derlei Spielchen, zumal die Frauen in diesen Etablissements mit Sicherheit die eine oder andere Krankheit hatten. Wir waren immer noch im Einsatz und konnten es uns nicht erlauben, einen Mann, oder sogar mehrere, wegen Tripper & Co ausfallen zu lassen.

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Eine Gewehrgranate aufgepflanzt, geht es ran an den Feind

Ich schob definitiv den Riegel vor. Täglich kamen nun auch Flüchtlinge, meist solche aus Ruanda, die aus Kinshasa flüchten mussten: ein Flüchtlingsstrom, der nicht abriss und der unausweichlich Hilfsorganisationen aus aller Herren Länder im Kielwasser mit sich zog. Es blieb natürlich nicht aus, dass man uns (2. REP) bald schon mit ihrer Unterstützung, vor allem im logistischen Bereich, beauftragte. Dies äußerte sich darin, dass wir unter anderem Konvois mit Flüchtlingen zusammenstellten und sie aus der Stadt hinaus, in ein Camp nördlich von Brazzaville, eskortierten. Mein Zug war von dieser Art Auftrag jedoch nicht betroffen.

Brazzaville oder Brazzaville-la-verte, die Grüne, wie man die Stadt auf Grund ihrer zahlreichen Grünflächen, des Hibiskus und der roten und violetten Bougainvilleas, ihrer Tausenden von Palmen und hoher Bäume auch nannte, das war dieser unglaublich schöne Blick über den Fluss Zaire, der einem den Atem raubte. Der Fluss war an dieser Stelle, am Pool Malebo, einige Kilometer breit. Brazzaville, das war auch der Elf-Turm, die Basilika St. Anne mit ihren grünen Dächern aus Malachit oder die Kathedrale Sacré-Cœur. Brazzaville, das waren die Märkte unter offenem Himmel: Maniok, Palmenherzen, Früchte diverser Art und afrikanische wie auch orientalische Gewürze. Man roch, man fühlte, sah und lebte im Rhythmus dieser Märkte. Hier Fleisch der Phacochères, dieser angriffslustigen Warzenschweine, dort Antilopenhälften oder noch lebendige, zum Verzehr gedachte Äffchen. Brazzaville, das war aber auch die magische Welt, die magischen Kräfte der maskierten Féticheurs und der Fetische, des Tamtam geheimnisvoller afrikanischer Musik und die der traditionellen Wunderheiler der Pygmäen. Bunte Vogelfedern, geheime Puder, Löwenzähne und Affenköpfe. Brazzaville war hier modern wie Europa, und nur einen Schritt weiter alt wie unzählige afrikanische Generationen. Brazzaville, das war auch Krieg, der wohl nie enden würde!

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… der nur fünfzig Meter weiter auf uns lauert!

Während der vergangenen Jahre hatten die zahlreichen Milizen der verschiedenen Parteien in Brazzaville enorme Waffenarsenale angehäuft. Wir hatten Anfang Juni und die Präsidentschaftswahlen standen vor der Tür. Die wirtschaftliche Lage war seit der teilweisen Entwertung des Franc CFA katastrophal. Die Soldaten der regulären Armee waren unzufrieden, was sie zum Ausdruck brachten, indem sie massenweise ihrem Präsidenten Lissouba den Rücken kehrten, um die Truppen Sassou-Nguessos, des stärksten Rivalen Lissoubas, zu verstärken. Es war eine Art Rache dafür, dass sie monatelang keinen Sold bekommen hatten, und wenn, dann nicht in der Höhe, die ihnen zustand. Natürlich kamen noch andere, große Probleme hinzu, die der verschiedenen ethnischen Zugehörigkeiten zum Beispiel. Was brauchte es mehr, um das Pulverfass, auf dem wir saßen, zum Explodieren zu bringen? Am 5. Juni, in den frühen Morgenstunden, kam es im östlichen Stadtteil Brazzavilles zu heftigen Kämpfen. Diese Kämpfe führten zunächst zwei Parteien gegeneinander: die oppositionellen Milizen Sassou-Nguessos, genannt Cobras, gegen die reguläre Armee Lissoubas, die Zoulous. Der darauffolgende Krieg, vor allem die Brutalität der Kämpfe, schockierte so manch einen. Waffen und Munition schienen geradezu im Überfluss vorhanden, und auch der Wille der verschiedenen Parteien, keinen Deut nachzulassen, war gegeben. Bald schon verschlechterte sich die Lage in Brazzaville so, dass die Sicherheit der Zivilbevölkerung, vor allem die der Europäer und der Nichtkongolesen, nicht mehr gewährleistet war. Fast täglich erreichten uns Meldungen, in denen von Vergewaltigungen und purer barbarischer Willkür die Rede war. Am Tag, an dem in Brazzaville die Kämpfe ausbrachen, befand ich mich mit einer Gruppe in der Stadt, um Einkäufe für den Zug zu machen. Wir hatten nur Sicherungsmunition dabei. In einem ernsthaften Engagement wäre in drei Minuten alles vorbei gewesen. Wir befanden uns mit dem Fahrzeug in einer engen Straße. Vor und hinter uns wurde heftig gekämpft, ein Ausweichen über Wege, die quer von der Straße wegführten, war unmöglich. Ich setzte sofort einen Funkspruch ab, in dem ich meine Position und die Lage angab. Da wir noch nicht behelligt wurden, forderte ich keine Unterstützung an. Einige Stunden später verlagerten sich die Kämpfe, und wir konnten nun ungehindert passieren. Nicht nur wir hatten an diesem Tag Probleme dieser Art.

  1. Juni 1997.

»Gast, lassen Sie für Ihren Zug Gefechtsbereitschaft herstellen, Sie haben einen Auftrag. Ich erwarte Sie in zwanzig Minuten zur Befehlsausgabe!«

Deutlicher ging es nicht.

»Ribeiro!«

»Chef?«

»Sag dem Chef, er soll Gefechtsbereitschaft herstellen und dann den Zug antreten lassen. Ich bin beim Capitaine zur Befehlsausgabe!«

Ich hatte den Dienstgrad Sergent-chef, war aber bereits Zugführer. Mein Stellvertreter, der SOA oder Sous-officier adjoint, hatte denselben Dienstgrad wie ich. Er hatte zwar wie ich ein CT-2, aber kein CT-2 / BMP2 infanterie légère, somit konnte er damals kein Zugführer werden! Ich selber wartete damals täglich auf meine Beförderung zum Adjudant. Ich konnte mir ungefähr vorstellen, welche Art Auftrag auf mich zukam, und fluchte leise vor mich hin. Wir hatten für den ganzen Zug nur zwei nicht gepanzerte Fahrzeuge. Das hieß, dass die Gruppen nicht taktisch aufsitzen, geschweige denn operieren konnten.

Im Falle eines Angriffs auf unseren Konvoi konnte ein eventueller Feind mit ein paar gezielten Feuerstößen im Vorfeld schon alles klarmachen. Diese und ähnliche Gedanken schossen mir durch den Kopf, bevor ich an der Tür klopfte, hinter der sich das Büro des Hauptmanns befand.

»Kommen Sie rein, Gast!«

Alle Zugführer der Kompanie waren da, zwei Leutnants, die mich wortkarg begrüßten. Der Hauptmann reichte mir die Hand und kam ohne Umschweife zur Sache.

»Hier.« Er wandte sich zur Karte an der Wand seines Büros und tippte mit dem Finger auf ein Quartier unweit der Présidence (Haus des Präsidenten). »Genau in dieser Häuserreihe haben sich Franzosen verbarrikadiert. Sie haben uns um Hilfe gebeten und es scheint, dass sie diese auch dringend nötig haben!«

Er sah von der Karte auf. »Sie, Gast, kommen mit mir. Unser Auftrag lautet, die Franzosen rauszuholen und hierherzubringen.«

Ich sah ihn fragend an. Das konnte noch nicht alles sein. Sein Gesichtsausdruck war mir mittlerweile vertraut. Ich konnte daraus wie in einem offenen Buch lesen.

»Jeder«, fügte er leise hinzu, »der sich uns vor Ort in den Weg stellt und uns daran hindern will, den Auftrag auszuführen, ist als Feind zu betrachten und so zu behandeln!«

Der Einsatzbefehl mit allen nötigen Details folgte. Es musste schnell gehen. Nur einige Stunden vorher hatte ich durch Zufall einen Béret rouge (Träger eines roten Baretts, also ein regulärer französischer Fallschirmjäger; hier sei bemerkt, dass alle Fremdenlegionäre ein grünes Barett tragen, auch jene, die keine Fallschirmjäger sind) getroffen, den ich persönlich kannte. Er war Garde du corps, Leibwächter des Generals, der die Truppen in Brazzaville befehligte. »Ich gebe dir einen Tipp«, hatte er mit ernster Miene gesagt. »Wenn du mit deinen Jungs je da rausmusst«, er zeigte mit seinem kantigen Kinn in Richtung Stadtmitte, »dann fackle nicht lang rum, wenn es losgeht. In der Stadt sind Tausende von Kämpfern, und nach Einbruch der Dunkelheit ist die Hälfte davon betrunken oder bekifft. Denen ist egal, wen sie umbringen – Hauptsache, sie sehen Blut!«

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Eines der mehr als tausend Opfer der Milizionäre – Ihr Hass und ihre Kugeln waren blind

Ich nahm die Worte aus dem Mund dieses Mannes zwar ernst, kümmerte mich aber nicht weiter darum, denn es war schließlich unser Job, unser täglich Brot, Aufträge dieser Art durchzuführen. Ich erwähnte es dennoch in einer stillen Minute dem Hauptmann gegenüber. Als ich zu den Unterkünften zurückkam, stand der Zug vollzählig angetreten. Die Musetten mit Munition und Notrationen waren aufgeladen, die Fahrzeuge, ein VLRA und ein Sovamag, standen mit laufenden Motoren bereit. Jeder hatte seine Waffe am Mann, und wie ich sah, waren die Waffen bereits teilgeladen. Mein Stellvertreter hatte gute Arbeit geleistet. Mit lauter Stimme erklärte ich kurz die Lage, gab den Vorbefehl für das Verlegen Richtung Poto-Poto und ließ aufsitzen. Mir war es wichtig, dass all meine Legionäre immer wussten, um was es im Einzelnen ging. Der Soldat muss informiert sein! Das war immer schon mein Standpunkt. Als das geschehen war, ließ ich die Gruppenführer sammeln.

»Die jeweilige Situation bestimmt ab jetzt unser weiteres Vorgehen. Keine Provokationen, solange man uns in Ruhe lässt. Die Feindseligkeiten eröffnen die anderen, nicht wir. Dann jedoch wisst ihr, was zu tun bleibt. Sind die Funkgeräte überprüft?«

Ich erntete ein Kopfnicken meines Stellvertreters. »Alles ist fertig. Die Funkgeräte sind okay. Jeder Gruppenführer hat außerdem Ersatzbatterien.«

Ich nickte ebenfalls und sah in die Runde. »Fragen?«

Einer meiner Gruppenführer sah zu den Fahrzeugen hinüber: »Ziemlich riskant mit nur zwei Fahrzeugen!«

»Stimmt. Es geht aber nicht anders, weil keine Fahrzeuge da sind. Sonst noch was?«

»Helme?«

Diese Frage hatte ich dem Hauptmann auch schon gestellt. Ich schüttelte den Kopf. »Der Hauptmann meint, das käme zu aggressiv rüber.«

In diesem Punkt war ich geteilter Meinung. Einerseits hatte der Hauptmann recht. Wir sollten so schnell und so diskret wie möglich zu den Franzosen vorstoßen, die unsre Hilfe brauchten, und den Auftrag nicht vorher schon durch großes Tamtam in Gefahr bringen. Andererseits … Lass es, mahnte mich eine innere Stimme zur Ordnung.

»Natürlich nicht«, sagte ich schroff. »Und nun los.«

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Unterstützung!

Die Kolonne bestand zunächst aus drei Fahrzeugen, wobei der Hauptmann mit seinem P4 vorneweg fuhr. In seinem Wagen: der Funker, ein ungarischer Unteroffizier, sein Fahrer, er selbst und noch ein vierter Legionär. Dahinter folgte ich mit einem VLRA, auf dem die dritte Gruppe und mein Zugtrupp saßen. Ich hielt einen Sicherheitsabstand von fünfzig Metern ein. Fünf Fahrzeuglängen nach mir folgte der Sovamag mit meinem Stellvertreter und der ersten und zweiten Gruppe. Bereits am ersten Checkpoint unweit der Avenue Schoelcher kam die Kolonne zum Stehen. Man wollte uns nicht passieren lassen. Ich sah den Hauptmann mit dem Chef des Checkpoints heftig diskutieren, wobei aus allen Richtungen immer mehr bis an die Zähne bewaffnete Kongolesen auftauchten. Die Sache gefiel mir nicht. Das war nicht der Moment, sich auf irgendetwas einzulassen. Vielleicht blieb uns aber gar keine andere Wahl. Ich griff in meine Musette und machte so unauffällig wie möglich eine Gewehrgranate bereit. »Sag deinen Männern, sie sollen sich bereit machen«, flüsterte ich dem Gruppenführer der dritten Gruppe zu. Danach stieg ich vom Fahrzeug und ging zum Sovamag, der fünfzig Meter hinter mir in den Schatten einiger Bäume gefahren war. Ich winkte den Gruppenführer der ersten Gruppe zu mir.

»Wenn es hier am Checkpoint schon losgehen sollte«, sagte ich wie beiläufig, »dann lass absitzen und beziehe links von der Straße Stellung. Ich versuche dann den Hauptmann mit der dritten Gruppe rauszuhauen. Ihr müsst uns so lange wie nur möglich Deckungsfeuer geben.«

Dem Gruppenführer der zweiten Gruppe gab ich den Befehl, rechts von der Straße Stellung zu beziehen, wenn es losging. Plötzlich hörte ich Motorengeräusche. Hinter uns kam eine Gruppe des GCP (ExCRAP) angebraust. Sie fuhren bis direkt zum Checkpoint, saßen ab und bezogen sofort Position gegenüber den Kongolesen. Genau das, was ich befürchtet hatte, war nun geschehen: Man goss Öl aufs Feuer! Ich hätte es dem Hauptmann durchaus zugetraut, durch bloßes Verhandeln die Situation zu entspannen. Aber jetzt? Das war wohl der Augenblick, in dem sich alles wendete, die Würfel geworfen wurden. Das GCP war in jeder Hinsicht eine höchst professionelle Eliteeinheit. Sie hatten ihre Befehle. Dennoch denke ich, dass in diesem Augenblick, in dem wir uns noch weit weg vom eigentlichen Einsatzort befanden, diese Machtdemonstration nicht unbedingt hätte sein müssen. Vielleicht, so sagte ich mir, hatte man sie über die Gesamtlage nicht ausreichend informiert (?) – ein Fragezeichen, das ich, ohne Kritik zu üben, sachlich beifüge, denn mein Vertrauen unseren Offizieren gegenüber, vor allem unserem damaligen Chef de corps, war total. Tatsache war: Wir mussten am Checkpoint vorbei; wenn es sein sollte, mit Gewalt. Doch genau diese Option barg Gefahren, die unseren Hauptauftrag gefährden konnten. Was, wenn uns der Gegner hier festnagelte? Über das Kräfteverhältnis konnte ich nur spekulieren.

Im Hintergrund hörte man Bewegungen. Feindliche Truppen bezogen Position. Man konnte sie nicht sehen und nur vermuten, wo ungefähr sie waren (und dass es viele waren!). Seltsamerweise war schon ein paar Minuten später die Situation so, dass man uns erlaubte, den Checkpoint zu passieren. Zu glatt. Zu schnell. Mir gefiel die Sache immer weniger.

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Wir saßen auf und bogen langsam auf die Avenue Schoelcher ein. Links von uns die hohe, weiße Mauer einer Kaserne der regulären Armee. Sie zog sich fast fünfhundert Meter in die Länge. Diese Mauer war nur etwa zwanzig Meter von uns entfernt und mit Stellungen, MG-Nestern, Schießscharten etc. nur so gespickt. Rechts von uns und so weit das Auge reichte, freie Fläche und dahinter der Fluss. Als der Konvoi sich mit allen Fahrzeugen auf der hell beleuchteten Allee befand, wurden all unsere Elemente gleichzeitig aus kürzester Entfernung mit brutalem Feuer belegt. Wir waren in einen sauber ausgeklügelten Hinterhalt gefahren! Wenn ich jetzt so zurückdenke, danke ich Gott, dass die, die uns die Falle gestellt hatten, keine serbischen Tschetniks waren, sonst wäre wohl keiner von uns mit dem Leben davongekommen. So aber? Die MG-Garben lagen allesamt etwas hoch oder kurioserweise zu tief. Dennoch waren die ersten Schüsse wirksam und mörderisch. Alle Fahrzeuge waren aufgrund von Schüssen in den Motorblock oder aufgrund der zerschossenen Reifen festgenagelt, wo sie gerade standen. Fünfzig Prozent der Funkgeräte (damit meine ich vor allem auch die großen Antennen mit ihren Basen aus Keramik, die ungeschützt an den Fahrzeugen angebracht waren) waren nicht mehr einsatzbereit. Einer meiner Gruppenführer war in den Rücken geschossen worden und lag schwer verwundet im Graben hinter dem Fahrzeug. Unweit davon lag schwer verletzt Jefferson, einer meiner Legionäre. Er hatte einen Kopfschuss (beide überlebten). Diese Informationen über Verluste bzw. verletzungsbedingte Ausfälle erreichten mich aber erst später. Einer meiner Scharfschützen hatte einen Streifschuss an der Hüfte und verdankte sein Leben wohl seinem Zielfernrohr, das allerdings völlig zertrümmert war. Wie gesagt, das war die Situation drei Sekunden nach dem ersten Kontakt. Der Kampflärm war so intensiv, dass eine Befehlsgebung zunächst weder durch Zuruf noch über Funk möglich war. Die Reaktion meiner Männer war, wie ich sie nicht anders erwartet hatte. Während einige es auf sich nahmen, ihre Kameraden durch Feuer zu decken (sie selber hatten keine oder nur wenig Deckung), sprangen die anderen ab und suchten sich Stellungen rechts von der Fahrbahn in einem Graben, der gerade mal so hoch war, dass man sich mehr schlecht als recht darin vor den heranfetzenden Maschinengewehrgarben in Sicherheit bringen konnte. Mit Ruhe und Präzision schossen die Legionäre nun zurück, aber die Lage war prekär. Wie ich feststellen konnte, waren alle Feind-MGs gut platziert. Zu gut! Ich sah nur die Mündungsfeuer. Wie auf einem Präsentierteller lagen wir in nur zwanzig bis dreißig Metern Entfernung einem Feind gegenüber, der jede unserer Bewegungen mit massivem Feuer begrüßte. Es genügte, den Kopf nur ein paar Zentimeter zu heben, und schon wurde man unter Beschuss genommen. Ich selbst war von meinem Fahrzeug abgesprungen, während es dem Fahrer noch gelang, etwa vierzig Meter mit dem Fahrzeug weiterzufahren. Dort saß der Rest der dritten Gruppe ab und ging sofort in Stellung: eine ungünstige Stellung, denn von da, wo sie war, konnte sie den Feind mit Handfeuerwaffen nicht erreichen. Neben mir lagen mein Funker und der Panzerfaustschütze der dritten Gruppe. Um mit der Panzerfaust eine der feindlichen Stellungen auszuheben, was nahelag, dazu war der Winkel zu spitz. Die Granaten wären wohl abgeprallt und hätten die eigene Truppe gefährdet (Wie ich später selber feststellen sollte!). Was wir bitter benötigten, war Rauch, doch war es unnötig, darüber nachzudenken: Alle Rauchgranaten waren auf einem der Fahrzeuge, das unter massivem Beschuss stand. Die Nacht selber bot keinen Schutz, dafür war es zu hell. Also dritte Gruppe außer Gefecht, weil sie von dort, wo sie sich befand, nicht wirken konnte und bereits vom Hauptmann nach außen hin in Position gebracht worden war: eine taktisch kluge Entscheidung, denn der Feind hätte von dort leicht unsere Flanke aufreißen können. Wäre das geschehen, wär’s das wohl gewesen! Als ich etwas später zu der Position der dritten Gruppe kam, musste ich feststellen, dass der Hauptmann gut daran getan hatte, den Flügel zu sichern: In der Dunkelheit entlang der Avenue Schoelcher Richtung Poto-Poto wimmelt es nur so von schwarzen Soldaten. Die erste und zweite Gruppe waren durch massives, nun Dauerfeuer des Feindes neutralisiert. Jegliche Bewegung – Rückzug aus der mit Feuer belegten Zone oder ein befreiender Gegenangriff – hätte unweigerlich schwere Verluste bedeutet. Eine Kontaktaufnahme per Funk mit den Gruppenführern Eins und Zwei misslang zunächst, dagegen war es mir gelungen, den Hauptmann über Funk zu erreichen.

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Er hatte bereits Verstärkung angefordert! Nebenbei: Die Verstärkung, es handelte sich um die CEA, sollte vom Camp ORSTOM aus operieren. Das hieß, dass sie aller Voraussicht nach bereits in wenigen Minuten eintreffen konnte. Etwa zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich über Funk von meinem schwerverletzten Gruppenführer und einem ebensolchen Legionär. Foniok, ein polnischer Caporal, hatte inzwischen das Kommando anstelle seines Gruppenführers übernommen. Ich befahl ihnen zu bleiben, wo sie waren, ihre Rundumsicherung sicherzustellen und den Feind durch sporadisches Feuer davon abzuhalten, unsere Stellungen zu stürmen. Eine andere Lösung sah ich vorerst nicht, zumal, wie gesagt, rechts von uns Truppenbewegungen stattfanden, wir aber keine Informationen darüber hatten, wer diese Truppen waren und welche Absichten sie hegten. Alle Szenarien waren möglich! An Munition verfügten wir nur über das, was jeder am Mann in seinen Magazin- oder Munitionstaschen hatte. Die meisten Musettes (worin sich der Löwenanteil der Munition befand) waren auf den Fahrzeugen geblieben, die unter Feuer lagen. Ich informierte Gruppe Eins und Zwei darüber, dass eigene Truppen von links (links von ihrer Position aus gesehen, wenn man den Feind als geradeaus betrachtet) kommen würden, und gab, als diese sich der Kampfzone näherten, den allgemeinen Feuerbefehl an all meine Elemente. Einer meiner Legionäre neben mir schoss eine Gewehrgranate auf eine feindliche Position ab. Es war ein schwarzes Loch in der Mauer, aus dem anhaltendes Mündungsfeuer aufblitzte. Links von mir hörte ich nun auch unser schweres MG losrattern, eine Mit. 7,62 mm: Musik in meinen Ohren! Doch schon nach einer kurzen Salve verstummte sie. Welsh, der Schütze, ein irischer Caporal, sagte mir später, dass fast die gesamte Munition aus Blindgängern bestanden hatte. Als ich mir dann skeptisch die Munitionsbänder ansah, packte mich ohnmächtige Wut. Man sah deutlich die Abdrücke des Schlagbolzens auf den Hülsen. Es waren tatsächlich Blindgänger gewesen, jeder einzelne verdammte Schuss! An der Waffe (Schlagbolzen defekt etc.) hatte es nicht gelegen. Inzwischen war es Elementen des GCP gelungen, sich bis zu meinem verletzten Unteroffizier und dem verletzten Legionär heranzuarbeiten. Bei dieser brillanten und waghalsigen Aktion, die einmal mehr zeigte, zu was diese Einheit fähig ist, starb einer ihrer Soldaten im Feuerhagel. Caporal Gobin war auf der Stelle tot! Ohne das Eingreifen des GCP wären Jefferson und Lefevre, meine beiden schwerverletzten Männer, ihren Wunden erlegen. Die Verstärkung (CEA) bezog links von meinem Zug, gegenüber dem Feind, Position. Dabei gerieten ihre vordersten Elemente unter Beschuss. Bei dieser Aktion wurden ein Offizier, zwei Unteroffiziere und drei weitere Legionäre zum Teil schwer verletzt, unter ihnen Sergent Pirhonen sowie die Legionäre Girard und Rakoto. Sobald die Verstärkung ihre Positionen bezogen hatte, nahm sie ihrerseits den Feind unter Feuer. Ein Feindfahrzeug wurde von einer ihrer AC 58 Gewehrgaranten regelrecht zerfetzt. Hand- und Gewehrgranaten kamen auf kürzeste Distanz ununterbrochen zum Einsatz. Brazzaville hatte seinen Krieg! Einem Unteroffizier der CEA es war der glatzköpfige Hüne Kane, gelang es, von seinen Männern gedeckt, sich unter der Mauer in einem toten Winkel zweier MGs zu positionieren. Von dort aus warf er in rascher Folge eine Handgranate nach der anderen, die allesamt in den Feindstellungen krepierten. Für die Dauer einer Sekunde kam es mir vor, als führe Kane einen kompromisslosen Alleinkrieg, während er, total abgeklärt und aufs Höchste konzentriert, mit dem Rücken zur Mauer dort stand. Die Kongolesen zahlten an diesem Tag einen hohen Tribut. Gut zwei Dutzend von ihnen waren tot oder schwer verletzt außer Gefecht.

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Vom Kreuz des Südens und einem Mädchen mit grünen Augen

 

…aus

Afrika Melodie

Lautlos wie der Tod

Als Elias lautlos die Stufen der hölzernen Treppe nach oben huschte, hatte er wieder dieses Gefühl. Es war weder Angst noch Euphorie, sondern einfach nur ein zeitlich und situations-bedingtes erleben eines Augenblickes, der Geist und Körper voneinander trennt und man sich einen kurzen Augenblick lang so fühlt, als wäre man nur ein unbeteiligter Zuschauer, der keinen Einfluss auf das Handlungsgeschehen hat: Jede Geste war exakt, rationell und nicht rein zufällig, doch es war ein anderer, der sie ausführte. Es war immer so gewesen, vor jedem Einsatz. Dieses Mal jedoch war es schlimmer, weil er zum ersten Mal selbst das Kommando führte. Weil er dazu gezwungen war, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die ihn auf einen Prüfstand stellten und die sein Leben und das seiner Männer, alles kampferprobte Fremdenlegionäre, aufs Höchste gefährdete. Seine Nackenhaare sträubten sich. „Es ist wieder einmal soweit“ dachte er. Der Einsatz hatte vor knapp einer halben Stunde begonnen. Es war drei Stunden vor Morgengrauen und der Fluss, der sich wie eine silberne Schlange nach Norden wand, lag schimmernd im Schein des Vollmondes vor ihnen. Sie waren fast nackt und ihre schlanken, drahtigen Körper waren mit dickem, zähem Morast abgerieben. Die Waffen, robuste PM-63 Maschinenpistolen mit mehreren extra angefertigten 40 Schuss Magazinen und deshalb perfekt für den Nahkampf, hatten sie sich auf den Rücken geschnallt. Außerdem trug jeder sechs Handgranaten bei sich. Mehr Munition würden sie nicht brauchen: Wenn das Unternehmen schief ging, würde mehr Munition ihren sicheren Tod nur um einige Minuten hinauszögern. Die Messerklingen hatten sie ebenfalls mit Erde geschwärzt, um zu verhindern, dass sie im Mondlicht aufblitzten. Lautlos verabschiedeten sie sich einer nach den anderen von Bailey und huschten im Abstand von einigen Sekunden wie Schemen dem Fluss entgegen. Sie hatten keine andere Wahl, denn schon in einer Stunde, bei Sonnenaufgang, würden die aufständischen Rebellen das Sägewerk von Batalimo verlassen haben und nur Schutt und Asche hinter sich lassen. Sie würden sich bei ihren Vorstoß auf die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik nicht mit den beiden französischen Frauen und noch weniger mit deren Töchtern, Marie sieben und Annie sechs Jahre alt, belasten. Elias kannte die beiden aus der Zeit vor knapp einem Jahr, als es in der Provinz noch ruhig war und er erinnerte sich, als wäre es heute, wie er Annie beigebracht hatte, aus einem Blatt Papier einen Jumbo zu falten und diesen bis nach Paris, wenn es sein musste, fliegen zu lassen.

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Die Rebellen hatten das Sägewerk bereits vor zwei Tagen bei Nacht und Nebel angegriffen. Einer der dort lebenden europäischen Männer hatte gerade noch so viel Zeit und Geistesgegenwart besessen, einen Funkspruch abzuschicken um mit einigen Worten die Ereignisse zu schildern, bevor sie ihm, wie auch den anderen zuvor, bei lebendigen Leibe Finger, Ohren und Genitalien abtrennten und ihn dann einfach sterben ließen. Es war ein langer Tod gewesen, vor allem für den portugiesischen Vorarbeiter José, der ganze achtundvierzig Stunden durchhielt. Der Funkspruch kam nie dort an, wo er eigentlich hätte ankommen sollen, nämlich im Camp Beal, dem Hauptquartier des Stabes der französischen Garnison in Bangui. Er wurde aber durch puren Zufall von Elias Funker mitgehört. Elias Gruppe operierte schon seit fast einer Woche in diesem entlegenen Krisengebiet, doch ihre Funkleistung war bei Weitem nicht ausreichend genug, um Bangui zu alarmieren. Außerdem wäre es angesichts der Situation längst zu spät gewesen und Elias sprach aus Erfahrung. Jede Stunde erschienen neue Rebellen. Manchmal zu zweit, oft aber in Gruppen und alle waren bis an die Zähne bewaffnet. Es dürften an die dreihundert gewesen sein, als Elias und seine Männer aufgehört hatten zu zählen. Am Morgen des zweiten Tages war es Elias Männern gelungen, einen der Rebellen, der um seine Notdurft zu verrichten dummerweise den Fluss überquert hatte, gefangen zu nehmen. Es dauerte keine zehn Minuten und sie wussten jedes Detail über die Absichten des Rebellenführers. Der Mann starb dann in Baileys Händen einen schnellen Tod. Bailey war Elias Sanitäter, und er hatte die Gabe jemandem im Bruchteil einer Sekunde das Genick zu brechen und er war es auch, den Elias auserkoren hatte genau diese Arbeit zu verrichten. Weiterhin sollte Bailey nicht an dem geplanten Unternehmen teilnehmen weil er, sollten sie je lebend zurück über den Fluss kommen, der Einzige war, der den Umständen entsprechend schnell und wirksam Erste Hilfe leisten konnte, Schusswunden behandeln, etc. Die Frauen und ihre Töchter würden in einem erbärmlichen Zustand sein. Sie waren es jetzt schon. Elias hatte sich und seinen Männern achtundvierzig Stunden gegeben um das Sägewerk zu beobachten, herauszufinden wo sich die Frauen und Kinder befanden und um einen Einsatzplan auszutüfteln der Chancen auf Erfolg hatte. Achtundvierzig Stunden, in denen ihnen die grausigen Schreie Josés das Gehirn zermarterten, achtundvierzig Stunden, in denen sie jenseits des Flusses ohnmächtig mit beobachten mussten, wie die Rebellen einer nach den anderen, oft auch zu zweit oder in Gruppen, die hölzernen Stufen, die zu einer breiten Veranda eines weißen Gebäudes gehörten, hinaufstiegen und die vermutlich dort anwesenden Frauen und Mädchen vergewaltigten. Elias stellte sich oft die Frage, ob es nicht vielleicht besser sei, die Frauen sterben zu lassen.

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Dann dachte er an die Mädchen und das Antlitz Annies vor Augen, verwarf er seine Gedanken wieder. Er maß dem Erfolg seines Planes durchaus Chancen bei, denn die Rebellen waren mittags bereits schon stockbetrunken, standen unter Drogeneinfluss oder beides, und es gab keine Wachen. Sie fühlten sich sicher. Kosta, ein gedrungener, blass wirkender Grieche und gleichzeitig Elias Stellvertreter, grinste zu Elias hinüber, als er geschmeidig wie eine Raubkatze, allen anderen voraus, den Fluss am anderen Ufer verließ und wie ein Schatten geduckt auf das weiße Gebäude zu trottete. Bei der Treppe angekommen kniete er sich ab, wartete auf Elias und sah ihm fragend entgegen. Elias nickte langsam mit dem Kopf und wies gleichzeitig auf den etwa vierzig Zentimeter hohen Spalt unter der Veranda. Zum Zeichen dass er verstanden hatte, streckte Kosta seinen Daumen in die Höhe, huschte die Treppe hinauf und platzierte sich links neben dem Eingang. Elias betrat mit der Waffe im Anschlag den Raum als erster und sah sich um. Es stank nach Exkrementen, Blut und billigem Fusel. Eine Bewegung ließ ihn erstarren.

Der Schwarze kehrte ihm den Rücken zu. Er war nackt. Das Mädchen das unter ihm lag, es war Annie, hatte ihre Augen weit aufgerissen, doch ihr Blick war leer. Sie konnte dem Horror, den sie seit zwei Tagen ausgeliefert war, nicht mehr begreifen. Sie hatte ihn nie begriffen. Elias schlug dem Mann mit dem Gewehrkolben den Schädel ein, und bevor das Kind reagieren konnte, legte er schwer seine Hand auf ihren Mund. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie seine Männer einer nach dem anderen lautlos in das Gebäude drängten und auf der Suche nach den anderen Frauen und Kindern ausschwärmten. Er trug Annie ins Freie und zog sie mit sich durch den engen Spalt in den dahinter liegenden Hohlraum unter der Veranda. In diesem Augenblick erfüllte ein gellender Schrei die Nacht. Sofort entstand Bewegung im Lager. Im Haus fielen Schüsse. Nur ein paar Minuten später stürmten die Rebellen das Gebäude. Die Überlebenden von Elias Gruppe wurden nach draußen auf die Veranda gezerrt, geschlagen und beschimpft. Man riss ihnen die Kleider vom Leibe und schlug sie immer wieder. Und dann begann man sie zu foltern. Mehrere Male, auf Befehl eines kleinen unscheinbaren Anführers, wurden die Misshandlungen unterbrochen. „Ihr könnt euch immer noch für einen schnellen Tod entscheiden, indem ihr mir sagt, wo sich euer Freund, euer Anführer versteckt hält.“

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Elias hatte diese Stimme nie vergessen können. Das schmerzverzerrte Gesicht Kostas war nur ein paar Meter von seinem entfernt und nur durch die Holzbohlen der Veranda waren sie voneinander getrennt. Elias war es so, als ob sich ihre Blicke den Bruchteil einer Sekunde kreuzten und er wusste, dass Kosta, ebenso wie die anderen, entschlossen war, keinen leichten Tod zu sterben. Annie begann sich in Elias Armen zu bewegen und sie versuchte zu schreien, als im gleichen Augenblick die Rebellen ihr blutiges Handwerk wieder aufnahmen. Das Blut seiner Männer tropfte rot auf Elias Hände, warm über sein Gesicht und eiskalt in sein Herz. Als die Rebellen am nächsten Tag das Sägewerk verlassen hatten, wartete Elias noch eine Stunde, bevor er unter seinem Versteck hervor kroch. Es war vorbei. Das Mädchen schlief tief und fest. Kosta lebte noch. Er war der Einzige, doch seine Haare waren grau wie die eines alten Mannes und sein Blick jenseits jeglichen Begreifens, jenseits jeglicher Realität. Elias erfüllte ihm gegenüber zumindest diesmal seine Pflicht und das Echo des Schusses hallte hinab über den Fluss. Bailey stand bereits wartend am anderen Ufer und schien erfreut aber auch verwundert, Elias am Leben zu sehen. Elias hatte Angst vor Baileys fragendem Blick, hatte Angst vor seinen Augen. Er fühlte sich schuldig am Tod seiner Männer. Er hatte sie hierher geführt und im entscheidenden Augenblick nicht den Mut gehabt, mit ihnen zu sterben. Er hatte sie dorthin geführt, wo man stirbt und … selbst versagt. Dass Annie nur dadurch noch am Leben war, war für ihn ein schwacher Trost.

Kostas anklagende Augen und Baileys fragender Blick hatten ihn seitdem in all seinen Träumen heimgesucht. Halbwahnsinnig verließ Elias ein Jahr später die Armee. Er trank sich seinen Schmerz aus der Seele, zumindest versuchte er es. Wenn er nüchtern war, sah er diese Augen, also trank er. Wieder ein Jahr später landete er in einer Entzugsanstalt und lernte dort Isabelle kennen. Ohne Isabelle wäre Elias wieder in der Gosse gelandet, doch sie kümmerte sich um ihn. Er war auch ihr erster Liebhaber und für sie war es Liebe, – während es für Elias nur eine Chance war. Er fühlte sich ihr gegenüber verpflichtet und diese Pflicht wiederum machte ihn abhängig. Er erfüllte ihr jeden Wunsch, versuchte weder an Vergangenheit noch an Zukunft zu denken. Er wollte einfach nur das, was Isabelle ihm gab. Ein Leben ohne Höhen oder Tiefen, lauwarm und ohne Risiko … bis zu jenem Tag.

Er hatte gerade die Metro Richtung Chatelet-les-Halles bestiegen um von der Arbeit nach Hause zu fahren. Auf der hintersten Sitzreihe des Waggons saß eine Frau, die ihm den Rücken zugekehrt hatte. Elias beachtete sie nicht sonderlich, bis sie sich mit einer Geste, die ihm seltsam vertraut vorkam, lässig die Haare aus der Stirn und nach hinten in ihren Rücken strich. Sofort erstarrte er. Sein Mund wurde trocken und sein Herz pochte wie wild in seiner Brust. Diese Bewegung: Er hatte sie tausend Mal schon gesehen! Sie erinnerte ihn an seinen Traum, an das Kreuz des Südens und an ein Mädchen mit grünen Augen.

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Klar zum Gefecht

... aus

„Leben unter fremder Flagge“

Angriff auf Butmir

Ich hatte eine lange, kalte Nacht auf Mike India hinter mir. Die Ablösung stand kurz bevor. Daniels, der Gruppenführer am Checkpoint Charlie Sierra, gab durch, dass er ganz deutlich das Geräusch von Panzerketten gehört hatte. Ein Blick auf das Haus, das isoliert am östlichen Ende der Flugbahn bei Bijelo Polje stand, sagte mir, dass der T-55 sich die ganze Zeit nicht bewegt hatte, es musste also etwas anderes, anderswo im Gange sein. Ich sah durch das Teleskop und stellte es auf Charlie Sierra ein. Morillon (den Namen – so hieß auch der General, Kommandant der Streitkräfte der UNPROFOR in Bosnien – hatten die Legionäre dem Hund gegeben, der bei ihnen ein gutes Zuhause gefunden hatte) stand versteinert auf der Straße und starrte zur Achse Rose hinüber. Plötzlich zog er den Schwanz ein und rannte wimmernd davon. Etwa in derselben Sekunde hörte ich ein Rauschen am Himmel und die Erde bebte. Mörser und Artilleriegeschütze der Serben schossen ein Stahlgewitter auf Butmir!

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Blick auf Butmir

Eine Stunde lang pflügten die Granaten jeden Quadratmeter Boden des Dorfs und seiner angrenzenden Gärten um. Ganz besonders betroffen waren die Schützengräben 500 Meter östlich von Butmir, nur etwa 150 Meter von Charlie Sierra entfernt. Das betroffene Areal war in Nebel und Rauch gehüllt, es war ein irrealer Anblick. Dass es dort noch Leben gab, schien unwahrscheinlich. Gerüchten zufolge fielen an diesem Morgen 2000 Artillerie- und Mörsergranaten auf Butmir. Kaum war die Detonation der letzten Granate verklungen, brachen zwei T-55 Panzer aus der Deckung nahe dem Ort Donji Kotorac. Aus allen Rohren feuernd überquerten sie die Achse Rose und rasten ungebremst auf Butmir zu. Begleitet wurden sie von serbischer Infanterie, etwa 20 Mann. Diese rannten hinter den Panzern her. Die zu überwindende Strecke von der Sturmausgangsstellung bis zum Angriffsziel, das wurde mir als Beobachter sofort klar, war viel zu groß. Ich schätzte, dass es 300 Meter waren. Es kam, wie es kommen musste. Der Angriffsschwung verlief sich nach nicht mal 200 Metern. Plötzlich hatten die Bosnier alle vermeintlich zerstörten Stellungen wieder besetzt und begannen ein mörderisches Sturmabwehrfeuer.

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Dobrinja: Schauplatz von Angriff und Gegenangriff. Tag für Tag

Auch Panzerfäuste kamen ununterbrochen zum Einsatz. Es wurde schnell licht in den Reihen der Serben, die T-55 drehten bei und verschwanden in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Wieder einmal wurde uns bestätigt, was wir längst wussten. Die Serben hatten die Technik, die Waffen und Munition in Hülle und Fülle. Was ihnen jedoch fehlte, waren die Männer und die Erfahrung im Guerillakrieg. Letzteres war die Domäne der Bosnier. Die aussichtslose Lage hatte sie, die vorher nur wenige erfahrene Soldaten in ihren Reihen zählten, zu effizienten Urban Fightern gemacht!

Die Kampfszene hatte sich genau vor meinen Augen abgespielt. Anhand der Geländetaufe und der dazugehörigen Entfernungsspinne ermittelte ich mit einem Blick knappe 650 Meter. Da Mike India erhöht lag und ich über ein Teleskop verfügte, kam ich mir vor, als hatte ich einen Logenplatz inne, so makaber dies auch klingen mag. Während der gesamten Aktion hatten Daniels und seine Legionäre im Charlie Sierra Checkpoint den Finger am Abzug ihrer Waffen, denn sie befanden sich in den ersten Rängen, nur 50 bis 100 Meter von den Geschehnissen entfernt.

Achse Rose

Noch in derselben Woche bewegte sich ein Konvoi mit Hilfsgütern für Bosnier von Westen kommend auf den Flughafen zu. Der Konvoi bestand aus etwa sieben Lastwägen. Als die Fahrer, es waren hauptsächlich serbische Zivilisten, auf die Zielgerade Achse Rose einschwenkten, war die Welt noch in Ordnung. Sobald jedoch das erste Fahrzeug den von unseren Legionären gehaltenen Checkpoint Charlie Sierra erreichte, brach die Hölle über sie herein. Mehrere MGs ratterten gleichzeitig los, RPG-Granaten zerfetzten teilweise die LKWs. Das Verrückteste an der Sache war: Es waren die Bosnier, die aus uns zur Genüge bekannten Stellungen das Feuer eröffnet hatten! Die Leuchtspuren kamen eindeutig aus Stellungen vom östlichen Rand Butmirs! Weiter oben schrieb ich, vieles, was damals geschehen sei, könne man wohl heute erst richtig verstehen und zuordnen. Nun, diese Aggression kann ich heute noch nicht verstehen oder zuordnen. Die Hilfsgüter waren für Bosnier. Das war angesagt und weithin bekannt! Und nun nahmen Bosnier diesen Konvoi unter Feuer? Riskierten sie lieber, dass ihre Kinder und Frauen hungerten, nur damit sie einige serbische Zivilisten, die den Krieg genauso verabscheuten wie sie, umbringen konnten? Unter den Fahrern gab es keinen Einzigen, der nicht getroffen wurde. Es gab einen oder zwei Tote, alle anderen waren verwundet; einige schwer. Die serbischen Soldaten auf der andern Seite, Richtung Lukavica, reagierten nicht, was ein Glücksfall war. Dessen ungeachtet beobachteten sie sehr genau den Verlauf der Dinge und vor allem, was die UN unternahm.

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Mehrere Dinge geschahen gleichzeitig. Unser Regimentskommandeur informierte sofort Major Sabljic, der mit den Bosniern und Serben Kontakt aufnahm, Erstere mahnte, das Feuer sofort einzustellen, und Letztere beschwichtigte. Gleichzeitig gab es Generalalarm für unsere Sanitätseinheit und für alle Legionäre: Koste es, was es wolle, die toten und verwundeten serbischen Zivilisten mussten sofort geborgen werden. Jede verfügbare Gruppe brachte ihre Männer und VABs am südlichen Pistenrand in Stellung. Es wurde „Klar zum Gefecht“ befohlen, was hieß, alle Waffen, auch die 20-mm-Kanonen, die Brownings Cal .50, unsere MGs (Minimi) sowie jede Soldatenbraut (FAMAS) wurden durchgeladen.

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Auch unsere Scharfschützen bezogen in Windeseile ihre Positionen. Der Befehl war klar. Feuer frei auf jeden Bosnier oder Serben, der auch nur einen einzigen Schuss auf einen unserer Sanitäter oder Parlamentäre abgab. Das Zeichen war stark genug, die Waffen schwiegen. Als die Situation überschaubar war, rückten unsere Sanitätssoldaten aus, und das gleich zweimal. Sie rannten mit Tragen hinaus auf die Achse Rose und riskierten ihr Leben, um die noch lebenden Fahrer zu bergen. Parlamentäre mit Rot-Kreuz-Fahnen liefen ihnen voraus. Ich selbst war an Bord meines VAB C-20, nahm mit der Feldkanone eine mit drei bosnischen Soldaten besetzte Stellung in etwa 400 Metern Entfernung ins Visier. Die Feldkanone war mit einem Mix aus panzerbrechender Munition und Explosivgeschossen geladen.

REP FUNKER

Abzeichen unserer Funker

Unsere Jungs lagen abgesessen rechts und links des VAB, teilweise mit Maschinengewehren, im Schnee in Stellung. Sie hatten jeder einen Berg Munition bei sich, waren wild entschlossen, zu tun, was getan werden musste. Und ich verstand sie mehr, als ich hier beschreiben kann. Als die Situation bereinigt war, gab es Entwarnung. Ich hatte während der Dauer dieser kleinen Zerreißprobe Zeit genug, meine Legionäre ganz genau zu beobachten. Was mich nicht wunderte, war die scheinbare Abwesenheit von Angst in ihren Gesichtern. Doch nicht nur ich, sondern auch unser Pfarrer, ein Korse, war stolz auf seine Jungs. Jede Militäreinheit hat ihren Geistlichen, wir hatten Père (Pater) Olive. Olive Tagliazucchi war sehr beliebt bei uns. Er begleitete uns in fast alle Krisengebiete (Tschad, Zentralafrika, Balkan, Kuwait und Irak), sprang mit uns mit dem Fallschirm ab und scheute sich nicht, auch mal urplötzlich an vorderster Front aufzutauchen oder – im Namen Gottes – mit den Legionären mal einen über den Durst zu trinken. Immer aber trug er, für jeden sichtbar, das Kreuz auf der Brust.

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Père Olive Tagliazucchi 

Wenn er kam, spendete er Trost, man kam runter, fühlte sich sauwohl. Einmal, es war zu der Zeit, in der wir in Sarajewo die neuen, modular aufgebauten Schutzwesten bekamen, staunte ein französischer Stabsoffizier in Olives Gegenwart über den seiner Meinung nach etwas zu groß geratenen Unterleibs- und Genitalien- bzw. Lendenschutz. Père Olive sah den Offizier an und erwiderte mit ganz lauter Stimme: „Wissen Sie, die sind deshalb so groß, weil diese Legionäre hier“, er zeigte auf uns und machte eine eindeutige Geste mit seinen beiden Händen, „zwar so ein Herz, aber noch größere Eier haben!“ Es steckte keine Obszönität hinter diesen Worten, sondern ein Ausdruck der Bewunderung für unseren Mut!

Olive Tagliazucchi war der einzige Mann, der es wagte, unsrem Chef de corps, dem Regimentskommandeur, auch mal den Kopf zu waschen. Ich sagte „war“, denn Olive verstarb im Jahr 2013 in Corte mit 71 Jahren. Als ich von seinem Tod erfuhr, bekam ich eine Gänsehaut: Der große Monsieur, der Mann, der meine Hochzeit in Calenzana zelebrierte, mit uns feierte, der Vorbild und Ikone vieler Legionäre war, er, der dem menschlichen Abenteuer den Vorrang vor Ämtern in kühlen Wänden gab, war nicht mehr!

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Schnauze halten, alle hier drin!

Popote

… Auszug aus:

„Leben unter fremder Flagge“

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Repas Popote au CMSO.

Erste Kompanie des 2. REP, April / Mai 1990.

Traditionsgespicktes Essen der Offiziere und Unteroffiziere der 1. Kompanie des 2. REP, in der CMSO (Cercle Mixte Sous-officiers, der Unteroffiziersmesse), kurz vor der Verlegung nach Dschibuti, April / Mai 1990.

Als Popote bezeichnet man in der französischen Armee den Ort, an dem ein gemeinsames Essen zelebriert wird, und das Ereignis selber. Gründe, einen Popote durchzuführen, sind wichtige Anlässe wie Neuzugänge, Verabschiedungen, bedeutende Entscheidungen etc. Während eines Popotes wird ganz gewollt und gezielt ein gewisser Esprit, ein Korpsgeist gepflegt, der von Truppe zu Truppe variiert: Traditionen, Umgang miteinander, ein tadelloser Anzug etc. Präsident eines Popotes ist der Älteste unter den ranghöchsten anwesenden Offizieren. Er gibt den Ton an, lässt sich aber vom sogenannten Popotier unterstützen. Der Popotier ist unter den niedrigsten der anwesenden Dienstgrade der Jüngste. Er animiert, lockert die Stimmung und ist für alle anfallenden Details verantwortlich. Ist es ein mit allen Wassern gewaschener und vielleicht schon erfahrener Popotier, ist Stimmung garantiert, der Popote wird ein Erfolg.

»Vos gueules là-dedans. Mon Capitaine, le repas est servi!«

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Schnauze halten alle hier drin. Herr (mein) Hauptmann, das Essen ist serviert! Man begibt sich von der Bar an die Tische – bei schönem Wetter draußen am Swimmingpool der Messe, ansonsten im ersten Stock, mit herrlichem Blick über das Meer. Etwas später: Alle Offiziere und Unteroffiziere der Kompanie stehen im Stillgestanden hinter ihren Stühlen und warten auf den Hauptmann. Der Hauptmann tritt ein und der Adjudant d’unité (Spieß / Kompaniefeldwebel) gibt dem Popotier unauffällig ein Zeichen. Dieser greift nach seinem Weinglas, in dem sich die „Poussière“ befindet. Das ist ein Fingerbreit Rotwein. Poussière heißt Staub. Gemeint ist feiner Wüstensand. Dieser Brauch stammt noch aus der Kolonialzeit der Afrika-Korps, wenn es galt, den Staub aus den Gläsern zu spülen. Mit Wein natürlich! Und man hütete sich, den Schluck wegzuschütten, sondern trank ihn mitsamt dem Staub. Wasser und Wein sind Gold!

»Attention pour la Poussière!«

Jeder greift nach dem Glas.

»Envoyez!« Im 2. REP anstelle von „Envoyez“ auch: „Debout, accrochez, en position, go!“ Aufstehen, einhaken, in Sprungposition: Sprung ab!

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Man hebt das Glas brüsk, trinkt auf ex und knallt es temperamentvoll wieder auf den Tisch zurück. Der Popotier gibt den Ton für den Boudin, jeder stimmt mit ein.

»Tiens, voilà du boudin, voilà du boudin, voilà du boudin.

Pour les Alsaciens, les Suisses et les Lorrains.

Pour les Belges, y en a plus, pour les Belges y en a plus, ce sont des tireurs au cul …«

Während man sich nach dem Boudin setzt, ertönen die Stimmen Vereinzelter: Encore un girond d’enculé, dans la guitoune de l’aumônier! (Zwar übersetzbar, doch ich nehme Rücksicht auf zarte Gemüter!). Auf Hinweis des Hauptmanns gibt der Popotier nun das Menü bekannt. Dabei steht er im Stillgestanden und muss sich Schimpftiraden anhören. Zunächst huldigt er den Speisen, die auf den Tisch kommen. Passend und ironisch hat er den Text dazu blumig ausgeschmückt. Dann zitiert er das traditionelle Menü: „Bon appétit, Herr Hauptmann. Bon appétit, die Herren Offiziere. Bon appétit, Präsident, und bon appétit, die Herren Unteroffiziere. Bon appétit, liebe Kameraden. Schlagt euch nur richtig die Bäuche voll, auf dass der erste Bissen euch schmeckt und ihr am zweiten erstickt! Und das in der umgekehrten Hierarchie-Ordnung, um dadurch das (un)normale Spiel der anstehenden Beförderungen – in der französischen Armee im Allgemeinen und in der Legion im Spezifischen – zu erleichtern. Ich würde somit der letzte und, oh, wie kläglich, wertlose Nutznießer sein.“ Wieder Schimpftiraden und Ablenkungsmanöver. Buhrufe!

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Mort à ce cochon de Popotier! Tod diesem Schwein von Popotier!

Et qu’il en crève! Verrecken soll er daran!

Popotier laut: »Et par St. Antoine!«

Alle antworten im Chor:

»Vive la Légion étrangère!« Hoch lebe die Legion!

Popotier: »Et par Saint-Michel!«

Im Chor: »Vive les Paras!«

Während des Essens herrscht immer eine ausgezeichnete Stimmung, die den Korpsgeist unterstreicht und die manchmal ins Melancholische umschwenken kann. Es wird viel gesungen. Im 2. REP ist das erste Lied oft Eugénie. Irgendeiner – oder auf ausdrücklichen Wunsch des Hauptmanns der Popotier – gibt den Ton vor, und alle fallen nacheinander mit ein. Ein guter Popotier kommt nicht zum Essen, sondern isst vorher. Er beobachtet die Offiziere und Unteroffiziere, brummt ihnen ein Motiv auf den Hals. Aber Vorsicht ist geboten, denn gebräuchliche Motive gibt es nur ein gutes Dutzend, und diese sind haarscharf definiert. Mit Erfinden ist da nichts!

»Vos gueules là-dedans. Mon Capitaine, autorisation d’offrir un pot au lieutenant Delamaniére, motive, agiter sa cravate!«

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Der Popotier bittet den Hauptmann um die Erlaubnis, einem Leutnant einen Pot aufs Auge drücken zu dürfen! „Agiter sa cravate“ ist eines der möglichen Motive. Frei übersetzt heißt es: mit der Krawatte wedeln. Hierbei ist gemeint, dass der Angesprochene sich durch Worte profiliert, um positiv auf sich aufmerksam zu machen. Stimmt der Hauptmann zu, gibt der Popotier diese Entscheidung lautstark bekannt. Hierauf muss der Betroffene um Erlaubnis fragen, aufstehen zu dürfen. Wird ihm diese erteilt, versucht er sich vor allen zu rechtfertigen (was ihm nicht gelingt). Nachdem er die Erlaubnis zum Trinken bekommen hat, leert er sein Glas – den „Pot“ – der jetzt bis über die Hälfte mit Rotwein gefüllt ist, in einem Zug. Ist das getan, muss er dem Wein huldigen, indem er poetisch und mit lauter Stimme sein Aussehen, seine Farbe, seinen Geruch und Geschmack etc. beschreibt. Keine Angst: Das Essen hat vier oder fünf Gänge und dauert lange. Jeder kommt zur Genüge auf seine Kosten und Motive zaubert der Popotiér aus seinem Képi, wie er lustig ist – oder der Nachbar flüstert sie ihm zu!

Steht der Kompaniefeldwebel auf, weil er aus Sympathie für den einen oder anderen mittrinken will, versteht es sich von selbst, dass alle anwesenden Unteroffiziere aufstehen. Wehe, einer bleibt sitzen! Dem Spieß aber ein Motiv geben zu wollen, ist sträflich. Dann hat der unwissende Popotier Anspruch auf einen Pot réglementaire: Sein bis zum Anschlag gefülltes Glas trinkt er auf ex und hopp. Ist der Popotier keine trinkfeste Natur, gnade ihm Gott. Erhebt sich der Hauptmann, was oft der Fall ist, springen alle Offiziere und Unteroffiziere noch in derselben Sekunde auf. Meist bringt der Hauptmann einen Toast auf die Legion, das Regiment und die Kompanie zum Besten. Ist nach Meinung des Hauptmanns das Essen fertig, steht er auf. Sofort erheben sich alle im Block.

»Popotier. Le ton pour le chant Compagnie!«

Der schon beschwipste (meist nun völlig betrunkene) Popotier gibt den Ton für das Lied der Kompanie vor, das im Stillgestanden gesungen wird.

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„Soldats de la Légion étrangère. Se sont battus, partout en Algérie. Beaucoup sont tombés, des braves Légionnaires. Pour la Légion, qui est notre Patrie!“ SOLDATS DE LA LÉGION ÉTRANGÈRE. Lied der 1. CIE / 2. REP.

Meist geht es jetzt runter an die Bar, wo Kaffee, Champagner, gute Zigarren und bester Cognac warten. Danach lädt der Hauptmann in die Stadt ein, zunächst mal in die Bar „chez Emile’s“, direkt im Hafen von Calvi. Die erste Runde zahlt immer er, die letzte – ein paar Stunden später –, wer grad noch ’nen Knopf in der Tasche hat! Ist es Sommer, springt man schon mal früh bei Sonnenaufgang in voller Uniform ins Meer, und sind weibliche Touristen anwesend (im Sommer und am Wochenende immer ein Dutzend), nimmt man sie gleich mit. Dass der Capitaine keinen seiner Offiziere und Unteroffiziere an diesem Tag vom Dienst befreit, ist selbstverständlich. Wer feiern kann, der kann auch arbeiten.

… was noch geschah:

Opération Requin. Scharfer Einsatz in Westafrika. Unsere 2. Kompanie verlegt nach Port-Gentil / Gabun.

Hier gehts zum Buch …

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Unter Männern

  1. Régiment étranger de parachutistes (2. REP)

... aus

Leben unter fremder Flagge

La Légion marche vers le front. En chantant nous suivons. Héritiers de ses traditions. Nous sommes avec elles. (Auszug aus dem Regimentslied des 2. REP, „La légion marche“

Dieses Lied war ursprünglich das Schutzstaffel-Marschlied „SS marschiert in Feindesland“. Es in Deutschland zu singen wurde der 1. Luftlandedivision der Bundeswehr verboten. Mit verändertem Text übernahmen es die Fallschirmjäger der Fremdenlegion. Es ist dort ein fester Bestandteil.

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Gefechtsübung der 2. Kompanie des 2. REP

Korsika verkörpert tausend kleine Wunder und jedes einzelne davon verwöhnt unsere Sinne. Der betörende Duft der Maquis Corse zum Beispiel, oder I Muvrini, die singenden Botschafter der Insel. Die Île de Beauté steht für Sonne, Strand und Meer. Sie lockt mit uralten Olivenhainen, mit blühenden Kaktusfrüchten, mit bittersüß schmeckenden Feigen und wilden Pinien. La Corse, das sind wilde Schluchten, azurblaue, tiefe Bergseen und ein leckeres Wildschweinragout samstagabends Chez Léon in Catteri oder anderswo. Diese Insel, deren Flagge, ein schwarzer Maurenkopf auf weißem Hintergrund, Sieg und Freiheit in alle Welt verkündete, war das Paradies auf Erden. Calvi, das war der Port de pêche, der Tour de sel, die Citadelle und das Oratoire Saint-Antoine. Die Notre Dame de la Serra, die Place C. Colomb, auf der alte Männer Boule (Petanque) spielten.

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Das war chez Emile’s ebenso wie das Empire, das Calypso oder das Au Son des Guitares. Ebenso viele Orte wie Erinnerungen, doch nicht nur das. Calvi war auch Synonym für die Soldaten, die zu den Besten der Welt zählten. Calvi war die Hochburg der Fallschirmjäger der Fremdenlegion. Von Lumio aus gesehen, einem kleinen Bergdorf, das Calvi im Osten überragt, bot die Bucht von Calvi einen atemberaubenden Anblick, den zu betrachten ich fünfzehn Jahre lang Zeit haben sollte. Genau in dieser Bucht liegt heute noch das Wrack eines B-17 Bombers der US Air Force in etwa dreißig Metern Tiefe.

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Die Bucht von Calvi

Von deutschen Jagdflugzeugen getroffen, versuchte das Flugzeug im Februar 1944 seine Basis in Calvi zu erreichen. Es musste jedoch wassern und sank schließlich. Der gut erhaltene Torso zieht Taucher aus aller Welt an. Camp Raffalli lag an diesem Abend im Schatten des Cappu Giovu, eines Berges, der von hoch oben bei Calenzana, sein Haupt nach links geneigt, über die Täler des Fiume Seccu und der Figarella wachte. Das legendäre Camp verdankte seinen Namen dem Chef d’escadrons Raffalli. Er starb 1952 an der Spitze des 2. BEP in Indochina. Der Standort in der Balagne hatte die Berge im Rücken und das Meer zu seinen Füßen, eine schönere und für die Ausbildung idealere Garnison gab es nirgends auf der Welt. Als unser Lastwagen sich dem Camp näherte, machte mich ein Caporal auf ein Gebäude rechts an der Straße aufmerksam. Es lag nur einen Steinwurf vom Meer entfernt. Idyllisch hinter den Gleisen einer Bahnstrecke gelegen und von grünen Palmen gesäumt, gingen dort gerade einige Képis noirs lachend ein und aus. »La Mess Sergent-chef Daniel, die Unteroffiziersmesse«, sagte er aufgeregt. »Sergent-chef Daniel«, so fuhr er fort, »fiel während der Opération Léopard (Bonite) in Kolwezi 1978. Die Offiziersmesse ist in der Caserne Sampiero, auf der Zitadelle in der Stadt.«

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Das legendäre Camp Raffalli von oben gesehen

Von der Fläche her, war Camp Raffalli eher winzig. Einmal durch das Tor hindurch, lag sofort rechts das Wachegebäude, der Poste de police. Geradeaus befand sich der Exerzierplatz, der Place d’armes des Regimentes, und an dessen Ende das Monument aux morts des parachutistes, das Mahnmal der Toten der Fallschirmjäger der Fremdenlegion. Es trug die Aufschrift More Majorum. Einst stand es in Sétif, in Algerien, doch über diese dramatische Epoche reden die Paras auch heute noch nicht gerne. Gleich hinter dem Denkmal erhob sich der PC, der Poste de commandement, sprich Stab. Dort, hinter einem der Fenster, saß der Mann, der alle Geschicke dieses Regimentes leitete. Dahinter, in einer Linie sauber aufgereiht, hatten die Kampfkompanien eins bis vier ihre Unterkünfte. Sie lagen somit direkt am Absetzplatz, der DZ. Man benötigte kein geübtes Auge, um von einem beliebigen Punkt des Camps aus den nahen Flughafen Sainte Catherine zu sehen. Vom Tor kommend rechter Hand erblickte ein Besucher das zweistöckige Gebäude der alten Compagnie d’éclairage et d’appui (CEA). Gemeint ist die schwere Aufklärungs- und Unterstützungskompanie. Wieder etwas weiter lagen das Magazin du corps, unsere Kleiderkammer, sowie die flachen Unterkünfte der Promo, der Springerschule des 2. REP. Freilich verfügte Frankreich über mehrere Fallschirmjägerregimenter, doch nur das 2. REP besaß seine regimentseigene Springerschule. Alle anderen Regimenter der damaligen 11. DP, der elften Fallschirmjägerdivision (seit 1999 elfte Fallschirmjägerbrigade), mussten nach Pau, einer Stadt am Fuße der atlantischen Pyrenäen im Süden Frankreichs, um dort, zentralisiert, ihre Springerlehrgänge zu absolvieren.

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Dies betone ich, um den besonderen Status, den das Regiment genoss, und nicht zuletzt seine „Insularität“, zu unterstreichen. Unter vielen anderen Dingen gehörte dazu auch, dass z.B. die Clairons, (Trompeter), die Fahrer und die Absetzer im Regiment ausgebildet wurden. Unweit der Gebäude der Promo befand sich die (alte) SEPP. Dort wurden die Fallschirme gereinigt, zum Trocknen aufgehängt, erneut gepackt und gelagert. SEPP ist das Kürzel für Section d’entretien et de pliage de parachutes / Fallschirmpacker-Zug. Das 2. REP ist das einzige Fallschirmjägerregiment Frankreichs, das über seine eigene SEPP verfügt. Der Packerzug wurde ebenso von abgestellten Spezialisten aus Montauban wie auch von Legionären betrieben. Jede Kampfkompanie stellte regelmäßig Sepp-Legionäre ab. Die Sepp sowie die Kleiderkammer waren vitale Zentren. In der einen fanden sich die nötigen Fallschirme, gepackt und einsatzbereit, die das Regiment für einen Einsatz benötigte, und in der anderen befand sich die Paquetage guépard (Guépard TAP). Es handelte sich hierbei um die Ausrüstung für den scharfen Einsatz.

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Kolwesi – 1978 – Solenzara

 Guépard TAP war eine Art Alarmsystem für die schnelle Projektion von mehreren Kompanien gleichzeitig mit ihrem EMT (État-major tactique / taktischer Führungsstab) in Krisengebiete. Ein normales Guépard-Kontingent setzte sich wie folgt zusammen:

Ein Führungsstab (EMT): Meist handelte es sich um den Regimentskommandeur, umringt von einigen Stabsoffizieren und Feldwebeln mit Portepee.

Zwei Kampfkompanien: Damals war der vierte Zug jeder Kompanie ein MILAN-Zug. Die Missile d′Infanterie léger antichar, kurz MILAN, ist eine Panzerabwehrlenkrakete. In jedem Zug gab es mindestens eine „Zwölf Sieben“ (schweres MG vom Typ Browning M2 HB vom Kaliber .50).

Eine reduzierte Stabs- und Versorgungseinheit: Logistik, Nachschub, Moral.

Ein Mörserzug: Damals die alten 81mm-Mörser (Stokes-Brandt), die später von den LLR – Léger long renforcé – abgelöst wurden.

An sich war das schon eine Battle Group im kleinen Rahmen: Sturmtruppen, Unterstützungswaffen und Nachschub. Die Kompanien, die gerade Compagnie Guépard waren, befanden sich in ständiger Alarmbereitschaft. Im Falle einer Mobilisierung konnten sie in kürzester Zeit operationell in Marsch gesetzt werden.

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Ruhe vor dem Sturm

Aus: „Leben unter fremder Flagge“

Straßburg, August 1987. Auszug aus meinem Tagebuch.

Wie ein einsamer Wolf ziehe ich nachts durch Straßburgs Straßen. Keine Wärme, nichts Vertrautes. Die Menschen starren mich dumm an, vielleicht bin’s ich auch, der sie dumm anstarrt. Ich denke an Guyana, an Saint-Georges am Oyapock … an Martine. Wo sind nur die Geräusche des Dschungels geblieben?

 

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Ich hatte dreißig Tage Congé de fin de campagne (CFC = Urlaub) vor mir, doch schon nach drei Tagen lief ich unruhig wie ein Tiger im Käfig die Straßen rauf und runter. Zwei Jahre im Busch, das prägte. Die Menschen, die mir begegneten, sagten mir nichts mehr. Sie kamen mir vor wie Spezies aus einer anderen Welt, mit ihren kleinen Problemen hier und alltäglichen Sorgen da. Dreißig Tage Urlaub? Für mich eine Qual. Mich zog es in die Natur, warum war ich nur hierhergekommen?

»Du willst ins 2. REP?«

Chef de bataillon Hentschel, ein Deutscher, hatte ein rotes, sympathisches Gesicht. Er war Chef der PILE Straßburg. Ich stellte ihm keine Fragen, er selbst redete wenig, doch sein Gesichtsausdruck, ja seine ganze Haltung verriet, dass die Legion sein Leben war. Später erfuhr ich, dass er lange Zeit in Indochina gedient hatte. Sein Blick verweilte des Öfteren am Fenster, so als könnte er die Jahre zurückholen. Sah ich dort draußen nur eine Straße und die Hektik einer grauen Stadt, so erblickte er Reisfelder, Mädchen von kleiner Statur mit langen schwarzen Haaren, Dschunken, die lautlos auf opakem Wasser dahinglitten, Kalksteinfelsen und blutige Einsätze. Ich bewunderte ihn. Vor mir saß ein Teil Geschichte der Fremdenlegion. Sein Abenteuer Legion neigte sich dem Ende zu, während meines gerade erst begann.

 

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»Oui, mon Commandant.« Ich nickte, fischte ein Bier aus dem Kühlschrank, das er dankend annahm. Wir saßen in einer lockeren Atmosphäre an der Bar in seinem Office. Er war es, der mich eingeladen hatte. Wir stießen an und tranken, worauf er sich erhob und zum Telefon griff. Zwei Minuten später kritzelte in Aubagne ein Sekretär den Namen Thomas Gast auf die Liste der Kandidaten, die ins 2. REP abkommandiert waren. Das Leben konnte so einfach sein. Kurze Anmerkung zum Schmunzeln: 1984 schied ich freiwillig aus der Bundeswehr aus, weil ich aufgrund eines Unfalles beim Freifalllehrgang als definitiv sprunguntauglich eingestuft wurde. Der Arzt sagte damals zu mir: „Gast, wenn Sie noch ein paar Sprünge machen, bedeutet das für Sie den Rollstuhl.“ Jetzt, drei Jahre später, stand ich kurz vor meiner Versetzung ins 2. REP, wo ich über 230 Automatik- und gut zwei Dutzend Freifallsprünge (S.M.P.S und Absetzlehrgang) absolvieren sollte. Die meisten Automatiksprünge fanden mit schwerem Sprunggepäck und oft unter Bedingungen vom Feinsten statt. Ich will mich damit nicht profilieren, sondern hier nur die Ironie des Schicksals unterstreichen. Der Arzt, der mich in Deutschland behandelte, hatte womöglich nur den Regenschirm geöffnet, wie die Franzosen sagen würden. Damit ist gemeint, er hat alles getan, um für den Fall eines Falles kein Risiko auf seine Schultern zu laden. Es hätte ja schiefgehen können. Diese Mentalität kommt sicher mehr als nur einem Leser bekannt vor.

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Um vorwegnehmend denen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die versuchen, das 3. REI mit dem 2. REP zu vergleichen: Beide Regimenter sind auf ihre Art und Weise einzigartig, haben ihren eigenen Charakter, ihre ureigene Seele. Das 3. REI verkörperte für mich die alte Legion. Es hat Charme und eine Nuance Romantik. Ihm haftete der Hauch der Grabenkriege an und ein Flair alter, französischer Kolonien. Das Wort Abenteuer stand auf jedem Blatt der immergrünen, üppigen Vegetation. Es genügte, die Hand auszustrecken, eins dieser Blätter zu berühren, und man wurde sofort eingelullt, hörte langsame Schritte, sah Pionieräxte, die die Luft zerschnitten. Und man sah bärtige Legionäre mit bajonettbestückten alten Musketen auf die feindlichen Linien zu huschen, während leise, tiefe Stimmen ertönten: Angriff, à l’assaut! Man macht gern mal eine Pause im 3. REI, sieht zurück auf die vollbrachte Arbeit und bereitet dann gemächlich die nächste Tat vor. In der Ruhe liegt die Kraft. Das 2. REP verkörperte weniger diese alte Legion, wie auch? Es hatte sich ja gerade erst aus der Wiege beziehungsweise aus der Asche erhoben. Das 2. REP, dynamisch und elitär, stand für absolute Professionalität, für blitzschnelle Aktionen, es stand für tadellose Effizienz. Das 2. REP war eine Sturmtruppe. Wer nicht mithalten konnte, tant pis! Pausen gab es nicht, der Rhythmus war infernalisch. Man orientierte sich nur nach vorne, dorthin, wo der Feind wartete. Romantik, dieses Wort, ich sagte es zu Beginn, hat im 2. REP nur wenig Platz.

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