Saint Michel, ein Rindvieh und etwas Desert-Storm

… aus

Leben unter fremder Flagge

 

Saint Michel

Calvi, 29. September 1990. Die Transall zog eine Schleife über der Revelatta und näherte sich langsam wieder der Sprungzone. Wer ein geübtes Auge besaß, der konnte den Absetzleiter erkennen, wie er, aus der Tür der Transall gebeugt, den genauen Absetzpunkt berechnete und gleichzeitig nach den Rauchtöpfen am Boden Ausschau hielt, die Anfang und Ende der Drop Zone markierten.

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Die Transall flog auf 600 Metern Höhe. Üblicherweise sind 300 m bei Automatiksprüngen der Standard, doch es ging um einen Wettbewerb. Mitten auf dem Absetzplatz lag ein Seil. Auf dieses Seil hin sollten die ausgewählten fünf Mann jeder Kompanie sich nach dem Sprung sammeln, und das so schnell wie möglich. Gesprungen wurde nicht mit dem 672/12, sondern mit dem A15. Dieser hatte die knallgelbe Reißleine außerhalb auf dem oberen Abschnitt des Packsackes liegen. Die Stoppuhr lief, sobald das grüne Licht in der Maschine gegeben war. Der Wettkampf würde weitergehen, und zwar mit anderen Stationen. Eine Aufgabe zum Beispiel war es, mit einem Sack über dem Kopf Waffen auseinander- und wieder zusammenzubauen, doch so weit sollte es an diesem Tag nicht kommen.

 

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Danny, der Caporal-chef aus Österreich, war einer der Soldaten, die bei dieser Disziplin unsere erste Kompanie vertraten, genauer gesagt war er der Chef unserer fünfköpfigen Equipe. Das kam nicht von ungefähr. Danny war Gruppenführer. Obwohl nur Caporal-chef, gehorchten ihm die Männer blind. Er war, was die Franzosen un „Sacré numéro“ nennen würden. Aufgrund seiner ungezwungenen und direkten Art, seines enormen Selbstbewusstseins, seiner Kompetenz und seiner natürlichen Autorität genoss er in der Kompanie ein hohes Ansehen. Mit seinen Männern konnte er außer Dienst Freund und Saufkumpan sein, im Dienst aber wagte niemand es, ihm auf die Schulter zu klopfen. Sogar die alten Unteroffiziere respektierten ihn und so manch einer machte schon mal einen Bogen um ihn, wenn er ein schlechtes Gewissen hatte. Ich stand neben dem Turm nahe der ersten Kompanie und zählte die Fallschirme, die sich mit dem charakteristischen Plopp geöffnet hatten.

»Eins, zwei, drei, vier …?«

Einer fehlte.

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Ein Raunen lief durch die Reihen der Zivilisten, die zu Hunderten am Boden standen und wie ich, den Kopf in den Nacken gelegt, nach oben starrten. Danny, der als Vorletzter die Maschine verlassen hatte, war an der Transall hängen geblieben. Obwohl die Situation unpassend war, musste ich grinsen: Wenn es einen im Regiment gab, der immer wieder für Aufregung sorgte, dann Danny! Die Tatsache, dass er da unter der Maschine hing, war an und für sich nicht beunruhigend, denn wir Militärs wussten, dass die Absetzer nun zwei Optionen hatten. War der Springer bei Bewusstsein, konnte man ihn, sollten er und sein geöffneter Schirm eine Gefahr für das Flugzeug und die anderen Passagiere darstellen, einfach abschneiden. Da die Sprunghöhe ausreichte, den Reserveschirm zu ziehen, war das durchaus möglich. Die andere Variante war, ihn in die Maschine zu ziehen. Dazu war die Transall mit einem Treuil, einem hydraulischen Seilzug, ausgestattet. Danny war bei vollem Bewusstsein und nachdem er ein, zwei Gratisrunden am Flugzeug hängend gedreht hatte, zog man ihn schließlich zurück in die Maschine. Der Arme kam jedoch nicht nur mit dem Schrecken davon (der so groß auch nicht war, wie er mir später versicherte), nein! Die Fehlersuche ergab wohl, dass er kurz vor dem Verlassen der Maschine seinem SOA (Sangle d’ouverture automatique, der Reißleine) etwas ins Ohr geflüstert hatte. Eigene Unachtsamkeit. Er bekam zehn Tage Bau dafür!

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Was mich über alle Maßen beeindruckte, war die Musique Principale de la Légion étrangère (MPLE.). Bei der Veillée Saint Michel zogen sie von Kompanie zu Kompanie und spielten mal hier mal dort. Nie vorher und nie nachher hat mich Militärmusik so in ihren Bann gezogen. Das war nicht einfach nur Musik, das war ein Hochgenuss, ein Ohrenschmaus vom Feinsten!

Bei folgendem Ereignis weiß ich nicht mehr, ob es Camerone oder Saint Michel war. Ich, junger, ehrgeiziger Unteroffizier, hatte Wachdienst. Ich war Chef de poste der Garde 24. Der Wachdienst begann früh um 5 Uhr 30, und dauerte ganze vierundzwanzig Stunden, deshalb Garde 24.

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»Gast, ich dreh ’ne Runde im Camp. In meiner Abwesenheit bist du der Chef, weil der Offizier vom Wachdienst mit dem COMSEC unterwegs ist.«

Es war der SOP, der Sous-officier de permanence.

»A vos ordres, Chef!« Ich warf einen Blick aus dem Fenster. Das ganze Regiment war im Paradeanzug angetreten, Medaillen funkelten, alles war blitzblank und es lag ein Hauch von Festlichkeit in der Luft. Eine Hundertschaft von geladenen Gästen – darunter einige hohe Generäle, der Bürgermeister der Stadt sowie der Präfekt der Insel – wartete mit Spannung auf die folgende Zeremonie. Auf dem gepflegten Rasen vor dem Foyer, dem Parc BEAUMONT, war unter Palmen und olivfarbenen Zelten ein stattliches Festbankett aufgebaut. Neben dem Monument am Ende der Place d’arme, stand links und rechts die Hundeführerstaffel mit den Belgischen Schäferhunden. Die Patrouille de France (Alpha Jets, französische Kunstfliegerstaffel, die mit zu den Besten der Welt gehört) näherte sich, alles war gut getimt, die Dinge schienen perfekt, und dennoch: Der Regimentskommandeur sah immer wieder ungeduldig auf seine Uhr, während sein Stellvertreter, etwas abseits, dem Offizier vom Wachdienst irgendwelche Anweisungen gab.

»Sergent!«

Einer meiner Wachsoldaten stand vor mir.

»Da ist einer vorm Tor, der behauptet, Journalist zu sein. Er hat keinen Ausweis dabei.«

Journalist und keinen Ausweis? Lachhaft!

»Schick ihn weg.«

Eine Minute später stand derselbe Soldat wieder vor mir. »Er sagt, er hat ’ne Einladung. Er soll Bilder machen oder so!«

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Ich stand auf und ging hinaus, wo ein dicklicher Mann lebhaft mit den Armen gestikulierte. Um seinen Hals hing eine ganze Palette von teuren Fotokameras. In der Hand hielt er ein Stativ. Als er mich sah, lächelte er, warf aber meinem Soldaten, der ihn am Hineingehen hinderte, einen giftigen und gleichzeitig triumphierenden Blick zu.

»Na also, sergent. Sie kennen mich doch!«

Er wollte sich am Soldaten vorbeizwängen, was dieser jedoch mit einem energischen Griff verhinderte. Auf meine Soldaten war eben Verlass.

Es stimmte, ich hatte den Mann schon ein paarmal hier im Camp gesehen und wusste oder ahnte zumindest, dass er Journalist für den Corse-Matin, eine der größten Tageszeitungen der Insel, war. Was er aber offenbar nicht wusste, war, dass ein Sergent der Fremdenlegion vor ihm stand.

»Ausweis?«

Er schüttelte den Kopf.

»Einladung?«

Sein Kopf wurde knallrot. »Der COMSEC ist ein Freund von mir!«, drohte er. Ich gab dem Soldaten ein kurzes Zeichen, worauf er den Aufdringling wieder Richtung Straße bugsierte.

»Das wird Ihnen noch leidtun. Das wird ein Nachspiel haben!«

Wort für Wort sah ich vor meinem inneren Auge die Vorschriften, die da klar und deutlich sagten: Jeder Besucher muss einen Ausweis mit Bild vorweisen können. Ich war mit mir zufrieden, und wie hatte der SOP gesag? Ich bin der Boss!

Kaum zurück in meinem Büro, klingelte das Telefon. Es war der Président des sous-officiers, der Präsident der Unteroffiziere (PSO). Ein Major, also der höchste Dienstgrad, den ein Unteroffizier erreichen konnte.

»Komm sofort in mein Büro!« Kaum hatte er diesen Satz heraus, hörte ich das wütende Klicken in der Leitung, das mir zuflüsterte: Alarmstufe Rot!

Eine Minute später stand ich stramm vor ihm. Unüblich war, dass er mir nicht die Hand schüttelte. Er erhob sich nicht mal.

»Gast, du bist das blödeste Rindvieh, das mir je begegnet ist!«

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Es stellte sich heraus, dass der Regimentskommandeur die ganze Zeit nur auf das Erscheinen dieses Journalisten gewartet hatte, deshalb der frenetische Blick zur Uhr. Es war das erste und wohl das letzte Mal, seit 1967 (Datum, an dem das Regiment in Calvi Garnison bezogen hatte), dass am Tag nach Camerone (oder Saint Michel? weiß ich nicht mehr) keine Bilder des Regiments in der Zeitung erschienen. Fazit: Man lernt immer dazu. Eine strikte Ausführung der Befehle sollte immer paarlaufen mit, wie es die Amerikaner so schön nennen, common sense! Flexibilität stand damals leider noch nicht in meinem Lexikon.

 

Kuwait, Irak, Desert-Storm

Der offizielle Beginn der Feindseligkeiten war gegen 00 Uhr 01 am 17. Januar 1991. Schon lange Wochen vorher befanden wir Legionäre uns in einem Zustand, den man mit Messerwetzen beschreiben konnte. Unsere Enttäuschung war entsprechend groß, sogar enorm, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass unser Regiment nicht an diesem Krieg teilnehmen würde. Über das Warum gab es damals ebenso viele Spekulationen wie Sand am Meer. War es wirklich nur, weil wir nicht wie unser Nachbarregiment, das 2. REI, über gepanzerte Fahrzeuge verfügten?

Enttäuschte Gesichter, wo man auch hinsah! Wie sollte man einem Legionär erklären, dass gerade das 2. REP, das als Speerspitze Frankreichs schlechthin galt, nicht allen voraus die arabischen Wüstenforts der republikanischen Garden Saddam Husseins stürmte? Am Tag, an dem unsere CRAP loszogen, um alleine den Namen unseres Regiments wieder einmal in aller Munde zu legen, flossen in Calvi so einige Liter Bier. Am 28. Januar desselben Jahres verlängerte ich meinen Vertrag um drei weitere Jahre.

 

 

Vom Barette schwankt die Feder

… wiegt und biegt im Winde sich!

Ich war 23 Jahre alt, als ich in die Fremdenlegion eintrat. Wir schrieben den 4. Februar 1985. Das ist lange her, doch ich erinnere mich daran, als wäre es gestern erst gewesen. Direkt aus meiner Heimat Oberfranken kommend, stand ich an diesem regnerischen Montag in aller Frühe vor der Türe des Rekrutierungsbüros der Legion in der Rue d’Ostende in Straßburg. Mein Blick fiel auf das grün-rote Schild mit der Aufschrift Poste d’information de la Légion étrangère – Quartier Lecourbe.

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Dreißig Jahre danach, vor den selben Mauern. Hier, im Rekrutierungsbüro der Legion, dem Poste d’information de la Légion étrangère (PILE) Strasbourg, hat alles begonnen.

Während ich es, der Kälte und dem Regen schutzlos ausgeliefert, betrachtete, ließ ich mein Leben Revue passieren. Meine Kindheit war kein Zuckerschlecken. Als uneheliches Kind einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters hat man es in einem sittenstrengen, konservativen und von Vorurteilen geprägten Deutschland eben nicht leicht. Vor allem nicht auf dem Land. Im Rahmen der Familie fühlte ich mich stets geborgen, auf der Straße jedoch lauerte die Bosheit an jeder Ecke. Nicht selten musste ich mit den Fäusten um meine Integrität, um etwas Frieden kämpfen. Auch meine Jugend und das Heranreifen zum jungen Mann waren nicht so prägend und genial, als dass ich nun, meine Entscheidung getroffen, großes Bedauern mit mir herumtrug. Im Gegenteil: Mich hielt nichts! Und jetzt, vor diesem Schild und nass wie ein Pudel, suchte ich bei mir nach Anzeichen von Zweifeln, von Angst. Umsonst allerdings.

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Afrika und die Fremdenlegion: Zwei alte Freunde!

Ich war fest entschlossen, diesen Schritt zu wagen, den Blick zurück gab es nicht. Ich wusste kaum etwas über die Fremdenlegion, doch einer Sache war ich mir sicher. Wenn die Zeit gekommen war, den Vertrag zu unterschreiben, würde meine Hand nicht zittern. Eine geleistete Unterschrift verband ich mit einem gegebenen Wort. Dabei war es mir von vorneherein egal, was man von mir erwartete. Strapazen scheute ich nicht. Und sollte man mich in eine Kampfeinheit eingliedern und mein Leben aufgrund dessen nur noch die Hälfte wert sein: Sei es! Gespannt wie ein Flitzebogen klopfte ich an der Türe und wartete, dass jemand öffnete. Der Mann, der schließlich vor mir stand, trug Uniform und es war nicht etwa ein muskelbepackter Riese mit Narben im Gesicht, sondern ein normaler Typ, groß, hager, sympathisch. Er hatte buschige Augenbrauen und einen Salz-Pfeffer-Bart. Die erste Musterung, dachte ich, als sein Blick mich förmlich durchbohrte: abschätzend, nicht geringschätzig! Er trug eine Sportjacke über seiner kakifarbenen Uniform, sodass ich die Dienstgradabzeichen nicht gleich erkennen konnte. Vom Leben schlau geworden, tat ich vorsichtigerweise so, als stünde ein General vor mir!

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VAB MILAN in CEITO / Larzac – Hochburg der 13. DBLE

»Du willst in die Fremdenlegion?« Mit Daumen und Zeigefinger zwirbelte er die Bartspitzen durcheinander, schien nicht auf eine Antwort zu warten. »Na dann komm rein.« Sein Deutsch klang perfekt. Mit dem Kopf wies er auf einen kurzen Flur, an dessen Ende sich eine Art Wartesaal befand. »Du findest da drin was zum Schmökern. Es sind Broschüren über die Legion. Sieh dir alles gut an. Wenn du in einer Stunde immer noch hier rumtrödelst, muss ich davon ausgehen, dass du es ernst meinst.«

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Das CEITO im camp du Larzac. Vorbereitung auf den Ernstfall!

Diese eine Stunde, nicht dazu angetan, meine Ungeduld zu zügeln, dauerte mir viel zu lange. Natürlich war ich nervös und stellte mir tausenderlei Fragen, doch die Wissbegierde, zu erfahren, was als Nächstes geschehen würde, war weitaus größer als irgendwelche Zweifel. Zunächst jedoch geschah überhaupt nichts. Mir wurde ein Zimmer zugewiesen, in dem sechs Betten, ein Tisch und einige Stühle standen. Anscheinend war ich der einzige Anwärter an diesem Tag, denn ich sah weder Gepäck noch Bettzeug. Die dunkelgrauen Spinde aus Metall waren leer. Ich hatte mir, wie bereits erwähnt, viele Fragen gestellt. Unter anderem auch diese: Würde die Legion Unterschiede zwischen den Freiwilligen machen, die bereits in einer anderen Armee gedient, und denen, die noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hatten? Oder schmissen sie hier alle in einen Topf? Von 1979 bis 1984 war ich Soldat auf Zeit (SaZ-4).

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Luftlande- und Lufttransport-Schule Altenstadt / Springerlehrgang

Ich bin stehend ganz rechts zu sehen

Anfangs im Fsch/Jg/Btl/252 und später, nach der Umgliederung auf die Heeresstruktur Vier, im Fsch/Jg/Btl/253. Diese exzellenten Einheiten der Schwarzwaldbrigade hatten ihre Garnison in Nagold. Neben Einzelkämpfer- (im Sauwald), Absetzer- und Freifallerlehrgang an der Luftlande- und Lufttransport-Schule Altenstadt hatte ich diverse andere Ausbildungen hinter mich gebracht.

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… stolzer Besitzer der SAUWALD Urkunde

Darunter auch den Lade- und Verlastelehrgang (ebenfalls an der LL/LTS); Sperren und Sprengen an der Pionierschule in München; Schießlehrer für Handfeuerwaffen und PzAbw- Handwaffen an der Infanterie-Schule Hammelburg (Kampftruppenschule -1); einen französischen Kommandolehrgang im Centre d’entraînement commando in Breisach etc. Gab mir das einen Vorteil gegenüber anderen Kandidaten? Einen Teil der Antwort erhielt ich prompt am nächsten Tag. »Vergiss, wer du warst oder was du bisher getan hast. Ab heute bist du Legionär«, sagte mir der Mann vom Vortag, ein Caporal-chef, wie ich inzwischen in Erfahrung gebracht hatte.

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Vom Barette schwankt die Feder! Paras Legion – Paras der Bundeswehr

Er erwähnte es in einem Tonfall, der mir eine enorme Last von den Schultern nahm. Ich war auf alles gefasst, nur nicht auf das. Den Worten Ab heute bist du Legionär entnahm ich: Du bist willkommen! Da steckte Wärme dahinter und für diese Art Wärme war ich sensibel, auch weil sie mir die Zweifel nahm. Dass meine militärische Vorgeschichte durchaus von Nutzen war, erfuhr ich erst viel später, als es darum ging, sich in die Ränge der Unteroffiziere zu boxen. Nicht mit Fäusten, aber mit Wissen, mit Autorität und Cleverness. Dieser erste Tag war bedeutsam. Jedem von uns, wir waren mittlerweile vier, wurden die Haare geschnitten: „Boule a zéro“. Theoretisch hieß das „Glatze total“, in der Praxis aber blieben doch zwei Millimeter übrig. Fragebogen wurden ausgefüllt und die (Vor-)Verträge unterschrieben. Es war ein normaler Vertrag, in dem ich mich dazu verpflichtete, fünf Jahre in der Legion zu dienen. Ich überflog ihn – und unterzeichnete. Vielleicht gab es in diesem Vertrag eine Klausel, die besagte, dass man nach einer gewissen Probezeit die Legion wieder verlassen konnte. Wir wurden jedoch nicht ausdrücklich darauf hingewiesen.

Anm. d. Verf.: Wie sieht das heute aus? Im Falle des ersten Vertrages (in jedem Fall fünf Jahre) gibt es durchaus eine Probezeit. Nur dass man die Kandidaten von heute darauf explizit hinweist. Sie beträgt sechs Monate und kann einmal erneuert werden. Der Bewerber hat jederzeit die Möglichkeit, sich, Kopf oben, aus der Affäre zu ziehen und aus dem laufenden Vertrag auszusteigen.

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8000 TAP rund ums CAMP RAFFALLI. Hier die 2. Kompanie mit dem 81 mm Mörser

Schwerstarbeit!

Für mich spielte das damals aber keine Rolle. Man hatte mich nicht abgewiesen, darauf kam es an. Meinen nagelneuen Reisepass und die Klamotten, die ich hier abgeben musste, sah ich lange Jahre nicht wieder, doch auch das war mir einerlei. Zwei Tage später saßen wir im Zug, der uns nach Marseille brachte. Vom Bahnhof Saint-Charles ging es auf LKWs weiter Richtung Aubagne.

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Auszug aus meinem Tagebuch

 

… aus

Leben unter fremder Flagge

31 Januar 1995. Auszug aus meinem Tagebuch.

Breite: Nord 9° 18′ 553″ – Länge: Ost 21° 12′ 122″

Zentralafrikanische Republik – In der Nähe von N’Délé

… Schatten schossen in alle Richtungen davon, ohne dass wir erkennen konnten, um was es sich genau handelte. Vor uns lag ein Büffel.

 

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Der Aasgeier konnte kaum mehr laufen!

»Was zum Teufel ist das?«

Mein Gruppenführer brachte urplötzlich die Waffe in Anschlag, zielte auf den Büffel und ging langsam auf ihn zu. Erst jetzt sah ich, was er meinte. Im Leibe des toten Büffels bewegte sich etwas. Vorsichtig, mit beiden Händen, zog ich die Bauchlappen des Körpers auseinander und zum Vorschein kam einer dieser Aasgeier. Er hatte sich so vollgefressen, dass er nicht mal mehr fliegen konnte. Er hüpfte ein, zwei Schritte, kippte dann zur Seite weg, nur um sich wieder aufzurichten und das traurige Spiel von vorne zu beginnen. Von Wilderern war ebenso wenig zu sehen wie von den Löwen. Als ich diese Geschichte jedoch abends dem Wildhüter erzählte, sagte er, dass die Löwen da waren. Ganz nahe. Sie hätten uns ganz sicher beobachtet und so lange gewartet, bis wir wieder weg waren. Den Schädel des Büffels trennte ich persönlich ab und brachte ihn mit nach Bouar, wo ich ihn aufwendig über Wochen hinweg präparierte. Die Kopfhaut war nicht mehr zu retten und musste ganz abgezogen werden. Der nackte Schädel jedoch und die eindrucksvollen Hörner waren in einem hervorragenden Zustand.

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Foto T. Gast : Auf Patrouille!

Ich wollte diese Trophäe unbedingt mit nach Calvi nehmen und startete diesbezüglich eine Anfrage bei unserem Officier adjoint, dem stellvertretenden Kompanieführer (Hervé Gomart wurde später Chef de Section CRAP (GCP), dann Regimentskommandeur des 3. REI, und er ist heute, soviel ich weiß, Chef d’Etat-major der MINUSMA, der multidimensionalen integrierten Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali).

Dieser sagte zu, jedoch unter der Bedingung, dass der Büffelkopf den Eingang des Clubs unserer Kompanie schmücken sollte. Als ich im Februar 2002 das Regiment endgültig verließ, tat ich das mit diesem Büffelkopf im Gepäck. Er ziert heute mein Büro. Nur einen Steinwurf entfernt fanden wir einen zweiten Büffel. Große Teile seiner Schenkel fehlten. Diese waren sauber mit einem Messer oder einer Machete herausgeschnitten worden. Wir hatten es in diesem Fall auch mit einer Art Wilderei zu tun, die ich persönlich jedoch noch als akzeptabel einstufte: Man tötete aus Hunger, aus der Notwendigkeit heraus; nicht aus Habgier!

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Foto T. Gast : Der Löwe vor uns, lag träge in der Sonne! Doch er war mit Vorsicht zu genießen!

Noch am Abend desselben Tages hatten wir Besuch. Eine der Schwestern der Kongregation des Heiligen Geistes, die in Ndéle eine katholische Mission unterhielten, war eingetroffen. Eine Deutsche! Während wir auf der Veranda des Wildhüters saßen, hatte ich Gelegenheit, mich ausgiebig mit ihr zu unterhalten. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre in Ndéle. Dort gab es, so erzählte sie mir, eine Oberschwester und drei Freiwillige, so wie sie. Ihre Arbeit dort beschränkte sich bei weitem nicht darauf, Gottes Wort in alle Ohren und Münder zu tragen. Sie halfen auch bei Entbindungen, verteilten Medikamente, gaben Französisch-Unterricht, berieten Mädchen über all die komplexen Probleme des weiblichen Körpers, Schwangerschaft, Verhütung, etc.

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Foto T. Gast : Auf zur Grenze!

Da ich nicht zum ersten Mal in der Zentralafrikanischen Republik war und somit einen kleinen bescheidenen Einblick in die jeweils aktuellen politischen und militärischen Gegebenheiten hatte, kam meine erste Frage ganz von selbst.

»Lässt man euch in Ruhe?«

Sie wusste sofort, von was ich sprach. Ndéle war schon immer eine Hochburg von Banditen der Grenzgebiete gewesen. Sultan Senoussi, ein Gegner jeglicher Art von Kolonisation und Feind der Franzosen, hatte hier vor weniger als hundert Jahren sein Unwesen getrieben. Dieser Geist der Rebellion schwebte immer noch über der Stadt: eine Tatsache, die durch die Nähe zum Tschad und zum Sudan natürlich begünstigt wurde. Hier trafen sich Wilderer, Elfenbeinschmuggler und Rebellen, die den Franzosen am liebsten heute schon zum Teufel gejagt hätten. Dort in Ndéle wurden, versteckt hinter Fenstern und Türen, Waffen (Kriegswaffen) gehandelt. Hier in dieser Grenzstadt wehte auch der Wind der Korruption.

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Foto T. Gast : Auf dem Markt in N’Délé an der Grenze zum Tschad – 1988

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»Wir haben ein Funkgerät und sind in Kontakt mit den EFAO«, war ihre Antwort (EFAO – Éléments français d’assistance opérationnelle). In ihrem Blick sah ich jedoch, dass sie, wie ich, ganz genau wusste, dass es Stunden oder sogar Tage dauern konnte, bis man ihnen zu Hilfe eilen würde, vor allem, wenn sie ihren Funkspruch nicht rechtzeitig absetzen konnten. Es wurde ein schöner Abend.

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Nach langen Wochen in einem Männerkreis ist es zur Abwechslung immer mal schön, sich mit einer Frau zu unterhalten, vor allem, wenn diese attraktiv ist und noch dazu Deutsch spricht. Beides traf auf sie zu. Außer Deutsch, ihrer Muttersprache, beherrschte diese außergewöhnliche Frau auch noch Französisch und Sango, die Sprache des Landes. Das Schicksal wollte, dass ich ihr im Jahr darauf noch einmal begegnen sollte. Am 12. Februar wurden wir von einem anderen Zug abgelöst und verabschiedeten uns vom Paradies. GST

Siehe auch: https://thomasgast.com/abenteuer-pur/

Die Tragödie am Mont Garbi

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Wappen des 2. REP

Im Mai – Juni 1978 fand in Kolwesi (Zaire), die Opération Leopard statt. Die Opération war, wie wir alle wissen, ein durchschlagender Erfolg. Mehr noch: Es war eine brillante Leistung, die einen humanitären Auftrag mit einem Kampfauftrag unter einen Hut brachte. Die Legionäre, die über Kolwesi absprangen, waren aber beileibe keine Helden. Sie setzten nur das in die Tat um, was sie tausend Mal vorher schon in der Ausbildung wieder und wieder geübt hatten. Das jedoch gaben sie bis zur Perfektion wieder. Sie handelten mutig, taten ihre Pflicht! Helden sind nur die, die im Feuer der Tiger-Rebellen starben. Für die Überlebenden aber ging es weiter. Nur einige Stunden, nachdem die Paras wieder Fuß auf korsischen Boden gesetzt hatten, begannen sie erneut mit dem Zyklus Ausbildung, Training, Manöver. Dahinter steckten Gewaltmärsche, Sprung- und Gefechtsausbildung. Letztere unter optimalen, fast realitätsnahen Bedingungen, Tag wie Nacht.

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Militärpfarrer, Yannick Lallemand, rechts im Bild in Kolwesi

Als ob Kolwesi der Auslöser für einen höheren Anspruch im operationellen Bereich war, trainierten die Paras weiter wie von Sinnen, jede Kompanie in ihrer ureigensten Domäne.

1982 kam es zu einer Tragödie und wieder war der Schauplatz Afrika. Am 3. Februar 1982 hoben von der Luftwaffenbasis 188 in Dschibuti zwei Noratlas ab. Das Ziel? Gayo Yare, eine Sprungzone im Nordwesten der Hauptstadt. An Bord der Maschinen befanden sich Fremdenlegionäre des 2. REP und Soldaten der französischen Commando Marines (Commando Jaubert). Jede Einheit hatte ihre „Nora“. Am frühen Morgen zerschellte das mit Legionären der vierten Kompanie des 2. REP vollbeladene Flugzeug am Mont Garbi (1680 m). Der Unglücksort war dreißig Kilometer nordwestlich vom Salzsee Lac-Assal entfernt. Siebenundzwanzig Paras, 1 Offizier (Capitaine Philipponnat), 4 Unteroffiziere (Storai, Dore, Pommier und Woutier) sowie 22 Mannschaftsdienstgrade verloren ihr Leben. Noch heute nennt sich das Gebäude der vierten Kompanie: Capitaine PHILIPPONNAT. (Aus – Die Fallschirmjäger der Fremdenlegion: Einsätze und Operationen in Afrika von 1965 bis 2015 Kindle Edition).

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Wappen der 4. Kompanie

Aus – Leben unter fremder Flagge Kindle Edition.

Anfang des Jahres 1982, genau am 3. Februar, stürzte ein Flugzeug Typ Noratlas mit dem 2. Zug der vierten Kompanie des 2. REP am Mont Garbi in Dschibuti ab. Die Legionäre in Stärke 01/04/22 (ein Offizier, vier Unteroffiziere und zweiundzwanzig Mannschaftsdienstgrade) kamen dabei alle ums Leben. Seitdem, jedes Mal, wenn eine Kompanie des Regimentes an besagtem Datum in Dschibuti weilt, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass diese auf dem Mont Garbi selbst ihrer toten Kameraden gedenkt. Ich kann mich sehr gut an den Tag erinnern, an dem wir im Tal unterhalb des Berges bei Sonnenuntergang ankamen und sogleich unser Biwak aufschlugen. Wir drückten in dieser Nacht kein Auge zu, weil in dem hohen Gras des breiten Talweges sich Millionen von Moskitos auf uns stürzten.

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(Foto von der Seite des Sergent-chef e.r. J.P. Munch – Merci Chef!)

Verzog man sich in den Schlafsack, erstickte man vor Hitze, tat man es nicht, wurde man unbarmherzig zusammengestochen. Ein Zeichen? Wir waren froh, als es dann am Morgen endlich losging. Nach ein paar Stunden Marsch bergauf standen wir vor der Absturzstelle, genau an dem Punkt, wo die Noratlas vor zwölf Jahren gegen den Berg geprallt war. Als ich die Stelle zum ersten Mal sah, stahl sich spontan ein „Komm, komm … du schaffst das noch“ auf meine Lippen. Diese Worte wollte ich an den Piloten richten. Nur ein paar Meter nämlich, und die Nora (Beiname für die Noratlas) hätte es geschafft! Der Einschlag war wirklich nur knapp unterhalb des Gipfels! Auf dem Gipfel des Mont Garbi war ein Plateau, auf dem wir unsere Waffen und Rucksäcke in Reih und Glied ausrichteten.

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… ganz oben auf dem unheilvollen Mont Garbi steht dieses Mahnmal!

Jeder holte schweigend seinen Tenue combat de parade (Parade-Kampfanzug) aus seinem Sack und machte sich fertig. Dann – nach ein paar Worten des Chef de corps der 13. DBLE, der extra im Hubschrauber gekommen war, einer Kranzniederlegung und dem „aux morts“ des Trompeters – war die Zeremonie auch schon vorbei. In solchen Momenten redete man nicht viel. Wir wussten alle, was damals geschehen war und warum wir hier waren, wussten, dass morgen andere um unsere Gräber stehen konnten, wussten um unser täglich Risiko, ein Risiko, das uns vorantrieb, motivierte, zum Weitermachen animierte.

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Ein Adjudant, der früher in der vierten Kompanie gedient hatte, erzählte mir bei Gelegenheit, dass er, als er Caporal war, auf der Passagierliste neben all denen stand, die hier am Mont Garbi ihr Leben verloren. Aus irgendeinem Grund wurde sein Name in letzter Minute gestrichen. Das Leben hat schon seine eigenen Gesetze!

 

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Camp Raffalli – 2. REP – Calvi

Mir bleibt zu sagen, dass, jedes Mal, wenn ich an dem Gebäude der 4. Kompanie vorbeilief, ich den Namen PHILIPPONNAT las, dabei an die Tragödie des Mont Garbi dachte und eine Gänsehaut bekam. Meist grüßte ich im Vorbeigehen. Aber nur, wenn mich keiner dabei sehen konnte.

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Vive la France

Vive la Légion!

Vive les Paras!

Fertig machen zum Sprung

»Fertig machen zum Sprung!«

Die Fallschirmjäger des 2. REP schweigen. Sich-Mut-mach-Geschrei à la Straße – Eisenbahn wie in Altenstadt gibt es nicht. Einige Sekunden, nachdem die Transall vertikal am Übergang Meer-Land ist, gibt es grünes Licht. Go! Absetzhöhe 300 Meter. Man verliert keine Zeit. Die Augen des Paras suchen nach dem Öffnen des Fallschirmes sofort den Sammelpunkt am Boden. Wo ist das vereinbarte Signal? Wo sind die schweren Waffen, wo der Feind? Am Boden, nachdem man sich vom Gurtzeug des Fallschirmes befreit hatte, wurde immer zuerst die Waffe aus dem Sprunggepäck hervorgeholt und durchgeladen. Klar zum Gefecht! Dann wurde auf den Gruppenführer oder die schweren Waffen hin gesammelt.

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War die Gruppe vollzählig, begann ein kurzes Manöver im Zugrahmen. Meist blieb es dann dabei, weil ja der nächste Sprung wieder anstand. Auf der DZ wurde nicht gelaufen, es wurde gerannt. Ob es ein taktischer Sprung war oder nicht. Ob man Sprunggepäck hatte oder keins: Trödeln war nicht! Unser vierter Zug hatte bei solchen Sprüngen Schwerstarbeit zu verrichten, denn oft sprangen die Jungs mit ihren 81mm-Mörsern ab. Diese wurden in einem Gaine collective, meist ein TAP-5, fachgerecht verpackt und dann mit Spezialfallschirmen mit den Springern zusammen abgesetzt. Ein Springer stieß dabei das Paket aus der Türe und sprang sofort hinterher. Um diese Fallschirme schon in der Luft auszumachen und um sich schnellstens darum zu sammeln, hatten diese eine distinktive Farbe, meist orange oder rot. Die schwerste Waffe, über die wir (Züge Eins bis Drei) verfügten, war la 12,7. Gemeint ist die „Zwölf Sieben“ Browning Machine Gun, Version M2-HB, Kal .50. Ohne Dreibein wog diese Bestie 38 Kilo. Sie rennend über das offene Gelände in die nächste Deckung zu bringen, war nicht immer ein Spaziergang. Dieses schwere Maschinengewehr sollte mir Jahre später noch gute Dienste erweisen. Die verschiedenen Kompanien des Regimentes waren ständig unterwegs, was oft dazu führte, dass Freunde die verschiedenen Kompanien angehörten, sich selten sahen. Immer waren mindestens zwei Kompanien in Afrika (Tschad, Dschibuti, Zentralafrika, Gabun, Kongo etc.) und eventuell eine in Frankreich bei Manövern in la Courtine, Caylus, Larzac, Bitche oder Canjuers. Befand sich außerdem noch eine Kompanie auf dem GR-20, dann war Camp Raffalli bis auf die Compagnie de service menschenleer! Körperlich war ich in dieser Epoche topfit, was meine Zeit beim 8000 TAP, neununddreißig Minuten, bestätigte. Bei diesem Lauf ging es im Kampfanzug acht Kilometer zweimal um den Absetzplatz mit Rucksack, Waffe, Koppeltragegestell und Helm auf dem Kopf. Auch wenn der Zug geschlossen lief, brauchten wir nie länger als dreiundvierzig Minuten. Unser Zugführer legte sehr viel Wert auf die körperliche Fitness, war er doch selber ein Ass im Laufen.

 

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Wir hatten zu der Zeit sechs oder sieben Obergefreite im Zug. Somit war die Rechnung einfach: Auf dem Papier hatten alle den Dienstgrad Caporal, und der Sold am Monatsende war derselbe. Aber nur drei dieser Obergefreiten besaßen eine reelle Chance, auf den Unteroffizierslehrgang geschickt zu werden. Man nannte sie Caporaux commandement. Die anderen würden die Laufbahn zum Caporal-chef (Mannschaftsdienstgrad) einschlagen. Diese Obergefreiten nannte man dann Caporaux balai. Während der Caporal commandement „Befehlsgeber“ war, der die Appelle durchführte, Caporal de semaine sein konnte oder auch Gradée de relève bei der Wache, so musste der Caporal balai schon mal, wie der Name sagt, den Besen schwingen. Der Vermittler oder Befehlsüberträger vom Sergent zu den einfachen Legionären war der Caporal commandement. Er war der Chef, wenn der Sergent nicht präsent war, nach Dienst oder am Wochenende. Gab es im Zug oder in der Gruppe ein Problem, wandte sich der Gruppenführer immer zuerst an den Caporal commandement. Ein Sergent kam einem Pascha gleich. Er gab mit Kompetenz und Übersicht seine Befehle und trat erst in Erscheinung, um die Ausführung seiner gegebenen Befehle zu überprüfen. Die eigentliche Arbeit verrichteten die Caporaux commandement.

Anm. d. Verf.: Das war nicht immer so gewesen. Es hatte durchaus Zeiten gegeben, in denen sich die Unteroffiziere, ja teilweise auch die Offiziere, die Unterkunft mit den einfachen Soldaten teilten. Sie lebten quasi Seite an Seite, nahmen direkten Einfluss. Bei den Paras Légion hatte sich das progressiv in den Jahren zwischen 1962 und 1967 geändert. Mannschaften logierten fortan unter sich. Unteroffiziere hatten ihre eigenen Zimmer im Camp (Unteroffiziershotels) oder wohnten in der Stadt. Offiziere dito.

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Der Caporal commandement war auch gleichzeitig der, der im scharfen Einsatz den Sturm- oder den Deckungstrupp der Gruppe befehligte. Nicht etwa, weil er den „Titel“ innehatte, sondern weil er geeigneter war. Die Leistung zählte. Wer im Zug Caporal commandement sein wollte, musste besser und pfiffiger sein. Robustheit und Durchsetzungsvermögen zeichneten ihn aus. Wer aber dachte, Fäuste wären die beste Art, sich durchzusetzen, der täuschte. Intelligenz war das Schlagwort! Der Kluge kam auch ohne seine Fäuste zurecht. Einmal auf dem Unteroffizierslehrgang, nützten die Fäuste herzlich wenig. Eine Mischung aus beidem – eine überdurchschnittliche Intelligenz und die harte Tour – war sicherlich kein Nachteil. Für einen Legionär, der einem Caporal commandement widersprach, kam es knüppeldick, und das sofort. Dann wurde auch der pfiffige und intelligente Caporal mal zum Tier, denn: Reagierte er auf Ungehorsam nicht unverzüglich, wäre er schon bald darauf nur noch Caporal balai. Da in unserem Zug damals alle Obergefreiten überdurchschnittlich gut waren, glich jeder Tag einem Kampf. Ich nahm die Herausforderung an, war aber auf der Hut.

Colonel Coevoet/ chef de corps du 2e REP 1988-1990

Colonel Coevoet, unser Chef de corps / Regimentskommandeur in der Zeit von 1988 bis 1990, war ein Mann, vor dem man grenzenlosen Respekt haben musste. Noch heute, zwanzig Jahre danach, kenne ich niemanden aus dieser Epoche, der nicht in höchsten Tönen von ihm sprach. Dieser Oberst war beliebter, als ich hier beschreiben könnte. Warum? Das war kein Geheimnis, lässt sich mit einigen Worten erklären: Kompetenz, Effizienz, Vorbild und Menschlichkeit. Härte mit Herz und Verstand! Oft kam es vor, dass er sonntags mit seinem orangefarbenen Méhari, einer Art Strandjeep, ins Camp fuhr. Er trug meist eine schon ältere M-65 US-Feldjacke, dazu Bluejeans, Trekkingstiefel und einen sandfarbenen Chèche um seinen Hals, sah eher aus wie ein „Freak“ als ein Chef de corps des 2. REP. Und er war sich nie zu schade, auch mal den einen oder anderen einfachen Legionär auf dem Rückweg mit in die Stadt zu nehmen, um dann mit ihm in einer Bar ein Bier zu trinken. Sprach er mit mir, was mangels Gelegenheit so oft nicht der Fall war, gab er mir immer das Gefühl, dass ich eine sehr wichtige Person sei. Und so ging es jedem. Bei ihm gab es nicht dieses ,Ich bin der Colonel, und wer bist du?‘. Das schafft Eindruck! Auch er war ein ehemaliger Zugführer der 1. Kompanie und hatte, als Capitaine und Officier Opérations / verantwortlicher Offizier für Einsatz und Operationen an der Operation Léopard teilgenommen. Diesem Mann durch Blitz, Donner und Pulverrauch zu folgen, und wenn es geradewegs ins Verderben gehen sollte? JA! Ohne Wenn und Aber, auch heute noch, wenn es sein muss!

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NÄCHTE DES JÄGERS

NÄCHTE DES JÄGERS

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Rezension von Carsten Germann

Zwischen Daktari, Shaka Zulu und der Flusspferddame Gudrun erzählt der in Pirmasens (Rheinland-Pfalz) lebende Autor und Ex-Fremdenlegionär Thomas Gast (55) – eingebettet in eine im Paris des Jahres 1996 einsetzende Rahmenerzählung – die faszinierende und am Ende beinahe tragische Geschichte des deutschen Offiziers Hagen von Falkenhorst und seiner Getreuen, die auf der Flucht vor dem verdammten Krieg Hitler-Deutschlands gegen die Sowjetunion zu einer verschworenen Gemeinschaft werden – auf Leben und Tod. Zuflucht bietet den so unterschiedlichen Männern die französische Fremdenlegion, mit der sie in Indochina und Libyen gefährliche Abenteuer erleben – aber die Freundschaft und die Liebe lässt sie alle Stürme überstehen. Mit der französischen Winzertochter Valerie, später von einem afrikanischen Eingeborenen ,,die Geschichtenverdreherin“ genannt, findet Hagen die Liebe seines Lebens, das in der zentralafrikanischen Savanne aus dem Nichts aus dem Boden gestampften Gut Falkenhorst wird ihre Heimat. Falkenhorst steht – mitten im sich von den Kolonialmächten emanzipierenden Afrika – als eine Art Insel für fast schon vergessen geglaubte Werte wie Familie, Liebe, Harmonie, Frieden, Kameradschaft.

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Die Afrikaner um den markanten ,,King Loko“ werden guten Nachbarn, treuen Freunden und Beschützern der Weißen im Kampf gegen arabische Banditen und Menschenhändler, der Schamane ,,Kleiner Jäger“ zum großen Lehrmeister von Falkenhorsts Sohn Cal. Beeindruckend sind die historischen Passagen. Thomas Gast spricht etwa auf S. 71 mit großem Respekt über den in der Forschung nie unumstrittenen ,,Wüstenfuchs“ Erwin Rommel: ,,Ein gnadenloser Feind, aber auch ein Ehrenmann.“ Krass erscheint der Szenenwechsel ab S. 74: Von Ägypten nach Indochina – und wieder mitten hinein in den Krieg (März 1945).

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Die Kolonialkriege im Kongo und auch die Kämpfe um Dien Pien Phu, einen fast mythischen Ort der Fremdenlegion in Indochina, Fallschirmjägereinsätze – Gast gehörte in 17 Jahren Dienst in der französischen Legion dem legendären Fallschirmjägerregiment 2. REP an – und das Entkommen aus scheinbar aussichtslosen Situationen prägen das Leben des Hagen von Falkenhorst und machen das Buch zu einer faszinierend-exotischen Lektüre. Ab S. 260 und mitten in den verlustreichen Kämpfen um Dien Pien Phu, stellt man sich als Leser die Frage: Wo treffen sich Fiktion und Erlebnisse des Autors? Frieren, Leiden, Kämpfen, Lieben – Leben, Leidenschaft und Gefühlswelt des Hagen von Falkenhorst könnten an so vielen Stellen im Buch auch die des Thomas Gast sein… Das Schicksal von Falkenhorsts Kindern lässt Gast beim Sprung zurück in die Rahmenhandlung offen – ein gelungener Ausstieg aus einer faszinierend-tragischen Abenteuerreise.

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Ende Juli 1996. Auszug aus meinem Tagebuch.

  1. Juli 1996. Auszug aus meinem Tagebuch.

… aus

Leben unter fremder Flagge

 

Abfahrt nach Zimba. Der Fluss mit seinen steilen, dicht bewachsenen Ufern erinnert mich an Guyana, an den Oyapock, den Maroni. Ankunft in Zimba nach eineinhalb Stunden Fahrt mit der Baleinière. Ich werde mit meinem Zug vier Tage hier verbringen. Auf dem Programm stehen zwei Tage Dschungelkampfausbildung, Leben im forêt équatoriale, und die restliche Zeit soll den Männern gereichen, sich etwas zu entspannen, da sie in Bangui von morgens bis abends, und auch nachts, nur Wache schieben! Ende der Eintragung.

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Hier in Zimba gab es eine, wenn auch überholungsbedürftige Hindernisbahn, und Anlagen, um meinen Männern eine gute Ausbildung zukommen zu lassen. Mein Stellvertreter besaß das Troisième niveau commando des CNEC, das damals einem CT-2 gleichgestellt und auch als solches anerkannt wurde. Er platzte vor Energie, und so ließ ich ihn gewähren, während ich diese Abwechslung willkommen hieß und mich etwas im Gelände umsah. Unweit vom Landeplatz der Baleinière gab es ein Eingeborenendorf, eine winzige Kaffeeplantage und mitten im Fluss eine Insel. Die Eingeborenen begrüßten mich herzlich und führten mich in ihrem Dorf herum. Eine große Pfanne über einem Feuer erregte meine Aufmerksamkeit. Als ich näher trat, sah ich, dass darin Hunderte von schwarzbraunen Raupen waren, die im eigenen Saft vor sich hin schmorten. Da ich in Gabun schon den Ver de palmier (daumendicke, drei Zentimeter lange, weiße Raupe) und im Tschad die köstlich gegrillten Heuschrecken gegessen hatte, konnte mich in dieser Hinsicht nichts erschüttern, und so probierte ich auch das hier. Sicherlich waren sie exzellente Eiweißlieferanten, doch mein Geschmack war es nicht. Ich hütete mich aber, das laut zu sagen, sondern verzog vor Entzücken mein Gesicht.

Büffel ZENTRALAFRIKANISCHE Republik

 

  1. August 1996. Awakaba.

Auszug aus meinem Tagebuch.

Breite: Nord    8° 24′

Länge: Ost      19° 59′

Erste motorisierte Patrouille nach Norden, den Bangoran entlang. Keine Spuren von irgendwelchen Spitzbuben. Nach Kontaktaufnahme mit der katholischen Mission in Ndéle entschließe ich mich dazu, morgen im Lauf meiner zweiten Patrouille einen Abstecher dorthin zu machen, wie es auch im Sinne meines Hauptmanns ist. Wieder Awakaba, und wieder diese Phantome der Coupeurs de route und Braconniers, die überall und nirgends sind. Diesmal bei uns: Zwei Soldaten der FACA, denen ich aber nicht weiter über den Weg traute als meiner Schwiegermutter. Die angekündigte Patrouille nach Ndéle fand schon am darauffolgenden Tag statt. Die katholische Mission in Ndéle lag idyllisch auf felsigem Boden und umringt von hohen Zedern inmitten der Stadt. Es war ein kühler Ort, der mir Ehrfurcht einflößte. Als ich ihn zum ersten Mal betrat, wünschte ich mir instinktiv, dass Gott auch weiterhin seine schützende Hand über alle Schwestern halten würde. Das Wiedersehen mit der deutschen Schwester und der Oberschwester (die ich noch nicht kannte) war herzlich. Sie erzählten mir von Problemen mit Nachschub und davon, wie gut wohl Aprikosen aus Dosen schmecken würden, die sie (wie viele andere Sachen) seit Monaten nicht mehr gekostet hatten. Nach zwei, drei Stunden mussten wir weiter, da wir uns auf dem Rückweg nicht von der Nacht überraschen lassen wollten. In der Tankstelle in Ndéle, der einzigen im Umkreis von Hunderten von Kilometern, füllten wir unsere Tanks und fuhren dann wieder Richtung Awakaba. Am 24. August unternahm ich zu Fuß mit einer Gruppe eine Patrouille in südlicher Richtung, wobei ich die Soldaten der FACA bis zum letzten Augenblick im Ungewissen ließ, was anstand und wohin uns der Weg führen würde. Mit einem selbst gefertigten Behelfsfloß überquerten wir den Bangoran und drangen zwanzig Kilometer weit auf Schleichwegen in Richtung Vassako-Bolo, einem natürlichen Tierreservat, vor. Überall fanden wir Spuren von Wilderern. Dass diese nicht nur Hirngespinste waren, erkannte ich auch daran, dass die beiden Soldaten der SP öfters Blicke austauschten und sich unsicher umsahen. Einmal blieben sie gar stehen und deuteten auf das Gebüsch: »Vorsichtig«, sagten sie. »Wir müssen vorsichtig sein!«

 

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Ich denke, dass die Fortbewegung der kleinen Gruppen auf leisen Sohlen schon die richtige war, doch die Sache musste geheim gehalten werden und es mussten viele, sehr viele von diesen Gruppen gleichzeitig zu Werke gehen. Unterstützt von Hubschraubern sollte das irgendwann zu einem dauernden Erfolg führen, denn wussten sich die Wilderer so verfolgt, würden sie schnell über die Grenze das Weite suchen. Doch so? Am 25. August, also tags darauf, schickte ich meinen Stellvertreter mit Nachschub nach Ndéle: Die Schwestern waren entzückt. Auf der Ladefläche eines VLRA hatte er Trinkwasser und Lebensmittel, keine Silbe von ihren Nöten war mir entgangen. Pfirsiche und Aprikosen in Dosen hatten sie für die nächsten sechs Monate wohl genug!

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Unser Camp war eine Perle. Nahe am alten Flughafen war es von drei Seiten vom Wald gesäumt. Nur einen Steinwurf entfernt war der Bangoran, ein etwa zwanzig Meter breiter Fluss, und ganz in der Nähe gab es den Lac Awakaba, den Awakaba-See. Da der Wind immer aus derselben Richtung zu wehen schien, ließ ich die Toiletten mitten im Wald anfertigen: Plumpsklos mit Donnerbalken! Schon nach einer Weile stellte ich fest, dass nach Einbruch der Dunkelheit wohl niemand mehr das Verlangen hatte, seine Notdurft zu verrichten. Der Grund war einfach: Auch hier streiften die großen Katzen ganz nahe ums Lager. Wir hatten im Camp eine Manguste oder auch Mungo. So eine Manguste ist ein drolliges Tier, das, hatte es einmal sein Herrchen ausgesucht, diesem auf Schritt und Tritt folgte, wobei es seine spitzen und schrillen Schreie ausstieß. Sie kroch dann abends zu ihm ins Bett und schlief an seinem Hals. Wir fanden sie eines Tages tot unter der Motorhaube eines VLRA. War die Tagesarbeit vollbracht und lagen keine nächtlichen Patrouillen an, hatte ich es mir zur Angewohnheit gemacht, nach Sonnenuntergang und nach dem Essen den Digestif, zwei Fingerbreit guten Whiskeys, hinter meinem Zelt allein einzunehmen. Dieser Moment zählte zu den schönsten Augenblicken des Tages. Ich saß dann auf meinem Stuhl zwischen Zedern und Akazien, während die Petroleumlampe aus meinem Zelt gelbes Licht spendete. Der ideale Moment, die Arbeit und das Leben Revue passieren zu lassen! Immer wieder kam ich zur selben Erkenntnis: Ich würde alles wieder genauso tun!

15 – 19 September 1996. Batalimo.

Batalimo liegt an der Lobaye (Fluss), etwa 120 Kilometer südwestlich von Bangui und nur zehn Kilometer von Kongo entfernt. Batalimo ist Sitz der IFB, der Industrie Forestière de Batalimo, einer holzverarbeitenden Industrie. Am anderen Ufer der Lobaye hatten Pygmäen ihre Behausungen. Was ich in Batalimo hörte und sah, schockierte mich zutiefst. Zunächst dieser Raubbau an der Natur durch die IFB, und dann die Art und Weise, wie man die Pygmäen quasi vorführte. Ein Blick in die Gesichter dieser kleinen Männer und Frauen und einige Gespräche, und meine Vermutung wurde bestätigt: Die Pygmäen wurden diskriminiert, und das in fast allen Bereichen. Sie sprachen schlecht oder gar kein Französisch, hatten so gut wie keinen Zugang zum geläufigen Gesundheitssystem und hatten sie Arbeit, wurde ihnen viel weniger bezahlt als ihren großen Brüdern, den Bantus. Wurde in den anliegenden Dörfern etwas gestohlen, waren es natürlich die Pygmäen. Natürlich sah ich mir an diesem Tag ihre Hütten an, ihre Feuerstellen – und staunte über ihre Art, Speisen zuzubereiten; doch ich fürchte, es war alles nur ein In-Szene-Setzen, um ein paar CFA zu ergattern, die dann doch nicht in ihre Kassen fließen würden! Mir tat dieses kleine Volk leid. Unser Aufenthalt in der République centrafricaine war auch geprägt von einigen (viel zu wenigen) Manövern im Gruppenrahmen unter gefechtsmäßigen Bedingungen. Diese vor allem mit scharfem Schuss. Das Überschießen der eigenen Truppe oder das Vorbeischießen an dieser mit MG-Feuer und gleichzeitigem Manövrieren der Sturmgruppe bis zur letzten Deckung vor dem Feind (Sturmausgangsstellung), während angenommener Feind (nur noch 20 m entfernt) bis zur letzten Sekunde vom eigenen Deckungsfeuer niedergehalten wird … Das sind Dinge, die zu tun so manch eine Einheit nur träumen kann. Dinge, die wichtig sind, extrem wichtig. Wie reagiert der Soldat, wenn nur einige Meter weiter die Kugeln an ihm vorbeipfeifen? Hat er das nötige Vertrauen in seine Kameraden, die sein Vorgehen decken? Hat er im entscheidenden Augenblick die notwendige Courage, sich nach dem Handgranatenwurf zu erheben und mit Gebrüll und gezieltem Feuer auf den Feind loszustürmen, während erst jetzt das Deckungsfeuer nach rechts oder links abschwenkt, ganz hart am Mann?

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In Europa kenne ich zumindest keinen Schießplatz, auf dem solche Manöver möglich wären, weil die Sicherheitsvorkehrungen dies strikt verbieten würden. Die Kompetenz der Offiziere und Unteroffiziere in der Legion sorgt dafür, dass auch in diesen Situationen der Soldat niemals einer unnötigen Gefahr ausgesetzt wird. Auch die Disziplin und die Professionalität der Legionäre tragen natürlich dazu bei. Irgendwann fanden wir auch einen Schießplatz, auf dem wir unsere APILAS, die RAC-112, eine Panzerabwehrgranate (ähnlich einer schweren Panzerfaust, nur dass der Sprengkopf ungleich größer ist, nämlich 112 mm), abfeuern konnten. Bald schon kannte ich jeden meiner Legionäre in- und auswendig, kannte seine Stärken und seine Schwächen, wusste, welcher Gruppe ich welche Aufgabe zukommen lassen würde, sollten wir heute noch in den Krieg ziehen. Was uns jedoch definitiv fehlte, war Zeit: Zeit, das Gelernte drillmäßig zu üben, um so den Reflex zu sättigen. Doch die uns auferlegten Aufgaben innerhalb der Kompanie ließen das kaum zu. Wachdienst hier, Servitudes da! Meine Soldaten hatten in der Zeit öfter den Wachanzug als den Kampfanzug an. Es war extrem selten, dass der Zug geschlossen zusammenkam, und wenn, dann stand da schon der Kompanieführer in der Warteschleife, der Manöver im Kompanierahmen geltend machte. Wohlgemerkt bedeutete dies, dass es oft Situationen gab, in denen der einzelne Zug in allen Bereichen der Gefechtsausbildung Nachholbedarf hatte: Gefechtsausbildung der Gruppenführer mit ihrer Gruppe, dann im Rahmen des Zuges, denn auch ein Zugführer musste sich ständig weiterbilden. Wir schwenkten also oft vom Individuum und individuellen Fähigkeiten sofort um auf die Kompanie, auf Abläufe also, in denen 120 Mann synchronisiert operieren sollten, und das, wenn möglich, mit durchschlagendem Erfolg. Was dazwischenlag, die Gruppen, diese Feinabstimmung, die den Unterschied ausmachen konnte, der Zug, das wurde oft vernachlässigt. Das geschah nicht aus Ignoranz oder aus Unwissenheit, sondern ganz einfach, weil die Zeit fehlte. Das System wollte es so! Der Hauptmann selbst kannte die Probleme seiner Zugführer, stand aber diesem Phänomen machtlos gegenüber, weil auch er strikte Auflagen hatte. Auch wir, die Legion, hatten wie all die anderen Einheiten unser Soll an (wenn auch teils unnützen) Diensten zu erfüllen, nicht mehr und nicht weniger. Und das auch, wenn es uns nicht, aber auch gar nicht, in den Kram passte: basta!

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… was noch geschah.

Ende 1996, Anfang 1997, kam es zur Opération Almandin.

An dieser Operation (scharfer Einsatz) nahmen unsere dritte Kompanie, unsere vierte Kompanie und das GCP teil. Ort des Geschehens war Bangui in der Zentralafrikanischen Republik und hauptsächlich die Ortsteile Bacongo und die Kouanga. Hier ging es gegen die sogenannten Mutins (Rebellen). Es handelte sich um Soldaten der regulären Armee, der F.A.C.A. – Forces armées centrafricaines –, die sich gegen das offizielle Regime erhoben. Sie waren schwer bewaffnet und erfreuten sich der Unterstützung weiter Teile der eigenen Bevölkerung. Das Kämpfen waren sie gewohnt! Gegen unsere Legionäre jedoch nützte ihnen auch ihre in zahlreichen Einsätzen gesammelte Erfahrung nichts. In der Nacht vom 4. auf den 5. Januar begann die eigentliche Opération. Unser GCP, welches in die COS (Commandements des opérations spéciales, Oberbegriff für Spezialeinheiten der französischen Armee) integriert war, infiltrierte bei völliger Dunkelheit lautlos wie Schatten die verschiedenen Schlüsselpunkte und sorgte durch plötzliche Angriffe für Unruhe in den Reihen der Rebellen. Gleichzeitig gingen die Legionäre der dritten und vierten Kompanie Schulter an Schulter vor und zwangen in den Quartieren der Kouanga und des Bacongo einem Gegner Kämpfe auf, denen dieser bald panikartig den Rücken zuwandte. Doch nicht überall war es so, und so kam es, dass unsere Legionäre in teilweise heftige Kämpfe verstrickt wurden. Die Lage entspannte sich am Morgen peu à peu. Die Machtdemonstration hatte ihre Wirkung nicht verfehlt! Die Einheiten gewannen neue Ausgangsbasen, wobei die vierte Kompanie es am besten getroffen hatte: Sie ließ sich in einer Brasserie, einer Bierfabrik, nieder, die das berühmte Mokaf Bier herstellte. Zum Wohl!

LEGIO PATRIA NOSTRA

 

Vive le rois.

Haben Weihnachten und Camerone ihren ganz besonderen Platz in der Fremdenlegion, so steht la Fête des rois diesen nur wenig nach. Gemeint ist der Tag der drei Heiligen Könige. Dieser Tag beginnt – zumindest in Calvi – mit einem Fußballspiel: Offiziere gegen Unteroffiziere. Die Legionäre / Mannschaftsdienstgrade begnügen sich damit, dem Spiel als Zuschauer beizuwohnen. Offiziere wie Unteroffiziere sind nach Themen verkleidet und geben ein gar lustiges Spektakel ab. Meist kurz nach der zweiten Halbzeit (wie üblich führen die Unteroffiziere haushoch) gerät das Spiel aus den Fugen. Die Offiziere (die sich anders nicht helfen können) greifen zu einer schlauen Taktik, die darin besteht, aus dem Fußball Rugby zu machen … was ihnen aber auch nichts nützt! Diese Unfairness gleichen sie wieder aus, indem sie uns Unteroffiziere in die Mess des Officiers, in die Caserne Sampiero auf die Zitadelle einladen, wo bei einem guten Glas Weißwein die traditionelle Galette / Kuchen gegessen wird. Ein besonderes Spektakel erwartet uns dort: Zunächst gibt es den Roi, den König. Der Roi ist ein alter Hase von Unteroffizier, meist ein Adjudant-chef. Dann gibt es „la reine“, die Königin. Diese wird von einem jungen Leutnant verkörpert, der erst seit Kurzem im Regiment weilt. Beide und ihr Cour, das Gefolge, das nach und nach gewählt wird, sowie der erste Berater des Königs (der Regimentskommandeur) sorgen für lustigen Zeitvertreib. Der König hält seinen Vortrag, der die markanten Ereignisse des vergangenen Jahres widerspiegelt. So verkleidet begeben sich danach Offiziere und Unteroffiziere mit dem Chef de corps an ihrer Spitze in den Mannschaftsspeisesaal, wo sie von den Legionären schon ungeduldig erwartet werden. Warum? Weil der Chef de corps, folgt er der Tradition, ein generelles quartier libre / Ausgang gibt.

 

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Ausbildung in der Fremdenlegion – Afrika – 1995

… aus

Leben unter fremder Flagge

 

Zentralafrikanische Republik / Bouar / März 1995.

 

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Sollte ich dem Eintrag in mein Tagebuch Glauben schenken, ist in dieser ersten Märzwoche bereits der vierte Soldat des Détachements EFAO an der Malaria gestorben. Ein Béret rouge, ein Fallschirmjäger der regulären Armee, erlag dieser heimtückischen Krankheit. In dieser Phase büffelte ich bereits intensiv an meinem CT-2. Hatte ich das in der Tasche, stand einer Beförderung zum Adjudant nichts mehr im Wege. Der Schwierigkeitsgrad des CT-2 jedoch ist sehr gehoben. Dieser Lehrgang findet auf nationaler Ebene in Montpellier an der École d’application de l’infanterie (EAI) statt und dauert etwa acht Wochen. Ich unterhielt mich in dieser Zeit viel mit meinem Boy. Er hieß Fidel; und wie sein Name schon ausdrückte, war er eine treue Seele. Diese Woche zum Beispiel hat er mich belehrt, in der Bibel stehe, man solle keinen Alkohol trinken! Der Perfektionist in mir meldete sich sofort zu Wort. Ich besorgte mir eine Bibel und studierte Seite für Seite … Ohne Erfolg, hélas!

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Bouar – Afrika – Legio Patria Nostra!

Wiederum erzählte er mir vom Höllenfeuer, dem meine Seele im Himmel begegnen würde. Er zeigte mir, wie man am besten die Mangos von den Bäumen fischte, welche reif waren, und wie man sie schälte und dann genüsslich aß. Es machte einfach Spaß, ihm zuzuhören und sich mit ihm zu unterhalten. Vom 13. bis 18. März rückte die Kompanie ab zum Manöver Bocaranga. Bocaranga ist ein Ort fünfzig Kilometer östlich der Grenze mit Kamerun. Alles, was in dieser Zeit geschah, geschah unter taktischem Aspekt. Meldete das Élément de tête (Aufklärungselement) eine Ortschaft, jonglierte unser Hauptmann sofort taktisch klug mit seinen Zügen. Noch aus der Bewegung heraus wurden die Befehle erteilt. Die Züge nahmen ihre Positionen ein: Während der Aufklärungszug in Sichtweite zum Objekt wartete, bezog der Deckungszug diskret seine Stellung. Währenddessen brachte der Sicherungsszug alle Zufahrtswege unter Kontrolle und machte so das Eingreifen eines eventuellen Feindes von außerhalb unmöglich. Ein Zug in Reserve, und die Schlacht konnte beginnen. Im Rhythmus von einer Ortschaft etwa alle zwanzig Kilometer, bis hinauf nach Bocaranga, beherrschten wir alle nur denkbaren Varianten im Schlaf und dennoch schien der Hauptmann nur mäßig zufrieden. Sein Ziel war es, Bocaranga im großen Stil anzugreifen, wobei saftig Feindeinlagen geplant waren. Als dann einen Kilometer vor der Stadt die entscheidende Phase des Manövers begann, lief alles wie am Schnürchen.

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Die Sümpfe von Gata in der Nähe des Koumbalaflusses

Nach vier Stunden Kampf, indem zwei Züge gleichzeitig die Stadt von Süden kommend angriffen, flüchtete der Feind mit dem Rest seiner Truppen über die Grenze nach Kamerun. Mir blieb dieses Manöver seltsamerweise auch wegen Igge und Giri in guter Erinnerung. Als wir nämlich in Bocaranga unser Biwak aufschlugen, kamen die beiden Mädchen im Alter von sechs oder sieben Jahren, um Süßigkeiten zu schnorren. Davon hatten wir massig, denn in unseren Rationen befanden sich unter anderem auch bittere Schokolade und Bonbons sowie Marmelade. Bevor ich den beiden einen Sack zuwarf, der bis oben gefüllt war mit diesen Leckereien, forderte ich sie auf, für uns zu singen und zu tanzen, was sie spontan taten. Mein Gott: Dies taten sie so gut, dass bald die ganze Kompanie zusammengekommen war, um Beifall zu klatschen und noch mehr von den Süßigkeiten heranzuschleppen. Einige waren so gerührt, dass die beiden das Stelldichein noch einmal zum Besten geben mussten. In der Region Bocaranga trafen wir oft auf die Peul.

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Die Peul (Fulbe), ein nomadisches Volk von Rinderhirten, waren zurückhaltende und höchst interessante Menschen. Ihre feinen, fast kaukasischen Gesichtszüge, die blauen Augen und ihr oftmals blondes Haar zeugten nicht nur von einer noblen Abstammung, sondern ganz sicher verbarg sich dahinter auch sehr viel Intelligenz. Der Schmuck und die Bemalungen, die sie zur Schau stellten, zeugten auch von enormen künstlerischen Talenten. Ich habe nie einen Peul betteln oder sich danebenbenehmen sehen. Sie hatten Klasse! Zu bemerken wäre in dieser Woche noch ein Unfall: Ein Fahrzeug vom Typ MARMON mit einem Fahrer unserer 2. Kompanie kippte in voller Fahrt um. Auf seinen Sitzbänken befand sich eine Gruppe F.A.C.A, einheimische Soldaten: Es gab fünf Schwerverletzte, die mit dem Hubschrauber nach Bangui geflogen werden mussten. Ende März hatten wir Sprungdienst in Bossiki und danach ging es sofort wieder los mit dem Geländedienst. Diesmal von Bouar nach Bozoum, Bossangoa, Bouca, Batangafo bis nach Kamba-Kota. Gleich zu Beginn hatten wir zwei EVASAN (évacuations sanitaires / Evakuierungen aus gesundheitlichen Gründen, in diesem Fall per Hubschrauber). Ein Fall von Malaria und ein Blinddarm.

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Mit im Hubschrauber war zu unser aller Entzücken eine italienische Journalistin und Fotografin. Sie war sehr attraktiv, hatte braunes Haar und verstand ihr Metier (als Journalistin wohlgemerkt!). Ihr Name war Giorgia Fiorio. Sie hatte sich bereits einen Namen gemacht, indem sie eine Reportage und einen Bildband über Bergarbeiter der Kohleminen in der Ukraine herausgebracht hatte. Genau von jenen Minen also, die zu den gefährlichsten Arbeitsplätzen der Welt zählten. Giorgia Fiorio ist auch eine begnadete Sängerin und in Italien Kult. Unser Entzücken verwandelte sich rasch in ungezügelte Anerkennung, nämlich als Giorgia sich am ersten Morgen, wie jeder von uns, ungeniert einen Eimer schnappte und sich Seite an Seite mit den Legionären der Körperpflege hingab. So was macht Eindruck! Dennoch: Es bereitete mir ein Vergnügen, zu sehen, wie ein Mann, in diesem Fall 120 Männer, sich im Beisein einer Frau verändert; und ich nehme mich da absolut nicht aus: Waren unsere Stiefel aus Gewohnheit schon blank, so blitzten sie jetzt geradezu.

 

…aus: KB 572fiori

Die Rasur war mehr als perfekt und das Benehmen gentlemanlike. Jeder wollte der sein, der Giorgia zuerst Guten Tag sagte, seinen Stuhl anbot oder ihr sonst einen Dienst erweisen konnte. Es war verrückt. Fazit? Une femme, ça fout le bordel! (eigentlich als Kompliment für die Frau gedacht; hier: Eine Frau, das bringt Unruhe hinein!). Im April wurde uns in Paoua ein teures Nachtsichtgerät gestohlen. Um es wiederzubekommen, musste ich handeln wie ein Kuhhändler und einige Francs CFA lockermachen, was sich aber lohnte, denn wie durch ein Wunder tauchte es wieder auf.

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Die Woche darauf sollte geprägt sein von einem Auftrag im Norden, wo Coupeurs de route, die „Zarguinas“, ihr Unwesen trieben. Coupeurs de route sind Banden, die Hinterhalte auf Fahrzeuge, Konvois, einzelne Personen etc. ausführen, um Profit daraus zu schlagen. Sie sind bewaffnet und gefährlich, weil darauf angewiesen. Haben nichts zu verlieren, schrecken vor keiner Gräueltat zurück und sind extrem aggressiv. Dieser Auftrag bzw. was geschehen soll, wenn wir Teile dieser Banden aufspürten, war klipp und klar definiert. Ich glaube nicht, dass ich mehr Worte hinzufügen muss. Unsere motorisierten Patrouillen, jeweils in Gruppenstärke, führten auf verschiedenen Wegen genau durch ihr Operationsgebiet: Am Mann hatten wir nur die Waffe und die Musette, mit ausschließlich Wasser, Munition und einigen Rationen darin. Bestenfalls noch eine Decke, um uns nachts darin einzuwickeln. Der Auftrag dauerte drei Tage. Nachdem wir in ihr Territorium eingedrungen waren, hatten wir immer das Gefühl, den Banditen ganz dicht auf der Spur zu sein. Oft ließen wir die Fahrzeuge zurück und drangen zu Fuß weit in die hochgewachsene, von Wäldern durchzogene Savanne ein. Nachts schliefen wir drei, vier Stunden. Besser gesagt, ein Teil von uns schlief, der andere wachte. Im Morgengrauen wurde das Nachtlager abgebrochen und die Hetzjagd wieder aufgenommen. Auch am zweiten Tag sahen wir oft Spuren ihrer Präsenz, doch sie selbst bekamen wir nie zu Gesicht. Näherten wir uns einem Dorf oder einer Siedlung, die wir jedes Mal gründlich durchkämmten, versteckten sie ihre Waffen und tauchten im Busch unter oder mischten sich unter die Bevölkerung. Waren wir wieder weg, zeigten sie ihr wahres Gesicht und die Waffen kamen wieder zum Vorschein. Sie waren überall, waren Meister im Versteckspielen. Am dritten Tag meinte der uns begleitende Pisteur, dass es keinen Sinn mehr machte. Die Grenze war nur einen Steinwurf entfernt und die Spuren der Banditen führten genau darauf zu. Wir mussten die Suche abbrechen. Noch im Gelände erreichte uns die Nachricht von einem weiteren Opfer: Wieder hatte die Malaria zugeschlagen und wieder war es ein Soldat der regulären Armee.

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  1. April 1995. Auszug aus meinem Tagebuch.

Die Regenzeit beginnt. Es regnet nun jeden Tag, und das jedes Mal drei bis vier Stunden nonstop. Oft sind es sintflutartige Regenfälle, die ohne Vorankündigung auf uns niedergehen! Beim Cross (Lauf) Camerone, werde ich Neunzehnter von über 700 Teilnehmern. Um unter die ersten zehn zu kommen, fehlen mir 40 Sekunden, aber ich bin Militär und kein Sportler! Ende der Eintragung. Am 5. Mai 1995 verließen wir die Zentralafrikanische Republik. Das Regiment sollte am 14. Juli auf den Champs Élysées zum Nationalfeiertag marschieren, doch dies ohne uns. Kaum hatten wir nämlich unsere Koffer ausgepackt, ging es schon wieder los. Dieses Mal an Afrikas Westküste, nach Gabun. Anfang April 1995 muss eine Transall C-160 auf dem Weg von Calvi nach Solenzara im schroffen Gebirge in der Nähe von Occhiatana notlanden. Unser Regiment erreichte – wie auch immer –, dass der gut erhaltene Rumpf nach Calvi transportiert und dort zur Bodensprungausbildung wieder hergerichtet wurde. Einer, der sich dabei besonders engagierte, war ein portugiesischer Sergent-chef unserer Kompanie. Pinto war damals der verantwortliche Moniteur (Ausbilder) der laufenden Promo (regimentsinterner Springerlehrgang). Hut ab vor dieser Leistung. Diese Transall war, als ich das Regiment verließ, immer noch Kern- und Prunkstück der Springerausbildung.

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Sarajevo 1992 – 1993

Wenn die Menschlichkeit eine Schlacht gewinnt

… aus

Leben unter fremder Flagge

„Cette ville est bouclée, fermée, retirée du reste du monde. Ce n’est pas acceptable.“

„Diese Stadt ist eingeschlossen, belagert, abgeschirmt vom Rest der Welt. Das ist nicht akzeptabel.“

(François Mitterrand, der Mann, der partout keinen Krieg mit den Serben wollte)

„La ville cosmopolite de Sarajevo qui avait fait la démonstration, que des peuples différents peuvent vivre ensemble … Mladić ne voulait pas ça.“

„Die mondäne, weltoffene Stadt Sarajewo, die Zeuge davon war, dass verschiedene Völker zusammenleben können … Mladić wollte das nicht!“

(General Gobillard)

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Anfangs wusste ich nicht, wie ich mit der folgenden Situation umgehen sollte. Sie entstand aus der Tatsache heraus, dass die Bosnier, die versuchten den Flughafen zu überqueren, eben nicht nur Kämpfer hatten, sondern auch Frauen, Kinder, alte Menschen, Verwundete und vom Krieg moralisch zerfleischte, kranke Seelen. Wir sollten sie daran hindern. Das war gegen den Ruf der Menschlichkeit, eigentlich auch gegen unsere Prinzipien. Wir hinderten ein Volk daran, seinem Drang nach Frieden und Freiheit zu folgen, aber wir waren nun mal auch Soldaten. Meist befolgten wir Befehle stoisch. Was sollten wir auch sonst tun? Wir taten es trotz der Drohungen, trotz der Tränen, der Bitten, trotz der Beschwörungen und Schimpftiraden. Kaum fassbare, wenig nachvollziehbare Dramen spielten sich jede Nacht vor unseren Augen ab. Einmal hatte ich eine bosnische Frau direkt vor mir sitzen, ich hätte sie mit der Hand berühren können. Sie hatte eine tödliche Schussverletzung, starb, während ihre beiden Kinder, die auf meinen Knien saßen, dabei zusahen. Was sollte ich ihnen sagen? Dass das Leben so ist?

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Ein anderes Mal holten wir einen Lehrer von der bitterkalten Piste. Er rannte, fiel, rappelte sich auf und rannte weiter, während die Serben nonstop mit zwei MGs auf ihn schossen. Rote Leuchtspurmunition tanzte um ihn herum, zupfte an seinen Kleidern, er aber hastete unverletzt weiter, direkt in unsere Arme. Im VAB fiel er vor mir auf die Knie und weinte. Er sei Lehrer, sagte er zunächst auf Französisch, dann in gebrochenem Deutsch, und er wolle weg vom Krieg. Ich nickte, und als hätte er eine Aufforderung darin gesehen, holte er 800 Mark aus seinem dreckigen, vor Kälte starrenden Sakko und bot sie mir an. Ich solle ihn doch nicht mehr nach Dobrinja, sondern nach Butmir fahren! Ich ließ ihm sein Geld, tat, was getan werden musste. Wie ich mich entschieden habe, behalte ich für mich. Wieder ein anderes Mal versuchte eine Gruppe bosnischer Kämpfer einen Toten auf einer Bahre über die Piste zu bringen. Sie versuchten es montags, dienstags, mittwochs, und dann sahen wir sie nie wieder. Was aus ihnen geworden ist? Ich weiß es nicht!

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Die UN schachmatt?

Und ich erinnere mich gut an den verflixten Tag, an dem ich bei Sonnenaufgang die Piste abfuhr und ein totes Mütterchen im Graben fand. Man hatte sie angeschossen, dann ist sie erfroren. Alleine, dort draußen in der Nacht, während Schneeflocken auf ihr kleines, rundliches Gesicht fielen. Sie hatte ihre starren Hände um einen Sack gekrallt, in dem einige Kilo Kartoffeln waren. Für ihre Kinder? Ihren Mann?

Auch das werde ich nie erfahren! Meine Gefühle?

Die musste ich verstecken!

Doch dann kam der Tag, an dem ich spürte, dass viele Legionäre ähnlich dachten wie ich. Ich realisierte, dass in ihrer Brust nicht nur ein Löwen-, sondern vor allem auch ein großes Menschenherz pochte, aber dass nur die wenigsten – auch aufgrund ihres niedrigen Dienstgrades – tatsächlich über ihren professionellen Schatten springen konnten. Einer, der diesen Sprung wagte, war ein Spanier aus meinem Zug. Er war ein junger Soldat, ein guter Soldat auch. Bis zu dem Tag, an dem er ganz einfach den Dienst verweigerte. Er könne, so sagte er in einem Gespräch mit mir, das Leid und das Elend nicht mehr mit ansehen und so tun, als ginge ihn alles nichts an. Meine Vorgesetztenseele schrie nach Empörung, jedoch der Mensch in mir applaudierte. Es war und blieb ein Einzelfall, und genau deshalb zollte ich diesem Soldaten Respekt für seinen überaus großen Mut und für seine Aufrichtigkeit. Wer in der Legion gedient hat, der weiß, was geschehen kann, wenn jemand den Dienst verweigert. Nun, ohne dass er es je wirklich richtig erfuhr, setzte ich mich bei meinem Zugführer dafür ein, dass er diesen Kriegsschauplatz, ohne sein Gesicht zu verlieren, verlassen konnte.

Airport, eine gigantische Falle?

Der Flughafen Sarajewos, kontrolliert von der Artillerie der Ultras der Serben, war eine monumentale Falle. Nichts, keine noch so kleine Bewegung, entging den Tschetniks. Und genauso konnten sie jeden Quadratmeter unserer Stellungen, unsere Quartiere und den Befehlsstand mit ihrer Artillerie dem Boden gleichmachen, hätten sie es gewollt oder hätten wir ihnen einen Grund dafür gegeben. Auch die Bosnier hatten zumindest Mörser des Kalibers 81 mm, doch bei Weitem nicht so viel Munition dafür wie die Serben, deren Vorräte ein Fass ohne Boden waren. Ich schrieb, dass unsere Legionäre all ihre Munition unter ihrem Bett und in ihren Spinden hatten.

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Das kam nicht von ungefähr. Von Beginn an gab es Gerüchte, dass die Bosnier eine Offensive starten wollten. Das Ziel sollte das Errichten eines Korridors Butmir–Flughafen–Sarajewo sein oder umgekehrt von Dobrinja nach Butmir. Wir aber hatten unseren Lebensbereich am Flughafen und wir hatten den Auftrag, diesen Flughafen zu verteidigen. Wenn man sich die geografischen Gegebenheiten auf der Karte sowie auch im Gelände kritisch ansah, so konnte man nur zu einem Ergebnis kommen: Ein Angriff könnte aus dem Nichts, von einer Minute auf die nächste erfolgen. Zeit, Munition auszugeben und großartig Befehle zu erteilen, würde es nicht geben. Dass die Serben eventuell antizipierten und den Flughafen noch vor den Bosniern einnehmen wollten, das musste man uns nicht sagen, und so lebten wir in ständiger Unsicherheit, hatten immer die Waffe in der Hand, und jeder, ob im Dienst oder in der Unterkunft, wusste, was er im Falle eines Alarms tun musste. Das tatsächliche Kräfteverhältnis UN Soldaten (wir) vs. Serben war eins zu zwölf und sie hatten, wie gesagt, schwere Waffen wie Artillerie und Kampfpanzer. Im ebenerdigen Zimmer, das ich mit einem Kameraden teilte, gab es ein einziges kleines Fenster. Von dort aus hatten wir die Sicht auf den knapp 100 Meter entfernten Haupteingang zum Flughafen. Von außen hatten wir die Wand mit Sandsäcken verstärkt und ein starkes Gitternetz davor gespannt, um Granaten abzuhalten. Von innen hatten wir eine Art Plattform aus Sandsäcken errichtet, auf der Tag und Nacht ein MG Kaliber 7,5 mm stand. Geladen! Unter unseren Betten stapelten sich unzählige Munitionskisten, Hand- und Gewehrgranaten besaßen wir in Hülle und Fülle. Sollten unsere Beobachter und Zuträger Truppenansammlungen in der näheren Umgebung unmittelbar um den Flughafen herum melden, dann würde jeder unserer Soldaten sofort zu den Waffen greifen, in den nächsten Kampfposten, sein Schützenloch oder den Gefechtsgraben schlüpfen und das tun, was es zu tun gäbe: Camerone, 130 Jahre nach der Schlacht! Unser Camerone!

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Alle waren bereit. Überrumpeln konnte man uns nicht.

 Noch hatten wir keine 120-mm-Mörser, und auch nicht unsere APILAS-RAC-112 Panzerabwehrwaffe, was wir aber hatten, das war unsere Entschlossenheit. Und das wussten auch die Serben, und das wussten die Bosnier! Und beide wussten, was Camerone war und was es für uns bedeutete: Niemals, um keinen Preis, hätten wir den Flughafen kampflos aufgegeben! Ich glaube zu wissen, dass es viele Legionäre gab, die insgeheim nur auf einen Angriff warteten. Des Weiteren gab es Pläne für eine schnelle Evakuierung auf dem Landweg. Mehrmals überraschte ich mich bei dem Gedanken, dass es besser wäre, den Flughafen mit den wenigen Mitteln, die uns zur Verfügung standen, zu verteidigen, als sich mit den VABs ohne Deckung auf diesen Straßen zu bewegen, und sei es nur 500 Meter. Weit wären wir wohl nicht gekommen. Wie überlegen die Serben den UN-Truppen militärisch waren, zeigte sich auch an dem Tag, an dem sie die Marshal Tito Barracks in der Stadt mit einem fast zwei Stunden andauernden Artillerieangriff bombardierten. Das taten sie mehrmals. In den Tito Barracks in Novo-Sarajevo befanden sich ein ukrainisches Blauhelmkontingent sowie Teile der bosnischen Armee. Das Feuer kam vom Trebević, einem Berg am südlichen Stadtrand von Sarajewo.

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Einsatz im Kongo

Opération Pélican

… aus

„Leben unter fremder Flagge“

Am 3. Mai 1997 waren wir unterwegs Richtung Westafrika. Nach Gabun, um genauer zu sein. Gabun galt als Plattform für Projektionen in Krisengebiete. Da zu dieser Zeit die Situation in Zaire (das ehemalige Belgisch-Kongo und nach dem Bürgerkrieg 1997 die Demokratische Republik Kongo) mehr als angespannt war, haftete dieser Compagnie tournante von Anfang an ein Hauch von Pulverrauch an. Alle Zutaten für einen Einsatz waren gegeben. Vom Norden des Landes her rückte Désiré Kabila mit seiner Allianz der demokratischen Kräfte für die Befreiung Kongos (AFDL) auf Kinshasa vor, während das diktatorische Regime Mobutus sich bereit machte, die Stadt gegen die Aggressoren zu verteidigen. Man befürchtete ein Blutbad. Angesichts der Umstände verlegten wir, die 1. Kompanie und die CEA des 2. REP, von Libreville nach Brazzaville im Kongo (früher Französisch Kongo). Brazzaville und Kinshasa lagen sich auf Sichtweite gegenüber, nur der Pool Malebo (früher Stanleypool, nach Henry Morton Stanley), eine Erweiterung des Kongoflusses, trennte sie voneinander. Kabila stand mit seinen Truppen vor den Toren Kinshasas. Da in Kinshasa Hunderte von Europäern und andere Staatsangehörige lebten und arbeiteten, beschlossen die Generäle eine koordinierte und vor allem rechtzeitige Evakuierung. An dieser sollten sich Soldaten aus Frankreich, Portugal, England, Belgien und den USA beteiligen. Wir Legionärszugführer hatten einen ganz konkreten Auftrag. Dieser beinhaltete Folgendes:

Übersetzen mit Schnellbooten über den Kongofluss.

Vorstoßen bis zu den designierten Sammelpunkten.

Evakuieren der Personen vor Ort, dies unter Einsatz von Waffengewalt, falls notwendig.

Nach der Durchführung des Auftrages für andere Verwendung bereit stehen.

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ORTSOM

Während die Vorbereitungen auf Hochtouren liefen, begann es in Brazzaville zu brodeln. Niemand scherte sich darum, denn alle Augen waren nur auf Kinshasa gerichtet. Untergebracht im Camp ORSTOM (Office de la recherche scientifique et technique outre mer, frei übersetzt: Amt/Büro für wissenschaftliche und technische Forschungen in Übersee), wies ich meinen Zug in die Lage ein und gab die ersten Vorbefehle. Die Munition, originalverpackt und auf Paletten geliefert, wurde sofort an die Züge ausgeteilt. Ein Profisoldat weiß, auf was er zu achten hat; und so überprüften die Jungs peinlich genau die Lippen der Magazine sowie deren Allgemeinzustand. Magazine wurden im Paar, Seite an Seite, zusammengefügt, um den rapiden Magazinwechsel durchzuführen, die Kanonen der Waffen entölt. Die Kriegsmunition gurteten wir im Verhältnis 3:1. Drei Schuss normale, ein Schuss Leucht- oder Glimmspur! Das dient der besseren Trefferbeobachtung und den Zielkorrekturen. Auch im scharfen Einsatz ist die Verwendung von Leuchtspurmunition, wenn man sie intelligent einsetzt, nicht von Nachteil für die Truppe. Es sollte dabei aber darauf geachtet werden, höchst flexibel und beweglich zu sein, öfter als üblich die Stellung zu wechseln und, wenn möglich, nur aus zweiter Reihe zu schießen.

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Hier schematisch die Zugkeilformation. Über den Kongofluss und rein ins Ungewisse !

Die Patronengurte für die leichten und schweren MGs wurden dünn eingeölt, dann noch einmal trocken gezogen. Die Schützen achteten darauf, dass die Patronen sauber in den Bändern lagen. Von Bedeutung war auch die peinlich genaue Überprüfung der Sicherungssplinte der Handgranaten. Die Männer arbeiteten still und mit tausendmal geübten Handgriffen, den einen oder anderen „Chant légion“ auf den Lippen. Mancher rauchte! Ich beobachtete die Gesichter meiner Soldaten. Nirgendwo erkannte ich ein Zögern. Auch die Hitzkopfmentalität ließen sie vermissen, was ich exzellent fand. Es herrschte die notwendige Abgeklärtheit, die Ruhe vor dem Sturm. Über dem Camp ORSTOM regte sich kein Lüftchen, es war schwer, schwül und heiß. In meinem Kopf ging ich Lage und Auftrag durch. Zu meiner Verfügung hatte ich drei Kampfgruppen mit einer jeweiligen Stärke von zwölf Mann. Jede Gruppe bestand aus einem Sturm- und einem Deckungstrupp. Jeder Gruppenführer verfügte weiterhin über einen Scharfschützen. Innerhalb der Deckungstrupps fanden sich (außer der Standardwaffe FAMAS, die jeder hatte) je eine MINIMI (leichtes MG 5,56 mm) und eine LRAC (Panzerfaust). In ihren Handgranatensäckchen an ihren Hüften trugen die Legionäre offensive (Druck-) und defensive (Splitter-) Handgranaten. Außerdem hatten sie Gewehrgranaten AP-34 (gegen Infanterie), AC-58 (gegen Panzer) und AP-AV 40 (gegen Infanterie und leicht gepanzerte Fahrzeuge). Die modularen Schutzwesten wogen schwer. Die meisten von uns hatten den Unterleib- und Hodenschutz sowie den Schutz für Hals und Kinn abgenommen. Mein Zugtrupp bestand aus mir selbst, meinem Funker, einem MG-Schützen, dem Krankenpfleger mit dem Trousse d’infirmerie (Erste-Hilfe-Einsatz-Set) und einem Fahrer. Die Männer waren ausgeruht, in einer körperlich topfitten Verfassung, die Moral hervorragend. Mein Ziel war es, in Zugkeilformation vorzustoßen, wissend, dass ich den Rücken frei haben würde und im Falle einer Feindberührung mit rapidem, koordiniertem Deckungsfeuer rechnen durfte. Das erforderte, dass mein Stellvertreter sich zwischen der ersten und der zweiten Gruppe hinten rechts oder links bewegte. Die dritte Gruppe wollte ich vorne an mich binden, um aus der Bewegung heraus zielstrebig zu handeln. Die Scharfschützen sollten selbstständig, unabhängig und flexibel operieren. Dafür waren sie ausgebildet und genau so hatten sie ihre größte Effizienz. Ihr Instinkt sollte ihr einziger Chef sein! Die Verbindungen nach links und rechts zu den Nachbarzügen, das wussten wir schon vorher, konnten höchstwahrscheinlich nicht immer aufrechterhalten werden, und das aus zwei Gründen: Erstens war Kinshasa keine Kleinstadt, sondern eine immense bebaute Fläche mit tausend Verschachtelungen, Gassen, Einbahnstraßen, Hinterhöfen etc. Und zweitens lagen die Sammelpunkte nicht immer nahe zusammen. Im Klartext hieß das: Im Falle eines Pépin (bei Schwierigkeiten) war mit Unterstützung kaum zu rechnen.

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Situation 07. juni – 1997

Wie die Bevölkerung reagieren würde, wussten wir nicht: War sie uns freundlich oder feindlich gesonnen? Aber noch wichtiger: Wie würden sich die beiden kämpfenden Fraktionen uns gegenüber verhalten? Alles konnte glatt über die Bühne laufen oder verdammt kompliziert werden. Da wir über keine Unterstützungswaffen wie Artillerie, schwere Mörser, Panzer oder Panzerabwehr verfügten, mussten wir auf unsere Schnelligkeit, unsere Mobilität setzen. Außer den organischen Handfeuerwaffen würden wir nur die Musette dabeihaben. Darin zwei Rationen, etwas Wasser, Munition … und noch mehr Munition! Noch am selben Abend übten wir nachts und so diskret wie möglich das schnelle Besetzen der Boote. Damit fuhren wir in die Flussmitte bis an das Limit des Verantwortlichen (man sollte uns unter keinen Umständen von Kinshasa aus sehen), drehten dann um und begannen von vorne. Der Pilot des Bootes hatte zwar das genaue Kap auf seinem Bootskompass eingestellt, dennoch überprüfte ich ständig das Azimut. Mir war wichtig, am anderen Ufer auch dort von Bord zu gehen, wie ich es vom Hauptmann befohlen bekommen hatte. Mich erst zu orientieren, würde einen Zeitverlust bedeuten, und der Zeitfaktor (Schnelligkeit) sollte doch zum Gelingen des Unternehmens eine essenzielle Rolle spielen. Als im Morgengrauen alles perfekt schien, ging es zurück ins Camp, wo das Warten auf den Einsatz begann. In Calvi wurde währenddessen der Rest des Regimentes in permanente Alarmbereitschaft versetzt. Am Morgen des 17. Mai fiel Kinshasa in Kabilas Hände, ohne dass ein einziger Schuss abgefeuert wurde.

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Am umkämpften Flughafen Maya-Maya

Die Stimme eines meiner Gruppenführer klang enttäuscht. Ich konnte ihn sehr gut verstehen. Als Soldat einer Eliteeinheit sahen wir uns nicht unbedingt als das Symbol einer drohenden Faust, die den Gegner durch Drohgebärden oder durch bloße Präsenz davon abhalten sollte, einen Krieg vom Zaun zu brechen, nein! Wir wollten das, was wir uns in der täglichen Ausbildung aneigneten, auch immer wieder unter Beweis stellen. Ohne Wenn und Aber. Innerhalb weniger Tage zogen alle Nationen ihre Truppen aus Brazzaville ab, nur Teile der französischen Einheiten blieben, unter anderem unsere Kompanie. Die Routine hatte uns bald wieder. Wir bauten unser Camp auf dem ORSTOM-Gelände weiter aus und trieben die Ausbildung im Allgemeinen voran. Jetzt war auch die Zeit gekommen, wieder etwas zu entspannen, und so organisierte unser Hauptmann eine Reihe von Quartiers Libres. Zugführer und Gruppenführer voraus, ging es in die Bars und Cafés der Stadt. Meist war gegen Mitternacht Schluss. Etwa um die Zeit begannen auch die unablässigen Patrouillen der Police militaire. Da immer wieder Legionäre nach der Sperrstunde in der Stadt angetroffen wurden, wo es dann auch das eine oder andere Problemchen gab, wurde der Ausgang bald schon gestrichen. Zeit zum Schlafen hatten meine Legionäre also genug, jedoch: Beim morgendlichen Sport sah ich nur müde Gesichter. Es dauerte nicht lange, bis ich herausfand, wieso dem so war, denn ich war schließlich auch mal Legionär gewesen, kannte deshalb so ziemlich alle Tricks, die gängig waren, um zunächst geschickt die Aufmerksamkeit der Vorgesetzten einzuschläfern, nur um dann auf den ersten Zug aufzuspringen, der da hieß: Let’s party! Doch Vorsicht war geboten. Mithilfe des einen oder anderen Unteroffiziers (die ich mir in einer stillen Minute dafür auch zur Brust nahm) hatten meine Legionäre ein System gefunden, welches es ihnen erlaubte, nach Mitternacht ungesehen das Camp zu verlassen, um dann kurz vor dem Wecken mit aufgesetzter Unschuldsmiene wieder aufzutauchen. Am Zaun, unweit des Gebäudes, in dem wir untergebracht waren, gab es eine Lücke. Dort, im unübersichtlichen Gelände, hatten sie einen der ihren postiert. Dieser hatte Sicht auf eine Bar, die sich nur einige Meter entfernt auf der anderen Seite des Zaunes befand. Gleichzeitig konnte er von seinem Beobachtungsposten auch den größten Teil der Unterkünfte überwachen. Die Wache war mit Sicherheit auch eingeweiht. Gab es nun einen Gegenappell, genügte ein Stein gegen das Fenster der Bar, und zwei Minuten später war der Zug vollzählig. Ich drückte zunächst ein Auge zu oder auch mal beide, doch später dann, als die Sache Dimensionen annahm, die ich nicht mehr verantworten konnte oder wollte, untersagte ich derlei Spielchen, zumal die Frauen in diesen Etablissements mit Sicherheit die eine oder andere Krankheit hatten. Wir waren immer noch im Einsatz und konnten es uns nicht erlauben, einen Mann, oder sogar mehrere, wegen Tripper & Co ausfallen zu lassen.

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Eine Gewehrgranate aufgepflanzt, geht es ran an den Feind

Ich schob definitiv den Riegel vor. Täglich kamen nun auch Flüchtlinge, meist solche aus Ruanda, die aus Kinshasa flüchten mussten: ein Flüchtlingsstrom, der nicht abriss und der unausweichlich Hilfsorganisationen aus aller Herren Länder im Kielwasser mit sich zog. Es blieb natürlich nicht aus, dass man uns (2. REP) bald schon mit ihrer Unterstützung, vor allem im logistischen Bereich, beauftragte. Dies äußerte sich darin, dass wir unter anderem Konvois mit Flüchtlingen zusammenstellten und sie aus der Stadt hinaus, in ein Camp nördlich von Brazzaville, eskortierten. Mein Zug war von dieser Art Auftrag jedoch nicht betroffen.

Brazzaville oder Brazzaville-la-verte, die Grüne, wie man die Stadt auf Grund ihrer zahlreichen Grünflächen, des Hibiskus und der roten und violetten Bougainvilleas, ihrer Tausenden von Palmen und hoher Bäume auch nannte, das war dieser unglaublich schöne Blick über den Fluss Zaire, der einem den Atem raubte. Der Fluss war an dieser Stelle, am Pool Malebo, einige Kilometer breit. Brazzaville, das war auch der Elf-Turm, die Basilika St. Anne mit ihren grünen Dächern aus Malachit oder die Kathedrale Sacré-Cœur. Brazzaville, das waren die Märkte unter offenem Himmel: Maniok, Palmenherzen, Früchte diverser Art und afrikanische wie auch orientalische Gewürze. Man roch, man fühlte, sah und lebte im Rhythmus dieser Märkte. Hier Fleisch der Phacochères, dieser angriffslustigen Warzenschweine, dort Antilopenhälften oder noch lebendige, zum Verzehr gedachte Äffchen. Brazzaville, das war aber auch die magische Welt, die magischen Kräfte der maskierten Féticheurs und der Fetische, des Tamtam geheimnisvoller afrikanischer Musik und die der traditionellen Wunderheiler der Pygmäen. Bunte Vogelfedern, geheime Puder, Löwenzähne und Affenköpfe. Brazzaville war hier modern wie Europa, und nur einen Schritt weiter alt wie unzählige afrikanische Generationen. Brazzaville, das war auch Krieg, der wohl nie enden würde!

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… der nur fünfzig Meter weiter auf uns lauert!

Während der vergangenen Jahre hatten die zahlreichen Milizen der verschiedenen Parteien in Brazzaville enorme Waffenarsenale angehäuft. Wir hatten Anfang Juni und die Präsidentschaftswahlen standen vor der Tür. Die wirtschaftliche Lage war seit der teilweisen Entwertung des Franc CFA katastrophal. Die Soldaten der regulären Armee waren unzufrieden, was sie zum Ausdruck brachten, indem sie massenweise ihrem Präsidenten Lissouba den Rücken kehrten, um die Truppen Sassou-Nguessos, des stärksten Rivalen Lissoubas, zu verstärken. Es war eine Art Rache dafür, dass sie monatelang keinen Sold bekommen hatten, und wenn, dann nicht in der Höhe, die ihnen zustand. Natürlich kamen noch andere, große Probleme hinzu, die der verschiedenen ethnischen Zugehörigkeiten zum Beispiel. Was brauchte es mehr, um das Pulverfass, auf dem wir saßen, zum Explodieren zu bringen? Am 5. Juni, in den frühen Morgenstunden, kam es im östlichen Stadtteil Brazzavilles zu heftigen Kämpfen. Diese Kämpfe führten zunächst zwei Parteien gegeneinander: die oppositionellen Milizen Sassou-Nguessos, genannt Cobras, gegen die reguläre Armee Lissoubas, die Zoulous. Der darauffolgende Krieg, vor allem die Brutalität der Kämpfe, schockierte so manch einen. Waffen und Munition schienen geradezu im Überfluss vorhanden, und auch der Wille der verschiedenen Parteien, keinen Deut nachzulassen, war gegeben. Bald schon verschlechterte sich die Lage in Brazzaville so, dass die Sicherheit der Zivilbevölkerung, vor allem die der Europäer und der Nichtkongolesen, nicht mehr gewährleistet war. Fast täglich erreichten uns Meldungen, in denen von Vergewaltigungen und purer barbarischer Willkür die Rede war. Am Tag, an dem in Brazzaville die Kämpfe ausbrachen, befand ich mich mit einer Gruppe in der Stadt, um Einkäufe für den Zug zu machen. Wir hatten nur Sicherungsmunition dabei. In einem ernsthaften Engagement wäre in drei Minuten alles vorbei gewesen. Wir befanden uns mit dem Fahrzeug in einer engen Straße. Vor und hinter uns wurde heftig gekämpft, ein Ausweichen über Wege, die quer von der Straße wegführten, war unmöglich. Ich setzte sofort einen Funkspruch ab, in dem ich meine Position und die Lage angab. Da wir noch nicht behelligt wurden, forderte ich keine Unterstützung an. Einige Stunden später verlagerten sich die Kämpfe, und wir konnten nun ungehindert passieren. Nicht nur wir hatten an diesem Tag Probleme dieser Art.

  1. Juni 1997.

»Gast, lassen Sie für Ihren Zug Gefechtsbereitschaft herstellen, Sie haben einen Auftrag. Ich erwarte Sie in zwanzig Minuten zur Befehlsausgabe!«

Deutlicher ging es nicht.

»Ribeiro!«

»Chef?«

»Sag dem Chef, er soll Gefechtsbereitschaft herstellen und dann den Zug antreten lassen. Ich bin beim Capitaine zur Befehlsausgabe!«

Ich hatte den Dienstgrad Sergent-chef, war aber bereits Zugführer. Mein Stellvertreter, der SOA oder Sous-officier adjoint, hatte denselben Dienstgrad wie ich. Er hatte zwar wie ich ein CT-2, aber kein CT-2 / BMP2 infanterie légère, somit konnte er damals kein Zugführer werden! Ich selber wartete damals täglich auf meine Beförderung zum Adjudant. Ich konnte mir ungefähr vorstellen, welche Art Auftrag auf mich zukam, und fluchte leise vor mich hin. Wir hatten für den ganzen Zug nur zwei nicht gepanzerte Fahrzeuge. Das hieß, dass die Gruppen nicht taktisch aufsitzen, geschweige denn operieren konnten.

Im Falle eines Angriffs auf unseren Konvoi konnte ein eventueller Feind mit ein paar gezielten Feuerstößen im Vorfeld schon alles klarmachen. Diese und ähnliche Gedanken schossen mir durch den Kopf, bevor ich an der Tür klopfte, hinter der sich das Büro des Hauptmanns befand.

»Kommen Sie rein, Gast!«

Alle Zugführer der Kompanie waren da, zwei Leutnants, die mich wortkarg begrüßten. Der Hauptmann reichte mir die Hand und kam ohne Umschweife zur Sache.

»Hier.« Er wandte sich zur Karte an der Wand seines Büros und tippte mit dem Finger auf ein Quartier unweit der Présidence (Haus des Präsidenten). »Genau in dieser Häuserreihe haben sich Franzosen verbarrikadiert. Sie haben uns um Hilfe gebeten und es scheint, dass sie diese auch dringend nötig haben!«

Er sah von der Karte auf. »Sie, Gast, kommen mit mir. Unser Auftrag lautet, die Franzosen rauszuholen und hierherzubringen.«

Ich sah ihn fragend an. Das konnte noch nicht alles sein. Sein Gesichtsausdruck war mir mittlerweile vertraut. Ich konnte daraus wie in einem offenen Buch lesen.

»Jeder«, fügte er leise hinzu, »der sich uns vor Ort in den Weg stellt und uns daran hindern will, den Auftrag auszuführen, ist als Feind zu betrachten und so zu behandeln!«

Der Einsatzbefehl mit allen nötigen Details folgte. Es musste schnell gehen. Nur einige Stunden vorher hatte ich durch Zufall einen Béret rouge (Träger eines roten Baretts, also ein regulärer französischer Fallschirmjäger; hier sei bemerkt, dass alle Fremdenlegionäre ein grünes Barett tragen, auch jene, die keine Fallschirmjäger sind) getroffen, den ich persönlich kannte. Er war Garde du corps, Leibwächter des Generals, der die Truppen in Brazzaville befehligte. »Ich gebe dir einen Tipp«, hatte er mit ernster Miene gesagt. »Wenn du mit deinen Jungs je da rausmusst«, er zeigte mit seinem kantigen Kinn in Richtung Stadtmitte, »dann fackle nicht lang rum, wenn es losgeht. In der Stadt sind Tausende von Kämpfern, und nach Einbruch der Dunkelheit ist die Hälfte davon betrunken oder bekifft. Denen ist egal, wen sie umbringen – Hauptsache, sie sehen Blut!«

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Eines der mehr als tausend Opfer der Milizionäre – Ihr Hass und ihre Kugeln waren blind

Ich nahm die Worte aus dem Mund dieses Mannes zwar ernst, kümmerte mich aber nicht weiter darum, denn es war schließlich unser Job, unser täglich Brot, Aufträge dieser Art durchzuführen. Ich erwähnte es dennoch in einer stillen Minute dem Hauptmann gegenüber. Als ich zu den Unterkünften zurückkam, stand der Zug vollzählig angetreten. Die Musetten mit Munition und Notrationen waren aufgeladen, die Fahrzeuge, ein VLRA und ein Sovamag, standen mit laufenden Motoren bereit. Jeder hatte seine Waffe am Mann, und wie ich sah, waren die Waffen bereits teilgeladen. Mein Stellvertreter hatte gute Arbeit geleistet. Mit lauter Stimme erklärte ich kurz die Lage, gab den Vorbefehl für das Verlegen Richtung Poto-Poto und ließ aufsitzen. Mir war es wichtig, dass all meine Legionäre immer wussten, um was es im Einzelnen ging. Der Soldat muss informiert sein! Das war immer schon mein Standpunkt. Als das geschehen war, ließ ich die Gruppenführer sammeln.

»Die jeweilige Situation bestimmt ab jetzt unser weiteres Vorgehen. Keine Provokationen, solange man uns in Ruhe lässt. Die Feindseligkeiten eröffnen die anderen, nicht wir. Dann jedoch wisst ihr, was zu tun bleibt. Sind die Funkgeräte überprüft?«

Ich erntete ein Kopfnicken meines Stellvertreters. »Alles ist fertig. Die Funkgeräte sind okay. Jeder Gruppenführer hat außerdem Ersatzbatterien.«

Ich nickte ebenfalls und sah in die Runde. »Fragen?«

Einer meiner Gruppenführer sah zu den Fahrzeugen hinüber: »Ziemlich riskant mit nur zwei Fahrzeugen!«

»Stimmt. Es geht aber nicht anders, weil keine Fahrzeuge da sind. Sonst noch was?«

»Helme?«

Diese Frage hatte ich dem Hauptmann auch schon gestellt. Ich schüttelte den Kopf. »Der Hauptmann meint, das käme zu aggressiv rüber.«

In diesem Punkt war ich geteilter Meinung. Einerseits hatte der Hauptmann recht. Wir sollten so schnell und so diskret wie möglich zu den Franzosen vorstoßen, die unsre Hilfe brauchten, und den Auftrag nicht vorher schon durch großes Tamtam in Gefahr bringen. Andererseits … Lass es, mahnte mich eine innere Stimme zur Ordnung.

»Natürlich nicht«, sagte ich schroff. »Und nun los.«

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Unterstützung!

Die Kolonne bestand zunächst aus drei Fahrzeugen, wobei der Hauptmann mit seinem P4 vorneweg fuhr. In seinem Wagen: der Funker, ein ungarischer Unteroffizier, sein Fahrer, er selbst und noch ein vierter Legionär. Dahinter folgte ich mit einem VLRA, auf dem die dritte Gruppe und mein Zugtrupp saßen. Ich hielt einen Sicherheitsabstand von fünfzig Metern ein. Fünf Fahrzeuglängen nach mir folgte der Sovamag mit meinem Stellvertreter und der ersten und zweiten Gruppe. Bereits am ersten Checkpoint unweit der Avenue Schoelcher kam die Kolonne zum Stehen. Man wollte uns nicht passieren lassen. Ich sah den Hauptmann mit dem Chef des Checkpoints heftig diskutieren, wobei aus allen Richtungen immer mehr bis an die Zähne bewaffnete Kongolesen auftauchten. Die Sache gefiel mir nicht. Das war nicht der Moment, sich auf irgendetwas einzulassen. Vielleicht blieb uns aber gar keine andere Wahl. Ich griff in meine Musette und machte so unauffällig wie möglich eine Gewehrgranate bereit. »Sag deinen Männern, sie sollen sich bereit machen«, flüsterte ich dem Gruppenführer der dritten Gruppe zu. Danach stieg ich vom Fahrzeug und ging zum Sovamag, der fünfzig Meter hinter mir in den Schatten einiger Bäume gefahren war. Ich winkte den Gruppenführer der ersten Gruppe zu mir.

»Wenn es hier am Checkpoint schon losgehen sollte«, sagte ich wie beiläufig, »dann lass absitzen und beziehe links von der Straße Stellung. Ich versuche dann den Hauptmann mit der dritten Gruppe rauszuhauen. Ihr müsst uns so lange wie nur möglich Deckungsfeuer geben.«

Dem Gruppenführer der zweiten Gruppe gab ich den Befehl, rechts von der Straße Stellung zu beziehen, wenn es losging. Plötzlich hörte ich Motorengeräusche. Hinter uns kam eine Gruppe des GCP (ExCRAP) angebraust. Sie fuhren bis direkt zum Checkpoint, saßen ab und bezogen sofort Position gegenüber den Kongolesen. Genau das, was ich befürchtet hatte, war nun geschehen: Man goss Öl aufs Feuer! Ich hätte es dem Hauptmann durchaus zugetraut, durch bloßes Verhandeln die Situation zu entspannen. Aber jetzt? Das war wohl der Augenblick, in dem sich alles wendete, die Würfel geworfen wurden. Das GCP war in jeder Hinsicht eine höchst professionelle Eliteeinheit. Sie hatten ihre Befehle. Dennoch denke ich, dass in diesem Augenblick, in dem wir uns noch weit weg vom eigentlichen Einsatzort befanden, diese Machtdemonstration nicht unbedingt hätte sein müssen. Vielleicht, so sagte ich mir, hatte man sie über die Gesamtlage nicht ausreichend informiert (?) – ein Fragezeichen, das ich, ohne Kritik zu üben, sachlich beifüge, denn mein Vertrauen unseren Offizieren gegenüber, vor allem unserem damaligen Chef de corps, war total. Tatsache war: Wir mussten am Checkpoint vorbei; wenn es sein sollte, mit Gewalt. Doch genau diese Option barg Gefahren, die unseren Hauptauftrag gefährden konnten. Was, wenn uns der Gegner hier festnagelte? Über das Kräfteverhältnis konnte ich nur spekulieren.

Im Hintergrund hörte man Bewegungen. Feindliche Truppen bezogen Position. Man konnte sie nicht sehen und nur vermuten, wo ungefähr sie waren (und dass es viele waren!). Seltsamerweise war schon ein paar Minuten später die Situation so, dass man uns erlaubte, den Checkpoint zu passieren. Zu glatt. Zu schnell. Mir gefiel die Sache immer weniger.

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Wir saßen auf und bogen langsam auf die Avenue Schoelcher ein. Links von uns die hohe, weiße Mauer einer Kaserne der regulären Armee. Sie zog sich fast fünfhundert Meter in die Länge. Diese Mauer war nur etwa zwanzig Meter von uns entfernt und mit Stellungen, MG-Nestern, Schießscharten etc. nur so gespickt. Rechts von uns und so weit das Auge reichte, freie Fläche und dahinter der Fluss. Als der Konvoi sich mit allen Fahrzeugen auf der hell beleuchteten Allee befand, wurden all unsere Elemente gleichzeitig aus kürzester Entfernung mit brutalem Feuer belegt. Wir waren in einen sauber ausgeklügelten Hinterhalt gefahren! Wenn ich jetzt so zurückdenke, danke ich Gott, dass die, die uns die Falle gestellt hatten, keine serbischen Tschetniks waren, sonst wäre wohl keiner von uns mit dem Leben davongekommen. So aber? Die MG-Garben lagen allesamt etwas hoch oder kurioserweise zu tief. Dennoch waren die ersten Schüsse wirksam und mörderisch. Alle Fahrzeuge waren aufgrund von Schüssen in den Motorblock oder aufgrund der zerschossenen Reifen festgenagelt, wo sie gerade standen. Fünfzig Prozent der Funkgeräte (damit meine ich vor allem auch die großen Antennen mit ihren Basen aus Keramik, die ungeschützt an den Fahrzeugen angebracht waren) waren nicht mehr einsatzbereit. Einer meiner Gruppenführer war in den Rücken geschossen worden und lag schwer verwundet im Graben hinter dem Fahrzeug. Unweit davon lag schwer verletzt Jefferson, einer meiner Legionäre. Er hatte einen Kopfschuss (beide überlebten). Diese Informationen über Verluste bzw. verletzungsbedingte Ausfälle erreichten mich aber erst später. Einer meiner Scharfschützen hatte einen Streifschuss an der Hüfte und verdankte sein Leben wohl seinem Zielfernrohr, das allerdings völlig zertrümmert war. Wie gesagt, das war die Situation drei Sekunden nach dem ersten Kontakt. Der Kampflärm war so intensiv, dass eine Befehlsgebung zunächst weder durch Zuruf noch über Funk möglich war. Die Reaktion meiner Männer war, wie ich sie nicht anders erwartet hatte. Während einige es auf sich nahmen, ihre Kameraden durch Feuer zu decken (sie selber hatten keine oder nur wenig Deckung), sprangen die anderen ab und suchten sich Stellungen rechts von der Fahrbahn in einem Graben, der gerade mal so hoch war, dass man sich mehr schlecht als recht darin vor den heranfetzenden Maschinengewehrgarben in Sicherheit bringen konnte. Mit Ruhe und Präzision schossen die Legionäre nun zurück, aber die Lage war prekär. Wie ich feststellen konnte, waren alle Feind-MGs gut platziert. Zu gut! Ich sah nur die Mündungsfeuer. Wie auf einem Präsentierteller lagen wir in nur zwanzig bis dreißig Metern Entfernung einem Feind gegenüber, der jede unserer Bewegungen mit massivem Feuer begrüßte. Es genügte, den Kopf nur ein paar Zentimeter zu heben, und schon wurde man unter Beschuss genommen. Ich selbst war von meinem Fahrzeug abgesprungen, während es dem Fahrer noch gelang, etwa vierzig Meter mit dem Fahrzeug weiterzufahren. Dort saß der Rest der dritten Gruppe ab und ging sofort in Stellung: eine ungünstige Stellung, denn von da, wo sie war, konnte sie den Feind mit Handfeuerwaffen nicht erreichen. Neben mir lagen mein Funker und der Panzerfaustschütze der dritten Gruppe. Um mit der Panzerfaust eine der feindlichen Stellungen auszuheben, was nahelag, dazu war der Winkel zu spitz. Die Granaten wären wohl abgeprallt und hätten die eigene Truppe gefährdet (Wie ich später selber feststellen sollte!). Was wir bitter benötigten, war Rauch, doch war es unnötig, darüber nachzudenken: Alle Rauchgranaten waren auf einem der Fahrzeuge, das unter massivem Beschuss stand. Die Nacht selber bot keinen Schutz, dafür war es zu hell. Also dritte Gruppe außer Gefecht, weil sie von dort, wo sie sich befand, nicht wirken konnte und bereits vom Hauptmann nach außen hin in Position gebracht worden war: eine taktisch kluge Entscheidung, denn der Feind hätte von dort leicht unsere Flanke aufreißen können. Wäre das geschehen, wär’s das wohl gewesen! Als ich etwas später zu der Position der dritten Gruppe kam, musste ich feststellen, dass der Hauptmann gut daran getan hatte, den Flügel zu sichern: In der Dunkelheit entlang der Avenue Schoelcher Richtung Poto-Poto wimmelt es nur so von schwarzen Soldaten. Die erste und zweite Gruppe waren durch massives, nun Dauerfeuer des Feindes neutralisiert. Jegliche Bewegung – Rückzug aus der mit Feuer belegten Zone oder ein befreiender Gegenangriff – hätte unweigerlich schwere Verluste bedeutet. Eine Kontaktaufnahme per Funk mit den Gruppenführern Eins und Zwei misslang zunächst, dagegen war es mir gelungen, den Hauptmann über Funk zu erreichen.

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Er hatte bereits Verstärkung angefordert! Nebenbei: Die Verstärkung, es handelte sich um die CEA, sollte vom Camp ORSTOM aus operieren. Das hieß, dass sie aller Voraussicht nach bereits in wenigen Minuten eintreffen konnte. Etwa zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich über Funk von meinem schwerverletzten Gruppenführer und einem ebensolchen Legionär. Foniok, ein polnischer Caporal, hatte inzwischen das Kommando anstelle seines Gruppenführers übernommen. Ich befahl ihnen zu bleiben, wo sie waren, ihre Rundumsicherung sicherzustellen und den Feind durch sporadisches Feuer davon abzuhalten, unsere Stellungen zu stürmen. Eine andere Lösung sah ich vorerst nicht, zumal, wie gesagt, rechts von uns Truppenbewegungen stattfanden, wir aber keine Informationen darüber hatten, wer diese Truppen waren und welche Absichten sie hegten. Alle Szenarien waren möglich! An Munition verfügten wir nur über das, was jeder am Mann in seinen Magazin- oder Munitionstaschen hatte. Die meisten Musettes (worin sich der Löwenanteil der Munition befand) waren auf den Fahrzeugen geblieben, die unter Feuer lagen. Ich informierte Gruppe Eins und Zwei darüber, dass eigene Truppen von links (links von ihrer Position aus gesehen, wenn man den Feind als geradeaus betrachtet) kommen würden, und gab, als diese sich der Kampfzone näherten, den allgemeinen Feuerbefehl an all meine Elemente. Einer meiner Legionäre neben mir schoss eine Gewehrgranate auf eine feindliche Position ab. Es war ein schwarzes Loch in der Mauer, aus dem anhaltendes Mündungsfeuer aufblitzte. Links von mir hörte ich nun auch unser schweres MG losrattern, eine Mit. 7,62 mm: Musik in meinen Ohren! Doch schon nach einer kurzen Salve verstummte sie. Welsh, der Schütze, ein irischer Caporal, sagte mir später, dass fast die gesamte Munition aus Blindgängern bestanden hatte. Als ich mir dann skeptisch die Munitionsbänder ansah, packte mich ohnmächtige Wut. Man sah deutlich die Abdrücke des Schlagbolzens auf den Hülsen. Es waren tatsächlich Blindgänger gewesen, jeder einzelne verdammte Schuss! An der Waffe (Schlagbolzen defekt etc.) hatte es nicht gelegen. Inzwischen war es Elementen des GCP gelungen, sich bis zu meinem verletzten Unteroffizier und dem verletzten Legionär heranzuarbeiten. Bei dieser brillanten und waghalsigen Aktion, die einmal mehr zeigte, zu was diese Einheit fähig ist, starb einer ihrer Soldaten im Feuerhagel. Caporal Gobin war auf der Stelle tot! Ohne das Eingreifen des GCP wären Jefferson und Lefevre, meine beiden schwerverletzten Männer, ihren Wunden erlegen. Die Verstärkung (CEA) bezog links von meinem Zug, gegenüber dem Feind, Position. Dabei gerieten ihre vordersten Elemente unter Beschuss. Bei dieser Aktion wurden ein Offizier, zwei Unteroffiziere und drei weitere Legionäre zum Teil schwer verletzt, unter ihnen Sergent Pirhonen sowie die Legionäre Girard und Rakoto. Sobald die Verstärkung ihre Positionen bezogen hatte, nahm sie ihrerseits den Feind unter Feuer. Ein Feindfahrzeug wurde von einer ihrer AC 58 Gewehrgaranten regelrecht zerfetzt. Hand- und Gewehrgranaten kamen auf kürzeste Distanz ununterbrochen zum Einsatz. Brazzaville hatte seinen Krieg! Einem Unteroffizier der CEA es war der glatzköpfige Hüne Kane, gelang es, von seinen Männern gedeckt, sich unter der Mauer in einem toten Winkel zweier MGs zu positionieren. Von dort aus warf er in rascher Folge eine Handgranate nach der anderen, die allesamt in den Feindstellungen krepierten. Für die Dauer einer Sekunde kam es mir vor, als führe Kane einen kompromisslosen Alleinkrieg, während er, total abgeklärt und aufs Höchste konzentriert, mit dem Rücken zur Mauer dort stand. Die Kongolesen zahlten an diesem Tag einen hohen Tribut. Gut zwei Dutzend von ihnen waren tot oder schwer verletzt außer Gefecht.

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