Die Fallschirmjäger der Fremdenlegion: Einsätze und Operationen in Afrika von 1965 bis 2015

Teil 3

Tschad 1990 1

Rückkehr des 2. REP in den Tschad, im Dezember des Jahres 1990. Lybische Gefangene werden abtransportiert.

Tschad. 13. Februar 1970

»Sie wollen was?«

Leutnant Piétri dachte zunächst an einen Scherz.

»Ich muss meinen Bezirk inspizieren, ein paar Reden halten und den Bauern sagen, dass wir sie nicht vergessen haben. Und da könnte sich ein Begleitschutz als nützlich erweisen.« Der Unterpräfekt meinte es ernst. Die Lage in Mangalmé hatte sich mit dem Eintreffen der Legion in der Stadt und der Region sichtlich beruhigt. Um zu verhindern, dass die Rebellen sich die mentale Unterstützung der Bauern im Distrikt holten, wollte die Regierung jetzt handeln. „Kavallerist“ Piétri, der Verantwortliche für die Garnison Mangalmé, stimmte sofort zu.

»Wie viele Männer benötigen Sie für Ihre Kampagne?«

»Das liegt einzig und allein in Ihrem Ermessen, cher lieutenant!«

»Gut! Ich stelle Ihnen einen Zug ab, dazu drei Fahrzeuge und einen Chef, von dem ich große Stücke halte!«

Der Unterpräfekt blinzelte.

»Ich komme persönlich mit«, lachte der Leutnant. »Also, wann geht es los?«

Am nächsten Morgen pünktlich zum Sonnenaufgang rückte der Zug aus. Die Sitzflächen der Dodges waren aus Holz. Das war gut für ein paar Stunden, danach aber wurde es schnell unbequem. Wie immer, wenn Legionäre vorrückten, ob zu Fuß oder mit dem Fahrzeug, beachteten sie auch dieses Mal strenge Regeln. Das Prinzip „keine Bewegung ohne Feuer, kein Feuer ohne Bewegung“ steckte tief in ihrem Blut. Sobald sie sich einem Dorf näherten, fuhr ein Element in Deckung, saß ab und brachte sich in optimaler Kampfentfernung zum Ziel in Stellung. Eine Gruppe sicherte die Zufahrtswege, während der Rest des Zuges in den Ort eindrang, um zu sehen, ob dort die Luft rein war. Erst dann begab man sich getrost zum Marktplatz, wo der Unterpräfekt seine Reden schwang. Gegen Mittag erreichten sie ein völlig unscheinbares Dorf. Während der Unterpräfekt die Dorfbewohner zusammentrommelte, sah sich Leutnant Piétri etwas in der Gegend um. Und er sprach mit einigen Einwohnern. Was er in Erfahrung brachte, verpasste ihm augenblicklich einen gewaltigen Adrenalinstoß.

»Die Rebellen waren hier!«

»Wann?«

»Eben erst, vor einer Stunde.«

Piétri sah nach Westen hinüber. Dort begann es bereits zu dämmern.

»Und wo sind sie hin?«, fragte er innerlich aufgewühlt.

Der alte Bauer wies in eine Richtung. »Da rüber.«

»Verdammt, muss man dir jeden Wurm einzeln aus der Nase ziehen? Wie viele waren es?«

»Dreimal so viele, wie ihr es seid«, sagte der Bauer lachend und zeigte dabei eine Reihe verfaulter Zähne. »Und jede Menge Waffen hatten sie auch dabei. Funkelnagelneue sogar.«

Nun gab es nichts mehr, was Leutnant Piétri zurückhalten konnte.

»Gruppenführer, aufsitzen lassen!«, brüllte er, sprang auf sein Fahrzeug und brauste davon. Die Befehle gab er unterwegs per Funk.

»Direktion immer mir nach, Reihenfolge egal, Feuer frei auf Imitationen oder wenn ihr die Rebellen als solche ausmachen könnt. Eine Rebellengruppe ist auf dem Weg ins nächste Dorf, deshalb!«

Die Legionäre, von den vorausgegangenen Manövern in der prallen Sonne noch völlig erschöpft, waren plötzlich hellwach. Zwei Fahrzeuge schossen an Piétri vorbei und rasten mit voller Geschwindigkeit auf die Rebellen zu, die sich genau in dem Augenblick zeigten, in dem die Sonne langsam am Horizont erlosch. Das anschließende Gefecht war kurz, aber heftig. Ein Legionär wurde dabei schwer verletzt, elf Rebellen getötet.

5

Wahre Anekdoten.

Leutnant Piétri wurde gegen Ende des Tschad-Aufenthaltes von einer Kugel erwischt. Sie traf ihn in die Brust. Einmal im Krankenhaus in Fort Lamy, hatte der Leutnant jedoch nichts Besseres zu tun, als die „Mauer“ zu machen. Er hatte es vor Langeweile nicht mehr ausgehalten und streifte deshalb nachts durch die Bars.

Ein Legionär, der bei einem Einsickern hinter die feindlichen Linien den Marsch seines Zuges nach hinten sicherte, wurde auf ein Knistern in seinem Rücken aufmerksam. Da er aber in der stockdunklen Nacht nichts Ungewöhnliches sah, und zwischendrin immer mal alles friedlich war, dachte er sich nichts weiter dabei. Erst als das Geräusch nach einigen Minuten wiederkehrte, ging er in die Hocke und zielte mit dem Gewehr in die Richtung, aus der er gekommen war. Schon bald darauf löste sich ein riesenhafter Schatten aus der Dunkelheit. In seinen Spuren lief tatsächlich ein Löwe.

Mit dem Beginn des Jahres 1970 änderte sich vieles. Urplötzlich tauchten neuwertiges Gerät und moderne Waffen in den Händen der Rebellen auf. Bewegten sie sich gestern noch zu Fuß oder auf den Rücken ihrer Pferde und Kamele, so sah man sie seit kurzer Zeit aufgesessen auf brandneuen 4×4 Toyota Pick-ups. Und oh Wunder, sie besaßen plötzlich schwere, auch deutsche MGs und Mörser. Ob sie diese handhaben konnten und wie, das stand auf einem anderen Blatt. Was beunruhigender war: Es schien so, als hätte jemand den Rebellen über Nacht etwas ins Ohr geflüstert! Sie besannen sich plötzlich darauf, dass sie schon immer einen Guerillakrieg gegen die reguläre Armee, aber nicht zuletzt auch gegen die unerwünschten Ausländer, die sich das Land untertan machen wollten, geführt hatten. Ein frischer Atem, der des Aufstandes und der Rebellion, füllte plötzlich ihre Lungen. Und der erreichte den gesamten Norden Tschads. Wie der Schirokko, der unaufhaltsame Saharawind, ging ein Aufschrei von Hütte zu Hütte, von Dorf zu Dorf, von Erg zu Erg. Dieser Schrei hatte nur eine Bedeutung. Widerstand, koste es, was es wolle!

Bei den Legionären gab es nichts Neues. Zumindest mussten sie sich immer noch mit Waffen herumschlagen, die aussahen, als kämen sie direkt vom Schwarzmarkt oder aus dem Museum. Ihren Kampfgeist sollte das aber nicht beeinträchtigen: Im Gegenteil! Nachdem sie Weihnachten in ihren Außenposten gefeiert hatten, kam es am 6. März 1970 zu schweren Kämpfen in der Provinz Ouadaï, genauer gesagt in der Region Safay. In einem Feuergefecht stellte die erste Kompanie eine Rebellengruppe auf dem Markt von Dabandat. Eine zu Hilfe eilende Nomadeneinheit wurde sofort unter Beschuss genommen. Ihr Führer fiel. Der Arzt des 2. REP, Michel de Larre de la Dorie, wurde tödlich getroffen, als er den Mann, der schwer verletzt am Boden lag und sich nicht mehr rührte, bergen wollte. Die Methodik und die Effizienz, mit denen die Legionäre in jedem Kampf zu Werke gingen, erzeugten beim Feind Wut und Verzweiflung. Das jedoch machte ihn umso gefährlicher. Am 17. März 1970 operierte die motorisierte Kompanie unter dem Befehl des Capitaine Aubert im Gebiet zwischen Mangalmé und Oum-Hadjer. Gegen 17 Uhr 30 geriet der stellvertretende Kompaniechef mit dem dritten Zug bei dem Ort Dabazin in ein Feuergefecht mit den Rebellen. Fünfzehn Gegner wurden getötet, ein paar alte Waffen erbeutet, die eigenen Wunden gepflastert. Am 28. November kam es im Canyon Guelta-Maya zu einem Kampf zwischen Rebellen und der CMLE. Die Rebellen ergriffen die Flucht. Ende Dezember fand in der Region um Abou Deia, Am-Timan und Azrak die Operation „Coccinelles“ statt. Zwei Legionäre der CMLE fielen bei Tchalak. Das Ende des Abenteuers Tschad näherte sich. Als ob die Legionäre rochen, dass sie anderswo niemals so brillante Kampferfahrungen sammeln konnten, stürzten sie sich ohne Morgen in jedes einzelne Gefecht. Nur für die CAE des Hauptmanns Wabinski jedoch sollte es noch eine Überraschung in letzter Minute geben. Doch das ahnte zu der Zeit noch niemand.

ZOUAR 1970

Ein Schützengraben in Korsika

Die erste Begegnung zwischen Oberst Wabinski und mir fand gegen Ende 1987 statt. Das Regiment hielt ein Manöver oben in den Bergen Korsikas ab. Es herrschte ein Sauwetter, regnete, was der schwarzgraue Himmel hergab. Die Wolken klebten wie schwarze Trauben am Cappu Giovu, der über die Balagne zu wachen schien. Die Temperaturen waren auf den Nullpunkt gesunken. Ich lag in einem Schützenloch auf meiner vom Regen nassen Zeltbahn, als sich aus dem Nebel heraus plötzlich eine bullige Gestalt löste. Der Mann, es war Oberst Wabinski, ließ sich neben mir im Trockenen nieder, zog eine Thermosflasche aus einem kleinen Rucksack und schenkte Kaffee in einen Blechnapf, den er mir hinhielt. »Trink, Caporal!« Der Befehl eines Obersten des 2. REP wird nicht diskutiert, weder damals noch heute. Der Colonel persönlich inspizierte seine Manövertruppe. Zu sagen, ich war verblüfft, trifft nicht das Wort, das mir damals im Kopf rumging: Ich war schwer beeindruckt! Ein oder zwei Jahre später begegnete ich dem alten Oberst am Flughafen in Nizza wieder. Fast hätte ich ihn nicht erkannt. In Zivil sah er aus wie ein stattlicher Weinbauer, dem der Anzug nicht so recht passen wollte, nicht aber wie ein ehemaliger Stabsoffizier der Fremdenlegion. Es war schon etwas Ironie mit im Spiel, denn ausgerechnet von hier, von Nizza aus, startete im Jahr 1969 das Tschad-Abenteuer für Frankreichs Prestigeregiment. Und der „Weinbauer“ war Teil dieses Abenteuers. Und nicht der geringste.

 

Tschad – Faille Leclerc, Oktober 1970

Steht man auf dem Em-Koussi, dem höchsten Berg des Tschad im Südosten des Tibesti-Gebirges hoch oben im Norden des Landes, dann hat man, an einem schönen Tag, einen herrlichen Ausblick auf den Pass von Zouar. Zouar ist eine kleine Militärgarnison der Armée nationale tchadienne (ANT) unweit der Grenze zum Niger. Die Garnison besteht aus einem winzigen Außenposten, einer vier Kilometer entfernten Landepiste und einigen windschiefen Baracken. Die Landschaft rundherum ist rüde. Schroff abfallende Felsen, schwindelerregende Höhenzüge, tiefe, von Felsvorsprüngen verdeckte Täler, in die nie das Licht der Sonne fiel, wechseln sich ab mit schwarzen Vulkansimsen, hohen Plateaus, Sandsteintürmen, steilen Klippen und salzpfefferfarbenen Natronlöchern. Der Pass, auch „Faille Leclerc“ genannt, ist ein Durchlass, eingekeilt zwischen zwei emporragenden Felsen. Nur dieser Pass gibt den Weg in den Nordwesten des Landes frei. Wer in diese Gegend kommt, der hat etwas zu verbergen. Sicher war es die Mordlust, die eine Bande Toubous hierher verschlug. Seit Monaten schon verübten sie Anschläge auf die ANT. Erst dieser Tage hatte die reguläre Armee bei einem Hinterhalt elf Männer verloren. Die Soldaten wagten sich kaum mehr aus der Kaserne, verrammelten nachts Türen und Fenster und beteten, bald von hier verschwinden zu können. Am 22. Oktober rührte die französische Armee endlich die Kriegstrommeln. Die Operation Picardie-2 wurde in aller Eile beschlossen. Unverzüglich sollten Soldaten nach Zouar verlegen. Doch nicht irgendwelche Soldaten, sondern die Paras Legion. Capitaine Wabinskis Männer, um genauer zu sein. In einer in dieser Form noch nie durchgeführten Sturmlandung per Flugzeug sollte Wabinski den Militärposten aus der Umklammerung der Rebellen befreien. Eine nach der anderen hoben mehrere Nord Noratlas in Abéché ab. Sie flogen die fast 900 Kilometer im taktischen Tiefflug Richtung Zouar und landeten im Intervall auf der staubigen Piste. Die einzelnen Maschinen rollten noch, als die Legionäre, aufgeteilt in Kampfgruppen, die Waffe in der Hand und das schwere Gepäck auf dem Rücken heraussprangen und gefechtsmäßig den ihnen zugewiesenen Zielen entgegeneilten. Kaum hatte eine Maschine sich ihrer Last entledigt, hob sie bereits wieder ab, sodass die nächste anlanden konnte. Das perfekt getimte Spiel wiederholte sich so lange, bis die Kampfzüge Polge, Kreher und Brasseur am Boden und die Kompanie Wabinski komplett war.

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In Windeseile und ohne auf Widerstand der Rebellen zu stoßen, wurde der Flughafen gesichert. Daraufhin stießen die Legionäre nach Zouar vor, wo sie von den Soldaten der ANT frenetisch als Befreier empfangen wurden. Im Nu wurde auch die Straße nach Faya-Largeau gesichert. Die für die Operation notwendige Militärkolonne konnte nun getrost auf dem Landweg nachrücken. Was die Legionäre nicht wussten, war, dass sie beobachtet wurden. Die Rebellen der zweiten Armee lagen rundherum auf den Bergkämmen und ließen sich keine ihrer Bewegungen entgehen. Es waren Toubou. Niemand wünschte sich einen Toubou als Gegner! Diese Krieger der Nord-Armee waren zähe Hunde. Sie kamen wochenlang mit einer Handvoll Datteln und etwas Kamelmilch aus und überwanden dabei Strecken, die in den Ohren eines Europäers höchst unwahrscheinlich klangen. Das Gewehr schien eine Verlängerung ihrer Arme zu sein, so zielsicher und behände gingen sie damit um. Der schlimmsten Folter begegneten sie mit Hochmut. Mit einem Hochmut, der die Franzosen in den Wahnsinn trieb. Und nun saßen sie da oben in ihren schattenverhangenen Grotten im Pass von Zouar und warteten mit brennender Ungeduld auf die Legionäre.

Bis jetzt ging alles glatt. Die Kompanie Wabinski musste keinen einzigen Schuss abgeben, weil der Gegner sich nicht gezeigt hatte. Solange man sie nicht in ihren Grotten behelligte, war ihnen scheinbar alles gleichgültig. So einfach konnte Krieg sein. Der zweite Teil der Operation sollte bald schon beginnen, doch wie der aussah, wusste im Augenblick nur Chef de Bataillon Dominique, der Mann also, der die Operation Picardie-2 leitete.

FINAL COVER

»Ich möchte, dass Sie Ihre Kompanie nach Einbruch der Dunkelheit durch den Pass von Zouar führen!«

Endlich war es heraus.

Wabinski hielt die Luft an. »Na, wenn’s weiter nichts ist!« Es klang ironisch, was dem Kommandanten Dominique nicht entging. Er quittierte es mit einem Lächeln und sprach weiter.

»Vermeiden Sie jeglichen Kontakt. Schleichen Sie sich an den Toubous vorbei und errichten Sie in seinem Rücken eine Art Auffanglinie. Wir greifen sie dann von hier aus an. Ihr Auftrag ist es, zu verhindern, dass die Toubous nach Libyen flüchten.«

»Verstanden, mon commandant«, nickte Wabinski, dessen Gesicht eine reglose Maske war. Er wusste, was dieser Befehl bedeutete. Zahlenmäßig waren die Toubous ihm weit überlegen, ihre Positionen vortrefflich gewählt. In Unterzahl dagegen anzurennen konnte keinem Chef behagen. Sollten die Toubous Wind davon bekommen, dass die Legionäre in den Pass stiegen, war der Auftrag ein Himmelfahrtskommando.

»Ach ja. Ich gebe Ihnen einen Zug der lokalen Armee mit«, schloss Dominique ab. »Es sind Soldaten aus der Region. Sie kennen den Pass wie ihre eigene Hosentasche. Im Morgengrauen müssen Sie und Ihre Legionäre Stellung bezogen haben, und nun gehen Sie. Viel Soldatenglück!«

Noch in der gleichen Nacht verließen die Späher der ANT ihre Positionen und verschwanden wie Schatten im Pass. Die Legionäre, Mörser und schwere MGs auf ihren Schultern, folgten ihnen völlig lautlos und klar zum Gefecht. Rauchen und Licht waren verboten. Alle Quellen, die auch nur das geringste Geräusch verursachen konnten, wie gegeneinanderschlagende Essgeschirre oder klappernde Bajonette, wurden mit Lappen und Tüchern umwickelt. Wabinski wollte nichts dem Zufall überlassen. Alles, was er wollte, war kämpfen, aber zu seinen Bedingungen.

Im Pass war es still. Dunkel, kalt und still!

»Hier möchte ich nicht begraben liegen!« Es war Leutnant Polge. Er hatte sich neben Capitaine Wabinski niedergelassen und starrte regungslos in den dunklen Pass hinunter. Irgendetwas lauerte da vorne, doch er konnte das unbestimmte Gefühl, das ihn überkam, nicht mit Worten beschreiben.

»Ich weiß, was Sie meinen«, kam Wabinski ihm zuvor. »Aber was immer auch im Pass auf uns wartet, wir kriegen es bald raus. Sagen Sie Ihren Männern, sie sollen ab jetzt doppelte Wachsamkeit walten lassen.«

Der Leutnant nickte und verschwand. Einer nach dem anderen durchquerten die Kampfzüge vom Feind unbemerkt die tiefe Schlucht und gingen nördlich des Passes in Stellung. Gerade noch müde und verschwitzt, kroch nun die eisige Kälte in die Knochen der Legionäre. Sie waren plötzlich hellwach, doch der Abschnitt schien ruhig. Der erste Schuss fiel genau in dem Augenblick, in dem die ersten Sonnenstrahlen an ihren Kampfuniformen leckten. Sergent-chef Himmer vom Zug Polge bäumte sich auf und fluchte lautlos. Blut strömte aus einer hässlichen Wunde an seinem Arm und tropfte zu Boden.

Die Toubous waren erwacht!

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Es gab kein Geschrei. Nur ihre Schüsse fielen mit einer erschreckenden Präzision. Sie nahmen sich alle Zeit der Welt, bevor sie am Abzug drückten, auch weil sie wussten, dass Munition etwas sehr Wertvolles war. Das galt besonders hier oben in den Bergen. Ihr privilegiertes Ziel waren die Gruppen- und Zugführer, die Funker, die MG-Schützen und Sanitäter. Obwohl die Legionäre das Feuer sofort erwiderten, gab es innerhalb der ersten Minuten bereits einige Verletzte in ihren Reihen. Capitaine Wabinski sah auf die Uhr. Vergeblich warteten er und seine Männer auf eine Fallschirmjägerkompanie der ANT. Diese sollte mit Hubschraubern anlanden und den Toubous in den Rücken fallen, damit die Legionäre bei erstem Tageslicht ihre Manöver durchführen konnten.

Als die Hubschrauber zu hören waren, fluchte Wabinski.

»Die Piloten müssen besoffen sein!«

Der Legionär, der neben ihm lag, konnte sich ein Lachen gerade noch so verkneifen.

»Klingt, als landen sie in Mongo«, sagte er und streckte mit einem schnellen Schuss einen unvorsichtig gewordenen Toubou nieder.

»Einer weniger, mon Capitaine.«

»Tot? «

»Kopfschuss«, bestätigte der Legionär.

Die Kompanie der ANT wurde viel zu weit vom Ziel entfernt angelandet. Es war absehbar, dass sie, der Sonne auf Gedeih und Verderb ausgesetzt, den ganzen Tag benötigen würde, um im schwierigen Gelände ihre geplante Ausgangsstellung zu beziehen. Den Legionären gelang es unterdessen nicht, die Toubous, die aus Grotten heraus das gesamte Gelände kontrollierten, zu übertölpeln. Ihre Lage wurde immer prekärer. Das änderte sich auch nicht, als die Toubous die Grotten verließen, um sich auf einem benachbarten Plateau in eine bessere Position zu bringen. Den Legionären wurden Munition und Wasser knapp. Die Sonne trug das ihre dazu bei, dass die Moral ihre ersten Kämpfe focht. Bevor die Nacht hereinbrach, heckte Capitaine Wabinski einen verwegenen Plan aus. Die Züge Polge und Brasseur sollten zurück in den Pass eilen, die Hänge auf der Südseite erklimmen und die Wüstenkrieger damit aus der Reserve locken. Es begann zu dunkeln, als der Zug Brasseur sich sammelte.

»Wir lassen alles zurück, was schwer ist und uns hinderlich sein kann!«

Leutnant Brasseur sah seine Legionäre der Reihe nach an. »Wer ein Handicap hat oder verletzt ist, bleibt hier.« Sein Blick blieb auf Hamann hängen. Der Deutsche wäre längst schon Unteroffizier, hätte er seinen Vorgesetzten gegenüber nicht immer so eine vorlaute Klappe.

»Wolltest du uns was sagen, Hamann?«

»Nun ja, wenn Sie mich schon fragen, mon lieutenant. Ich hab Durchfall, und zwar im Fünf-Minuten-Takt. Wenn mir das im Pass passiert, dann gute Nacht. Die Toubous riechen die Kacke auf einen Kilometer. Unser Auftrag wäre verpatzt.«

Die Legionäre, die um den Leutnant herumsaßen, grinsten.

»Guter Versuch«, antwortete der Leutnant. »Aber du kommst mit. Wenn das hier fertig ist, besorgen wir dir Windeln, sonst noch was?«

Hamann schüttelte den Kopf. Er hatte soeben eine Wette verloren. Kurz vor Mitternacht war er der Erste, der den Pass betrat. Ihn einmal durchquert, kletterten die Legionäre den steilen Südhang hoch und warteten, bis das erste Tageslicht ihnen eine bessere Sicht erlaubte.

Caporal Hamann, der ganz vorne lag, sah den Feind zuerst. Sofort legte er den Finger an seinen Mund und ballte die erhobene Faust. Es dauerte keine dreißig Sekunden, bis auch der letzte Schütze begriff, was vor sich ging. Vor ihren Augen, nur hundert Meter entfernt, lagen die Scharfschützen der Toubous. Sie hatten nichts bemerkt, starrten angestrengt in die entgegengesetzte Richtung.

»Wie hat der Alte das nur gerochen?«

»Schnauze, Hamann. Von links nach rechts nimmt jeder einen ins Visier, Feuer frei auf mein Kommando!«

Nach der ersten Salve gingen die Legionäre zum Angriff auf den völlig überraschten Feind über. Die Rebellen fielen, tot oder verwundet. Obwohl das Manöver aus der Luft von einer H-34 Pirate, ausgestattet mit einer Bordkanone 20 mm, unterstützt wurde, hatten auch die beiden Legionärs-Züge Verluste. Dauriac und Escobar sowie der Sergent-chef Kuckelkorn wurden im Feindfeuer schwer verletzt. Ludwig Kuckelkorn war ein erfahrener Kommando-Soldat, der erst im Jahr 1967 seinen Freifallerlehrgang absolviert hatte. Hier verwundet zu werden und seine Kameraden alleine weiterkämpfen zu lassen, schmeckte ihm gar nicht. Tags darauf wurden die letzten Feindelemente in den Grotten bei Goubone in unmittelbarer Nähe von Bardai aufgespürt, doch ihnen gelang die Flucht. Dabei ließen sie wichtige Dokumente und einen Teil ihrer schweren Waffen zurück. Danach herrschte einige Zeit lang Stille am Pass. Im November 1970 kam es zu einem letzten Einsatz. In der Region um Fada ereigneten sich teilweise schwere Gefechte, bei denen zwei Legionäre ihr Leben ließen. Zwölf Legionäre wurden verletzt. Die Gefechte bei Fada setzten den vorläufigen Schlusspunkt hinter die Abenteuer des 2. REP im Tschad. Das Regiment hatte insgesamt sieben Tote zu beklagen. Etwa hundert Legionäre wurden während des Einsatzes evakuiert. Entweder waren sie verletzt oder sie hatten sich eine im Land grassierende Virushepatitis eingefangen. Am 20. Dezember 1970 bestiegen die Paras die Maschinen, die sie nach Korsika, in ihre schöne Garnison in der Balagne zurückbrachten: Auftrag ausgeführt!

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Neu

INDOCHINA. Der lange Weg nach Dien Bien Phu

 

***

 

Die Fallschirmjäger der Fremdenlegion: Einsätze und Operationen in Afrika von 1965 bis 2015

Teil 2

 

Tschad – Herz der Finsternis

La Légion marche vers le front

En chantant nous suivons,

Héritiers de ses traditions

Nous sommes avec elles.

*

Die Legion marschiert voran.

Singend folgen wir.

Die Erben der Traditionen.

Wir sind mit ihr.

La Légion marche – Lied des 2. REP

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Als ich das erste Mal mit dem Phänomen Tschad in Berührung kam, ging der September 1987 gerade zu Ende. Die 1. Kompanie des zweiten Fallschirmjägerregimentes, in das ich von Guyana kommend abkommandiert wurde, hielt sich damals im fünftgrößten Land des afrikanischen Kontinents auf, sprang dort von einem Einsatz zum nächsten. Bis zu ihrer Rückkehr hatte man mich zum Ober im Saal der Leutnants in die Caserne Sampierio auf die Zitadelle von Calvi verdammt. Um mir die Zeit zu vertreiben, las ich alles, was mir, den Tschad betreffend, zwischen die Finger kam. Das erste Buch besaß höchste Brisanz. Geschrieben hatte es ein gewisser Pierre Claustre. Der Autor erzählte darin von der Claustre-Affäre. Im Jahr 1974 griff eine von Hissène Habré angeführte Toubou Rebellengruppe die Stadt Bardaï in Tibesti, im Norden Tschads, an und entführte drei Europäer. Christophe Staewen, einen deutschen Schriftsteller, Arzt und Neffen des damaligen Bundespräsidenten Heinemann, Françoise Claustre, eine französische Ethnologin und Archäologin, die am nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung arbeitete, und Marc Combe, einen Entwicklungshelfer. Staewens Frau, Elfriede, wurde bei dem Überfall getötet. Christophe Staewen selbst kam nicht zuletzt auch deshalb frei, weil die Bundesrepublik 2,2 Millionen Mark Lösegeld zahlte. Françoise Claustre aber blieb in den Händen der Toubous. Mit Major Pierre Galopin, einem französischen Offizier, Geheimdienstmann und Unterhändler, der sich um die Befreiung der Geiseln bemühte, machten die Toubous kurzen Prozess. Nach grausamer Folterung wurde er mitten in der Tibesti Wüste an einem Baum aufgeknüpft. Die Geiselnahme von Frau Claustre dauerte drei Jahre. Das Buch „l’Affaire Claustre“ führte mich als Leser durch die grandiose Landschaft der Borkou-Ennedi-Tibesti Wüste und hinein in Ereignisse, die einst auch für die Fremdenlegion geschichtsträchtig waren.

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Der lange Weg bis zur Unabhängigkeit Tschads von Frankreich im Jahr 1960 war steinig, die Meilensteine dorthin klassisch. Zuerst unterlag das Land dem französischen Protektorat, dann wurde es eine Kolonie. Es folgten nicht enden wollende Rebellionen. Dreimal mehr Raum bietend als Frankreich, erstreckt sich das Staatsgebiet großflächig zwischen Libyen im Norden und der Zentralafrikanischen Republik im Süden. Im Norden dominieren unzugängliche, zerklüftete Massive und die vulkanischen Gebirge des Tibesti die Landschaft. Unterirdische Flüsse speisen im Landesinneren kleine, in Talkesseln liegende Ergs und Oasen, während im Westen und im Süden Feuchtgebiete den Tag sehen, die an die braun-grüne Savanne der Nachbarländer erinnern. Nichts gleicht einem Sonnenaufgang in der Gegend um Abéché. Nirgends auf der Erde ist die Luft reiner als am Tschadsee. Kaum anderswo funkeln die Sterne so hell und atemberaubend schön wie im Erg du Djourab, und kein natürliches Monument erscheint identischer als der Hadjer el Hamis, der Felsen der Elefanten. Unwirklich und gleichermaßen real wie aus einem Gemälde von Joseph Eugen von Guérard wirken die zahlreichen Inselberge in der Guéra Provinz, dort wo der Norden der Zentralafrikanischen Republik sich mit dem Süden des Tschad vereint.

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Hadjer el Hamis, der Felsen der Elefanten.

Ich weiß das, denn ich kenne all diese Orte. Im Jahr 1991 betrat ich den Tschad zum ersten Mal. Angeführt von unserem Regimentskommandeur, Remy Gausseres, einem alten Baroudeur (Haudegen), einst Kompaniechef der dritten Kompanie, waren wir gekommen, um an der Operation Épervier teilzunehmen, also um das fortzusetzen, was unsere Vorgänger 1969 begonnen hatten.

 

Operation Limousin 1969 -1970

Das Eingreifen der französischen Truppen im Tschad 1969 bis 1970 war, nach Algerien, gleichzeitig die erste Militärintervention Frankreichs in einem souveränen, afrikanischen Land. Dieser Intervention gaben die Franzosen den Namen „Limousin“. Auf dem Höhepunkt der Militäroperation kämpften 2500 französische Soldaten, inklusive des gesamten 2. REP im Tschad. Ziel war es, die Hauptstadt N’Djamena, die bis 1973 noch Fort Lamy hieß, vor der Offensive der Rebellen der Front de Libération Nationale du Tchad (FROLINAT) zu schützen. Bei der FROLINAT handelte es sich um eine erst kürzlich entstandene Bewegung. Der Hass Nord-Süd aber, der für ihre Gründung verantwortlich gemacht wurde, saß von Beginn der Zeit an immer schon tief. Wir werden hier etwas an Ruanda und an das Verhältnis zwischen Hutu und Tutsi erinnert. Die feinzügigen, fast hellhäutigen Araber im Norden des Tschad sahen die Schwarzen im Süden von jeher als ihre Sklaven an. In seiner unendlichen Weisheit hatte Gott es so entscheiden. Erst als das Land die Unabhängigkeit erreichte, nahmen die Schwarzen ihre Revanche, und die war grausam. Sie, die Christen und Animisten, rissen den Großteil der zentralen Ämter an sich. Sie traten plötzlich als eine Art Herrenrasse in Erscheinung, eine Ethnie, die in allen Belangen bevorzugt wurde. Sonderrechte auf der einen und Benachteiligungen auf der anderen Seite, das ergab schon immer ein explosives Gemisch, aus dem unweigerlich Flächenbrände entstanden. Die Rebellen, hagere, von der Sonne gebräunte Muslime, Toubous, Hirtennomaden und Karawanenführer, kämpften ab sofort gegen das mit unbarmherziger Härte geführte Regime des Präsidenten François Tombalbaye. Der aus dem Süden stammende Protestant hatte nur Missachtung für die Araber des Borkou-Ennedi-Tibesti und für die Teda und Daza des Toubou Volkes übrig. Deshalb der Aufstand, ebendaher die Revolte. Gegründet wurde die FROLINAT 1966 in Nyala, im Sudan. Nicht wenige Denker und Lenker im Tschad sagten, sie sei nur eine Speerspitze des libyschen Imperialismus, der versuche, eine tiefe Wunde in die Flanke des Landes zu reißen. Was den Führern der Bewegung, Ibrahim Abatcha allen voran, tatsächlich im Kopf herumging, ihre wahren Absichten und ihre realen Ziele, das sei dahingestellt. Für die Menschen im Norden stellte sie nur eine Vereinigung halbwüchsiger Burschen dar, wozu auch dieser Habré gehörte. Die Männer hatten einen Traum, und der war nicht mal so schlecht. Sie träumten nämlich davon, nicht diese ständig steigenden Steuern zahlen zu müssen, damit sich die Herren aus dem Süden nicht noch mehr die eh schon dicken, fetten Bäuche vollschlagen konnten. Sie träumten, dass Willkür, Gewalt und Machtmissbrauch, die immer dann ins Spiel kamen, wenn sie nicht in der Lage waren, diese Steuern zu zahlen, endlich aufhörten. Und sie wollten, dass die Regierungssoldaten die Finger von ihren Frauen und Mädchen ließen. Und der Traum bestand aus dem Stoff, aus dem sich die Rebellen selbst schmiedeten. Rebellen, die besser schießen, die schneller und weiter laufen konnten und die verbissener ans Werk gingen als ihre Gegner, die Soldaten der Armee. Im zerklüfteten Land im Norden Tschads bauten sie ihre uneinnehmbaren Bastionen aus. Wurden sie verfolgt, so zogen sie sich über die Grenze nach Darfur in den Sudan oder in die Zentralafrikanische Republik zurück. Deshalb befanden sich ihre Basiscamps auch teilweise grenznah im Südosten des Landes in und um Am-Timan, aber auch in der Region um Mongo. Das Bollwerk, das Zentrum des Widerstandes jedoch, blieb der hohe Norden, die Steinwüste des Tibesti. Aus dem Nichts heraus stellten die Aufständischen zwei Armeen auf. Die erste Armee bestand aus Kämpfern der Ethnie der Ouaddaï. Die zweite Armee vereinte Gleichgesinnte der Ethnie der Gorane, der Toubou also. Die Toubou waren hervorragende Kämpfer, das Beste, was Afrika zu bieten hatte. Die Gefahr, dass die beiden Armeen schnurstracks nach Fort Lamy marschierten, schätzten die Militärs Ende des Jahres 1968, Anfang 1969 als sehr groß ein. Und auf der anderen Seite? Nun, die reguläre Armee Tombalbayes hatte keine Schlagkraft. Mit 1850 Soldaten zu wenige und im Kampf recht unerfahren, konnte sie nichts unternehmen, was die FROLINAT in ihren Zielen in irgendeiner Weise hätte beeinflussen können. Also bat der starke Mann Tschads Frankreich um Beistand. In der Tat gab es seit Mai 1961 mehrere geheime Militärabkommen zwischen den beiden Staaten, und so löste der Tschad de facto nur das bereits bezahlte Ticket ein. Die zu Hilfe eilenden Truppen Frankreichs gliederten sich in zwei Säulen: Soldaten der Marineinfanterie und Fremdenlegionäre.

1

 

Nizza / Fort Lamy, 16. April 1969

Das 390 Mann starke Legionärskontingent, kurz EMT-1, bestand aus der ersten und der zweiten Kompanie des 2. REP sowie aus einem Führungsstab und einer kleinen Stabs- und Versorgungskompanie. An Bord von 2 DC-8 verlegten sie frohen Mutes und von Neugier erfüllt von Nizza nach Fort Lamy. Die Waffen in der Hand, marschierten sie am nächsten Tag singend und im Gleichschritt im Camp Dubut ein.

En Afrique malgré le vent, la pluie.

Guette la sentinelle sur le piton.

Mais son cœur est au pays chéri.

Quitté pour voir des horizons lointains.

Ses yeux ont aperçu l’ennemi qui s’approche.

Qui s’approche. L’alerte est donnée, les souvenirs s’envolent.

Maintenant au combat.

In Afrika trotz Wind und Regen.

Der Posten wacht auf den Gipfeln.

Aber sein Herz ist im geliebten Land.

Losgezogen um ferne Horizonte zu sehen.

Seine Augen sehen den Feind, der sich nähert.

Der sich nähert. Die Warnung wurde gegeben, Erinnerungen kommen hoch.

Auf in den Kampf.

„En Afrique“, Legionslied. Ursprung: „Auf Kreta, bei Sturm und bei Regen“

Ehemaliges deutsches Fallschirmjägerlied im zweiten Weltkrieg

 

Das gesamte Détachement sollte an die Front verlegt werden, am besten am nächsten Tag, doch die knallharten Realitäten sprachen dagegen. Die zur Verfügung stehenden Fahrzeuge, sprich „Sektor“, rosteten seit langer Zeit schon vor sich hin. Sie auf Vordermann zu bringen erforderte etwas Geduld und viel Können. Eilig schienen es die Legionäre nicht zu haben, denn das Cameronefest stand unmittelbar bevor. Das wollten sie, wenn schon, in Fort Lamy feiern und nicht in einem abgelegenen Dorf in der Wüste. Wie bereits erwähnt, war es das erste Mal, dass die Paras Legion im Tschad zum Einsatz kamen. Einige alte Hasen unter ihnen haderten noch mit dem Rückzug aus Indochina, mit dem Verlust Algeriens und dem Abzug der Legion aus ihrer Hochburg Sidi-bel-Abbès. Doch Calvi, da waren sich alle Paras einig, erwies sich als weit besser als Ain-El-Turk oder Bou-Sfer (auch Aïn Boucefar), ihre letzte Garnison in Algerien. Tschad, das war wieder etwas völlig anderes. Es öffnete sich hier ein absolut unbekanntes Kapitel, mit einer vor kurzer Zeit entstandenen, vielversprechenden Legionärs- Generation. Vorbei die Idee des Festkrallens an Ländern, die einem nicht gehörten. Nicht gehören wollten! Vorbei auch die Zeiten, in denen der Legionär nicht wusste, wo und für was er kämpfte. Mangalmé, ein Ort gefährlich nahe der Grenze mit dem Sudan, war vor einigen Wochen von einer konsequenten Rebellengruppe angegriffen worden, und seitdem hatte man nichts mehr von dort vernommen. Es herrschte absolute Funkstille. Die reguläre Armee hütete sich, einen Vorstoß zu wagen, der sie an die Grenze zum Sudan oder auch nur annähernd in die Gegend führen würde. Sollten sich doch die Legionäre darum kümmern. Die Offiziere, Unteroffiziere und Legionäre des 2. REP kannten Land und Leute kaum, hilfreiche geographische Karten gab es nicht, und das Klima war erdrückend. Doch man passte sich an. Ihr Chef, Commandant Louis de Chastenet d’Esterre, der zwei Jahre lang in Colomb-Béchar (Algerien) in den Rängen des Deuxième Étranger verbracht hatte, war mit Wüstenregionen jedoch bestens vertraut. Wissen verbreitet sich flink, und so sah die Truppe, die am 28. April in Richtung Guéra-Provinz nach Mongo und Mangalmé ausrückte, nicht aus wie eine Einheit der Fallschirmjäger der Legion, sondern eher wie eine verschworene Bande, wie echte Söhne der Wüste. Sie trugen den landestypischen Chéche um den Kopf, hatten Sonnen- und Motorradbrillen auf, und die Ärmel der Uniformwesten waren so weit wie möglich nach unten gerollt, sodass kein Flecken Haut der gnadenlos vom Himmel brennenden Sonne ausgesetzt war. Das grüne Barett fand in der Tiefe des Rucksacks Platz, der Chapeau de Brousse, der ockerbraune breitkrempige Dschungelhut, zierte von nun an kantige, kahle Schädel. Die Legionäre waren nicht gekommen, um Krieg zu führen, so zumindest flüsterten es die Spatzen von den Dächern, sondern um einen solchen zu verhindern. Schießen?

Ja, aber nur in absoluter Notwehr!

In Mongo angekommen, wurde sofort ein Zug zum Schutz des Außenpostens befohlen, der Rest spaltete sich in zwei Kolonnen. Eine davon, es handelte sich um die erste Kompanie (Capitaine Saval) unter dem Befehl von Major Chastenet, schlug den südlichen Weg Richtung Mangalmé ein. Sie fuhr durch das Telfan Gebirge direkt nach Baro, einer winzigen Ortschaft, in der das Bergvolk der Hadjeraï lebte und in der es eine katholische Mission gab. Die andere Kolonne mit der zweiten Kompanie (Capitaine Aubert) sollte durch das nördliche Steingebirge vorrücken. Und zwar über eine schmale Holperpiste mitten durch die Landschaft am Guedi-Berg. Die zu überwindenden Schluchten erwiesen sich als eng, tief und steinig, der Weg bergauf steil und kurvig, und so kam das Détachement der zweiten Kompanie, angeführt von Capitaine Milin, nur langsam und beschwerlich voran. Oft genug mussten die Legionäre absitzen und die Fahrzeuge schieben, was bei Temperaturen um die 45 Grad Celsius kein Leichtes war. Die Rebellen der FROLINAT lauerten auf ihre Chance, den Konvoi anzugreifen. Die bot sich ihnen völlig unverhofft am späten Nachmittag des 29. April.

»Ein Panzergraben!«

Leutnant Chiaroni, Stabsfeldwebel Kretschmar und Legionär Meyer trauten ihren Augen kaum. Der Graben an sich stellte keine erhebliche Gefahr dar, sicher aber die hundertfünfzig mordlustigen Rebellen, die plötzlich die Berghänge füllten. Macheten, Speere und alte Schusswaffen in den Händen, stürmten sie schreiend die Geröllhalden hinunter, direkt auf die drei Legionäre zu. Chiaroni sah auf seine Uhr und fluchte laut. Das Vorauskommando war längst außer Sichtweite. Es musste sich einige hundert Meter weiter im Osten aufhalten. Die zweite Kolonne hingegen war zu der Tageszeit sicherlich in der Gegend um Baro. Der Leutnant setzte sofort einen Funkspruch ab und zerstörte anschließend das Funkgerät mit gezielten Schüssen aus seiner Pistole, einer alten P.A.M.A.C. Modell 1950. Dann zeigte er auf eine kleine Ansammlung hoher Felsen am rechten Wegrand.

»Dort hinüber, schnell!«

Meyer hatte noch nie auf einen Menschen angelegt.

»Wie ist die Lage?«, fragte er den Leutnant. Er lag auf dem Bauch, lugte hinter dem brüchigen Felsen hervor und fummelte nervös an seiner Pistole herum.

»Bestens!«, gab der Leutnant ironisch zurück. »Es würde aber dennoch an ein Wunder grenzen, wenn wir das hier überleben.«

»Sollen wir auf sie schießen?«

»Du Armleuchter«, erwiderte der Leutnant streng. »Mit der Pistole?«

Die drei Männer der Stabskompanie waren in der Tat nur mit Pistolen bewaffnet. Der Jeep, um den sich die Angreifer drängten, befand sich außer Schussweite. Noch hatte man sie nicht entdeckt. Der blutjunge Meyer war mit seinen Nerven fast am Ende. Den Blick des dienstälteren Kretschmar vermeidend, fragte er: »Mon lieutenant. Hatten Sie Angst? Bei Ihrem ersten Einsatz, meine ich.«

Erst jetzt wurde dem Offizier bewusst, dass er etwas falsch gemacht hatte.

»Ja«, sagte er in einem milderen Ton. »Und Angst haben wir Alten heute immer noch, wir denken nur weniger dran. Dafür soll man sich nicht schämen.«

Meyer dankte ihm, indem er erleichtert einatmete und sich sichtbar entspannte.

»Einer von uns muss den Konvoi warnen«, sagte der Leutnant mit einem Seitenblick auf den Adjudant-chef. »Kretschmar, das ist Ihre Aufgabe.«

Mehr brauchte der erfahrene Adjudant-chef nicht zu wissen. Er warf einen Blick auf die Rebellen, sprang auf, huschte hinter die hohen Felsen und verschwand in ihrem Schutz lautlos und ungesehen in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Kaum hatte er die nächste Kurve erreicht, sah er schon die Kolonne, die sich langsam vom Westen her auf ihn zuschlängelte. Er lief ihr entgegen und winkte sie heran. Der Beifahrer des ersten Wagens war Heer, ein deutscher Sergent. Heer grinste. »Mensch, mon Adjudant-chef. Machen Sie hier oben vielleicht einen Spaziergang?« Doch dann fiel ihm ein, dass Kretschmar nicht alleine unterwegs gewesen war. Nur zum Spaß würde er sich wohl kaum zu Fuß in dieser unwirtlichen Gegend herumtreiben. Mit einem wütenden Blick und wenigen Worten klärte Kretschmar den Sergent auf. Zunächst verblüfft, tätschelte Heer seine Waffe, eine brandneue MAS 1949-56. Mit der, so waren sich alle Legionäre im Regiment einig, konnte er Wunder vollbringen. Er beugte sich nach unten zum Fahrer.

»Fahr langsam vor bis zur Kurve, mach schon!«

Der Fahrer tat, was der Sergent von ihm verlangte. Einmal Sicht ins Gelände, erkannte Heer den Ernst der Lage sofort. Mit einem prüfenden Auge hob er die Waffe an die Schulter und schoss seelenruhig Kugel um Kugel in die Meute der Rebellen. Er hörte auch dann nicht auf, als neben ihm eine Zwölf-Sieben Bordkanone losratterte. Der Zug des Leutnant Germanos hatte seine Stellung erreicht und nahm den Feind seinerseits unter Feuer. Fünfzig Rebellen fielen dem präzise geführten Feuergefecht und dem sofort eingeleiteten Gegenangriff zum Opfer.

»Schöne Sache, Heer«, nickte Germanos dem Deutschen zu, als die Waffen endlich schwiegen. »Das war absolute Präzision. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr Name im Einsatzbericht erwähnt wird.«

»Kleinigkeit«, erwiderte Heer.

Kretschmar, der zugehört hatte, kriegte sich nicht ein.

»Und ich sorge dafür, dass Sergent Heer zwei Wochen lang Wache schiebt. In der Zeit kann er sich Gedanken darüber machen, wie man mit einem Adjudant-chef der Legion spricht, der wahrhaftig nichts anderes zu tun hat als bei 45 Grad im Schatten allein in der Gegend spazieren zu gehen!«

Nachforschungen ergaben, dass die Befehle, die den Hinterhalt ausgelöst hatten, auf Russisch über Funk gekommen waren. Anhand der erbeuteten Waffen und der Munitionsreste konnte auch eine eindeutige nachrichtendienstliche Spur in den Sudan gelegt werden. Die wichtigste Erkenntnis, die aus diesem Hinterhalt gezogen wurde, war die, dass die Rebellen die Legionäre zum Tanz gebeten hatten: Vorbei war die Zurückhaltung! Als nach der Operation alle Elemente des 2. REP in Mangalmé eintrafen, begann der Auftrag. Unablässig, Tag wie Nacht rückten die Patrouillen auf der Suche nach den Rebellen aus. Da man auf Helikopter verzichten musste, griff der Zug des Leutnant Piétri auf Pferde zurück. Das wurde nicht nur geduldet, sondern sogar begrüßt. Diese Art aufgesessene „Harka“ hatte sich bereits in Aïn Sefra (Algerien) bewehrt. In den darauffolgenden Tagen überschlugen sich die Einsätze. Zwischen Eref und Mangalmé wurden aus der Luft Rebellen entdeckt. Vier Sikorsky H-34 Hubschrauber mit einem Zug Legionäre an Bord hoben ab und landeten unweit der Stellungen der Banditen in einem engen Talweg. Kaum hatten die Maschinen den Boden berührt, schwärmten die Männer aus, umzingelten die Rebellen und töteten acht von ihnen. In diesem Trott ging es noch eine Weile weiter, doch die Rebellen lernten täglich dazu. Als ob es ihnen gerade eingefallen wäre, vermieden sie es plötzlich, tagsüber aktiv zu werden, und es schien gar, als ob sie den bewaffneten Kampf zeitweise ganz eingestellt hätten. Für die Paras war die Situation nicht unbedingt befriedigend. Die Zeit verging. Es gab zwar jeden Tag etwas zu tun, aber oft waren Müßiggang und Langweile der ärgste Feind der Legionäre in der Garnison Mangalmé. Alarmiert beugte sich De Chastenet über das Problem des sich unter den Männern breitmachenden Unmuts.

»Das ist normal«, beruhigte ihn Adjudant-chef Kretschmar. »Die Legionäre wollen kämpfen oder ficken. »Denen sind Marsch mit Gesang, der übliche Kasernendrill und die ständigen Corvées doch egal. Alles, was sie brauchen, ist ein gesalzener Einsatz. Oder Sie lassen Mädchen kommen. Ich könnte da was organisieren, bräuchte nur Ihr Einverständnis.«

»Das fehlte noch«, erwiderte der Kommandant barsch. »Aber bevor sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen …!« Er hielt inne und sah zum Fenster hinaus. Auf dem Vorhof standen Legionäre und gestikulierten mit Überschwang. Ihre lauten Stimmen drangen bis an seine Ohren.

»Mann, schaut mal, Hubschrauber!«

De Chastenet traute seinen Augen kaum. Aus der untergehenden Sonne heraus schälten sich ungewöhnliche Schatten. Hummeln gleich, flogen die Hubschrauber heran, drehten eine Schleife und landeten dann einer nach dem anderen auf dem Kasernenhof. Der Commandant rieb sich die Hände. Seinem Détachement waren definitiv die Hubschrauber zugeteilt worden, nach denen er immer wieder gefragt hatte. Außer sechs H-34 Truppentransporthubschraubern verfügten er und seine Männer nun über eine Alouette-2, eine H-34 „pirate“ – ausgestattet mit einer Bordkanone 20 mm – und über zwei Aufklärungsflugzeuge vom Typ Piper-Tripacer. Endlich konnten sie Aufklärung aus der Luft betreiben. Was den operationellen Teil anging, so dachte er daran, ähnlich zu agieren wie die Paras einst in Algerien. Die Piper oder die Alouette stöberten den Feind auf. Die H-34 brachten eine Einheit weit in seinen Rücken, wo die Männer sorgfältig angelegte Auffanglinien bildeten. Eine andere Einheit trieb ihnen die Rebellen dann direkt in die Arme. Auch erschien es unter diesen Umständen denkbar, weit im Hinterland, vor allem an den Pisten, die zur Grenze führten, ganz punktuell kleine Kommandos für einen nächtlichen Hinterhalt abzusetzen. In rascher Folge ereigneten sich mehrere Gefechte in der Region Bitkine, doch jedes Mal rückte die erste Kompanie aus, klärte die einzelnen Situationen und sammelte dabei wertvolle Kampferfahrungen. Die Legionäre gewöhnten sich langsam an den Einsatzrhythmus und an den Tschad. Im September verlegte die zweite Kompanie des Capitaine Aubert nach Fort Lamy und von dort, an Bord einer Trans Faya-Largeau all und dreier Nord Noratlas, weiter nach Faya-Largeau. Im Westen der Oasenstadt, mitten in der zerklüfteten Felswüste des B.E.T., hatten die Rebellen eine Einheit der regulären Armee angegriffen. Beim Eintreffen der Legion vor Ort wich der Feind aus. Der Ruf, der den Legionären stets vorauseilte, hatte sie vorsichtig werden lassen. Im Morgengrauen am Tag darauf stieß eine Patrouille auf die Ortschaft Bedo. Bedo war ein winziger Ort im Bembeche Massiv. Das „Bled“, wie die Legionäre ihn nannten, bestand aus ein paar heruntergekommenen Hütten aus gebranntem Lehm, die kreisförmig um den einzigen Platz des Dorfes standen. Ein alter Mann, begleitet von einem ockergelben Hund, kam den Legionären händeringend entgegen. Die anderen Einwohner waren zwar alle quicklebendig, hatten sich aber sicherheitshalber in den Hütten verbarrikadiert. Der Mann sprach kein Französisch, zeigte jedoch aufgeregt nach Norden. Dort, in der langsam aufgehenden Sonne gut sichtbar, begann ein tiefer, im Schatten hoher Felsen versteckter Canyon, dessen eng aufsteigende Felswände nichts Gutes verhießen. Capitaine Aubert begriff sofort. Prompt wählte er eine kleine Gruppe Legionäre aus.

»Nehmt die Verfolgung auf. Wenn ihr in einer Stunde nicht fündig werdet, kehrt um!«

Es wurde eine Hetzjagd. Die Legionäre ließen ihre Rucksäcke in Bedo zurück und drangen vorsichtig in den Canyon ein, in dem sich jeder Fels und jede Biegung als Hinterhalt anbot. Sie konnten den Feind hören, ihn aber nicht sehen. Immer wieder hielten sie an, weil vor ihnen verdächtige Schatten auftauchten, die sich dann aber als kleine, mit Stacheln übersäte Bäume entpuppten. Als das Licht besser wurde und die Umrisse sich endlich deutlicher herauskristallisierten, blieb der Legionär, der wie ein Jagdhund an der Spitze lief, plötzlich stehen. Atemlos, die Pistole in der Faust, war der Kommandoführer sofort an seiner Seite.

»Was ist los?«

»Da vorne sind sie!«

Der Sergent nickte. »Ich zähle sechs, und du?«

»Richtig. Und sie klettern wie Gämsen.«

»Was schätzt du, hundertfünfzig Meter, mehr?«

Der Legionär überlegte kurz und stimmte dann zu. »Hundertfünfzig. Wir könnten sie von hier aus alle auf einmal erledigen.«

Einige Sekunden darauf hallte das Echo der Schüsse von den Berghängen wider. Das Feuer war präzise und wirkungsvoll. Vier der sechs Rebellen starben, zwei hingegen gelang die Flucht. Sie hatten sich, so schien es, einfach in Luft aufgelöst. Im Dorf blieb die zweite Kompanie inzwischen nicht untätig. Auberts Männer stöberten eine versteckte Rebellengruppe auf und töteten in einem kurzen Feuergefecht den verantwortlichen Rebellenchef der gesamten Nord-Region des Borkou-Ennedi-Tibesti. Im Versteck fanden sich Dokumente von großer Bedeutung, einige Kriegswaffen, Nahrung, Waffen und Munition. Auch in Massloua bei Am-Timan kam es zu Kämpfen. Achtundsechzig Rebellen starben im Kugelhagel der Legionäre, und es war wie ein Wunder: Bisher gab es unter den Paras nur einige Leichtverletzte. Die Erfolge konnten jedoch nicht die Tatsache beiseitefegen, dass sich die Situation überall im Land drastisch zuspitzte. Und so kam es, dass die in Calvi verbliebenen Kompanien der Paras sich eine nach der anderen einfanden. Am 7. Oktober traf das EMT-2 unter dem Befehl des Major Malaterre im Tschad ein, und am 25. Oktober war das ganze Regiment, Oberst Lacaze an der Spitze, komplett im Einsatz. Darunter die dritte Kompanie, die schwere Kompanie, damals CAE, heute Compagnie d’éclairage et d’appui (CEA), sowie eine motorisierte Einheit, die Compagnie motorisée de la Légion étrangère (CMLE). Letztere bestand aus Legionären des ersten Fremdenregimentes. Die Operation „Cantharide“ konnte also beginnen. Ziel der Operation war es, das gesamte Gebiet im Dreieck Bokoro-Melfikole-Bitkine zu befrieden. Die Resultate hingegen blieben aus. Sobald die Legion in Erscheinung trat, tauchten die Rebellen unter. Überhaupt agierten die Rebellen nun eher in kleinen Gruppen, was es schwieriger machte, sie aus der Luft aufzuklären. Auch waren die zurückzulegenden Distanzen einfach zu erheblich, und die Legionärs- Kompanien zwischen Faya-Largeau, Mongo und Mangalmé zu weit auseinandergezogen. Wenn man die Legions-Einheiten abzog, die an der Grenze zum Sudan operierten, dann erwies sich die Rechnung als einfach: Eine Kompanie musste in einer Region für Ordnung sorgen, die so groß war wie die Insel Korsika. Das zu stemmen war auch mit Unterstützung aus der Luft kein Leichtes. Ganz automatisch wurden die Patrouillen mit den Kfz seltener und kürzer, bis sie irgendwann ganz aufhörten. Schwer wog auch die Tatsache, dass im Nachbarstaat Libyen ein gewisser Muammar al-Gaddafi inzwischen die Macht an sich gerissen hatte. Sein Regime unterstützte die FROLINAT, und wer Unterstützung sagte, der meinte moderne Waffen, Munition im Überfluss und bessere Informationen über den Feind. Die Legionäre waren gewarnt!

FORTSETZUNG folgt …

Lesen Sie auch …

 

 

***

Teil 1

Einsätze und Operationen in Afrika von 1965 bis 2015

 

Von der alten Legion haben sie die Tradition, die Disziplin, die Robustheit und die Ergebenheit. Von den Fallschirmjägern erbten sie die Jugend, die Wendigkeit, den Enthusiasmus und den Geschmack für das Außergewöhnliche. Sie werden sehr schnell eine einzigartige, in dieser Art nie da gewesene Einheit bilden: Paras Legion – die besten Soldaten der Welt! Zitat von General Michel Guignon.

Kommandant des 2ème REP, 1980-1982 (Dienstgrad – Colonel)

Kommandeur der 11. Division parachutiste, 1987 – 1989 (Dienstgrad – Général)

Gouverneur militaire de Paris, 1992 – 1996 (Dienstgrad – Général d’armée)

 

FINAL COVER

Vorwort

Am 27. Januar 1998, an einem sonnenreichen Tag in Korsika, konnten Besucher des legendären Camp Raffalli einer für sie seltsamen Zeremonie beiwohnen. Unter dem wohlwollenden Blick eines drahtigen Oberst wurden siebenundfünfzig Soldaten der Fremdenlegion mit dem Croix de la Valeur Militaire, dem Militärverdienstkreuz, dekoriert. Nur ein Jahr zuvor hatten sie unter Einsatz ihres Lebens in einem hart umkämpften No Man’s Land, tief im Herzen Afrikas, ihre Pflicht getan. Ich war einer davon. Sah man auf den Gesichtern der anderen Freude wie auch Stolz, so erkannte der aufmerksame Beobachter in meinem Antlitz ein Gemisch aus Skepsis und Verschlossenheit. Innerlich zerrissen, fragte ich mich, wofür das alles. Und ich erinnerte mich gleichzeitig daran, wie es war, damals. In einer dunklen, afrikanischen Nacht des Jahres 1997 wurde ich im Alter von sechsunddreißig Jahren zu dem, der ich heute wirklich bin. Das Gedächtnis hat mich nicht im Stich gelassen. Vor allem eine Szene vergesse ich nie. Die fertig geladene Waffe in der Hand, stand ich auf einer hell beleuchteten Avenue mitten in der Stadt Brazzaville und schaute in die Augen eines Legionärs. Er wollte mir etwas mitteilen. Sprechen konnte er nicht, denn die Kugel einer Kalaschnikow hatte ihm beidseitig den Kieferknochen zerfetzt. Er klagte nicht, sondern sah mich nur an. Seitdem sind Jahre verronnen, aber das Sprichwort, Zeit heilt alle Wunden, trifft nicht zu. Die Vergangenheit wütet mit spitzen Dolchen in meiner Gegenwart, und so ertappe ich mich heute noch beim Grübeln über die oben beschriebene Szene.

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FOTO – Hiroki Goda – 2. REP. Fahne des 2. REP

Einen Teil des Buches widme ich diesem Einsatz in Kongo Brazzaville. Die Ereignisse rund um die Operation Pélican, so hieß der Militäreinsatz, schildere ich aus meiner persönlichen Sicht. Aus dem Blickwinkel des Zugführers, aber auch des Menschen Thomas Gast. Der Krieg und das Militär, das sind nicht nur Erfolge und Misserfolge, Zahlen oder Daten. Es stecken gleichermaßen Charaktere und ihre Schicksale dahinter. Ich verbrachte fünfzehn Jahre bei den Fallschirmjägern der Legion. Während dieser gesamten Zeit kannte das 2. REP keine Ruhepause. Von einigen Operationen auf dem Balkan abgesehen, kämpften wir fast ausschließlich auf dem afrikanischen Kontinent.

Die Jahre zwischen 1987 und 2002, es handelte sich um eine zusammenhängende Epoche, strotzten nur so vor Ereignissen. Doch darüber hinaus schien es mir unverzichtbar, den Zeitraum vom Ende des Algerienkriegs bis hin zum Einsatz in Mali einzufangen. Alle Kriegsschauplätze dazwischen, ob es nun die Interventionen im Tschad, die Schlacht um Kolwesi, die ungewisse Operation im Libanon, der Kampf gegen islamistische Terroristen in Mali oder gegen Rebellen in der Elfenbeinküste (u. v. a.) waren, nichts wird ausgelassen.

Paras Legion, das bürgt für die Modernität, für den Fortschritt und für die Anpassungsfähigkeit dieser Einheit der vergangenen fünfzig Jahre.

Paras Legion: Die zwei Worte stehen für ständige Evolution, und das ebenso im militärtechnischen Bereich, im Einsatz, wie auch in der Qualität der Männer und deren Umgang mit- und untereinander. Der letzte Einsatz der Fallschirmjäger der Legion gegen al-Qaida Terroristen im Adrar des Ifoghas in Mali 2013 hat das deutlich gezeigt.

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Die Einheiten spezialisierten sich, jede einzeln, in einer in Gänze eigenen Kampfdomäne.

FOTO – Hiroki Goda – 2. REP

 

Dieses Buch ist die Chronik der Fallschirmjäger der Legion über all die Operationen im erwähnten Zeitraum, gleichzeitig ist es auch postkoloniale Zeitgeschichte. Haupteinsatzorte sind entweder das Herz Schwarz- oder Zentralafrikas oder die Länder der Sahelzone, das Horn von Afrika mit inbegriffen.

Wieso die Afrikaeinsätze und nicht die anderen, fragt sich der Leser zu Recht. Nun, mir war es vergönnt, diesen Kontinent zwölf Mal „Boots on the Ground“ zu betreten. Und zu sagen, Afrika habe sich nicht in mein Herz gefressen, wäre eine Lüge. Alle Paras, die ich kenne, denken genauso. Eine geographische Ausnahme in diesem Buch bildet die Operation Épaulard. Sie fand 1982 in Beirut, im Libanon, statt. Ich habe sie deswegen mit berücksichtigt, weil hier der Nahe Osten und Afrika dicht an dicht beieinanderliegen. Kairo und Beirut trennen 550 Kilometer. Für afrikanische Verhältnisse ist das ein Katzensprung.

Ein ganz besonderes Augenmerk richte ich am Ende des Buches auf die Operationen ,Serval‘ und ,Panther‘. Diese Einsätze verdienen es, ausführlich geschildert zu werden, da sie, wie schon Kolwesi, die Brillanz der Paras Legion in Gänze widerspiegeln. Ausführlich auf die jeweilige Politik und Zeitgeschichte aller Länder und aller im Buch vorkommenden Schauplätze einzugehen, würde den Rahmen desselben total sprengen. Es wäre zu komplex, davon zu berichten. Die ethnischen Verstrickungen, die sich weit zurück in die Zeit des Königreichs Kongo oder in die Epoche des Reiches von Kanem erstrecken, sind für uns Europäer oft unverständlich. Um den Sinn hinter den ständigen Coups d’État, den Rebellionen und Gegenrebellionen im Brennpunkt Zentralafrika und der Sahelzone der Jahre zwischen 1965 und 2015, zu verstehen, muss man eine afrikanische Seele besitzen. Oder die eines korrupten westlichen Politikers. Nichtsdestotrotz ist es notwendig, den Leser in den Kontext der Operationen zu versetzen, denn nur so können gewisse Verhaltensweisen der verschiedenen Kriegsparteien verstanden und interpretiert werden.

Wer die Hintergründe versteht, dem fällt es leichter, sich im Buch zurechtzufinden. In diesem Sinne wird jedes einzelne Kapitel angeführt von einer kurzen Zusammenfassung der jeweils aktuellen politischen und zeitgeschichtlichen Situation des betreffenden Schauplatzes. Immer wieder versuche ich auch über meine persönlichen Erfahrungen eine Beziehung zu der Geschichte zu knüpfen, und vermutlich wird der Leser sich über die Leidenschaft wundern, mit der ich die Operationen chronologisch niederschreibe. Enthusiasmus der Fallschirmtruppe der Legion gegenüber ist jedoch die einzige Sprache, derer ich fähig bin.

Platz aber nun den „Anciens“, den ehemaligen Kämpfern ab dem Jahr 1965, sowie der nachrückenden Generation bis 2015, denn ich bin nur ein winziges Glied in der langen Kette der Kriegs- und Friedensmaschinerie namens 2. REP.

 

Einführung

Adieu vieille Europe

Que le diable t’emporte!

 Leb wohl, altes Europa.

Der Teufel soll dich holen!

(Adieu vieille Europe – Lied der Fremdenlegion aus der ersten Epoche 1831–1939)

 

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Das Alte, das Starre und die Schwere fielen mit der Zeit vom Regiment ab, ließen der Moderne, der extremen Beweglichkeit und der Schnelligkeit Platz. Legionäre des 2. REP unmittelbar vor schweren Kämpfen gegen Al- Qaida in Mali.

1947 begann die Fremdenlegion mit der Aufstellung ihrer ersten Fallschirmjägertruppe. Im Juni 1948 wurde die Fallschirmjägerkompanie des dritten Infanterieregimentes, bis dahin unter Capitaine Jacques Morin, aufgelöst. Die Kader der Kompanie bildeten die Basis für die famosen Bataillons Étrangers de Parachutistes. Das 1. BEP und das 2. BEP sahen das Licht. Die Einheiten entsprachen par excellence der Notwendigkeit, dem Gegner neuartige Taktiken und innovative Reformen, gepaart mit der Robustheit und mit dem Knowhow modernster Sturmtruppen, entgegenzustellen. Einen übermächtigen, erstklassig organisierten und vom kommunistischen China unterstützten Feind gegenüberstehend, wurden beide Bataillone im Indochinakrieg völlig vernichtet. Das 1. BEP starb gleich zweimal. Zuerst im Oktober 1950 in den Kalksteinbrüchen von COC-XA unweit der Blutstraße RC-4. Wie von Sinnen warfen sich die Paras Legion damals in die Schlacht gegen den Viet-Minh. Die Aufopferung war total, doch am Ende der Strecke wartete der Tod. Angeführt von Capitaine Jeanpierre, konnten sich nur drei Offiziere, drei Unteroffiziere und zweiundzwanzig Legionäre quer durch den feindlichen Dschungel nach That-Khe zur nächsten französischen Garnison durchschlagen. Nach seiner Neuaufstellung im April 1951 und infolge schwerer Kämpfe im Delta, in Na-San und im Talkessel einer heute legendenumwobenen Urwaldfestung wurde das 1. BEP erneut aufgerieben. Dieser Kessel war auch gleichzeitig das Grab des 2. BEP. Das Bruderbataillon rannte von einem Kampf, von einem Gefecht ins nächste. Hieu-Tu, Phat-Diem, Gia-Hoi, Ngia-Lo, Lao-Kay, la Plaine de Jarres, Na-San … es ist kein Platz, alle Orte beim Namen zu nennen. Nur der letzte muss mit Nachdruck betont werden, weil er Wegweiser und Meilenstein der Geschichte, nicht nur der Paras Legion, sondern der gesamten westlichen Welt war: Dien Bien Phu! Das 2. BEP sprang nicht zuletzt der Ehre wegen bei stockdunkler Nacht mitten hinein in diese Hölle, in eine Schlacht, die zum fraglichen Zeitpunkt längst verloren schien. Die Paras des 2. BEP starben aufrecht, die Stiefel im Matsch, die Waffe in der Hand. Aus der warmen Asche der drei Fallschirmjäger-Bataillone – denn das 3. BEP, die „Männerschmiede“, soll nicht vergessen werden – erhoben sich kurz darauf schon zwei Regimenter, die unmittelbar vom Erfahrungsschatz der Indochina- Epoche profitierten. Die kampferprobten Soldaten fanden sich im Jahr 1955 in den Reihen des 1. REP und des 2. REP in Algerien wieder. An Freiwilligen fehlte es nicht und so füllten sich die in Indochina entstandenen Lücken im Handumdrehen. Nach dem gescheiterten Putsch von Algier im April 1961, auch Putsch der Generäle genannt, während dem sich hochrangige Offiziere die Leidenschaft ausgesuchter Spezialeinheiten zu eigen gemacht hatten, wurde das 1. REP ein für alle Mal aufgelöst. Ranghohe Offiziere wurden zum Tode und schlussendlich, wie die Fallschirmjäger-Legende Commandant Hélie de Saint Marc, zu langen Haftstrafen verurteilt.

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Hélie de Saint Marc, gemalt von Meister Paul Anastasiu.

Die in Fleisch und Seele verletzten Paras Legion legten nach beinharten Kämpfen im Jahr 1962 definitiv die Waffen nieder. Übrig blieben Männer, die nicht nur die Guerillataktik des Dschungels und der Reisfelder, sondern gleichwohl die Kampftechnik der Djebels, der Ergs und Wadis im Sturmgepäck trugen. Die Erfahrungen, errungen in blutigen Einsätzen, wurden seit der Gründung der Paras schriftlich festgehalten, von Mund zu Mund weiterverbreitet und nicht selten auch direkt im Kampfgeschehen weitergereicht. Zuvor erwähnte Techniken, dieses Knowhow, das „Savoir-Faire“ lag in diesen Tagen einzig und allein in den Händen des 2. REP, des Erben aller Paras Legion. Doch da der Feind nicht stillstand und die Paras Legion sich diesem Feind nicht nur anpassen, sondern ihm auch ständig überlegen sein wollten, suchten kluge, zukunftsorientierte Männer nach revolutionären Änderungen. Oberstleutnant Caillaud, der Regimentskommandeur des 2. REP, war so ein kluger Mann. Der kriegserfahrene Caillaud gab eine eindrucksvolle, robuste Erscheinung her. Hinter seinem verschlossenen, kantigen Gesicht verbarg sich ein Chef, der kein Risiko scheute. Sein Draufgängertum und sein Faible für alles Neue und Ungewöhnliche waren damals in Indochina schon legendär. In den Jahren zwischen 1946 und 1948 war er als Leutnant im „Land der aufsteigenden Drachen“ bereits Zugführer im zweiten Regiment. Später, im Oktober 1948, nannte man ihn „Monsieur 2. BEP“ und am 26. Dezember 1949 sprang Capitaine Caillaud an der Spitze seiner Kompanie über dem Wehrdorf Hieu-Tu, bei Tra Vinh, ab. Das geschah unter den widrigsten Umständen, bei heftigem Regen und bei Windgeschwindigkeiten um die zwanzig Meter pro Sekunde. Seine hundertdreißig Mann, die „erste Kompanie“, legten sich erfolgreich mit drei Bataillonen Viet-Minh an. Mit demselben Elan wie einst ging er derweil die Umgliederung seines 2. REP an. Er, der Revolutionär, stellte nicht alles bis dahin Geschehene in Frage, er war aber Partisan von dem, was man Evolution nannte. Nach vorne schauen war die Devise! Bis dahin unterschieden sich die Fallschirmjäger, außer dass sie, statt eines Rucksacks, den Fallschirm auf dem Rücken trugen, nicht sehr von den anderen Legions-Regimentern. Das sollte sich gewaltig ändern. Sein modernes 2. REP erhob den Anspruch, Meister aller nur vorstellbaren Kampftechniken zu werden. Und diese sollten egal, wann, egal, wo und ungeachtet der Umstände angewandt werden können: tags, nachts, zu Wasser, auf der Erde und in der Luft. Dafür gab es ein Wort, und das lag in aller Munde. KOMMANDO. Er wollte aus den Männern reine Kommandosoldaten machen. Gesagt, getan. Zunächst galt es, Spezialisten zu finden. Hier bewegte sich das Regiment in einer „Komfortzone“, denn in seinen Reihen gab es genügend Soldaten, die über spezielle Kampftechniken verfügten, ob es sich nun um Franzosen, Russen, Briten oder um Deutsche handelte. Und er sandte ausgesuchte Offiziere und Unteroffiziere an alle in Betracht kommenden Kommandoschulen. Ins Centre national d’entraînement commando (CNEC) in den Bergen von Mont-Louis, an die Luftlande- und Lufttransportschule in Schongau, zu diversen Lehrgängen französischer Marineeinheiten und Heeresfliegern. Caillaud und sein Stab streckten die Fühler aus, auch hinüber zur britischen SAS. Deren Kommandoeinheiten und Schwadronen in Malaysia und anderswo auf der Welt waren Asse in der Anti-Guerilla Warfare. Und man liebäugelte mit den U.S. Marines. Die U.S. Marines stellten ein nachzuahmendes Vorbild dar, vor allem was Struktur, Aufbau, Taktik und Einsatz anging. Extreme Mobilität, Vielseitigkeit in der Verlegung zu den Einsatzorten, ob zu Land, zur See oder über den Luftweg, das zeichnete die Amerikaner aus. Das 2. REP konnte nur dazulernen, kurz: Es tat sich was in Sachen Recherche und Planung. Der Einsatz über die dritte Dimension blieb allen Kompanien der Paras Legion erhalten, und in diesem Sinne eröffnete Caillaud in Calvi (Stadt im Nordwesten Korsikas) eine Fallschirmspringerschule. Kurz darauf, 1965, stellte das 2. REP die erste Freifall-Equipe auf die Beine. Es war die Geburtsstunde der Commandos de recherche et d’action en profondeur (CRAP).

Paras Legion in Beirut01

Legionäre der 1. CIE des 2. REP in Beirut

Das Alte, das Starre und die Schwere fielen mit der Zeit vom Regiment ab, ließen der Moderne, der extremen Beweglichkeit und der Schnelligkeit Platz. In diese Epoche hinein wurde das Regiment Einheit für Einheit und über lange Monate hinweg von Bou-Sfer nach Calvi, seiner neuen Garnison, verlegt. Camp Raffalli, Synonym für die Hochburg der Paras, hatte die Berge im Rücken und das Meer zu Füßen. Berge, Meer und freier Himmel, mehr benötigten die Männer nicht! Die Einheiten spezialisierten sich, jede einzeln, in einer in Gänze eigenen Kampfdomäne. Und so wurde aus der ersten Kompanie zunächst eine Aufklärungskompanie, die hinter den feindlichen Linien agierte. Vor allem bei Nacht. Die zweite Kompanie perfektionierte sich für den Kampf im Gebirge. Sie betrieb von nun an Aufklärung auf Skiern und auf Schneeschuhen. Sie seilte sich aus schwindelerregenden Höhen hinab in unergründliche Tiefen. Und sie erklomm die steilsten Berggipfel auf der Suche nach dem Edelweiß. Und während die dritte Kompanie Kampfschwimmer hervorbrachte, übte sich die vierte darin, Minen und Fallen aus Sprengstoff zu bauen, anzulegen und zu beseitigen und, später dann, Scharfschützen auszubilden. Die Legionäre lernten, sich in ihren Schützengräben von Panzern überrollen zu lassen, um sie von hinten mit der Panzerfaust, mit einer Panzermine oder einer geballten Ladung zu vernichten. Im Kommandostil machten sie sich die Nacht zum Tag und operierten bei völliger Dunkelheit. Nächtliches Einsickern, überfallartiges Durchführen eines Handstreiches, nur um, bevor die Sonne wieder erschien, plötzlich woanders aufzutauchen, den nächsten Coup fest im Auge. Sabotage, Hinterhalt, Handstreich, Nahkampf und Orts- und Häuserkampf, das rapide Sammeln nach dem Fallschirmsprung. Alles geschah mit verblüffender Schnelligkeit und Effizienz: Hier lagen die zukünftigen Horizonte der Paras Legion! Die Kampftechniken à la Guerilla passten dem Regiment wie eine hautenge Maske, und die Neugliederung stellte in der Militärwelt der Spezialeinheiten in Frankreich etwas Einzigartiges dar. Das afrikanische Abenteuer konnte beginnen. Das Buch ist die bewegte Geschichte einer beispiellosen Einheit, die in einer außergewöhnlichen Epoche und in einem in höchstem Maße erstaunlichen Umfeld agiert und deren Männer alle eines gemeinsam haben: eine Abenteurerseele und den Drang, ihre Leidenschaft, koste es, was es wolle, auszuleben. Auch wenn, wie in vielen Fällen, am Ende der Strecke der Tod auf sie wartet.

FORTSETZUNG folgt …

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Neuerscheinung !

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