Fremdenlegion

Auszug aus …

Leben unter fremder Flagge

Fortsetzung TEIL 14

´In der Hölle Guyanas`

  1. Régiment étranger d’infanterie, Französisch Guyana

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Die Wahl der Stelle, an der man den Fluss überquert

Zunächst hat man ja seine Idee (nicht aber immer die Wahl), wo am anderen Ufer die Truppe an Land gehen möchte. Ein erfahrener Führer muss nicht lange rechnen, um dementsprechend diesseits den besten Schwimmer des Zuges ins Wasser zu schicken. Idealerweise geschieht dies nachts und der Auserwählte ist nackt oder nur mit Unterhosen bekleidet. Jemand, der wenig Erfahrung hat, sollte ein helles Stück Holz ins Wasser werfen und zeitlich festhalten, wie lange es für, sagen wir mal, eine Distanz von zehn Metern benötigt. Danach kann man den Punkt, an dem der Schwimmer ins Wasser muss, in etwa berechnen. Tut man das nicht, kann der Verdruss groß sein. Wenn man keinen guten Schwimmer zur Verfügung hat, sollte man die Sache ganz abblasen. Es ist zu gefährlich. Am berechneten Punkt schlingt sich der Auserwählte ein vorher sauber  am Boden ausgelegtes, dünnes Seil von mindestens fünfzig Metern Länge um die Taille. Das dünne Seil – ebenso lang, wie der Fluss breit ist – ist an seinem Ende mit einem dicken Tau verbunden. Der Schwimmer driftet unweigerlich ab. Einmal am anderen Ufer, muss er sich mit dem Seil zu der Stelle vorarbeiten, die vorher bestimmt wurde. Diesseits wird am Tau ein Jambe de Chien (Hundebein / Öse) angebracht, das Ende des Taus erst um den Baum geschlungen und dann durch diese Öse gesteckt. Auf ein Zeichen hin zieht nun der einsame Schwimmer so lange am Seil, und dann am Tau, bis der Abstand Öse / Baum passt. Dann bindet er einen Mastwurf um den Baum auf seiner Seite. Er hat seine Arbeit getan! Taktisch muss er jetzt nur noch das Übersetzen seiner Freunde sichern, indem er sich etwas weiter auf die Lauer legt. Waffe hat er zwar keine, aber seinen Verstand, zwei Ohren, zwei Augen und vielleicht ein Messer. Diesseits wird jetzt mit vereinten Kräften das Tau gespannt und dann fachgerecht verknotet. Die Männer überqueren das Seil einer nach dem anderen. Was auf keinen Fall fehlen darf, ist ein System, mit dem man das Tau, wenn alle drüben sind, wieder lösen und einholen kann: Nichts darf zurückbleiben! Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, dass der Letzte, bevor er den Fluss überquert, die Verknotung löst, sich das Tau um die Hüfte bindet und sich über den Fluss ziehen lässt. Genau eine solche Aktion wurde mir fast zum Verhängnis. Ich schlug mir also das Tau um die Hüften, worauf am anderen Ufer zwölf Hände kräftig, fast übermütig am Tau zogen. Da dieses voll Wasser gesaugt war, hing es bis auf den Grund des Flusses durch und genau dort geriet es unter einen alten Baumstumpf oder eine Wurzel. Da dies meine Freunde am Ziehen zunächst nicht hinderte, wurde ich unweigerlich unter Wasser bis auf den Grund gezogen. Bis sie merkten, was Sache war, war ich schon ohnmächtig und erinnerte mich dann nur noch daran, wie ich aufwachte, weil jemand mir ins Gesicht schlug und laut meinen Namen rief. Das derartige Übersetzen über den Fluss hört sich zunächst kompliziert und langwierig an. Wir waren jedoch schon bald so gedrillt, dass vom Beginn der Aktion (Ankunft am Fluss des Vorauskommandos) bis zu dem Zeitpunkt, an dem der letzte Mann unseres dreißigköpfigen Zuges mitsamt allen Materialien – trocken – am anderen Ufer an Land ging, nur zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten verstrichen, war der Fluss auch noch so breit und gefährlich.

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Die Details der Kampfausbildung überspringe ich geflissentlich. Diese Ausbildung bestand hauptsächlich aus einigen Nächten, in denen wir aus einem taktischen Biwak heraus das Feindesland (angenommener Feind) infiltrierten, dann ausschwärmten und sein Lager oder seine Stellungen angriffen. Meist folgte sofort darauf die Exfiltration in Form eines Gewaltmarsches bis zu einem Punkt, an dem wir von Helikoptern oder Pirogen aufgenommen wurden. Anlegen von Hinterhalten und Handstreichen, Tarnen und Täuschen, aus den Spuren lesen und „sich im Gelände orientieren“ war unser tägliches Brot in dieser Phase. Wir übten jedes noch so kleine Detail bis zum Kotzen.

Zum Abschnitt Orientieren im Gelände komme ich zu sprechen, wenn es an die eigentliche Mission Profonde geht. Exfiltrationen mittels Helikopter waren extrem rar, und das aus einem einfachen Grund: Es gab nirgends Landezonen! Vergessen wir nicht, dass wir uns mitten im Regenwald befinden. Brauchten wir einen Hubschrauber, dann nur, um einen Verwundeten (Schlangenbiss, Hieb-, Stich- oder Schussverletzung, Malaria etc.) zu evakuieren oder um die Truppe mit Nachschub zu versorgen. Letzteres war selten, denn alles, was wir benötigten, auch wenn wir wochenlang im Wald ausharrten, hatten wir entweder im Rucksack dabei oder wir fanden es in der freien Natur. Ich wage zu behaupten, dass es nur sehr wenige Einheiten auf der Welt gibt, die sich in Sachen Robustheit mit der Fremdenlegion messen können. Sie kommt mit so wenig aus und ist trotzdem immer zu hundert Prozent einsatzfähig. Die Art und Weise, wie eine EVASAN, eine Evakuierung aus gesundheitlichen Gründen (oben angesprochene Verletzte etc.), durchgeführt wurde, entschied einzig und allein der Zustand des Verwundeten oder des Kranken, und das Gelände. War es nahe an einem Fluss und konnte der Verwundete aufrecht, also sitzend transportiert werden, entschied sich der Zugführer meist für die Hélitroyage. Hierzu wurde der Verletzte mit der Piroge in die Flussmitte gefahren. Der Hubschrauber näherte sich vertikal und ließ einen an seinem Gewinde befestigten Sitz in Form von Gurtzeug herunter, welcher dann mit dem Verwundeten wieder hochgezogen wurde. War es mitten im Wald, so wurde mittels Sprengladungen und Motorsägen ein Landeplatz geschaffen. Wenn alle mithalfen, konnte das extrem schnell geschehen. Es war natürlich immer ein Kraftakt! Eine Hélitroyage im Wald war daher fast unmöglich, weil die Bäume Höhen von fünfzig Metern und mehr erreichen konnten. So langes Seilzeug hatten die Hubschrauber nicht.

Für mich endete das Abenteuer Dschungel hier an dieser Stelle. Da ich Mitglied der Équipe de cross (Laufmannschaft) des Regimentes war, wurde ich ins Quartier Forget gerufen, um an einem Lauf teilzunehmen. Leider Gottes, muss ich fast schon sagen, war ich schon immer ein brauchbarer Läufer gewesen, ich gehörte aber nie wirklich zu den Allerbesten. Erst eine Woche später stieß ich wieder zum Zug. Es war mitten in den Vorbereitungen für die Demonstration der Fallen vor einem hohen brasilianischen General. Als ich meine Kumpane wiedersah, war die Wiedersehensfreude zwar groß, doch was hatte man ihnen angetan? Alle waren sie um mindestens fünf Kilo leichter, eingefallene Wangen und rot umrandete Augen sprachen Bände. Während meiner Abwesenheit hatten sie die Dschungelpisten und den Abschnitt Survie (Survival, Überleben im Dschungel) hinter sich gebracht, kein Zuckerschlecken, wie sie mir versicherten. Zugegeben, ich schämte mich ein wenig, nicht bei ihnen gewesen zu sein. Ohne eine Sekunde zu zögern, fasste ich den Entschluss, aus der Équipe de cross auszusteigen. Ich war lieber mit meinem Zug im Busch, als im Quartier dem angenehmen Leben zu frönen und irgendwelche wertlosen Medaillen zu erringen und zu horten.

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Legionäre im Jahr 2007 auf der Piste JAGUAR im Dschungel Guyanas. Diese Piste erfordert einen hohen Kollektivgeist: Einer für alle, alle für einen … oder gar nichts geht. Legionäre schaffen diese Piste in 35 Minuten, andere Einheiten benötigen mitunter 90 Minuten (auch die famosen Rangers oder US Marines!).

Die Vorführung war ein toller Erfolg, die Vorbereitung dafür prägend. Ein Ereignis blieb dauerhaft in meinem Gedächtnis. Zunächst mal hatte sich der Regen verstärkt. Das Schlimme an der Sache war, dass wir von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang bis zu den Waden im Wasser stehend an den Fallen und den Unterkünften für den General und seinen Stab arbeiteten. Harte Arbeit waren wir gewohnt, schlimm war es nur deshalb, weil die eklige Brühe, in der wir standen, die Haut und das Fleisch angriff, das Gewebe zersetzte und wund werden ließ. Bereits nach drei Tagen waren meine Beine mit offenen Wunden übersät. Sie waren regelrecht zerfressen. Die Haut existierte an einigen Stellen nicht mehr und ich hatte nur noch Schmerzen. Ich erinnere mich an eine Szene, in der mich Certa und Linder vom Lagerfeuer bis zu meinem Hamac trugen, weil für mich die Schmerzen beim Auftreten zu groß waren. Den Krankenpfleger zurate zu ziehen wagte ich nicht, weil ich fürchtete, sie würden mich schon wieder ins Quartier Forget schicken. Das hätte meinem Stolz den Gnadenstoß versetzt. Im Hamac liegend, fiel ich sofort über meine Flasche Taffia her und versank dann – betrunken, wie ich war – in einen tiefen, willkommenen Schlaf, erwachte erst, als Lucev, unser Krankenpfleger, mich unsanft weckte. Er schimpfte wie ein Rohrspatz. »Du kommst sofort rüber, damit ich dich untersuchen kann!«

Ich zeigte ihm meine Füße. »Jesusmaria!«, schrie er. »Gast, manchmal bist du dümmer, als die Polizei erlaubt. Los!«

Lucev war ein Bär. Er bot mir seinen Rücken an. Dann trug er mich zu seinem Zelt und ließ mich dort auf eine Kokosmatte gleiten, die auf einem herrlich trockenen Boden lag. Es gab tatsächlich einen trockenen Platz in diesem vom Wasser überfluteten Land!

»Woher wusstest du …«, begann ich, doch er unterbrach mich unwirsch. »Du denkst wohl, ich beobachte die Leute nicht!? Dem Chef ist’s auch aufgefallen! Aufsichtspflicht! Das gehört zum Job dazu, und jetzt halt still.« Er verpasste mir eine Spritze und fuhr mit der Untersuchung fort. Die nächsten vierundzwanzig Stunden trug ich Turnschuhe und musste Dinge verrichten wie Waffen putzen, Essen zubereiten etc. Im Trockenen also. Ganz nach dem Motto „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“ nannten mich die Kameraden liebevoll Commando basquette – der Elitesoldat mit den Turnschuhen! Eine der Vorführungen gestaltete sich wie folgt. Ein Ausbilder des CEFE hängte eine lebende Schlange Kopf nach oben mit einer Schnur an einen Balken. Dann ließ er sie ausbluten. Als das geschehen war, machte er bei ihr erst einen kreisförmigen Schnitt um den Hals, dann einen Längsschnitt vom Kopf bis an die äußerste Spitze des Körpers. Daraufhin ergriff er mit beiden Händen die Haut der Schlange am Hals und zog ihr diese langsam vom Körper. Die Schlange bewegte sich noch, und das war zu viel für eine Journalistin, die darauf, ohne ein Wort von sich zu geben, in Ohnmacht fiel.

Wir hatten eine super Stimmung im Zug. Waren wir gerade nicht beschäftigt, was Seltenheitswert hatte, gingen wir entweder in die Stadt in unsere bevorzugte Bar, das Képi Blanc, ins Puff, in den Club der Kompanie – jede Kompanie hatte ihren eigenen Club, in dem man meist anschreiben lassen konnte –, ins Foyer du Légionnaire, oder wir hingen in unserer guten Stube rum. Wir alle im Zug hatten damals ein Faible für Filme wie „Apokalypse Now“ oder „Es war einmal in Amerika“ mit Robert de Niro. Wir hörten Musik von U2, Jean-Pax Mefret und Renaud, einem damals wie heute populären französischen Sänger, und wir alle wurden bei Edith Piaf schon mal sentimental, denn: Hinter jedem von uns steckte eine Geschichte, eins der Schicksale, wie Edith sie in ihren Liedern gern besang. Unweit des Quartiers gab es mehrere chinesische Läden, in denen wir uns mit allerlei notwendigen Sachen eindeckten. Dort konnte man auch die guten Coupe-coupes kaufen, die nicht sofort abbrachen, wenn man mal aus Versehen gegen einen Arbre de fer, einen Eisenbaum, schlug, der hart wie Granit war. Am Wochenende ließen die meisten von uns sich vom Essen in der Kantine befreien. Wir stellten rechtzeitig einen Antrag auf einen Titre de Permission (kleiner Urlaubsschein) von Samstag, fünfzehn Uhr, bis Montag früh und waren so auch vom lästigen Appell dispensiert. Zum Appell hieß es morgens um fünf und abends um zehn Uhr antreten. Es wurden die Stärke überprüft sowie die Sauberkeit der Unterkunft. Die meisten Metropol-Regimenter hatten den nächtlichen Appell bald schon abgeschafft. Das letzte Regiment, das – bis heute noch – den Appell um zehn Uhr nachts beibehalten hat, war das 2. REP. Das 2. REP brauchte auch ziemlich lange, um die Arbeit samstags früh abzuschaffen. Arbeit in diesem Sinne war es ja nicht, sondern Journée Club Légion. Hierbei handelte es sich um sinnvolle Freizeitgestaltungen wie sportliche, kollektive Aktivitäten: Fußball, Ball-Trap, oder auch Judo, Boxen, Tennis, Orientierungslauf oder Schießen. Nicht zu vergessen natürlich das Fallschirmspringen in der Section Militaire de Parachutisme Sportif (SMPS). Hier war Freifallen angesagt. Kam es ungünstig, stand eine Revue casernement an. Hierbei wurden die Unterkünfte bis in die kleinste Ritze gescheuert, geputzt und vom Zugführer dem Hauptmann präsentiert. Alles musste eins a sein, Nickel-Chrom! Manchmal wurden solche Tage auch genutzt, um die DZ, unsere Drop Zone, den quasi vor unserer Haustür liegenden Absetzplatz, wieder sprunggerecht zu gestalten. Oft an solchen Tagen konnte man das ganze Regiment in einer Linie aufgereiht sehen, wie es, bewaffnet mit Hacken und Eimern, die DZ wieder auf Vordermann brachte.

Sprach nichts dagegen, gingen viele von uns abends ins regimentseigene Bordell. Den Tenue puff hab ich bereits beschrieben. Man verließ das Quartier am hinteren Ausgang, der jedoch so gegen ein Uhr nachts schloss. Dann lief man links einen circa fünfhundert Meter langen Weg bis zum Eingang des Etablissements, welches man durch eine Schwingtüre à la Saloon betrat. Sah man nun hoch, auf die Innenseite über den Eingang, so hing dort ein Gemälde von Edith Piaf. Darunter stand in schwarzen Lettern der Text ihres Liedes „Non, je ne regrette rien“. Solcherlei Gemälde waren übrigens an allen Wänden. An der Bar sowie im dazugehörigen Restaurant, das sich im selben Raum befand, konnte man anschreiben lassen. Auch die Mädels konnte man auf Pump haben, wobei ich keine negative Note beifügen will: Wir alle brachten den Mädels höchsten Respekt entgegen und ihr Status wurde von uns absolut in Ehren gehalten. Die erste Bestellung resümierte sich meist so: »Ein Bier, ein Steak haché frites und einen Passe

 

Ein Passe war ein Gutschein für ein einmaliges Abenteuer. Kaum hatte man es sich an der Bar gemütlich gemacht, kamen schon eine oder zwei Schönheiten vorbei. Die Mädels stammten hauptsächlich aus Brasilien oder aus der Dominikanischen Republik. Sie umschmeichelten dich derart charmant und gekonnt, dass beim zweiten Bier die Nerven bereits blank lagen und man sich schon mal kurz mit der einen oder anderen – oder mit beiden – bei den Kameraden abmeldete. Bevor es jedoch in das Zimmer der Holden ging, mussten wir uns von einem Krankenpfleger begutachten lassen. Dieser sah nach, ob die „Pfeife“ nicht tropfte, ob optisch keine Krankheiten zu sehen und ob man sauber war. Dann drückte er einem zwei Kondome in die Hand, machte einen Vermerk in sein schlaues Buch und man konnte die Holde im Zimmer besuchen. Für alle Kritiker eines Bordells (oder Puff, wie wir es nannten) sei hier Folgendes gesagt: Erstens wurden alle Mädels ständig vom Arzt des Regimentes untersucht, Blutproben entnommen etc. Alle waren gesund! Zweitens durften sie nicht woanders anschaffen gehen und drittens verhinderte dieses System, dass der eine oder andre Legionär doch noch homosexuell wurde. Viertens wurden wir selbst strikt auf Krankheiten hin untersucht, von AIDS war damals noch keine Rede und einen Tripper konnte man mit ein paar Einheiten Penizillin gut, schnell und ohne großes Aufheben loswerden. Blieb man die ganze Nacht bei einem der Mädels, so war sie dafür verantwortlich, dass wir pünktlich zum Appell und zur Arbeit erschienen. Kaum einer von uns war verheiratet, alle jedoch frei wie der Wind, und …

… die Mädels waren durch die Bank attraktiv, hübsch und mehr als nur eine Sünde wert!

Am Wochenende kam es hier im Bordell hin und wieder zu anderen Zerstreuungen. Unmittelbar nach dem Eingang links befanden sich die Tische der Engländer, gegenüber die der Deutschen. (Damals, 1985, waren sehr viele Deutsche und Engländer im 3. REI. Ich schätze, sie bildeten zusammen mehr als dreißig Prozent der Gesamtstärke.) Um die Mädels wurde nie gestritten, es war mehr eine Art nationales Kräftemessen, obwohl ich mit solchen Ausdrücken vorsichtig sein möchte. Es entstand also folgende Situation: hier zwanzig mehr oder weniger betrunkene Engländer, dort dasselbe, nur auf Deutsch. Es war eine Frage der Zeit, bis kurz vor Mitternacht die erste Bierflasche flog. Meistens begannen die Engländer! Das alles wusste auch der Barkeeper und beim ersten Anzeichen von Handgreiflichkeiten griff er sofort zum Telefon und rief die Police militaire, die sich um diese Zeit eh schon langsam Richtung Puff orientierte. So gegen Mitternacht gab es dann die erste handfeste Keilerei. Das gehörte manchmal einfach dazu. Am nächsten Tag schüttelte man sich wieder die Hand, denn unsere „Bande“, die Patria Nostra, war stärker als alles andre. Bei all dem gab es für den seriösen Legionär natürlich auch die Möglichkeit, brav in die Stadt zu gehen, um sich dort eine kreolische Schönheit zu angeln oder sich anderweitig die Zeit zu vertreiben.

Fortsetzung folgt …..

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***

Auszug aus …

Leben unter fremder Flagge

Fortsetzung TEIL 13

In der Hölle Guyanas

3. Régiment étranger d’infanterie, Französisch Guyana

15

Ich erwachte, weil jemand leise meinen Namen rief. Wenn man sich jemandem nähert, von dem man weiß, er schläft mit einer Schusswaffe und einem Messer in Reichweite, sollte man darauf achten, diesen nicht z.B. an der Schulter zu fassen, um ihn zu wecken. Das könnte ins Auge gehen, zu einem tragischen Missverständnis führen!

»Wach auf, Tom!«

Ärgerlich sah ich auf meine Armbanduhr. Kurz vor Morgengrauen!

Es war Oliver. Er hatte Wache. Seinem Blick entnahm ich, dass etwas passiert sein musste.

Ohne ein Wort zu verlieren, schüttelte ich meine Stiefel aus, um eventuell Skorpione oder andere Überraschungen loszuwerden, und zog mich schnell an.

»Maghenan ist verschwunden!«, sagte er.

»Maghenan?«

»Der kanadische Franzose«, erwiderte Oliver ernst. »Sein Hamac ist leer. Meinst du, wir sollen den Chef wecken?«

Ich überlegte kurz. Wenn wir den Chef umsonst wecken, weil Maghenan nur mal kurz mit dem Spaten im Dschungel verschwunden ist, um sich zu erleichtern, würde es Ärger geben. Andernfalls, taten wir es nicht und Maghenan ist etwas zugestoßen oder er ist desertiert (was auf dasselbe hinauskam, denn Deserteure kamen in dieser Wildnis erfahrungsgemäß nicht allzu weit), dann gab es mehr als nur Ärger. Außerdem sollten wir zunächst dem Caporal Bescheid sagen. Den Chef zu wecken war immer so ’ne Sache.

»Wer hatte vor dir Wache?«, fragte der Caporal stirnrunzelnd eine Minute später. Er war sich des Ernstes der Situation sehr bewusst. Olivers Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: »Certa, doch dem ist nichts Außergewöhnliches aufgefallen. Er weiß nicht, ob Maghenan während seiner Wache im Hamac lag. Kann sein, dass der Idiot schon gestern Nacht verschwunden ist.«

»Gast, du weckst so leise wie möglich die erste Gruppe. Coupe-coupe, Waffe und Taschenlampe am Mann, sollen sie am Feuer warten. Ich sag inzwischen dem Chef Bescheid. Muss ja nicht sein, dass der Leutnant von der Sache Wind bekommt. Noch nicht!«

Als der Chef hellwach und bereits vollständig angezogen ans Feuer kam, wusste ich nicht zu sagen, ob der Schatten in seinem Gesicht Ärger oder nur Neugier ausdrückte. Wahrscheinlich beides. Der Caporal hatte ihm bereits alles erklärt. Seine abgesägte Schrotflinte in der Rechten und eine verbeulte Blechtasse mit dampfendem Kaffee in der Linken, wies er mit dem Kinn auf Oliver.

»Du gehst mit zwei Mann runter zum Fluss. Ich möchte, dass ihr alle Pirogen überprüft. Fehlt eine, dann kommt sofort hoch und macht Meldung. Wenn nicht, sucht das Ufer links und rechts nach Spuren ab. Ich will wissen, ob jemand ins Wasser geglitten ist.«

»Keksz und Chagnaud schieben unten Wache, Chef!«, gab Oliver zu bedenken und fügte dann leise hinzu: »Hätte er wirklich desertieren und eine Piroge klauen wollen, wären die beiden vielleicht jetzt …!«

Chef Sass sah ihn grimmig an. »Tot? Wolltest du das sagen?«

Oliver schwieg.

»Na los schon, runter mit euch«, herrschte der Chef ihn an und wandte sich an mich. »Gast, du siehst nach, was Maghenan für Ausrüstung hat mitgehen lassen. Mach ’ne Liste. Ihr anderen sucht im Umkreis von hundert Metern den Wald um das Camp ab. Hundert Meter und keinen einzigen mehr! Hab keine Lust, den ganzen verdammten Zug als verloren gegangen zu melden. Wir treffen uns alle in einer Stunde hier, yalla!«

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Es sollte keine Stunde dauern, bis Oliver und seine Begleiter mit Maghenan am Feuer erschienen. Der Unglückliche hatte Augen groß wie Wagenräder, war nass bis auf die Haut und fror sichtlich. Er sah uns mit gemischten Gefühlen entgegen. Was er uns erzählte, klang zunächst lächerlich, doch wer weiß, was es bedeutet, sich im Dschungel zurechtfinden zu müssen, der sieht das anders. Maghenan war am Abend vorher zum Corvée gamelles, zum Töpfe- und Geschirrputzen, eingeteilt worden. Wir alle kannten Maghenan und wussten, dass er zwar ein hervorragender Soldat, aber auch ein Tagträumer war. Um vom Camp aus zum Fluss zu kommen, gab es nur einen dreihundert Meter langen, schmalen Pfad. Um im Dschungel den Eingang eines Pfades zu sehen, bedarf es tagsüber schon eines geübten Auges. Des Nachts war dies fast ein Ding der Unmöglichkeit. Aus taktischen Gründen hatten wir von auffälligen Markierungen abgesehen. Maghenan hatte sich also noch bei Tageslicht mit den Töpfen runter zum Fluss begeben. Als er mit seiner Arbeit fertig war, beschloss er, dem Ruf eines ihm unbekannten Tieres zu folgen. Dabei entfernte er sich so weit vom Fluss und dem Pfad, dass er bei der eintretenden Dunkelheit den Weg zurück nicht mehr fand. Kurzentschlossen – er wollte sich nicht unserem Spott aussetzen – verbrachte er die Nacht samt seinen Töpfen in der Astgabel eines Baumes in der Absicht, bei Sonnenaufgang wieder unauffällig zur Truppe zu stoßen. Instinktiv hatte er damit das Richtige getan: Zuerst ist es ein absolutes Unding, nachts laut zu schreien, um auf sich aufmerksam zu machen. Dann kann man nichts Dümmeres tun, als sich von dem Ort, an dem man erkennt, dass man sich verlaufen hat, wegzubewegen. Drittens wäre es eine pure Torheit gewesen, sich zum Schlafen auf den Boden zu legen. Das hätte fatale Folgen gehabt. Natürlich bekam er deswegen keinen Orden, der gute Maghenan. Chef Sass ließ den Armen noch in derselben Nacht ein Loch graben, so tief, dass man einen Lastwagen darin verstecken konnte. Als das Loch gegraben war, war die Nacht längst rum. Es war bereits die zweite schlaflose Nacht für Maghenan, denn, wie er mir später gestand, hatte er vor lauter Angst, mit einer Baumschlange Bekanntschaft zu machen, auf dem verdammten Baum kein Auge zugetan. In der nächsten Nacht musste er das Loch wieder zuschütten! Er schlief bereits im Stehen, doch das war ihm, und auch uns, eine Lehre! Ähnliches sollte auch während unserer Mission Profonde passieren und, Zufall oder Tücke, es war wieder Maghenan. Er entfernte sich nachts vom Biwak, weil er seine Notdurft verrichten wollte, und fand den Weg nicht mehr zurück. Falls in tausend Jahren einige Archäologen im Amazonas-Regenwald auf der Suche nach vergangenen Kulturen zufälligerweise auf suspekte Gräben stoßen sollten: Wir wissen, wer dafür verantwortlich war!

 

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Abends, endlich etwas Ruhe! Mein Camulus und meine FAMAS sind immer am Mann, hinter mir ist mein brasilianisches Hamac zu erkennen.

 

Die Schlange fixierte mich mit listigen Augen und kam langsam auf mich zu. Eine Crotale, eine Klapperschlange! War sie über einen Meter zwanzig, konnte ihr Gift töten, die Schmerzen einen wahnsinnig machen. Das Exemplar vor uns fiel in diese Kategorie, sie war von ansprechender Größe. An die Worte des Caporal-chefs der Cellule Forêt denkend, stieß ich die Astgabel blitzschnell nach unten. Gefangen, kringelte sich das Reptil zusammen und bewegte sich nicht mehr.

»Und jetzt nimm sie mit der Hand direkt hinter dem Kopf!«

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Ich tat, was Keksz sagte.

Die Schlange hatten wir zufällig am Rande einer Lichtung gefunden, wo sie die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages genoss.

»Nein, doch nicht so! Fass sie kürzer; Daumen oben, Zeigefinger unten. Lass ihr dabei nicht zu viel Spielraum, sonst dreht sie den Kopf und beißt zu.«

Als ich sie in der Hand hielt, wunderte ich mich sehr. Ich hatte mir eine Giftschlange kalt und schlüpfrig vorgestellt, der Körper des Reptils jedoch war angenehm warm und trocken. Unsere Ausbilder brachten uns nicht nur bei, welche Schlangen es gab, sondern auch, welche von ihnen giftig waren und wie man sie einfängt. Sofern es Giftschlangen betraf, hatten sie uns aber davor gewarnt, ja uns verboten, sie selbst mit der Hand zu fangen (und wir hatten gelernt, uns ab und zu über Verbote hinwegzusetzen!).

Weiterhin war es wichtig, zu wissen, welche Arten von Gift es gab, wie diese Gifte wirkten und was man beim Biss einer Giftschlange tun sollte.

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In diesen Gefilden gab es einige Giftschlangen. Jede einzelne davon konnte uns extrem gefährlich werden. Allen voran folgende: Der Grage grands carreaux (Buschmeister) und der Grage petits carreaux. Weiterhin die Fer de lance, die besagte Crotale (Klapperschlange) oder der Vrai corail (echte Korallenschlange). Eine viereinhalb Meter lange Anakonda mit der bloßen Hand zu fangen war schon bald Routine. Außer den Schlangen, die wir sehr selten, meist nur nachts und mit der Lampe bewaffnet, zu sehen bekamen, gab es jedoch andere Spezies, die uns das Leben ungleich schwerer machten. Zum Beispiel die Ameisen. Es gab eine breite Palette dieser kleinen Monster, wobei die größte, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, mit Sicherheit dreieinhalb Zentimeter lang war. Die Fourmis-manioc waren winzig; hatte man hingegen das Unglück, gleich mehrere von ihnen unter die Kleidung zu bekommen, dann ließen sie einen tanzen. Es gab auch Namensvetter, nämlich die Fourmis-légionnaires, und auch diese bissen gerne und herzhaft zu. Gefürchtet von uns war die Mouche à Feu (wörtlich: Feuerfliege), eine Art Wespe, deren Stiche, wie schon der Name sagt, brannten wie Feuer. Sie war eine Pest, vor allem auch deswegen, weil sie ihr Nest gut unter Palmenwedeln versteckte. Berührte man unvorsichtigerweise die Palme oder hieb auf der Suche nach Holz mit dem Coupe-coupe dagegen, war Sauve qui peut – rette sich, wer kann – angesagt! Sie verfolgt den Unruhestifter gnadenlos und sticht mehrmals zu. Dabei konnte man sie, wenn sie flog, kaum ausmachen, spürte nur ihren Stich. Was man absolut nie tun sollte, obwohl die schöne, schillernde Farbe einen gerade dazu einlädt, ist einen der gelben oder rot schimmernden kleinen Frösche mit der Hand einzufangen. Sie sind hochgiftig, sprich tödlich! Während der Ausbildung hatten wir mit den Tierfallen wenig Glück und auch beim Fischen gelang uns nichts wirklich Glorreiches. Ich erinnere mich, dass wir am ersten Tag drei winzige Fische fingen.

Saramacca

Einfach lächerlich! Zum Fischfang eignete sich am besten der Saramacca, eine Art Fischreuse, hergestellt aus dem Stamm eines jungen, biegsamen Baumes, Lianen und Bambusspitzen (Bambus wuchs nicht überall. Man musste schon danach suchen. Man konnte auch andere Hölzer verwenden). Der Saramacca ist ein regelrechtes Kunstwerk. Fertiggestellt legt man ihn mit dem Köder an gut geeigneten Stellen im Fluss aus – Festbinden nicht vergessen. Der Fisch kann zwar hineinschwimmen, kommt aber nicht wieder heraus, weil spitze Stacheln ihn daran hindern. Man brachte uns bei, uns von den Cœurs de palmier (Palmenherzen) und jungen, rohen Bambussprossen zu ernähren. Weder schmeckten sie, noch konnten die Palmenherzen unseren unbändigen Hunger stillen. Das Errichten vor Wind und Regen schützender Carbets war eine Kunst für sich. Wind gab es wenig, aber Regen; der fiel pausenlos. Wir verbrachten viel Zeit damit, Dutzende von Palmenwedeln zu schlagen, um diese Carbets anzufertigen. Die Palmblätter flochten wir zu Matten und Körben. Praktisch und recht hilfreich zum Konservieren von Fisch oder Fleisch waren die sogenannten Tables à boucaner. Es handelte sich hierbei um pyramidenförmige Gerüste, circa eineinhalb Meter hoch, mit einer Plattform auf Schenkelhöhe. Das Ganze wurde mit Palmblättern umgeben. Im oberen Abschnitt gab es eine natürliche, winzige Öffnung. Unter der Plattform wurde ein Schwelfeuer angelegt, wobei eine ganz besondere Art Holz und auch Blätter einiger Palmen verwendet wurden. Es gibt außer dem Regenwasser, den Bächen und Flüssen noch andere Wasserspender. Die dicken Lianen zum Beispiel. Schlägt man sie an gewissen Stellen durch, fließt Wasser hervor, das man getrost trinken kann. Ebenso verhält es sich mit einer Palme, die man Arbre du voyageur nennt. Bohrt man das Messer in ihren Stamm, quillt sofort Wasser hervor. Es schmeckt etwas bitter, stillt aber sofort den Durst. Dies wiederholt man dann auf Wunsch an mehreren Stellen, bis man genug hat.

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Feuer ist Leben

Feuermachen in Guyana ist, wenn man es nie richtig gelernt hat, ein Kapitel für sich. Beherrscht man es: gut! Wenn nicht, treibt es einen in den Wahnsinn. Warum? Weil es kein trockenes Holz gibt! Die Methode, die sie uns beibrachten, war einfach und klappte, wie ich habe erfahren müssen, immer. Nehmen Sie einfach ein großes Stück Holz, das frisch von einem Baum geschnitten worden ist. Es kann ruhig nass sein. Dann schneiden Sie es mit dem Messer in zunächst streichholzgroße Stäbchen. Danach dürfen sie ruhig etwas größer werden. Sehen Sie zu, dass Sie genügend Holz zum Nachfeuern haben, am besten dann einen ganzen Stapel. Nun graben Sie ein zehn Zentimeter tiefes, breites Loch. Sorgen Sie dafür, dass es breit genug ist, um somit eine ausreichende Sauerstoffzufuhr zu sichern. Nehmen Sie jetzt einen Kerzenstummel (vier, fünf Zentimeter Höhe), stecken Sie ihn in das Loch und zünden Sie ihn an. Nun beginnen Sie die Streichhölzer wie eine Pyramide darum aufzubauen. Sie werden überrascht sein. Wenn es regnet, spannen Sie eine Zeltbahn oder eine Plane darüber. Dasselbe funktioniert auch mit Baumharz (Brayou) als Brennstoff. Das nasse Holz wird in Windeseile trocken und … ein schönes Feuer mit gelb lodernden Flammen war schon immer Synonym für tiefe Geborgenheit und vor allem für die dahinter verborgenen Sehnsüchte, nicht wahr?

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Ein kleiner Survival-Tipp: Sturmfeuerzeuge sind ein wertvolles Gut. Eines am Mann, ein zweites wasserdicht verpackt im Rucksack ist Pflicht im Busch!

 

»Ihr habt zwei Stunden Zeit, ein Floß zu bauen«, sagte einer von den Ausbildern ohne jede weitere Erklärung. »Damit setzt ihr über ans andere Ufer, wo euch ein leckeres Mittagessen erwartet!«

Diese Aussage allein schon hätte uns stutzig machen sollen, doch wir waren abgemagert und halb verhungert. Wir musterten uns gegenseitig. Wir, damit meine ich unsere Gruppe mit dem Gruppenführer, einem marokkanischen Caporal. Es herrschte Engpass beim Dienstgrad der Sergents. Alle waren wir neu in Guyana, doch die uns gestellte Aufgabe sollte zu bewältigen sein. Rasch analysierte der Caporal seinen Auftrag.

»Zwei Stunden ist eine Menge Zeit, Männer. Lasst uns was Vernünftiges bauen, worauf wir stolz sein können!«

Gabun cefoga

Keine zwei Stunden später lag das Floß auf dem sandigen Ufer. Ein eindrucksvolles Gefährt, wie wir meinten, und das war es auch. Die Arbeit hatte uns noch hungriger gemacht, und bei dem Gedanken an das leckere Essen auf der anderen Flussseite lief uns allen das Wasser im Munde zusammen.

»Ins Wasser damit«, riefen die Ausbilder schon zu uns herüber.

Gemeinsam schleiften wir das Floß ins Wasser, wo es … sofort unterging!

Wir waren vor Entsetzen und Enttäuschung wie gelähmt. Mit einem unbeteiligten Ausdruck im Gesicht erklärte uns der Ausbilder zehn Minuten später, was wir falsch gemacht hatten.

118. Floß aus Moucoumoucou Holz

Floß aus Moucoumoucou-Holz.

 

»In Guyana gibt es ein paar Hundert verschiedene Holzarten, aber nur ein gutes Dutzend davon schwimmt!«

Unser Mittagessen schwamm an diesem Tag auch. Nämlich den Fluss runter!

Der Ausbilder zeigte uns Exemplare der Hölzer, die tatsächlich trugen, und nannte uns ihre lateinischen Namen.

»Wenn ihr zukünftig ein Floß bauen wollt, dann schneidet zuerst ein Stück Holz von dem Baum, den ihr dazu verwenden gedenkt, ab und werft es ins Wasser. Schwimmt es, umso besser.«

Hungrig, waren wir um eine Erfahrung reicher. Um von einem Ufer ans andere zu gelangen, gebrauchten wir oft einfach nur ein gespanntes Tau, doch hier war Vorsicht geboten. Ich sage das, weil ich bei einer solchen Aktion fast ertrunken wäre. Besonders die Nebenflüsse sind nicht sehr breit und genau dort scheint der Fluss gemütlich langsam dahinzufließen, doch der Schein trügt. Unter der ruhigen Oberfläche ist die Strömung gewaltig. Die größte Gefahr im Urwald ging nicht von Giftschlangen, von wilden Tieren, von plötzlich umfallenden Bäumen, die alles mit sich rissen, aus, sondern von diesen nicht einzuschätzenden, unergründlich tiefen und gefährlichen Flussläufen. Davon ausgehend, dass das Tau, diesseits wie jenseits, einen Baum als Fixpunkt hat, sind folgende Dinge von extremer Wichtigkeit: FORTSETZUNG FOLGT …

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Mein Lesetipp.  Private Security

Es gibt in Deutschland nur eine Handvoll Männer, die unter Vertrag ausländischer privater Sicherheitsfirmen arbeiten. Und noch weniger, die davon erzählen. Warum? Weil es ein Tabu ist. No-Go! Das vorliegende Buch bricht dieses Tabu. Wer nach langen Jahren eine Eliteeinheit verlässt, für den ist nichts mehr, wie es mal war. Der Weg, zurück zum normalen Leben, macht diesen Männern schwer zu schaffen. Manche packen es nicht, zu krass ist der Unterschied zwischen blutigen Einsätzen in Krisengebieten von einst und dem ganz normalen Wahnsinn im gutbehüteten Zivilleben von heute. Es entspricht einer gewissen Logik, dass die Vergangenheit diese Männer schneller wieder einholt als ihnen lieb ist. Und wenn die alten Teufel wieder rufen: Können sie ihnen widerstehen?

***

Auszug aus …

Leben unter fremder Flagge

Fortsetzung TEIL 12

In der Hölle Guyanas

3. Régiment étranger d’infanterie, Französisch Guyana

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Ein Hauch von Papillon

Die nächsten Wochen waren eine rasante Abfolge von Pflichtübungen, die uns von den oben genannten Ereignissen ablenkten. Zunächst gab es ein Manöver auf Regimentsebene mit einem abschließenden Défilé, einer Parade in St.-Laurent. Saint-Laurent war eine Stadt am Maroni-Fluss. Dieser bildete die Grenze nach Surinam. Es folgte der Test Compagnie. Hierbei wurden die Einsatzbereitschaft, der Ausbildungsstand und die Effizienz der Einheit überprüft. Gefragt waren in erster Linie der Kompaniechef, die Zugführer und ihre Stellvertreter sowie die Gruppenführer. Wir Legionäre waren nur Statisten. Dieser Test fand hauptsächlich im Nordwesten Guyanas statt. Ich erinnere mich, dort einen Strand gesehen zu haben, an dem Dutzende von Meeresschildkröten ans Land kamen, um ihre Eier zu legen. Jahre später hatte ich in Dschibuti die Gelegenheit, Eier von Meeresschildkröten zu kosten, was eine feine Sache war, vor allem dann, wenn man halb am Verhungern ist! Der Wald bei Mana, durch den wir taktisch in einer langen Kolonne schlichen, war die Pest. Wir wurden von Stechfliegen regelrecht zerfleischt. Da half kein Autan, kein Taffia und kein Fluchen. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte es mit einem Jaguar zu tun, als mit diesen unsichtbaren kleinen Monstern, die sogar durch Jacken und in aller Hast übergeworfene Ponchos stachen. Unmittelbar darauf ging es für eine Woche auf die Inseln. Genauer gesagt, auf die Insel St.-Joseph. Unser Zug arbeitete dort an einem Freizeitheim für Legionäre. Außer dem Fischer mit seiner Familie war St.-Joseph unbewohnt. Im Zentrum der Insel, die ca. eine Fläche von zwanzig Hektar hatte, befanden sich die Zellen der Bagnards, der Sträflinge einer ehemaligen Strafkolonie. Trotz des schönen Palmenwaldes, der ihn umgab, war es ein schauriger Ort.

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Es gab auch berühmte Bagnards, darunter Dreyfus und Henri Charrière alias Papillon. Das Schicksal Charrières (er hat im französischen Zuhältermilieu wohl einen Rivalen ermordet, was er aber immer bestritten hatte, und landete deshalb im Bagno) wurde mit Steve McQueen und Dustin Hofman mit großem Erfolg verfilmt. In den Städten wurden die Bagnards unter anderem auch dazu verdonnert, Ziegelsteinfabriken zu bauen, um Ziegelsteine selbst herzustellen. Auch ihre Unterkünfte auf den Inseln wurden mit diesen Ziegelsteinen erbaut. Obwohl es uns Legionären strikt verboten war, diese Ziegelsteine, die ja einen historischen Wert besaßen, zumal auch in jeden einzelnen davon die Jahreszahl eingraviert war, anzufassen, so lege ich nicht meine Hand dafür ins Feuer, dass nicht dennoch der eine oder andere Ziegelstein heute in irgendeinem Büro in Europa in der Glasvitrine eines Ex-Legionärs liegt.

Tagsüber fällten wir Bäume, sägten sie mit Motorsägen in Stücke und schleiften sie hinunter zum Meer, wo sie verbrannt wurden. Danach ebneten wir die in Betracht kommende Fläche mit Pickel, Vorschlaghammer und Schaufel. Eine harte Knochenarbeit, die unser Zugführer jedoch abends belohnte, indem er zusätzliche Bierrationen austeilen ließ. Einmal lud er uns sogar in das auf der Nachbarinsel Île Royale gelegene Restaurant ein. Zu essen gab es meist Fisch, den wir dem Fischer abkauften, hauptsächlich Mérou (Barsch) oder Dorade (Brasse). Dazu wurde Riz cantonais serviert, Reis auf kantonesische Art. Natürlich hätten wir selber unsere Fische angeln können, doch wir wollten, dass der Fischer von unserer Präsenz profitierte.

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Ein deutscher Legionär auf St. Joseph mit einem Mérou (Barsch)

 

Er fing, wir bezahlten. Nachts ertönten dann unsere Lieder. Der warme Wind der Karibik trug sie mit sich fort, und wer weiß? Vielleicht hörte sie jemand am anderen Ende der Welt.

Hier auf der Insel vertieften Thomas Linder und ich unsere Freundschaft. Es war schon komisch. Wir hatten beide denselben Vornamen, kamen beide aus Oberfranken und hatten am gleichen Tag Geburtstag. Vielleicht hatte das Schicksal uns zusammengeführt, möglicherweise auch eine andere, höhere Gewalt? Beide waren wir Einzelgänger und hatten in unserem Leben vor der Legion nicht unbedingt das gefunden, was uns glücklich machte. Das Dilemma war: Niemand von uns konnte mit absoluter Exaktheit sagen, was wir überhaupt suchten.

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Thomas Linder

Davon ableitend machte ich mir meine eigene Philosophie. Menschen wie Thomas und ich waren wohl dazu verdammt, sich ständig im Kreis zu drehen. Es gab für uns kein Ziel, sondern nur einen Weg, den es zu beschreiten galt. Und …wir wählten nicht immer den einfachen, bequemeren Weg.

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Es geht los – endlich! Unser Zug in Saint-Georges-de-l’Oyapock kurz vor dem Beginn unseres größten Abenteuers, der Mission Profonde: Es geht an die dreißig Tage dauernde Urwalddurchquerung.

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Ein privilegiertes Leben

»Les chefs de groupe à moi« – Gruppenführer zu mir! Wie ein zweiter Napoleon stand Sergent-chef Sass inmitten seiner Sergents, und es hagelte Befehle. Das Leben unter seinen Männern bereitete ihm sichtlich Spaß. Eine Woche Quartier, das konnte er verkraften, doch dauerte es nur einen Tag länger, nagte die Langweile mit ihren spitzen Zähnen in seinen Eingeweiden. Er brauchte den frischen Wind, der ihm ins Gesicht blies. Am glücklichsten war er irgendwo in dieser grünen Hölle. Den Sack auf dem Rücken, drei Dutzend Legionäre in seinen Spuren: Freiheit, was willst du mehr!? Keiner, der Fragen stellte. Keiner, der ihm sagte, was er tun oder lassen sollte.

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Und dann waren da diese überwältigenden Geräusche und Gerüche der Natur; die ihm allesamt höchsten Respekt einflößten. Frau, Kinder, Familie, das war eine Sache. Doch das hier? Dieser Urwald? Manchmal, so sagte sich der Sergent-chef, war es gut, dass niemand ihn je vor die Wahl stellte. Er wäre auf Nimmerwiedersehen im Busch verschwunden, hätte dort den Rest seiner Tage verbracht, und das, obschon man sich hier üble Krankheiten holen konnte. Zum Beispiel den Ver macaque. Der Überbringer ist eine Fliege, die auf der Haut Eier ablegt. Die Larven suchen Zuflucht unter der Haut des auserwählten Opfers und es entstehen später Würmer, die sich, wenn man genauer hinsieht, unter der Haut bewegen. Keine schöne Sache. Dann gab es die allgegenwärtige Malaria, la Palu, wie wir sie nannten. Der Überträger ist die Anophèle Femelle. Malaria in diesen Breiten tötet gnadenlos! Weiter geht es mit der Leishmaniose, ebenfalls das Geschenk einer Fliege. Ich habe Legionäre gesehen, die von dieser Krankheit befallen waren. Ihre Beine und Arme wiesen Löcher auf, die teilweise so tief waren, dass man mühelos einen Daumen darin hätte verschwinden lassen können. Wir sind noch nicht am Ende. An den Ufern der Bäche und Criques grassiert der Ver de chien. Wie schon der Name sagt, handelt es sich um den Parasiten eines Hundes oder einer Wildkatze, mit dem ich selbst schon Bekanntschaft gemacht habe. Und zum Abschluss noch ein kleines Dengue-Fieber gefällig? Die Liste geht unendlich weiter, doch lassen wir’s mal dabei.

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»Macht euch auf was gefasst«, sagte Pappy. »Der Chef ist in seinem Element. Ich wette ’nen Arschtritt gegen ’n kühles Guinness, dass wir heut’, bevor die Sonne untergeht, gegrilltes Affenhirn essen müssen!«

Certa würgte geräuschvoll. »Hatten wir doch erst!«

Wir lachten. Bailey hatte eine Anspielung auf die kulinarischen Vorlieben von Chef Sass gemacht. Wie Keksz, unser Ungar, war er dafür bekannt, dass er nicht viel von einem herkömmlichen Speiseplan hielt. Ungarn scheinen das so an sich zu haben. Als die Caporaux, die Obergefreiten, von der Befehlsausgabe kamen, wurde es ernst. Innerhalb weniger Minuten hatten wir alle Mitbringsel abgeladen, gleichmäßig auf die Pirogen verteilt und festgezurrt. Danach konnte es losgehen. Natürlich wussten wir, was uns erwartete, und wir freuten uns auch darauf, dennoch war es ein komisches Gefühl, zu sehen, wie die leeren LKWs ohne uns wieder Richtung Kourou davonzockelten. Von PK-21 aus fuhren wir den Kouroufluss langsam stromaufwärts. Um vom schmalen Küstenstreifen in das Landesinnere zu gelangen, gab es nur einen Weg: Die Flüsse! Ohne sie als Wegbereiter ging nichts. In mir steckte nichts als pure Neugier und ungestillter Wissensdurst, als ich mal links, mal rechts auf das satte Grün des Urwaldes starrte. Ja, ich starrte. Beim genaueren Hinsehen stellte ich fest, dass es sich nicht um ein sattes Grün handelte, sondern um hundert Facetten dieser Farbe. Und noch etwas bemerkte ich: Der Dschungel lebte … Er bewegte sich. Hier ein Chamäleon, das ich nur durch Zufall entdeckte, so perfekt hatte es sich seiner Umgebung farblich angepasst, dort eine Horde Brüllaffen, deren Geschrei man kilometerweit vernahm. Flussaufwärts brach ein Maïpouri, ein Tapir, durch das Gebüsch, beäugte uns neugierig und verschwand wieder. Der Kikiwi, ein kleiner, gelbbäuchiger Vogel mit einem schwarzen Häubchen, schrie seinen Namen fast unverschämt laut und fröhlich in die Welt hinaus. Ein blauer Morpho, einer dieser schönen, dunkelbläulich phosphoreszierenden Schmetterlinge von beachtlicher Größe (viel größer als meine Handfläche), setzte sich auf den Rucksack vor mir. Es roch nach nassem Gras, nach vermodertem Holz, nach feuchtem Schlamm. Es roch muffig, nach vor sich hin faulenden Früchten, nach Wasser, Erde, Feuer und Luft! Irgendwo im Landesinneren brannte schwelend ein Holzfeuer ohne Flamme … Irgendjemand räucherte Fisch! Ich lachte laut, während alle anderen mich zustimmend ansahen, mit mir fühlten. Es war ein spontanes, ungezwungenes Lachen, und mit einem Schlag wurde mir klar: Ich war ein Privilegierter, das alles erleben zu dürfen.

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In Camp Fabert angekommen warteten die Ausbilder der Cellule Forêt auf uns. Eigentlich müsste man sie die Buschmeister nennen. Niemand, von den Indianern und den Noir-Marrons einmal abgesehen, kannte den Urwald besser. Dazu muss man sagen, dass diese Ausbilder, wie auch einige von uns später, sich ihr Können teilweise durch Lehrgänge angeeignet hatten, die sie in Kommandoschulen tief im Dschungel Brasiliens führten. In Manaus, um genau zu sein. Unter den einheimischen Indianern gab es mehrere Ethnien. Sie gehören verschiedenen Sprachfamilien an, konnten grob nach ihren geografischen Niederlassungen zugeordnet werden: Arawaks, Wayampis (Wayapi bzw. Oyampi), Wayanas, Émérillons, Palikurs, um die Namhaftesten zu nennen. Die Noir-Marrons oder auch Bush Negroes – Buschneger – sind Abkömmlinge schwarzer Sklaven, die noch vor der Abschaffung der Sklaverei gegen ihre Herren revoltiert haben und sich von den Zucker- und Kaffeeplantagen in den Urwald flüchteten. Ihre Vorfahren stammten hauptsächlich von der Küste Westafrikas, nämlich Benin, Elfenbeinküste und Ghana. In Französisch Guyana sind sie heute in sechs ethnischen Gruppen anzutreffen. Wir hatten vor allem mit den Noir-Marrons des Oyapoque und des Maroni zu tun. Sie alle waren hervorragende Fährtenleser und Piroguiers.

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Ein Piroguier-Noir-Marron versteht es wie kein Zweiter, eine Piroge die Flüsse hinauf und über gefährliche Stromschnellen hinweg in den Dschungel zu lenken. Dabei ließ er sich von einem Takariste helfen. Der Takariste stand vorne im Bug, warnte vor Hindernissen, hatte Augen wie ein Luchs und ein Gespür für Gefahren wie kein Zweiter. Alle Piroguiers, ob Motoriste oder Takariste, standen bei der Legion unter Vertrag. Von den Indianern und den Noir-Marrons lernten wir essenzielle Dinge wie vor Gefahren : Jagen, Fischen, Räuchern und Fährtenlesen. Wieder kurze, knappe Befehle. Im rasanten Tempo luden wir die gesamte Ausrüstung wieder ab und schleppten sie circa hundert Meter landeinwärts. Es ging leicht bergauf und da es regnete, standen wir nahe am Fluss bis zu den Knien im Matsch, der hier eine rötliche Farbe hatte. Wenn Sie je in Guyana in die Verlegenheit kommen sollten, ein Camp aufzuschlagen, tun Sie das immer etwas landeinwärts, weg vom Fluss.

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„La force de nos cœurs et de nos bras. Foulant la boue sombre – Die Kraft unserer Herzen und unserer Arme. Unter unseren Füßen dunkler Schlamm.“ Die Stromschnellen müssen umgangen, die schweren Pirogen eine kurze Strecke über Land getragen werden.

Die Gezeiten des Atlantiks sind unberechenbar. So kann es vorkommen, wie es uns schon passiert ist, dass Sie, wenn Sie aus Ihrer Hängematte springen, bereits bis zu den Knien im Wasser stehen oder Boot und Piroge hängen angebunden, Heck senkrecht nach unten. Hier an dieser Stelle auch kurz eine Erklärung zur Piroge, unserem Beförderungsmittel, das uns so wertvolle Dienste leistete. Eine Piroge ist nichts anderes als ein Einbaum. Das Geheimnis zur Herstellung einer guten Piroge wird von Generation zu Generation überliefert und Nicht-Einheimischen gegenüber nur ungern preisgegeben. Ich habe nie gesehen, wie ein Einbaum hergestellt wird. Man sagte mir, dass es dazu verschiedene Methoden gibt. Unter anderem auch die, bei der Feuer und Glut dazu benutzt werden, um den Stamm, der vorher sorgsam ausgewählt werden muss, quasi von innen heraus auszubrennen. Kohle und Asche werden weggeschabt und nach und nach höhlt sich der Stamm.

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Niemals lassen wir unsere wertvollen Transportmittel alleine. Ein Piroguier wacht!

Die Pirogen, die wir hatten, waren schwer, manövrierfähig, etwa zwanzig Meter lang und zwei Meter breit. Man wies uns einen Geländeabschnitt zu, auf dem wir unser Camp errichten durften. Ein Stück Gelände, das hieß: einen winzigen Streifen jungfräulichen Urwaldes. Wir arbeiteten bis spät in die Nacht, um uns darauf „häuslich“ niederzulassen. Zunächst wurde eine dreiköpfige Wache eingeteilt, die ab sofort mit den Fusils à pompes, unseren Mossberg-Schrotflinten patrouillierte.

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Diese Schrotflinten waren uralte Dinger, nicht zu vergleichen mit den Pumpguns von heute. Sergent-chef Sass besaß z.B. eine doppelläufige Büchse mit abgesägtem Lauf, die, wenn man abdrückte, einen Mordslärm machte, woraufhin der Schütze augenblicklich hinter einer dicken Rauchwolke verschwand. Um sich, taktische wie auch komfortable Überlegungen berücksichtigend, einzurichten, spannte man in etwa zweieinhalb Metern Höhe immer zuerst das Bâche (wasserdichte Regenplane). Danach wurde die Stelle darunter abgeholzt, gesäubert und erst dann das Hamac aufgeschlagen. Zwei in die Erde getriebene Hölzer in Schenkelhöhe dienten dazu, dass man nachts die Stiefel mit den Öffnungen nach unten draufstecken konnte. So waren sie weit weg vom Boden, und kriechende Insekten, Schlangen oder Skorpione konnten nicht hineinschlüpfen. Ein Überprüfen und Reinigen der Waffe folgte auf dem Fuß: Ein Reflex, den man sich bei der Legion unaufgefordert aneignet! Eine Gruppe wurde verdonnert, in der Lagermitte eine Feuerstelle zu errichten. Trockenes Holz zu finden war schwer, wenn nicht gar unmöglich. Dieselbe Gruppe war auch verantwortlich für das Abendessen und das Frühstück für den nächsten Morgen, wobei der Kaffee immer schon von der Nachtwache zubereitet wurde. Die zweite Gruppe, die nach Einbruch der Dunkelheit die Wache übernehmen sollte, zog sofort los, um das Gelände nach allen Seiten und in einem Umkreis von fünfhundert Metern landeinwärts zu erkunden.

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Es war extrem wichtig, zu wissen, wo wir waren und ob sich jemand in unserer unmittelbaren Nähe befand. Alternative Trinkwasserlieferanten, etwa klare Bäche, Quellen etc., wurden bei dieser Gelegenheit gleich mit auf eine grob angefertigte Karte gezeichnet, die allgemeine Geländebeschaffenheit ebenso wie taktische Aspekte gewissenhaft geprüft: Welche Geländeabschnitte kann sich der Feind zu eigen machen, um sich unbemerkt zu nähern? Wo können Antipersonenminen bzw. Hinterhalte angelegt werden, um genau dies zu verhindern? Welche Stelle eignet sich für einen Hubschrauberlandeplatz etc. Das Übliche halt! Ein Marsch von fünfhundert Metern in diesem Gelände konnte im Extremfall stundenlanges Fernbleiben bedeuten. Ich erinnerte mich an eine Situation während einer unserer Missions Profondes. Wir verließen das Biwak vor Sonnenaufgang, quälten uns neun Stunden lang unter unsäglichen Strapazen durch Dschungel, durch Morast und über wie Mikadostäbchen aufeinandergestapelte Baumstämme hinweg und an Schlangen und Mouche-à-feu-verseuchten Geländeabschnitten vorbei. Als wir dann kurz vor Sonnenuntergang völlig erschöpft das neue Biwak aufschlugen, stellten wir zu unserem Entsetzen fest, dass wir nur achthundert Meter Luftlinie vom alten Biwak entfernt lagerten. Wenn auch extrem frustrierend, war das durchaus üblich. Die dritte Gruppe hatte den Auftrag, das Camp zu säubern. Hier wurde lästiger Bodenbewuchs aus dem Wege geschafft und nach Schlangennestern, Skorpionen oder Mouches à feu Ausschau gehalten. Lianen, die aus fünfzig Metern Höhe herabschwangen, wurden kurzerhand mit dem Coupe-coupe entfernt, ebenso wie die gefährlichen Awarapalmen, deren schwarze Stacheln ins Fleisch eindringen, abbrechen und sich dort rasch entzünden können. Das war stets eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit. Der Zugtrupp stellte derweil die Funkverbindung mit dem Quartier Forget her. Dazu diente unser gutes altes BLU, sprich Bande Latérale Unique. Es arbeitete im Modus Sprechfunk ebenso zuverlässig wie im Morsefunk und hatte eine eindrucksvolle Reichweite.

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Copyright 3. REI Cellule Forêt / BOI

Unsere Infirmerie, die mobile Krankenstation, musste eingerichtet und der physische Kontakt zur Cellule Forêt hergestellt werden. Die beiden letzten Prozeduren benötigten nur die Funker sowie den Zugführer. Im nahen Camp der Cellule Forêt wurde der Ablauf der nächsten Wochen bis ins Detail besprochen. An dieser Stelle sei gesagt, dass der Zugführer und alle Unteroffiziere von der Cellule Forêt nur als Lehrgangsteilnehmer angesehen wurden. Sie absolvierten dieselbe Ausbildung wie der einfache Legionär, mit all den Schikanen, die sich dahinter verbargen. Das galt für die individuelle und auch für die kollektive Basisausbildung. Da wir auch als Zug, als in sich geschlossene Kampfeinheit, im Dschungelkampf ausgebildet wurden: Fallenbau, Infiltration, Handstreich, Exfiltration, Hinterhalt etc., kamen die Dienstgrade und die damit verbundene Befehlsgewalt natürlich voll zum Tragen. Unteroffiziere in der Legion sind zwar auch Legionäre, sie tragen aber nicht mehr das Képi Blanc. Offiziere haben das Képi Blanc grundsätzlich nur an einem einzigen Tag ihrer Karriere auf ihrem Kopf. Dann nämlich, wenn es heißt, Abschied zu nehmen, und sie die Legion definitiv verlassen.

„Képi Blanc“, „la Musette“, „le Boudin“, weiß und rot, und „le Pinard“. Mit diesen Attributen ausgestattet ziehen sie von dannen. Der Boudin ist die Blutwurst, mit Pinard ist der Rotwein gemeint, und die Musette ist ein kleiner Rucksack.

Die Hauptgefreiten oder auch Caporaux-chefs trugen das Képi Blanc, bis sie eine Dienstzeit von fünfzehn Jahren erreicht hatten. Erst dann wechselten sie es gegen das Képi Noir (schwarzes Käppi). Caporaux-chefs Képi noirs gab es nicht wie Sand am Meer. Sie genossen zwar keine Narrenfreiheit, aber man ließ sie grundsätzlich in Ruhe, weil es sich durch die Bank um erfahrene, immer im Kampf erprobte Legionäre handelte. Ich denke, es ist überflüssig, hier zu erwähnen, dass jeder von uns seine Waffe mit in sein Hamac nahm, mit ihr schlief (Soldatenbraut). Ab dem Dienstgrad Caporal und aufwärts war jeder im Besitz von scharfer Munition (Sicherheitsmunition). Da das Verhältnis Kader / Legionär proportional stimmte, auf vier Mannschaftsdienstgrade kam ein Unteroffizier, von den Obergefreiten kaum zu sprechen, hatten wir mehr als genug Munition im Gelände. Die vielgerühmte Rustikalität der Fremdenlegion? Hier, im Dschungel, forderten wir sie jeden Tag ein! Wecken, sofort mit nacktem Oberkörper, dem Waschzeug in der einen und der Waffe in der anderen Hand, antreten. Dann ab, im Laufschritt, bis runter zum Fluss, wo wir uns im opaken Wasser wuschen und rasierten. Hygiene war absolut ein essenzieller Teil unseres täglichen Ablaufs. Hygiene, sauberes, bescheidenes Auftreten, ein frisch gebügelter, eleganter Anzug wie aus dem Bilderbuch, auch das macht den Legionär aus. Damals wie heute! Was aber nicht hieß, dass wir das Bügeleisen im Rucksack durch den Dschungel schleiften. Stand bei dieser Mission die Dschungelausbildung eindeutig im Vordergrund, so gab es eine sekundäre Zielsetzung. In drei Wochen sollten wir unser Können vor brasilianischen Generälen unter Beweis stellen. Presse und TV würden anwesend sein, alles musste stimmen. Jede einzelne Minute würde von nun an verplant sein und zum Schlafen blieben uns die Stunden zwischen Mitternacht und fünf Uhr. Das allerdings auch nur, wenn man Glück hatte und keine Wache schieben musste. Einige Legionäre unterlagen dem sogenannten Anonymat. Sie verbargen ihre wahre Identität hinter einem anderen Namen. Sobald Medien und TV angesagt waren, entschieden sie selbst, ob sie sich zeigen wollten oder nicht. Niemand zwang sie dazu. In diesem Sinne wurde allen befohlen, die Namensbänder abzunehmen. Der Anonymat wurde absolut respektiert.

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… was die Natur hergibt. Kaiman und Leguan!

Anm. d. Verf.: Die Geschichte des Anonymat geht zurück bis zu den Anfängen der Fremdenlegion (1831). Die ersten Verträge sahen eine Dauer von drei Jahren vor. Die Kompanien wurden aus Männern zusammengestellt, die ein und derselben Nation angehörten oder ein und dieselbe Sprache beherrschten. Darüber hinaus mussten die Kandidaten ihre wahre Identität nicht preisgeben. Sie durften anonym bleiben.

Der Ausbildungsschwerpunkt für die kommenden Tage war das Anlegen von Fallen. Einerseits um Tiere zu fangen (Verpflegung), andererseits um sich Verfolger vom Leibe zu halten. Letztere sind präzise und oft tödlich. Einen Verfolger auf der Stelle zu töten, ist allerdings nicht Hauptzweck dieser Fallen. Vielmehr sollen sie beim Feind eine psychologisch negative Wirkung hervorrufen. Sie werden so angelegt und präpariert, dass der Mann, der sie auslöst (oder der dahinter), schwer verletzt wird. Diese Verletzung läuft immer parallel mit einer Vergiftung. Schlagen die Fallen zu, muss der Verwundete verarztet und mit all seinem „Gerödel“, Waffe, Rucksack, Ausrüstung etc., getragen werden. Die Truppe erleidet dadurch einen enormen „augenblicklichen“ Zeitverlust. Tragen müssen oft erst hergestellt werden. Um den Verletzten zu transportieren, wird eine ganze Gruppe in einer Stärke von etwa vier bis sechs Mann benötigt. Diese Männer können zum Kampfgeschehen nur noch bedingt herangezogen werden, also: Ausfall von mindestens vier oder mehr Soldaten.

Weiterhin wird der Verletzte Schmerzen haben. Er wird stöhnen, schreien, seine Wunde wird schrecklich aussehen. Jetzt kommt der psychologische Faktor voll zum Tragen. Angst und Unsicherheit machen sich breit. Nicht der leidet am meisten, der auch verwundet ist, sondern seine Kameraden! Der Feind, der so in eine Falle gestolpert ist, wird ständig nach weiteren Fallen oder einem Hinterhalt Ausschau halten, denn einen zweiten Verletzten durch den Busch zu schleppen ist für einen Zug von dreißig Mann (vor allem, falls dieser isoliert operiert) fast schon zu viel. Um es grausam zu sagen: Wäre der betreffende Verletzte auf der Stelle tot, so wäre dies besser für alle Beteiligten. Zu Buche steht bei diesem Aspekt die Verlangsamung der Progression beim Gegner, und somit ein „ständiger“ Zeitverlust.

Zum Bau der Fallen benötigten wir nicht viel. Ein Messer, das Coupe-coupe, Lianen, Seile (dicke Lianen tun’s auch), ein Gift und etwas Zeit. Die Fallen, es waren nur eine Handvoll, waren folgende: Le râteau, le guatémaltèque, l’herse, la boule, la balançoire, la piège à fusil. Die Wirkung aller basierte auf dem Prinzip der im Feuer gehärteten Spitzen von Bambushölzern (oder anderen harten Hölzern), die, in eine Art Gift (Kot, Zwiebel etc.) getränkt, mit Wucht in den Körper eindrangen und den Gegner schwer verletzt zurückließen.Le Râteau, übersetzt der Rechen, ist eine sehr gemeine Falle. Einmal ausgelöst, gibt es keine Möglichkeit, ihr auszuweichen. Funktionierte die Falle korrekt, was bei 99,9 Prozent der Fall ist, bekommt das Opfer die gehärteten Spitzen in Gesicht, Hals und Brust. Der Rechen schießt mit voller Wucht unmittelbar vor ihm aus dem Boden. Die hervorragende Tarnung macht ein frühes Entdecken unmöglich. Schematisch sieht die Falle aus wie ein Rechen, der im Boden versenkt wird und der sich die Hebelwirkung zu eigen macht. Unmittelbar vor der Falle wird oft ein unauffälliges Hindernis angebracht, das das Opfer mit einem Schritt überbrücken will, nur um dann mit noch mehr Elan in die Falle zu stolpern.

Guatemalteque

Der Guatémaltèque. Nicht tödlich, aber höchst schmerzhaft. Wenn sich die durch ihn hervorgerufenen Wunden entzünden und kein Arzt in der Nähe ist, drohen die Blutvergiftung, ein Wundbrand und eventuell die Amputation.

Le Guatémaltèque (der aus Guatemala) besteht aus zwei runden Hölzern der Awarapalme. Diese sind mit langen, spitzen Stacheln versehen. Die Hölzer, das eine links, das andere rechts liegend (Abstand zueinander ca. 40 cm, siehe Zeichnung), sind mit einem Netz untereinander verbunden. Diese Vorrichtung wird über ein vorher ausgehobenes Loch in der Erde gelegt. Das Loch, nach unten ganz leicht seitlich enger werdend, ist etwa knietief, 40 cm breit und 50 cm lang. Tritt das Opfer auf das aus Lianen oder Schnur, Draht etc. gefertigte Netz, zieht dieses die Awarahölzer progressiv mit nach unten. Die Verengung des Loches und das Körpergewicht bewirken, dass die Stacheln sich tief in das Kniegelenk bohren.

 

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Der Rechen ist eine brutale Falle. Im Boden versenkt und gut getarnt, ist er kaum auszumachen.

Oliver mit Falle

 

Bei l’Herse und la Boule handelt es sich um Fallen, die etwas komplizierter sind. Bei beiden muss gut kalkuliert werden, wo das Opfer sich befindet, wenn es die Falle auslöst, und wo das Opfer tatsächlich ist, wenn die Falle das Opfer trifft. Der Auslösepunkt ist also nicht gleich dem, an dem die Falle das Opfer treffen wird oder treffen soll! L’herse kann einen Menschen auf der Stelle töten! Einfach beschrieben, ist es ein mit Steinen beschwerter massiger, rechteckiger Gitterblock aus Holz. Mit den Spitzen nach unten gerichtet, wird dieser aus einer Höhe von etwa acht bis zehn Metern auf das Opfer fallen. Das Fallgewicht bricht ihm sofort das Genick. Wenn nicht, zieht der Kontakt schwere Verletzungen nach sich.

 

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Auslöser

Die Kugel, la Boule, ebenfalls aus der Höhe kommend, mäht jedes Opfer nieder, das sich in einem vorher berechneten Abschnitt auf dem Pfad bewegt. Sie wirkt längs der Bewegungsrichtung des Feindes und kommt lautlos entweder von hinten oder frontal den Pfad entlanggerast.

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Waffenfalle. Tödlich für den, der sie auslöst.

La Balançoire, die Schaukel, arbeitet mit demselben Prinzip, schlägt jedoch von der Seite und auf Hüfthöhe zu. Bleibt la Piège à Fusil, eine Falle, die zwei Waffen (Gewehre, in unserem Fall zwei FAMAS oder zwei Schrotflinten) in ihren mörderischen Plan mit einbezieht. Die Waffen werden nebeneinander auf ein tischähnliches Gerüst gelegt und dort befestigt, nachdem der „Schütze“ über Kimme und Korn (oder eine andere Zielvorrichtung) die Bauchhöhe des Feindes anvisiert hat. Der Auslöser (den ich hier geflissentlich nicht beschreibe, weil er zur Nachahmung anregen könnte) wird angebracht und mit den Waffen verbunden. Löst das unglückliche Opfer die Falle aus, schwirren ihm innerhalb von nur drei Sekunden 50 Schuss Kriegsmunition um die Ohren. Das ist keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass die Distanz Falle / Feind so zwischen zehn und fünfundzwanzig Metern beträgt. Das System wird dahingehend perfektioniert, dass eine Handgranate die Waffen schon ein paar Sekunden später zerstört, da diese ja nicht in Feindeshand fallen sollen.

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Hier einige Basisfallen mit Handgranaten. Die Elemente der Zeichnung sind selbsterklärend, der Zeitaufwand für die Fertigstellung im Gelände minimal.

FORTSETZUNG folgt …

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… und eine Lektüre bezüglich PRIVATE SECURITY

 

 

 

Private Security? Hinter diesem Begriff verbergen sich, neben einigen Annehmlichkeiten, vor allem Stress, lange Abwesenheiten, Risiko und jede Menge Ärger. Ein Mann der in der Private Security Branche tätig werden will, sollte es sich zweimal überlegen, seiner Familie zu sagen: Ich bin dann mal weg. Thomas Gast war einer von diesen Männern. Einer jedoch, der, unverbesserlich, schräge Geschäfte sowie jede Art von Korruption ablehnte. Sich immer und jederzeit im Spiegel betrachten können, das zählt für ihn. Zwischen 2002 und 2016 tingelte Gast in Sachen Private Security rund um den Globus. Was er dabei erlebte war erstaunlich. Und ja: Es ist ein lukratives, manchmal blutiges Geschäft. Männer einer Private Security Company können nicht nur mit der Waffe problemlos umgehen. Es sind globale Allrounder die an allen Hot-Spots der Erde operieren. Ihr Job? Die Konter-Piraterie. Die Ausbildung Soldaten fremder Heere. Die Bewachung von Gas Pipelines, Öltankern, Botschaftern und Milliardären.

 

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Auszug aus …

Leben unter fremder Flagge

Fortsetzung TEIL 11

In der Hölle Guyanas

  1. Régiment étranger d’infanterie, Französisch Guyana

„Um zu wissen, wie es in der Hölle aussieht, muss man sie besuchen!“ Adjudant-chef Lopez / 3e REI

 

3e REI

Der Gefreite machte sich einige Notizen und verschwand wieder. Kurz darauf wurden wir vom Chef de détachement (Verantwortlicher der Abteilung) in einem kleinen Saal, einer Transitunterkunft untergebracht. Hier waren alle Legionäre einquartiert, die sich in einer Übergangsphase befanden. Tags darauf ging es los mit dem Stage brousse, dem Einweisungslehrgang. In diesem Schnellkurs, den ich rasch überfliege, wurde uns das kleine Einmaleins des Dschungels beigebracht. So einfache Dinge, wie: Wie packe ich meinen Rucksack, was gehört hinein und was nicht? Wie spanne ich mein Hamac (brasilianische Haushängematte) und das Bâche, den Regenschutz? Welche Gefahren birgt der Dschungel? Was tun, wenn ich mich verirre, verletzt bin oder plötzlich illegalen Goldgräbern gegenüberstehe, die ein Interesse haben, nicht erwischt zu werden, und alles tun, damit es auch so bleibt? Welche Tiere können mir gefährlich werden, was tun bei einem Schlangenbiss? etc. Nach diesem Lehrgang gehörten wir offiziell der dritten Kompanie an und endeten, wie durch ein Wunder, fast alle im selben Zug, dem „332“, drittes Regiment, dritte Kompanie, zweiter Zug. Thomas Linder war im ersten Zug und Ange, der Korse, der erst später seine Aufwartung im Regiment machen sollte, wurde in den dritten Zug versetzt.

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Anmerkung des Autor

Das 3e Régiment étranger d’infanterie ist das höchst dekorierte Regiment der Legion. Unter dem Namen R.M.L.E löste es am 01. September 1918 bei Laffaux / Frankreich, die 32e US Division ab und stürmte am Tag darauf, ab dem 02. September 1918 die Hindenburglinie die am 14. September endgültig fällt. Zwischen dem 02. Und dem 14. September  verliert das RMLE 275 Soldaten, man beklagt 1158 Verwundete. Diese Zahl 1158 entsprach in etwa genau der Hälfte der Gesamtstärke des RMLE.

 Ironie der Sorte möchte ich bemerken, dass das erste Kampf-Regiment, in welchem ich in der Legion Dienst tat, (das 3e REI)  auch die Einheit war, die damals Ende des zweiten Weltkrieges (noch unter ihrer alten Benennung RMLE) im April des Jahres 1945 die Städte Calw und Nagold einnahm. Hatte ich nicht auch selbst von 1979 – 1984 in Nagold gedient? Schritten auch die Legionäre damals über den vereisten Ostberg oder über eine verschneite Eisbergsteige?

 

Mein Zugführer, ein frischgebackener Leutnant namens Chavancy, war ebenfalls ein Neuling im Regiment. Er kam gerade von der Offiziersschule. Ungefähr zwölf Jahre später sollte ich ihn als S-3 Offizier des 2. REI, Jahre darauf als Regimentskommandeur der 13. DBLE und wieder etwas später als Militärgouverneur der Stadt Lyon antreffen. Dieser brillante Offizier war etwas kleiner als ich, kompakt, körperlich topfit, Brillenträger, und er machte nicht den Fehler, den schon so manch ein Leutnant begangen hatte, nämlich von oben auf uns herabzusehen und die Stimme seines Stellvertreters geflissentlich zu überhören. Dazu war er einfach zu intelligent. Sein Stellvertreter, Sass, der Sous-officier adjoint, ein Ungar mit dem Dienstgrad eines Sergent-chef, war ein alter Haudegen. Als solcher war es unter anderem seine Aufgabe, den Leutnant unter seine Fittiche zu nehmen, ihn „einzunorden“. In der Legion ist das ein unerlässlicher Prozess, denn ein Offizier weiß nichts von diesen Männern ohne Namen. Er kann alles richtig oder auch alles falsch machen.

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Die meisten Offiziere erleiden immer dann eine Bruchlandung, wenn sie nicht ab und zu auf ihre Stellvertreter, auf die alten Legionäre hören. Widersinniger Offiziersstolz ist total fehl am Platz. Groß und drahtig, hatte Sass die Silhouette eines Buschläufers. Allzu oft hatte ich in den kommenden zwei Jahren das Vergnügen, im Dschungel hinter ihm zu marschieren, und ich behaupte mal frech: Dieser Mann läuft alles und jeden, der Beine hat, in Grund und Boden. Er war ein Phänomen! Doch Sergent-chef Sass war nicht nur ein hervorragender Läufer. Er war, so wie alle Sergent-chefs der Legion, die Erfahrung und das Gedächtnis des Zuges. Er und kein anderer vermittelte uns die Traditionen der alten Legion. Er war es, der vergangene Zeiten in Erinnerung rief. Sass bildete das Verbindungsstück zwischen einem einsamen Kreuz irgendwo in Indochina, in Algerien oder in einem Talweg am Fuße der Festung Krim und uns jungen Soldaten der Legion. Er war Hüter der Tradition!

… und der Disziplin!

 

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Eine Sergent-chef der Legion ist Hüter der Tradition ! Im Bild: Kamerad Bodenhausen.

 

Der Chef war es, der von Anfang an die Disziplin im Zug etablierte und sie über die ganzen zwei Jahre lang mit eiserner Faust aufrechterhielt. Das verdient eine ganz besondere Hochachtung, denn in unserem Zug waren damals, um mich bescheiden auszudrücken, sehr starke Charaktere vertreten. Keine Jungs von gestern, sondern Abenteurer, Männer, die wussten, was sie wollten, und vor allem Männer, die wussten, was sie nicht wollten. Und Sturköpfe waren die meisten obendrein. Hier ein fast alltägliches Beispiel dafür, was Aufrechterhalten der Disziplin bedeutete: Im Nachbarzug gab es einen Iren und einen Engländer. Beide waren dicke Freunde. Der Größere von beiden, der Engländer, war Boxer, schnell, wuchtig und gefürchtet. Baumlang, brachte er gut und gerne hundertzehn Kilo auf die Waage. Der Kleinere, der Ire, war ein hagerer Rotschopf. Nicht gerade ein frommes Lamm. Die Hinterlist sah man ihm auch auf große Entfernung noch an. Eines Tages kamen beide etwas angeheitert aus der Stadt zurück und hatten einen Disput mit dem Caporal de semaine. Ein Wort gab das andere und keiner sah, wie Sergent-chef Sass sich näherte und zuhörte. Als er schließlich in Erscheinung trat, sagte er nur einen Satz: »Ihr beide geht schlafen, sofort!«

Als der Ire protestieren wollte und sich auf den Sergent-chef stürzte, ließ der den schweren Axtstiel spielen, der plötzlich wie hingezaubert in seiner Hand lag. Es hagelte Schläge in allen Variationen. Das Resultat war ein zertrümmertes Nasenbein für den Boxer und eine klaffende Kopfwunde für den Iren, der sich verdattert am Boden wiederfand. Das Ganze hatte nur einige Sekunden gedauert. Die Disziplin war hergestellt, die Notwendigkeit, dies zu tun, absolut gegeben.

 

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Quartier Forget

 

Unser Zug bestand aus dem Zugtrupp und drei Gruppen. Jede Gruppe wurde von einem Sergent angeführt, der zu seiner Unterstützung zwei Caporaux, zwei Obergefreite, hatte. Die Obergefreiten lebten mit uns zusammen, und man kann sagen, dass sie es waren, die das reibungslose Funktionieren des Zuges gewährleisteten. Obergefreiter in der Legion zu sein, vor allem in einem Überseeregiment, ist verbunden mit Verantwortung, aber auch mit Anerkennung und Respekt. Unsere Unterkunft in der dritten Kompanie war ein altes Zivilgebäude. Das Appartement im zweiten Stock hatte einen Salon, eine Küche, eine Dusche, eine Toilette und zwei kleinere Schlafzimmer mit Bett und Spind. Wir waren zu sechst in der Wohnung, in der man angenehm lebte. Der Salon war gut ausgestattet: Fernseher, Couch, Sessel, Regale, nichts fehlte. Und in der Küche gab es einen Herd sowie einen Kühlschrank.

 

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Legende Capitain ´Martin` links im Bild. Rechts der junge Leutnant Chavancy.

 

Wenn’s Regiment früh ausmarschiert, der Tambour seine Trommel rührt, tausch ich mit keiner Fürstin nicht, sie lebt nicht glücklicher als ich. Aus: ANNE MARIE DU 3. REI

 

Neues Bild

 

Der Autor im Tenue de Parade, 1986. Gut zu erkennen das Blue Badge und die „Triple“ Fourragère

 

Die Bekleidung war dem Klima angepasst. Ausgehuniformen besaßen wir zwei. Den Tenue de sortie für die Stadt, und den Anzug für den Bordellbesuch, den Tenue puff! Die Uniform für die Stadt bestand aus einer langen kakifarbenen Hose und einem kakifarbenen Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt wurden. Der Sturz war genau drei Finger breit und endete am Ellbogen. Dazu wurde das Képi Blanc getragen. Auf dem Ärmel fand sich das Divisionsabzeichen aus Stoff. Auf der Brust stach das „Blue Badge“, die Distinguished unit citation, ins Auge. Es war eine Auszeichnung aus dem Zweiten Weltkrieg, die dem RMLE im Mai 1946 direkt aus der Hand des amerikanischen Präsidenten Truman überreicht wurde. Darunter schimmerte glitzernd unsere Pucelle. Auf goldenem Hintergrund standen die Worte Legio Patria Nostra, und etwas tiefer auf dem grün-roten Feld (die Farben der Legion) konnte man die Legionsflamme erkennen. Etwas tiefer las man 3. REI. Das 3. REI ist Erbe des Régiment de marche de la Légion étrangère (RMLE) und somit die höchstdekorierte Einheit der Legion. Unablässig und allen Verbündeten voraus, stürmte das RMLE ab dem 02. September 1918 die Hindenburglinie (dt. Siegfriedstellung), die am 14. September fiel. Das Gleiche hatten amerikanische Truppen mehrmals versucht: Vergeblich!

 

Fourragere du 3eREI

Fourragère

Links unter der Schulterklappe hatten wir unsere Fourragère befestigt, die nur Angehörige des Regimentes tragen durften. Es waren drei, mit den Farben rot, gelb und grün: die Farben der Médaille Militaire und die doppelte Fourragère, Croix de Guerre 1914-1918 und die Légion d’honneur. Die Fourragère ist eine Auszeichnung. Es handelt sich dabei um eine geflochtene Kordel, die sich auf der linken Schulter der Uniform trägt. Das obere Ende hat die Form eines Kleeblatts, während das andere Ende mit einen konisch, spitz zulaufenden Eisen bestückt ist. Über dem Eisen befindet sich ein Knoten mit vier Windungen. Zwischen Knoten und Eisen kann eine sogenannte Olive sitzen, die aussagt, für welchen Akt und in welcher Epoche die Fourragère der Einheit überreicht wurde. Die Fourragère gibt es in verschiedenen Farben. Hier die Beispiele, wie sie auch das 3. REI betreffen: Rot – Farbe der Legion d’Honneur / Ehrenlegion. Gelb – Farbe der Médaille Militaire / Militärmedaille. Grün und Rot – Farben des Croix de Guerre / Kriegskreuz, für den Ersten Weltkrieg (1914-1918) oder den Zweiten Weltkrieg (1939-1945).

 

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Sergent-chef  Bouffet mit der Fahne der 3e Kompanie Kompanie. Hinter ihm W. Bodenhausen gefolgt von Thomas Gast  

 

Der Tenue puff bestand aus einer kurzen, kakifarbenen Hose, einem kurzärmligen Hemd und aus kakifarbenen Strümpfen, die bis knapp unter die Knie reichten. Dazu passten die schwarzen Ausgehschuhe. Das Képi Blanc wurde zum Tenue puff nicht getragen, ebenso wenig wie die Fourragère oder der ganze Rest. Die Kampfanzüge waren ebenfalls lang oder in der Short Version. Hinzu kamen das Foulard und natürlich das grüne Beret. Kakifarbene Hemden für die Ausbildung im Busch und der sogenannte Chapeau de brousse, die Kopfbedeckung für den Dschungel, rundeten das Ganze ab. Zur Zusatzausrüstung gehörten: Der Sac bulle (ein wasserfester Sack, in den man alles packte, was nicht nass werden durfte. Im Schnitt regnete es dreihundert Tage im Jahr); das Hamac (eine brasilianische Hängematte mit Schutzdach und Moskitonetz); das Bâche (eine Regenplane vier auf vier Meter); das Coupe-coupe (die Machete); ein Camulus (ein Kampfmesser, das wichtigste Instrument überhaupt! Es gehörte offiziell nicht zur Standardausrüstung, jeder hatte aber eines. Wenn es kein Camulus war, dann eben ein Jungle-Aitor, das aber öfter abbrach); ein Kompass; jede Menge Seilzeug etc. Dann gab es Dinge, die jeder von uns auf eigene Faust in den Dschungel mitnahm, Utensilien, die sich bewährt hatten: Kerzen zum Beispiel. Diese waren hervorragend zum Feuermachen geeignet. Was wir nie vergaßen, war Taffia, weißer Rum aus Martinique. Dieses Teufelsgebräu eignete sich nicht nur zum Trinken, sondern auch zur vorläufigen Wundbehandlung.

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Eine Flasche hatte jeder von uns immer im Rucksack, ebenso wie ein Sturmfeuerzeug und Rasierschaum (nicht nur zum Rasieren. Wir schmierten damit das Seilzeug ein, damit Fleisch fressende Ameisen, Spinnen und Skorpione etc. nicht ans Hamac oder an die aufgehängte Wäsche unter der Plane gelangen konnten). Weiterhin war es angebracht, jede Menge Rasierzeug mitzunehmen. Man war nämlich gut beraten, sich den Schädel glatt zu rasieren. Es folgten Dinge wie Tabak für die Raucher (unsere Missions Profondes dauerten damals noch dreißig Tage – meist regnete es dann auch die ganze Zeit und das Zigarettendrehen wurde zur Kunst: Papierchen nass, Tabak feucht, schlechte Laune garantiert!) und auch Nadel und Faden, ein gutes Buch und ein Bild der Liebsten. Ganz wichtig war Autan. Wir benutzten es gegen Stechfliegen und wenn wir Sackratten hatten. Damit war die Filz- oder Schamlaus gemeint. Sie konnte einen gestandenen Mann in den Wahnsinn treiben.

Vieux Bourg

Ihr Vater war Holländer, ihre Mutter eine ehrenwerte Dame aus Surinam. Sie hatte dieses exotische Flair und diesen südländischen Charme, dem kein Mann lange widerstehen konnte. Der Name dieser kaffeebraunen Schönheit war Martine und er klang wie eine Verheißung in meinen Ohren: Martine! Es war Mitte August. In der Stadt war es merkwürdig still. Zu ruhig für einen Abend, an dem fast alle Kompanien des Regiments in der Garnison waren. Ich nutzte jede Gelegenheit, mich mit Martine zu treffen, dieser Tag bildete keine Ausnahme. Sie besaß einen Massagesalon mitten in der Stadt. Wir tranken Tee, flirteten etwas und unterhielten uns über Gott und die Welt. Das entspannte Gespräch gab mir Gelegenheit, in aller Ruhe an den Legionär zu denken, der seit ein paar Tagen wie vom Erdboden verschluckt war. Man munkelte, die Kreolen hätten ihn getötet und dann einfach verschwinden lassen. Es gab in letzter Zeit immer wieder Reibereien zwischen einigen hitzköpfigen Legionären und Einheimischen, doch bis jetzt war immer alles gut ausgegangen.

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»Was meinst du, Tom?«, fragte Martine neckisch und ließ ihre sanfte, warme Hand spielerisch über meinen Rücken gleiten. »Bist du nachher noch in Form, wenn du jetzt noch einen ,Ti-punch‘ trinkst?«

Bevor ich antworten konnte, hörte man von draußen Schüsse. Sie fielen etwa zwanzig Sekunden lang mit einer fast schon beängstigenden Regelmäßigkeit.

»Verdammt!«

Mit einem Satz war ich an der Tür und öffnete sie einen Spalt. Was ich sah, gefiel mir nicht. Überall huschten dunkle Gestalten in kleinen Gruppen durch die Nacht.

Kreolen! Das spärliche gelbe Licht der Straßenlaternen reichte aus, zu erkennen, dass sie Waffen trugen. Martine hatte es ebenfalls gesehen. Sie zog sich ein Baumwollhemd an und schlüpfte an mir vorbei, hinaus auf die Straße.

»Mir werden sie nichts tun. Geh auf keinen Fall raus, Tom. Ich werde herausfinden, was das alles bedeutet.« Bevor ich sie davon abhalten konnte, war sie auch schon in der Nacht verschwunden. Als sie wieder im Türrahmen erschien, war ihr braunes Gesicht blass. »Ich glaube, es ist besser, wenn du heute Abend hierbleibst.«

»Was hast du rausgefunden?«

Sie zuckte zusammen, denn wieder war ein Schuss gefallen!

»Die Legionäre«, hauchte sie. »Viele sind in die Stadt gekommen. Sie haben Waffen dabei, Knüppel, Baseballschläger und Messer. Sie haben alle Bars auseinandergenommen und die Windschutzscheiben sämtlicher Autos eingeschlagen. Und dann sind sie über die Leute hergefallen.«

Ich war perplex. »Das gibt Ärger. Ich muss zurück ins Camp.«

Mit einem Satz war sie bei mir und hielt mich am Ärmel fest. »Du kannst nicht da raus. Die Kreolen haben den Spieß umgedreht und machen jetzt Jagd auf alles, was ein weißes Képi trägt.«

Von draußen ertönte ein Trompetensignal. Ich packte Martine bei den Schultern und schüttelte sie sanft. »Es ist dunkel. Sie werden mich schon nicht erwischen. Ich muss jetzt los.«

»Warte …!«

Sie verschwand in der Küche und erschien einige Sekunden später mit einem schwarzen Stoffbeutel. »Steck dein Képi da rein, bitte.«

 

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Adjudant-chef FALCO an der Spitze seiner Männer. Falco war ein „harter Hund“. Wer ihn jedoch genauer kannte, schätzte seine Besonnenheit, seine Freundlichkeit und seine Kompetenz. Major (e.r.) FALCO verstarb im Sommer 2016.

 

Widerwillig gehorchte ich ihr, doch das war nur zu meinem Glück. Als ich auf Schleichwegen zum Regiment unterwegs war, liefen mir immer wieder Gruppen von Einheimischen über den Weg. Sie waren mit Macheten bewaffnet. Einige hielten Schrotflinten in den Händen. Es war ein Spießrutenlauf! Jeder, der ein weißes Képi trug, musste in dieser Nacht um sein Leben rennen. Auf der Straße, die zum Camp führte, hatten Gendarmen Straßensperren und Kontrollpunkte errichtet, trotzdem war, zumindest kurzfristig, alles außer Kontrolle geraten. Im Camp herrschte eine düstere Stimmung. Ein Knistern lag in der Luft. Die Situation war brenzlig, denn, verstärkt durch den Alkohol, waren nicht wenige Legionäre immer noch aufgebracht. Der schwer bewaffnete Bereitschaftszug unter dem Befehl des Adjudant-chef Falco war fertig zum Ausrücken. Adjudant-chef Falco, imposant, von massiver Statur und mit einem narbendurchzogenen Gesicht, war ein alter Hase.

Jeder im Regiment fürchtete und respektierte ihn, selbst der Regimentskommandeur. Doch dieses Mal ging er zu weit. Der Chef de corps Oberst Piquemal, stellte sich persönlich dem Konvoi des alten Haudegens entgegen, hielt diesen auf, bevor er das Camp verlassen konnte, ehe ein Blutbad angerichtet wurde. Auch die Police militaire patrouillierte nonstop. Mein Zug stand zur Hälfte angetreten vor dem Hauptgebäude. Die Stärke wurde festgestellt und dann wurden wir auf unsere Zimmer geschickt: totale Ausgangssperre! Was an diesem Abend geschehen war, konnte mir niemand genau sagen. All diejenigen, die an dieser vermaledeiten Aktion teilgenommen hatten und geschnappt wurden, landeten sofort hinter schwedischen Gardinen. Intern zunächst. Die Bilanz war erschreckend. Okonkovski, ein ostdeutscher Legionär, war tot. Man hatte ihn aus kürzester Entfernung mit einer Schrotflinte in den Rücken geschossen und dann noch mit der Machete bearbeitet. Mehrere Legionäre waren aufgrund wüster Schlägereien verletzt, einige schwer. Aufseiten der Einheimischen sprach man ebenfalls von mindestens einem Toten und vielen Verletzten. Das Quartier wurde systematisch abgeriegelt. Anstelle des Zaunes, den man leicht überspringen konnte, wurde ein Gitter errichtet.

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Zwei Meter hoch mit Stacheldrahtkronen obendrauf. Die Ausgangssperre wurde erst Wochen später wieder aufgehoben. Das Quartier, in dem sich alles abgespielt hatte, die „Vieux bourg“, blieb für uns auf Jahre verboten. Es war feindliches Gebiet. Dem Leser mag nun das Ganze so vorkommen, als würden einige verrückte Fremdenlegionäre aus Launen heraus ausziehen und Strafexpeditionen durchführen. Die Tat als solche war schrecklich genug und man kann ihr natürlich beim ersten Hinsehen nichts Nobles abgewinnen. Deckel auf, folgende Zutaten in den Topf: Hitzkopf-Gemüt, etwas Hass, ein wenig Rassismus, eine Prise Alkohol, gähnende Langeweile und eine Portion Mitläufermentalität. Deckel zu. Was rauskommt, sieht man? Das ist unzutreffend. Wenn man alle Aspekte einzeln und nüchtern unter die Lupe nimmt, hält diese einseitige These nicht lange stand, denn die Zutaten stimmen nicht: Langeweile? Gab es kaum bei uns. Mitläufer? Dafür waren wir Legionäre zu stolz. Unser Charakter war gefestigt. Dafür hatte nicht zuletzt die Legion gesorgt. Hass? Ein Fremdwort! Und Rassismus, das hatte ich bereits erwähnt, gab es bei uns nicht. Wie in einer solch „kunterbunt“ zusammengewürfelten Einheit Rassismus entstehen soll, das muss mir auch mal einer vormachen. Eher das Gegenteil war der Fall. Rassismus ist nie ein Thema gewesen und wer Legionäre aus dieser besonderen Epoche kennt, kann das nur bestätigen. Ein Dummkopf und Idiot ist ein Dummkopf und ein Idiot. Ungeachtet seiner Hautfarbe und seiner Herkunft! Ich selbst war aber immer wieder Zeuge gewesen, wie Legionäre, die in die Stadt gingen, um einen schönen ruhigen Abend dort zu verbringen, von Kreolen grundlos angepöbelt wurden. Ich sah Kameraden zu Brei geschlagen ins Camp kommen. Sie hatten den Fehler gemacht, allein unterwegs gewesen zu sein. Oft wurden wir Legionäre frech diskriminiert. Da steckte Neid dahinter. Wir hatten eine relativ hohe Kaufkraft und gaben unser Geld auch aus. Geiz stand nicht in unsrem Lexikon und die Frauen mochten uns. Sei es wegen des Geldes oder weil wir selbstbewusst, durchtrainiert und sportlich waren. Da kommt eben mal Neid auf. Das kann schon Bosheit bei einigen hervorrufen. Wir Legionäre hatten Prinzipien, von denen wir selten abrückten, und unser einmal gegebenes Wort zählte auch dann, wenn es ungemütlich und gefährlich wurde. Ich glaube, man muss nicht unbedingt Legionär sein, um in gewissen Situationen zu entscheiden: Ein Limit ist erreicht! Dann kommt noch dazu, dass bei dieser Aktion eben nicht nur Hitzköpfe dabei waren, nicht nur solche, die zu tief ins Glas geschaut hatten. Es waren auch jene dabei, die sich ganz einfach sagten: Und nun ist Schluss! Sie beriefen sich auf unseren Ehrenkodex: „Tu lui manifestes toujours la solidarité étroite qui doit unir les membres d’une même famille!“

Das lässt sich kurz und bündig wie folgt übersetzen: sich uneigennützig gegenseitig Beistand leisten, weil wir wie eine Familie sind. Ja, und wie weiter oben im Text schon angesprochen, war einer von uns spurlos verschwunden. Das Schlimmste war zu befürchten gewesen. Im Nachhinein darf man die Sache nicht grundsätzlich verurteilen, aber sicher auch nicht gutheißen. Allerdings muss man sich Gedanken darüber machen, wie so etwas in Zukunft vermieden werden kann. Sinnlose Gewalt ist keine Lösung.

FORTSETZUNG folgt …

Hier geht’s zum Buch

 

 

 

 

 

 

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Auszug aus …

Leben unter fremder Flagge

Fortsetzung TEIL 10

In der Hölle Guyanas

  1. Régiment étranger d’infanterie, Französisch Guyana

 

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Um Begriffe wie Waffenbrüderschaft, Korpsgeist und Zusammenhalt deuten zu können, muss man wie wir Guyana mehrere Wochen lang von Ost nach West zu Fuß durchquert haben, nass bis auf die Knochen vom ersten bis zum letzten Tag, nur der Marschkompasszahl folgend und als einzige Verbindung zur „Zivilisation“ eine „eigenwillige“, vom Geländerelief abhängige Funkverbindung. General Pierre Chavancy

NB – General Chavany schrieb das Vorwort zum Buch

„Guyana: Faszination Fremdenlegion“

von Thomas Gast.

Cover-Guyane-ohne Balken unten

 

 

„Mein Regiment, mein Heimatland. Mein’ Mutter hab ich nie gekannt. Mein Vater starb schon früh im Feld, ja Feld. Ich bin allein auf dieser Welt.“ Anne Marie du 3. REI. (Propagandalied „Regimentsmarie“, Erster Weltkrieg, Deutschland)

 

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Eingang ins Quartier Forget – Hochburg der Dschungelkämpfer des 3. REI

 

Juli 1985. Man hatte uns in Aubagne mit Zivilkleidung ausgestattet, die wohl noch aus der Zeit des Algerienkrieges stammte. Ich trug einen dunkelbraunen Anzug, dessen viel zu lange und weite Hose wie ein Segel im Wind um meine Beine schlotterte. Die Ärmel wiederum waren zu kurz. Johansson, einen Zwei-Meter-Hünen aus Schweden, hatten sie aus Verzweiflung in einen Sportanzug gezwängt: Auch der größte Anzug wollte ihm nicht passen! Es war schon was dran, wenn manche behaupteten, dass ein Soldat in Zivil eine schlechte Figur abgibt. Von Paris Charles de Gaulle ging es in einem Nonstop-Flug zehn Stunden lang nach Martinique, wo, während eines kurzen Zwischenstopps, die Maschine aufgetankt wurde. Danach flogen wir weiter nach Cayenne Rochambeau. Das Erste, was ich spürte, als sich die Türen des Flugzeuges öffneten, war diese drückende Schwüle. Die Luft stand und die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass man um jedes Quäntchen Sauerstoff kämpfen musste. Vom Flugzeug aus hatte ich das Land – ein immenser grüner Teppich – ziemlich flach in Erinnerung. Ein Trugschluss, wie ich später feststellen musste. Als wir Richtung Kourou fuhren, kamen wir an der Europarakete Ariane vorbei. Auftrag der Ariane war es, Satelliten in den Transferorbit zu bringen, was immer genau das auch heißen mochte.

 

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Die Europarakete ARIANE in Kourou, Französisch Guyana Copyright ESA CNES

 

Ich habe mir sagen lassen, dass die Lage des Weltallbahnhofs direkt in der Nähe des Äquators den Flug beziehungsweise den Start der Ariane besonders begünstigte, und hier wären wir schon bei einer der besonders schwierigen Hauptaufgaben des 3. REI. Der Bewachung der Weltraum-Europarakete Ariane! Die „Opération Titan“ zielt darauf ab, unsere europäische Trägerrakete ARIANE und die dazugehörigen Einrichtungen (das CSG, Centre Spatial Guyanais / Guyanas Weltraum-Zentrum) vor Angriffen von außen zu schützen. Und die anderen Aufträge? Auf dem Grund der Flüsse im inneren des Landes gab es Gold. Und es gab Diamanten, Zucker, Kaffee, Maniok, diverse Edelhölzer und Pfeffer. Der Tier- und Fischreichtum war unerhört ergiebig. Voller Interesse lugten die Anrainerstaaten Surinam und Brasilien sowie Mafioso-Vereinigungen, Schmuggel übelster Sorte und illegale Goldgräber auf den kleinen Staat Guyane.

Anm. d. Verf: Bereits im Jahr 1887 sagte der französische Professor für Geografie und Südamerikaforscher Henri Anatole Coudreau: „In der Region des Tumuc-Humac Massivs (im Süden Guyanas) gibt es ausreichende Goldvorkommen, die eine reiche Ausbeute versprechen.“ Außerdem, so meinte er weiter, gebe es Kakao und Kautschuk. Eine Kolonisierung des Landes würde sich also bestens lohnen! Vor Coudreau war es der Entdeckungsreisende Jules Crevaux, der 1877 im Süden Guyanas nach dem El Dorado suchte. Tausende von Menschen kamen wohl ums Leben, weil sie, alleine auf den Flüssen oder zu Fuß im Urwald, wie besessen dieser letzten Bastion für Träumer hinterherjagten.

 

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Kaum Licht, kein Wind, schweres Gepäck, Hitze, Schlangen und Moskitos: Adieu, altes Europa, am Ende der Welt gehen wir ans Limit.

 

Um ihr Begehren in Schach zu halten, galt und gilt es, die Grenzen ständig zu überwachen. Diese Grenzen bestehen im Osten und im Westen auf natürliche Weise aus den Flüssen Oyapock (Oiapoque) und Maroni. Im Süden gibt es die sogenannte grüne Grenze. Dort ist der Grenzverlauf zwischen Brasilien und Guyana nur schwer nachzuvollziehen. Als Anhaltspunkt gilt das sagenumwobene Tumuc-Humac Massiv, und für die Verfeinerung sorgten die Grenzsteine. Grenzsteine indes gibt es nur sieben. Sie zu finden war eine unserer schwierigsten Aufgaben. Mannshoch, von einem leicht zu übersehenden, bröckelnden Grau, hatte der Dschungel sie sich völlig einverleibt.

 

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Einen „Borne“ (Grenzstein) haben wir schon gefunden: ohne GPS! Von links nach rechts – ein Ungar, ein Brite, ein Italiener, ein Kanadier und ein Franzose: Fünf Legionäre, eine Familie, ein Auftrag!

 

Das Kartenmaterial war veraltet, ungenau. Wir marschierten nur nach dem Azimut (Marschkompasszahl). Die im Gelände zurückgelegte Distanz berechneten wir an Hand der Schrittzahl oder mit dem Topofil. Eine Abweichung von einem Grad in der Richtung oder um hundert Meter in der Distanz, und das Suchen begann. Gab es Fehler in der Richtung sowie auch in der Distanz: Gute Nacht, bis zum nächsten Mal! Global Positioning System (GPS) hatten wir noch lange nicht. Das Quartier Forget, 1985 von drei Seiten total vom Amazonas-Regenwald umgeben, war wie die Kaserne Lapasset recht klein. Unmittelbar hinter dem Eingangstor, den Poste de police (Wachgebäude) links lassend, saß auf einem mit Gras bewachsenen Hügel eine Statue aus Bronze. Sie zeigte einen Soldaten aus der Zeit des frühen Tonkin-Kriegs (ab November 1883). In der Rechten hielt er ein Gewehr, während seine Linke auf dem Knie ruhte. Sein Tropenhelm glitzerte golden in der Sonne und er hatte den Kopf Richtung Cayenne gedreht. Nachdenklich starrte er so in die Ferne. Diesem Soldaten hatten die Taulards, die Knastbrüder des Regimentes, den Beinamen Manolito verpasst. Die hier stationierten Einheiten waren: Eine Compagnie de commandement et de soutien (CCS) – Stabs- und Versorgungskompanie. Die zweite und dritte Kampfkompanie. Die Compagnie d’équipement (CE) – Pionierkompanie mit schwerem Gerät, das hauptsächlich zum Straßenbau geeignet war. In der CCS befand sich die sogenannte Cellule Forêt, die Zelle oder Abteilung Urwald. Sie war das Kernstück dieses Regimentes. Diese Zelle war verantwortlich für die gesamte den Dschungel betreffende Ausbildung:

 

  • die Kurzlehrgänge, genannt Stages brousses (Einführungslehrgänge, die den Neuankömmling mit den Lebensbedingungen im Urwald vertraut machten)
  • die Dschungelkampf-Ausbildung für die Kampfkompanien
  • Lehrgänge für das Überleben und das Orientieren im Amazonas-Regenwald
  •  die Ausbildung in all diesen Domänen für die Offiziere der renommierten Offiziersschule Saint-Cyr.

 

Des Weiteren führte das Regiment Lehrgänge für Spezialeinheiten aus aller Welt durch. Ob GIGN, Commandos marine fr., Ledernacken (Marines), US Special Forces, Navy SEALs, später auch KSK etc., alle mussten in den sauren Apfel beißen. Diese Ausbildungen wurden anfangs in den Dschungelcamps Fabert und Mattei durchgeführt. Diese beiden Camps lagen mitten im Dschungel. Es waren dunkle Orte fernab jeglicher Zivilisation! Erst als so nach und nach das Camp Szuts in Regina fertiggestellt war, fanden dort im Rahmen des Centre d’entrâinement à la forêt equatoriale (CEFE) – Ausbildungszentrum für das Umfeld Urwald am Äquator – alle weiteren Ausbildungen statt. Die Dschungelkampfschule CEFE wurde 1986, ein Jahr nach meiner Ankunft, offiziell gegründet. Damals stand eine neue Ära bevor. Mitverantwortlich für das CEFE war ein junger, sympathischer und stets Pfeife rauchender Hauptmann der Cellule forêt. Sagte ich, dass diese Zelle das Kernstück des Regimentes war, so stimmte dies für die höhere Hierarchie, für Planung und Befehlsgebung. Die Durchführung der in kühlen, sterilen und angenehmen Büros geplanten Aktionen fand jedoch etwa 135 Kilometer weiter nordöstlich in Regina statt. Dort im ,Camp Szuts‘ war nichts kühl und angenehm und steril. Hier wehte der Wind der kompromisslosen Rauheit, aber auch der Wind aller Abenteuer dieser Erde. Entweder man war mit Herz und Seele bei der Sache, dazu gehörten auch ein gestählter Körper, ein scharfer Verstand, eine große Portion Wille und die Liebe zum Urwald, oder man zog den Kürzeren. Das Camp in Regina war benannt nach einem Unteroffizier der Legion, dem Adjudant Szuts. Szuts, ein Ungar, trat im Jahr 1946 ein. Er wurde später ins 3. REI versetzt und starb während eines Einsatzes in Algerien. In den Anfängen war Camp Szuts die Hochburg der Compagnie d’équipement (CE), der Pionierkompanie. Ab 1986 hat das CEFE hier seine Zelte aufgeschlagen.

 

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Drill mit Spezialkräften aus Venezuela

 

Die CE war eine Einheit, bestehend hauptsächlich aus Pionieren und später dann, als CEA ab 1986, ein Mix aus Pionier- und Luftabwehr-Soldaten. Die Pioniere trugen alle einen langen Vollbart. Ich kannte sie als robuste Männer, die alle positiven Eigenschaften eines Fremdenlegionärs vereinten. Sie standen damals am Scheideweg zwischen althergebracht und modern, zwischen altem Pioniergeist und gegenwärtiger Technik der modernen Konstruktion, wobei: Der alte Pioniergeist und die althergebrachten Methoden dieser Truppe haben sich mit Sicherheit bewährt, moderne Konstruktionsverfahren aber, wie fein ausgeklügelt sie auch sein mochten, verloren im Umfeld Dschungel oftmals ihren Wert und ihren Sinn. Als ich in Guyana ankam, bauten die Legionspioniere eine Straße von Regina nach Saint-Georges, mitten durch den Urwald. Saint-Georges war ein kleiner Ort, nur einen Steinwurf von der brasilianischen Grenze entfernt. Die Straße von Cayenne bis runter an die brasilianische Grenze hingegen war fast fertig. Es war ein abenteuerliches Unternehmen, bei dem so manch eine Träne und noch mehr Blut geflossen ist. Als die Legionäre in Guyana ankamen, fanden sie ein Gräuel aus Urwald und Sumpf vor. Es war ein wildes, fast undurchdringliches Land. Bevor sie also die Waffe in die Hand nahmen, musste dieses Land gebändigt werden. Die Männer krempelten die Ärmel hoch und bauten die Route de l’est. Dieses Unternehmen kostete mehreren Legionären das Leben: Malaria, Schlangenbisse, Hitzschlag! Zwischen 1973 und 2013 verloren insgesamt fünfzig Legionäre des 3. REI ihr Leben.

 

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Eine sechs Meter lange Anakonda. Der Autor ist der Dritte von links.

 

Wenn die Pionierkompanie in Dreierreihe geschlossen durch das Quartier Forget marschierte und ihr Lied „en Algérie“ erklang, war die Luft wie elektrisch aufgeladen. Es war ,Knistern pur‘! Alle Fenster öffneten sich, jeder legte die Arbeit nieder, um sie singen zu hören. Noch heute läuft es mir eiskalt und siedend heiß den Rücken hinunter, wenn ich die tiefen, rauen Stimmen vernehme. Bravo, dort marschiert die Seele der Legion, dachte ich jedes Mal! Ein Zug der Pionierkompanie war die Section d’autodéfense anti-aérienne (SADA). Ihr Auftrag war die Flugabwehr. Mit ihren 20-mm-Flugabwehrkanonen und später auch mit den Mistral Boden-Luft-Raketen kurzer Reichweite hielten sie den Himmel über der Ariane feindfrei. Es handelte sich dabei um das System SATCP (Sol-air à très courte portée / Luft-Boden-Flugabwehrrakete, montiert auf dem leichten Aufklärungsfahrzeug VLRA). Doch diese Phase kam erst viel später. Ich rede hier von der Entwicklung der Einheit, wie sie teilweise stattfand, als ich das Regiment längst wieder verlassen hatte. Die Kampfkompanien Zwei und Drei verbrachten die meiste Zeit im Dschungel. Wenn ich mein Beispiel anführen darf: Ich verbrachte nicht weniger als 425 Tage im Urwald. Die Aufträge im Busch waren mannigfaltig. Entweder waren es die Missions Fluviales oder die Missions Profondes.

 

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Urwald, Urwald, Urwald, so weit das Auge reicht! Am Fuße des Tumuc-Humac. Wer sich hier verirrt, ist verloren.

 

Erstere, reine Grenzkontrollen, spielten sich hauptsächlich in den Pirogen und somit auf den Flüssen ab. Die Mission Profonde (MP) hingegen führte uns zu Fuß quer durch den Dschungel. Es ging darum, auch im tiefsten Hinterland und im Urwald Präsenz zu zeigen. Wir sollten nach Spuren von sich im Land aufhaltenden illegalen Goldgräbern suchen, jegliche menschliche Aktivität aufspüren und hinzugekommene Geländestriche, Flüsse, Criques oder Sümpfe (die in Guyana vielerorts quasi über Nacht neu entstehen) auf den Karten einfügen, sprich das Kartenmaterial updaten. Das war die Arbeit der Unteroffiziere. Wir Caporäle und Legionäre konzentrierten uns auf das zügige Vorankommen und übernahmen die Absicherung und das ganze Drumherum. Der Zugführer schrieb jeden Abend bis weit nach Mitternacht an einer Art Monografie, einer detailfreudigen Abhandlung der jeweiligen Expedition. Zurück im Camp wurde alles archiviert. Von beiden, der MP und der Mission Fluviale, berichte ich noch ausgiebig, wenn es so weit ist. Jede Kompanie musste natürlich auch dann und wann zum Dienst innerhalb des Regimentes antreten.

 

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Aus der Kampfeinheit wurde eine Diensteinheit, die Compagnie de service. Sie stellte die Wache, den Interventionszug (DO), die Köche, die Küchenhilfen und die Krankenpfleger. Für alle möglichen Aufträge wurden Bereitschaftsfahrer auf Abruf verbannt, Soldaten in die Kleiderkammer geschickt. Natürlich stellte diese Kompanie auch den Offizier vom Wachdienst und seinen Stellvertreter. Die Compangie de service war eine Woche lang zu hundert Prozent aus dem Verkehr gezogen. Eine Ausbildung in dieser Zeit war unmöglich, denn die Züge waren meist alle um zwei Drittel ihrer Stärke reduziert. Von vereinzelten Ausnahmen abgesehen hatte die Legion damals keine Zivilisten in ihren Camps. Die Gebäude der einzelnen Kompanien waren um den zentralen Exerzierplatz angelegt. Und das Regiment hatte sein eigenes Freudenhaus, ordinär: einen Puff! Dieses glich durchaus einem Bordell militaire contrôlé (BMC). Es lag außerhalb des Quartiers. Ja, wir hatten ein Bordell. Und das war nicht zu unserem Nachteil, wie man sich denken kann. Auch darüber später noch! In einem Käfig, der zwischen der Unteroffiziersmesse ,la Caravelle‘ und dem Schwimmbad stand, lief ein Jaguarpärchen unruhig auf und ab. Es waren schöne, kräftige Tiere, wie ich sie später auch in freier Wildbahn beobachten durfte. Die beiden bekamen übrigens Nachwuchs.

 

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An der Spitze marschiert eine Legende des 3. REI – Hauptmann Martin!

 

In Kourou, einer Stadt mittlerer Größe knapp einen Kilometer vom Camp entfernt, tummelten sich Menschen aller Rassen und Herkunft: Amérindiens (Emerillons, Arawaks und Galibis), Kreolen, Europäer (hauptsächlich Franzosen, Ingenieure und Techniker des Centre national d’études spatiales (CNES), französische Weltraumagentur), Huren aus Brasilien und aus der Dominikanischen Republik, Goldgräber, Libanesen, Abkömmlinge der Bagnards der um die Jahrhundertwende in Cayenne und auf den Inseln internierten Sträflinge (Guyana war bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Sträflingskolonie), Holländer aus Surinam – und mittendrin wir, Legionäre aus aller Herren Länder. Alle Zutaten waren gegeben, dass mein Aufenthalt in dem Regiment, das als der Experte im Dschungelkampf weltweit galt, eine hinreißende und abenteuerliche Geschichte sein würde.

 

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MP Fluviale

 

Mission Fluviale – Grenzüberwachung

 

» Dans la brume la rocaille. Légionnaire, tu combats. Malgré l‘ennemi, la mitraille. Légionnaire, tu vaincras.« Lied der dritten Kompanie des 3. REI.

 

Ein Flair alter Kolonialzeiten haftete diesem Regiment an. Europa war weit entfernt, und mir war es, als hätte ich hier brutal eine Tür in die Vergangenheit aufgestoßen und hinter mir sanft wieder geschlossen. Die erste kalte Dusche kam bereits mit Riesenschritten näher. Vom Flughafen kommend fuhren wir durch das Tor des Quartiers, wo der Marmon (kleiner Lastwagen) vor einem weiß gestrichenen Gebäude zum Stehen kam. Kaum abgestiegen, hörten wir hinter uns eine Stimme.

»Wer von euch ist in die dritte Kompanie versetzt worden?«

Der Légionnaire de première classe (Gefreiter), der mit dem gelben Foulard, dem Schultertuch der dritten Kompanie, vor uns stand, hatte den Elsass-Lothringer Akzent. Wir alle hoben die Hand. Es war es, Oliver, der die fatale Frage stellte.

»Und du? Bist du auch in der Dritten?«

Wie zum Teufel konnten wir auch wissen, dass die Schikane in den Regimentern übergangslos weiterging? Niemand hatte uns darauf vorbereitet, dass wir hier, am Anfang zumindest, sogar die Gefreiten siezen mussten. Kaum hatte Oliver das letzte Wort gesprochen, lagen wir schon wieder in der Horizontalen und absolvierten fünfzig Liegestütze. Wir, da war zunächst Lucev, ein bärbeißiger Jugoslawe. Lucev war ausgebildeter Krankenpfleger und eine Kapazität auf seinem Gebiet. Er verkörperte Verlässlichkeit und Humor. War er in der Nähe, wenn wir im Dschungel unterwegs waren, dann fühlten wir uns geborgen. Schon nach kurzer Zeit im Regiment gab es keinen von uns, der nicht durch seine ,wissenden‘ Hände gegangen, nicht von ihm wieder aufgepäppelt worden wäre. Wie kaum ein Zweiter konnte er Spritzen verabreichen (wir benötigten hauptsächlich die Injektionen, die dazu gedacht waren, den Tripper zu kurieren), Verbände wechseln, Blutungen stoppen oder auseinanderklaffende Wundränder nähen. Vom Sumpffieber bis hin zum harmlosen Tripper kannte er, so schien es uns, die Symptome sämtlicher Krankheiten. Bailey, ein Caporal, der im Alter von zwölf Jahren schon besser mit dem MG umgehen konnte als andere Jungen in seinem Alter mit Matchbox-Autos, war Ire. Ihn nannten wir Pappy. Pappy war am ganzen Körper tätowiert. Ohne dass er darauf gedrängt hätte, hatten wir ihn von Beginn an zu unserem (inoffiziellen) Führer erkoren. Seine Autorität war angeboren und der positive Einfluss, den er auf uns ausübte, wurde von allen wohlwollend akzeptiert.

 

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Aldo Lucev – Der Krankenpfleger im Einsatz.

 

Gab es unlösbare Probleme, war er der Mann, an den man sich wendete. Außerdem war Pappy ein Organisationstalent. Es schien nichts zu geben, was er nicht in kürzester Zeit besorgen konnte. Eine Originalflasche Gewürztraminer, eine Hure aus Saigon, echte russische Rubel? Kein Problem für ihn! Dann war da natürlich Oliver, ein Deutscher aus Schleswig-Holstein. Jeder nannte ihn die Wildgans. Olli war ein durchgeknallter, aber äußerst sympathischer Typ. Selbst in Momenten der Gefahr oder in verfahrenen Situationen wartete er immer mit Späßchen auf, die unsere Moral wieder hoben.

 

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Oliver, die Wildgans

 

Keksz, ein Ungar mit der stämmig kurzen Statur eines Boxers, war, so wie sich herausstellen sollte, un fou, ein Verrückter! Verrückt deswegen, weil er alles, was kreuchte und fleuchte, anfasste, in die Hände nahm und nach einer eingehenden Betrachtung tötete und aß! Manchmal roh, meist aber über einem Feuer gebraten. Dabei war es ihm egal, ob es eine doch ziemlich harmlose Vogelspinne war, eine gefährliche Fer-de-Lance Schlange oder gar eine Grage carreaux (Buschmeister). Wir, das war auch Chagnaud, der Gaulois. Der dem ersten Anschein nach schmächtige Franzose sollte uns alle durch seine Robustheit und seine exzellente Ausdauer verblüffen. Certa, ebenfalls Franzose und Chagnauds bester Freund, stammte aus dem Elsass. Beide hatten bereits im 2. REP gedient. Sie waren drahtig, zäh wie Leder und hatten diese Abgeklärtheit und Besonnenheit, die uns anderen, die wir direkt aus Castelnaudary kamen, noch fehlte. Certa war besonnen und zurückhaltend. Doch so alle drei, vier Monate kam er, durch welche Einflüsse auch immer, aus seiner Reserve. Dann sollte man ihm lieber aus dem Weg gehen, Freund oder nicht! Ich hatte einmal erlebt, wie er im wilden Rausch in einer Bar gewütet hatte. Da blieb kein Auge trocken. Vielleicht war es seine Art, den Cafard zum Ausdruck zu bringen. Wir wussten und respektierten das. Und dann war da natürlich auch mein Namensvetter Thomas Linder.

 

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Thomas Linder

 

Ebenfalls aus Franken stammend, und zwar gar nicht so weit weg von meinem Geburtsort, sollten wir lange Jahre Freunde bleiben und ein schier unendliches Stück Weges in der Legion zusammen gehen. So lange, bis sein tragischer Tod ihn aus unserer Mitte riss. Thomas war nur aus einem einzigen Grund hier: Er wollte kämpfen! Dabei war es ihm egal, auf welcher Seite und gegen wen. Er schien nur glücklich mit der Waffe in der Hand. Das wurde ihm zum Verhängnis, doch davon später.

FORTSETZUNG folgt

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Neues aus meiner Schreibstube: PRIVATE SECURITY

 

 

 

 

 

… und das ESSAY „DER GEZÄHMTE SOLDAT“

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GEZÄHMTER Soldat

 

***

Auszug aus …

Leben unter fremder Flagge

Fortsetzung TEIL 9

 

(Wir befinden uns in der letzten Zielgerade der Grundausbildung in Castelnaudary  /  4. REI  …)

 

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Bezüglich des Marsches Képi Blanc kann ich mich gut erinnern, dass eine Teilstrecke sich unendlich lange bergauf hinzog. Wir waren bis dahin flott marschiert und jeder von uns hatte Blasen an den Füßen. Der ständig fallende, kalte Regen machte uns zu schaffen, auf den Schultern zeigten sich die ersten, vom Rucksack wund gescheuerten Stellen. Plötzlich war mein Binôme an meiner Seite. Er hinkte und war am Ende seiner Kräfte. »Erdoğan macht schlapp!«, stöhnte er und marschierte stoisch mit gebeugtem Kopf neben mir her. Er wollte den Anschluss nicht verlieren, denn das hieße, sich im Laufschritt bergauf die Seele aus dem Leib zu rennen. Ich lief etwas langsamer und sah mich gleichzeitig um. Knapp zehn Meter hinter mir trottete Thompson in meinen Spuren. Er trug einen zweiten Rucksack. Den hatte er sich quer über die Schulter gelegt. Dass der Rucksack Erdoğan gehörte, sah ich am Namensschild.

»Wo ist der Türke?«, fragte ich.

Thompson, der nicht stehen blieb, um seinen Elan nicht zu verlieren, grinste im Vorbeigehen. »Ich hab dem Idioten gesagt, dass er vor dem Marsch in seine Stiefel pissen soll, damit das Leder geschmeidig wird. Er wollte nicht hören, typisch Türke halt. Dickköpfe, alles Dickköpfe!«

Als wir knapp eine Viertelstunde später auf dem Berg ankamen, stand der Zugführer am Wegrand. Er sah aus wie aus dem Ei gepellt. Die Enden seines Schnurrbarts wanden sich schwungvoll nach unten, vollführten am Unterkiefer einen eleganten Bogen und richteten sich an beiden Seiten der Nasenspitze wieder auf. Das Gesicht eine Maske, die Hände auf dem Rücken verschränkt, sah er uns scheinbar gleichgültig entgegen.

»Antreten!« Sein Befehl war kurz, knapp und ohne Widerruf.

Wir formierten uns rasch in einer Dreierreihe und nahmen Grundstellung ein. Nur mit Mühe gelang es uns, ruhig und gerade zu stehen.

 

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Der Zugführer trat vor Thompson. »Wessen Sack ist das?«

»Das ist der Sack von Engagé volontaire Erdoğan, à vos ordres, mon Adjudant-chef!«

»Und wo ist Engagé volontaire Erdoğan?«

Sein Gesicht war nur eine Handbreit von dem Thompsons entfernt.

»Ich weiß es nicht, mon Adjudant-chef.«

Romero, so hieß der Zugführer, rümpfte die Nase.

»Du weißt es nicht!?«, sagte er gedehnt. »Sein Binôme? Hat Engagé volontaire Erdoğan auch so etwas wie einen Binôme?«

 

Legionär des 2 REP an einem CP in Beirut

 

Legionär des 2 REP an einem CP in Beirut – 1982

 

Er war inzwischen in die hinterste Reihe getreten und genau vor Erdoğans Binôme stehen geblieben. Dieser hatte dicken Schweiß auf der Stirn, Schweiß, der mit Anstrengung kein bisschen zu tun hatte. Er war kreidebleich.

»Weißt du etwa auch nicht, wo dein Binôme ist? Und warum trägst du nicht seinen Rucksack?«

»Ich …«

»Was bist du?«, unterbrach ihn Adjudant-chef Romero schroff. Er spuckte aus und hielt ihm die geballte Faust unter die Nase. »Ich sage dir, was du bist. Eine schäbige Kanalratte, die ihren Freund im Stich lässt, das bist du! Wären wir an der Front, würde ich dich auf der Stelle erschießen! Euch alle! Und nun runter mit euch, in den Dreck. Ratten gehören in den Dreck!«

Während wir den Berg auf dem Bauch hinunterrobbten, hörten wir seine donnernde Stimme unheilvoll über unseren Köpfen.

 

07 EINER FÜR ALLE ALLE FÜR EINEN

 

… niemand bleibt zurück!

 

»Legionäre halten zusammen. Niemand bleibt zurück, niemals, hört ihr? NIEMALS! Es ist nicht damit getan, den Ehrenkodex der Legionäre auswendig zu lernen, leben müsst ihr ihn. Leeeeeben!«

 

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Vorbereitung auf ein Zuggefechtsschießen – CEITO – 2. REP / 2 CIE

 

Wir robbten so lange bergab, bis wir Löcher in den Hosen hatten und das Stöhnen einiger lauter war als die Stimme des Adjudant-chef. Erdoğan lag mit geschwollenen Knöcheln am Fuße des Berges. Der Zug war wieder vollzählig. An diesem Tag wäre uns das Essentiellste fast entgangen, oder um es deutlicher zu formulieren: Wir hatten etwas sehr Essentielles erfahren! Etwas, worauf die Stärke der Fremdenlegion basierte. Der Zusammenhalt, die Cohésion! Nie wieder, solange ich zurückdenken kann, ist uns so etwas noch mal passiert. Der Marsch Képi Blanc dauerte zwei Tage. Er führte uns auf einer Strecke von circa siebzig Kilometern zum Pont du garde in der Nähe von Nîmes. Diese Brücke, 50 v. Chr. von den Römern gebaut, war herrlich anzusehen. Der Anblick berührte uns, aber es gab nun Wichtigeres als diese römische Brücke. Wenn es etwas gab, das wir mit gierigen Blicken bedachten, ja richtiggehend verschlangen, dann war es das Képi Blanc! Endlich war es so weit. Die Zeremonie, die dem Marsch folgte, war schlicht und einfach, aber aufs Höchste dazu angetan, unseren Stolz offen zu zeigen. Ja, wir waren verdammt stolz, es bis hierher geschafft zu haben. Wir hatten Blasen und Schwielen an den Füßen und waren so ziemlich am Ende. Als wir losmarschiert sind, hegten wir Zweifel, vor unseren Augen jedoch lag immer das entfernte Ziel. Weder die willkürlichen Schikanen unserer Ausbilder noch die Kälte, die körperliche Pein oder die Erschöpfung hatten uns von diesem Ziel abgebracht. Ein Viertel der Legionäre, die mit uns auf die Farm gekommen waren, war desertiert, wir aber waren geblieben. Und nun wurden wir dafür belohnt. Fast euphorisch zitierten wir den Code d’honneur du légionnaire. Und dann eine laute Stimme.

 

»Coiffez vos képis blancs!«

 

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Es war getan! Capitaine Hessler, für uns damals ein gottähnliches Wesen, drückte uns anschließend einzeln die Hand und hatte für jeden ein persönliches Wort übrig. Camerone stand vor der Tür. So waren wir die nächsten Tage mit dem Aufbau einer Kirmes beschäftigt. In dieser Zeit ließen die Ausbilder die Zügel ein klein wenig schleifen und das war nur gut so. Für den Leser, der nicht weiß, was Camerone für die Legion verkörpert, findet sich am Ende des Buches eine kurze Abhandlung darüber. Anm. d. Verf.: Gerne komme ich an dieser Stelle auf unseren Zugführer, Adjudant-chef Romero zurück. Weniger auf seine Person, sondern vielmehr auf den Status, den er innehatte. Romero war ein sogenannter „Cadre Blanc“. Bei Cadres Blancs handelte es sich um Offiziere oder Unteroffiziere, die aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten oder Spezialisierungen per Kommandierungsverfügung von ihrer Stammeinheit der regulären Armee abgestellt wurden und für unbestimmte Zeit (oder auf Dauer) in der Fremdenlegion dienten. Das beste Beispiel für Cadres Blancs in der Legion war die Aufstellung des 6. Régiment étranger du génie (6. REG, das spätere 1. REG). Das Regiment wurde genau in unsere Zeit hinein, im Jahr 1984 in Laudun (Frankreich / Gard ), gegründet und war Teil der schnellen Eingreiftruppe, der Force d’action rapide (FAR). Die Männer? Legionäre, reine Sturm- oder Kampfpioniere! Da die Fremdenlegion mehr Erfahrung im Bereich „Génie bâtisseur“ (Baumeister Genie) hatte und etwas weniger in Sachen „kämpfende Pioniere“, benötigte sie für die Ausbildung ihrer Männer echte Spezialisten. Ins Regiment gerufene Cadres Blancs, ursprünglich Soldaten aus den Pionierregimentern der regulären Armee, also hochgradig kompetente Männer vom Fach, sollten es richten! Das Regiment, mit Hilfe der Cadres Blancs einmal einsatzbereit, kam sehr schnell dort zum Einsatz, wo es auch hingehörte: Ganz nach vorne an die Front! Tschad 1987 und 1988. Einsätze in Dschibuti, Pakistan und Guyana folgten. 1990 war das 6. REG komplett in Kuwait und im Irak im Einsatz, später dann in Kambodscha, in Somalia, in Bosnien und 1998 wieder im Tschad, im Wüstenfort Bardai. Die Aufträge des Regimentes waren vielfältig und dienten fast immer der unmittelbaren Unterstützung der Kampftruppe. Angefangen mit Sprengungen von Bunkern, dem schnellen Brückenbau (auch das Übersetzen über Flüsse per Brückenlegepanzer), weiter über die Minenräumung in Straßen- und Strandabschnitten oder die Vorbereitung der Truppe für den Orts- und Häuserkampf etc. … es war schon erstaunlich, was die Legionärspioniere Entscheidendes zu leisten vermochten. In ihren Einheiten bildeten sich auch sehr schnell die ersten Spezialzüge, wie etwa das Élément opérationnel de déminage et dépollution (EODD) oder das Détachement d’intervention opérationnelle subaquatique (DINOPS). Also auch Hut ab vor denen, die all das erst möglich gemacht hatten: den Cadres Blancs!

 

Operation Brochet Tonkin (septembre 1953) - 2° BEP

 

Fremdenlegionäre in Indochina – Copyright 2. REP

 

Nach Camerone ging die Ausbildung weiter. Sporttests waren angesagt. Diesmal war es konkret: Test Cooper; la Corde (Erklimmen des Seiles von sechs Metern Höhe, ohne dass dabei die Beine benutzt werden dürfen); vier Klimmzüge, vierzig Sit-ups, zwanzig Pompes und neunzig Meter mit einem Sandsack rennen. Alles auf Zeit, versteht sich. Hinzu fügte sich der 8000 TAP, der Achtkilometerlauf im Kampfanzug, mit Rucksack, Helm und Waffe. Man bereitete uns auf den Raid vor, auf das Erlangen des CTE-00, des Certificat technique élémentaire. Die beiden Nullen bedeuten in diesem Fall: Infanterie légère / leichte Infanterie. Von uns wurde jeden Tag mehr erwartet, aber wir verlangten auch nach mehr. So durften wir nun Wache in der Kaserne Lapasset schieben. Mit Waffe und dem schneeweißen Képi auf dem Kopf. Die Komposition der Wache ist kein Geheimnis, sie variiert jedoch von Garnison zu Garnison. Meist war sie wie folgt: Ein Sergent als Chef de poste (wachhabender Unteroffizier); zwei Caporals als Grades de relève (Stellvertreter des wachhabenden Unteroffiziers und verantwortlich für die Wachablösung); ein Clairon (Trompetenspieler) und sechs oder acht Legionäre als Wachposten tagsüber, die nachts durch den Renfort de nuit (Wachverstärkung bei Eintritt der Dunkelheit) verstärkt wurden.

 

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Der Wachanzug bestand aus dem weißen Képi mit schwarzer Jugulaire; sandfarbener Hose und Hemd mit den grün-roten Épaulettes de tradition; Ordensspangen, Medaillen und Spezialistenabzeichen, wenn vorhanden; dem Regimentsabzeichen la Pucelle und dem Abzeichen des zugehörigen Truppenteiles. Letzteres illustrierte sich durch ein simples Abzeichen aus Stoff, das sich, von den Fransen der Épaulettes halb verdeckt, auf dem Ärmel befand. Die Cravate verte (die man nur zum Winterwachanzug unter dem Blouson sowie zum kleinen Dienstanzug trug) war mit äußerster Sorgfalt gebunden. Am Bund, zwischen Hose und Hemd bzw. dem Blouson wurde der Ceinture bleue geschlungen, darüber kam ein olivfarbenes Koppel mit einer Magazintasche. Das Bajonett trug man links an der Koppel. Seine Schneide verlief genau längs der Hosenfalte. Die Hosenbeine wurden mit Gummis bis über die erste Schnalle der auf Hochglanz polierten Kampfstiefel gezogen und dort eingehakt. Dieser Anzug war ein Aushängeschild des Zuges, des Zugführers und nicht zuletzt der Legion. Eine Falte an einer Stelle, wo keine hingehörte, zog die sofortige Bestrafung nach sich. Man hatte die FAMAS mit aufgepflanztem Bajonett mit den Riemen vor die Brust geschnallt, Kanone nach links. Die Wache dauerte vierundzwanzig Stunden. Tagsüber, in den Pausen, war Hinsetzen verboten, da der Anzug optischen Schaden nehmen konnte. Erst nachts, mit dem Eintreffen des Renfort de nuit, konnten wir etwas entspannen, weil wir dann auch den Paradeanzug gegen den Kampfanzug eintauschen durften. Die vier Monate in Castelnaudary resümierten sich also durch folgende Schwerpunkte:

 

  • Ärztliche und sportliche Tests.

  • Aufenthalt auf der Farm Bel Air.

  • Eine solide Ausbildung.

  • Der Marsch Képi Blanc.

  • Der Raid, der Drei-Tage-Marsch mit dem CTE-00 am Ende.

 

Das CTE-00 bestand aus verschiedenen Ateliers, bei denen wir all das in den vier Monaten Erlernte wiedergeben mussten. Während des mehrtägigen, gefechtsmäßigen Raids wurden uns auch immer wieder Hinterhalte gestellt, um unsere Reaktionen zu testen. Was mir persönlich sehr intensiv in Erinnerung blieb, waren einige sternklare Nächte, in denen unsere Gruppe am Lagerfeuer saß und wir Biwak-Lieder sangen. Der Rauch von Holzfeuer weckt auch heute noch Sehnsüchte in mir und ich muss zusehen, dass es mich nicht noch mal in die Fremde zieht! Am Ende des CTE gab es Beurteilungen. Da ich als Bester abschnitt, durfte ich mir das Regiment aussuchen, in dem ich dienen wollte. Alle meine Kameraden drängten mich, ins 2. REP zu gehen. Das elitäre 2. REP versprach scharfe Einsätze, Medaillen und einen „Rhythmus Infernale“. Ich teilte diese Euphorie nicht, denn mich zog es in ein Überseeregiment, ich hatte somit die Qual der Wahl. Dschibuti, Französisch Guyana, Tahiti oder gar Mayotte? Das 5. RE in Tahiti schloss ich von vorneherein aus, weil dort keine reinen Kampftruppen stationiert waren. Dito, was Mayotte anging. Dschibuti, mit der 13. DBLE, war nicht zuletzt dafür bekannt, dass man einen schönen Batzen Geld verdienen konnte, doch ich verabscheute die Idee, hauptsächlich des Geldes wegen zu dienen. Und so entschied ich mich letzten Endes für Guyana. Es war eine Entscheidung, die ich nie bereuen sollte. Meinen treuen Gefährten Thompson verlor ich aus den Augen. Ich nehme an, er ist schon kurz nach der Ausbildung desertiert.

Fortsetzung folgt. Wer nicht warten kann, hier geht’s direkt zum Buch …

 

 

 

 

Bald geht es weiter. Ich berichte – GST